Gehirn und Geist: Eine Untersuchung des Zusammenhangs von Charakterzügen

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gehirn, Geist und Charakterzügen ist ein komplexes und vielschichtiges Thema, das Philosophen, Neurowissenschaftler und Psychologen seit Jahrhunderten beschäftigt. Dieser Artikel untersucht die verschiedenen Aspekte dieser Beziehung und beleuchtet, wie unsere Gehirnstruktur und -funktion unsere Persönlichkeit und unser Verhalten beeinflussen.

Das Ich: Eine schwer fassbare Einheit

Das Ich, oft als "Selbst", "Subjekt" oder "Person" bezeichnet, ist der Träger von Bewusstseinszuständen. Descartes argumentierte, dass wir von der Existenz dieser Einheit mit absoluter Gewissheit wissen. "Cogito, ergo sum" - Ich denke, also bin ich. Dieses denkende Ich ist das Subjekt des Bewusstseins, aber nicht mit dem Bewusstseinszustand selbst zu verwechseln. Das Problem des Bewusstseins und das Ich-Problem sind eng miteinander verknüpft.

Die Frage, unter welchen Bedingungen das Ich weiter existiert, führt zu komplexen Überlegungen. Was passiert beispielsweise bei Patienten, deren Hirnhälften chirurgisch getrennt wurden? Haben diese Patienten ein oder zwei Ichs? Oder was bedeutet radikale Amnesie für das Ich? Bedeutet der Verlust von Erinnerungen das Ende des Ichs oder überlebt es ohne seine Vergangenheit?

Science-Fiction-Szenarien wie Teletransport oder die Übernahme unseres Gehirns durch intelligente Außerirdische stellen unseren Glauben an das, was das Ich ausmacht, weiter in Frage. Diese Gedankenspiele verdeutlichen, wie wenig wir tatsächlich darüber wissen, was das Ich ist und was seine Existenz ausmacht.

Der Frontallappen: Das Kontrollzentrum der Persönlichkeit

Der Frontallappen, insbesondere der präfrontale Cortex (PFC), spielt eine entscheidende Rolle für Persönlichkeit und Charakter. Der PFC ist massiv vernetzt und wird mit exekutiven Funktionen wie Aufmerksamkeit, Planung, Entscheidungsfindung und Arbeitsgedächtnis in Verbindung gebracht.

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Die Funktionen des Frontallappens

Betrachten wir den Frontallappen von hinten nach vorn:

  • Primärer motorischer Cortex (M1): Dieser Bereich ist für die willentliche Bewegung verantwortlich. Er ist somatotop aufgebaut, wobei Gesicht, Lippen, Zunge und Hände einen unverhältnismäßig großen Raum einnehmen, da diese Körperteile eine feinere Motorik erfordern.
  • Prämotorischer Cortex: Dieser Bereich ist an komplexen Bewegungsabläufen beteiligt. Der mediale prämotorische Cortex scheint mehr an geplanten Bewegungen beteiligt zu sein, während der laterale Bereich eher auf sensorische Signale reagiert.
  • Supplementär-motorisches Areal: Die Neurone in diesem Areal sind an der Entwicklung des Bewegungsplans beteiligt.
  • Frontales Augenfeld: Dieses Areal steuert die bewussten Augenbewegungen.
  • Broca-Areal: Dieses Areal ist für die Sprachmotorik zuständig und befindet sich üblicherweise in der linken Hemisphäre.

Schädigungen des Frontallappens können zu verschiedenen Störungen führen, je nachdem, welcher Bereich betroffen ist. Ein Schlaganfall im primären Motorcortex kann zu einer Schwächung oder Lähmung der gegenüberliegenden Körperseite führen.

Der präfrontale Cortex (PFC) und seine Bedeutung für die Persönlichkeit

Der PFC erhält Informationen von fast allen sensorischen Assoziationscortices, dem Hypothalamus, den Raphe-Kernen und dem ventralen Tegmentum. Er ist wechselseitig verbunden mit dem Septum, der Amygdala, dem Nucleus caudatus und der Pons. Eine prominente Faserverbindung führt zudem zum primären motorischen Cortex.

Der PFC lässt sich grob in den dorsolateralen Präfrontalcortex und den orbitofrontalen Cortex unterteilen. Beide spielen eine besondere Rolle bei den exekutiven Funktionen.

  • Dorsolateraler PFC: Dieser Bereich ist primär an gerichteter Aufmerksamkeit, Organisation komplexer Handlungen, Planung und Überwachung beteiligt.
  • Orbitofrontaler Cortex: In diesem Bereich werden die emotionalen und motivationalen Aspekte einer Entscheidung verhandelt.

Schädigungen des PFC können massive Auswirkungen auf die Persönlichkeit haben. Der Fall von Phineas Gage, der durch einen Unfall eine schwere Schädigung des PFC erlitt, ist ein bekanntes Beispiel. Vor dem Unfall war Gage als freundlich und zuverlässig bekannt, danach wurde er rechthaberisch, impulsiv und unzuverlässig.

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Schädigungen der orbitofrontalen Region können zu pseudo-depressiven oder pseudo-psychopathischen Störungen führen. Patienten mit pseudo-depressiven Störungen sind antriebslos, reduziert im sexuellen Verhalten und zeigen wenig Emotionen. Patienten mit pseudo-psychopathischen Störungen zeigen eine motorische Unruhe, sind distanz- und hemmungslos und verlieren das Gefühl für soziale Konventionen.

Ästhetische Vorlieben und Persönlichkeit

Forschungen haben gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen ästhetischen Vorlieben und Persönlichkeitsmerkmalen besteht. Eine Studie ergab, dass ein Faible für impressionistische Kunst auf einen vergleichsweise verträglichen, gewissenhaften Charakter und eine geringe Offenheit für neue Erfahrungen hindeutet.

Der Kunstgeschmack scheint weniger mit Intelligenz als vielmehr mit der Persönlichkeit zusammenzuhängen. Was uns gefällt, ist eine Typfrage. Umgekehrt hängt der künstlerische Sachverstand stärker von der Intelligenz ab als von den Big-Five-Persönlichkeitsfaktoren.

Auch die Einrichtung eines Raumes kann Aufschluss über die Persönlichkeit seines Bewohners geben. Die Vielfalt der Medien, insbesondere die thematische Bandbreite von Zeitschriften, kann ein Indiz für eine große Offenheit für neue Erfahrungen sein.

Der bevorzugte Lesestoff kann ebenfalls einiges über Charakterzüge verraten. Eine Vorliebe für klassische Literatur und für das Feuilleton einer Zeitung deutet auf höhere Offenheit hin. Eine Vorliebe für Lovestorys deutet auf seelische Turbulenzen hin.

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Die "Big Five": Ein Modell zur Beschreibung der Persönlichkeit

Das "Big Five"-Modell ist ein weit verbreitetes Rahmenwerk zur Beschreibung der Persönlichkeit. Es basiert auf fünf grundlegenden Eigenschaften:

  • Offenheit: Die Bereitschaft zu neuen Erfahrungen, Neugier, Interesse an fremden Kulturen, Fantasie und Erfindungsreichtum.
  • Gewissenhaftigkeit: Organisationstalent, Zuverlässigkeit, vorausschauende Planung, strukturierte Arbeitsweise, Disziplin und Durchhaltevermögen.
  • Extraversion: Kontaktfreudigkeit, Gesprächigkeit, Energie, Begeisterungsfähigkeit und Durchsetzungskraft.
  • Verträglichkeit: Freundlichkeit, Kooperationsbereitschaft, Warmherzigkeit, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit und Harmoniebedürfnis.
  • Neurotizismus: Emotionale Stabilität und Umgang mit negativen Erlebnissen.

Nach dem Big-Five-Modell existiert jeder dieser fünf Grundfaktoren unabhängig von den anderen und ist je nach Charakter mal mehr, mal weniger stark ausgebildet.

Die Entwicklung der Persönlichkeit

Die Entwicklung der Persönlichkeit ist ein komplexer Prozess, der von genetischen Faktoren, Sozialisation und Erfahrungen geprägt wird. Auch biochemische Botenstoffe im Gehirn spielen eine Rolle.

  • Kortisol: Dieses Hormon wird unter Stress freigesetzt und kann den Charakter beeinflussen.
  • Dopamin: Dieser Botenstoff fördert den Charakterzug Extraversion.
  • Oxytocin: Dieses "Kuschelhormon" stärkt zwischenmenschliche Bindungen.
  • Serotonin: Ein niedriger Spiegel dieses Botenstoffs kann bei Männern zu unbedachtem und aggressivem Handeln führen, während er sich bei Frauen eher in Angst und Anfälligkeit für Depressionen äußert.

Studien zeigen, dass sich unser Wesen bis ins hohe Alter verändern kann. Im Laufe des Lebens reifen Menschen - und zwar in allen Kulturen.

Physiognomie und Phrenologie: Pseudowissenschaftliche Versuche der Charaktererkennung

Die Physiognomie, die Lehre von der Erkennung des Charakters anhand äußerer Erscheinungsformen, und die Phrenologie, die Lehre von der Zuordnung geistiger Eigenschaften zu bestimmten Schädelabschnitten, sind pseudowissenschaftliche Versuche, den Charakter eines Menschen zu bestimmen.

Im 19. Jahrhundert verbreitete der deutsche Arzt und Anatom Franz Joseph Gall die Idee, man könne von der Beschaffenheit der Schädeloberfläche eines Menschen auf dessen Charakter und geistige Qualitäten schließen. Der Turiner Arzt Cesare Lombroso formulierte die Behauptung, dass ein Verbrecher schon an körperlichen Merkmalen zu erkennen sei.

Diese Lehren sind jedoch wissenschaftlich nicht fundiert und wurden im NS-Staat für rassistische Zwecke missbraucht.

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