Gehirn und Geist: Wie die Forschung unsere Gefühle entschlüsselt

Die moderne Forschung, insbesondere in den Bereichen der Neurowissenschaften und der Psychologie, hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der Entschlüsselung der komplexen Beziehung zwischen Gehirn und Geist erzielt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Verständnis von Emotionen, ihrer Entstehung, ihrer Manifestation und ihrer Wahrnehmung. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse und Herausforderungen in diesem spannenden Feld, wobei die Arbeit von Pionieren wie Paul Ekman und die kritische Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Hirnforschung im Vordergrund stehen.

Das Gedankenkarussell: Mentales Schlafwandeln und der Mythos der Autonomie

Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Bug eines Segelboots und beobachten Delfine, die spielerisch Ihre Fahrt begleiten. Diese Delfine, die in hohem Bogen aus dem Wasser springen, können als Metapher für unsere Gedanken dienen: Sie tauchen kurz aus dem Ozean unseres Unterbewusstseins auf, bevor sie wieder abtauchen.

Die kognitive Verarbeitung im Gehirn verläuft parallel auf vielen Ebenen. Es gibt einen ständigen Wettlauf zwischen unseren Gedanken, einen inneren Wettbewerb darum, welcher Gedanke die Kontrolle über unser Verhalten übernimmt. Doch wer ist dann der "Denker"?

Die Forschung zeigt, dass wir bis zu 50 Prozent unserer Wachzeit keine Kontrolle über unsere Gedanken haben. Stichworte sind hier "spontaneous task-unrelated thought" und "mind wandering". Es geht um das, was als "mentales Schlafwandeln" bezeichnet werden kann: das permanente Auftreten anscheinend spontaner, aufgabenunabhängiger Gedanken, der sich täglich hundertfach wiederholende Verlust der Aufmerksamkeitskontrolle. "Stabile kognitive Kontrolle ist die Ausnahme, während ihr Fehlen die Regel ist."

Das autonome "Selbst" als Initiator unserer kognitiven Handlungen ist ein Mythos. Nimmt man den Traumzustand hinzu, besitzen wir geistige Autonomie nur für etwa ein Drittel unserer bewussten Lebenszeit. Meistens denken wir, ohne zu merken, dass wir denken. Was wir alltagssprachlich "Denken" nennen, ist eher eine unabsichtliche Form von innerem Verhalten.

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Ein Marker für mentale Autonomie ist "Veto-Kontrolle", die Fähigkeit, dieses Verhalten jederzeit stoppen zu können. Rationalität ohne Veto-Kontrolle gibt es nicht. Um innezuhalten und einen inneren Monolog zu stoppen, müsste man sich des eigenen inneren Verhaltens bewusst werden. Dieser Zustand schränkt unsere Kritikfähigkeit, politische Vernunft und ethisches Handeln stark ein.

Der Einfluss des soziokulturellen Kontexts

Die Neuro- und Kognitionswissenschaften sind nicht der einzige Teil des Puzzles. Auch die Kultur spielt eine Rolle. Der soziokulturelle Kontext prägt die Art und Weise, wie wir über unsere eigenen inneren Erfahrungen berichten. Wenn wir Kindern schon früh sagen, dass sie für ihr Handeln voll verantwortlich sind, wird diese Annahme in ihr bewusstes Selbstmodell eingebaut. Das bewusste Selbstmodell des erwachsenen Menschen könnte daher eine aus dem soziokulturellen Kontext importierte post-hoc-Konfabulation sein - eine Kontrollillusion, die letztlich auch darauf beruht, wie wir soziale Interaktionen verinnerlicht haben.

Wer kritische Rationalität will, muss geistige Autonomie wollen. Wenn uns die Forschung zunehmend mehr darüber sagt, was die einschränkenden Faktoren für mentale Autonomie sind, dann muss sich dies auch in der akademischen Lehre widerspiegeln. Rationalität kann man genauso trainieren wie innere Bewusstheit. An manchen Orten hat der Transfer von der Forschung in die Lehre bereits begonnen: Es gibt philosophische Angebote zur Argumentationstheorie, säkularen Meditationsunterricht und systematische Programme für die Entwicklung kritischer Medienkompetenz.

Paul Ekman und die Erforschung der Gefühle

Paul Ekman ist einer der renommiertesten Psychologen weltweit, insbesondere bekannt für seine Forschung zu Emotionen und Gesichtsausdrücken. Er hat Gesichtsausdrücke so intensiv untersucht wie kaum jemand sonst. Seine ethnologischen Studien, vor allem auf Papua-Neuguinea, waren bahnbrechend für das Verständnis der Universalität emotionaler Gesichtsausdrücke.

Ekmans Arbeit befasst sich mit Fragen von hoher "Alltagsrelevanz": Wie gehen wir mit Gefühlen um? Wie steht es um unsere emotionale Intelligenz? Können wir Gesichter lesen? Befinden wir uns im Würgegriff unserer Gefühle oder können wir unsere Emotionen kontrollieren? Spüren wir, wenn wir emotional werden, und spüren wir es rechtzeitig? Wie kündigt sich eine emotionale Reaktion in unserem Inneren an? Und sehen andere, was in uns vorgeht? Verrät uns das Gesicht unseres Gegenübers, was er oder sie gerade empfindet? Interpretieren wir Gefühlsausdrücke richtig? Und wie leicht lassen wir uns täuschen? Können wir lernen, unausgesprochene Gefühle bei uns und bei anderen sensibler wahrzunehmen und in angemessener Weise mit dieser Information umzugehen?

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In seinem Buch "Gefühle lesen" entfaltet Ekman ein faszinierendes Panorama der Erkenntnisse aus der Emotions- und Gesichterforschung. Er erläutert, wie Gefühle entstehen und wie sie sich in unserer Mimik äußern. Und er zeigt, wie wir dieses Wissen in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen praktisch anwenden können. Damit ist sein Buch eine spannende Reise in ein facettenreiches Forschungsfeld und ein Leitfaden für einen bewussteren Umgang mit den eigenen Gefühlen und den Emotionen anderer.

Ekmans Werk wird als herausragendes Beispiel populärwissenschaftlicher Literatur gelobt. Es eröffnet die Chance, Gefühle besser zu verstehen und emotional intelligenter zu werden. Es wird auch als Anleitung gesehen, eigene Gefühle und die unserer Mitmenschen sensibler wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Viele Beispiele und ein ausführliches Register erleichtern den Zugang und helfen, die Information praktisch im Alltag umzusetzen.

Die Hirnforschung und ihre Deutungsmacht: Kritik und Realismus

Die Hirnforschung hat in vielen Bereichen die Deutungsmacht übernommen. Vor zehn Jahren veröffentlichten führende Hirnforscher ein Manifest, in dem sie versprachen, zahlreiche schwere Krankheiten heilen helfen zu können. Wer "Geist" sagt, der muss heute auch "Gehirn" sagen.

Mit ihren suggestiven Bildern sei die Hirnforschung in eine Orientierungslücke gesprungen, sagt Dirk Baecker. Anders als Politik und Wirtschaft, Moral oder Kultur beruft sie sich auf naturwissenschaftliche Experimente.

In den letzten 25 Jahren weckte sie große Erwartungen und wirkte dabei weit über ihr eigentliches Feld hinaus. 1990 rief der amerikanische Präsident George Bush die "Dekade des Gehirns" aus. Die Autorinnen und Autoren, allen voran prominente Neurobiologen wie Wolf Singer und Gerhard Roth, erklärten mit großem Optimismus, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis man psychische Leistungen wie Imagination, das Erleben von Gefühlen oder die Planung von Handlungen vollständig als physikalisch-chemische Vorgänge beschreiben könne. Auch die molekularbiologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen werde man innerhalb der nächsten zehn Jahre besser verstehen.

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Zehn Jahre nach dem Manifest von 2004 zogen die Wissenschaftler eine ernüchternde Bilanz. Die erhofften Durchbrüche sind ausgeblieben. Um den Stand der Forschung realistisch abzubilden, sollten in Zukunft auch solche Studien zugänglich gemacht werden, deren Ausgangs-Hypothese nicht bestätigt werden konnte.

Es geht hier um Grundlagenforschung, und wir haben es mit dem kompliziertesten Organ des bekannten Universums zu tun. Insofern: Wenn man den großen Anspruch zurückfährt, dass sofort bahnbrechende, die Gesellschaft verändernde Ergebnisse kommen sollen, ist das noch keine Krise, sondern ein Stück weit Realismus.

Die Hirnforschung ist in der Gesellschaft komplex verortet. Das "Human Brain Project" der Europäischen Union zeigt deutlich, wie sehr die Hirnforschung von wirtschaftlichen Interessen getrieben ist. Das Projekt fördert die Entwicklung neuer Computersysteme und nützt damit vor allem der europäischen IT-Industrie.

Hirnforscher haben oft Anstoß erregt mit ihrem Anspruch, Phänomene zu erklären, die traditionell im Feld der Geisteswissenschaften liegen: Bewusstsein, Persönlichkeit, Gefühl und Wille.

Die Reibereien entzünden sich regelmäßig am Selbstverständnis der Naturwissenschaften als "Hard Science". Steven Rose sagt jedoch: "Denn erstens sind die vermeintlich 'harten' Wissenschaften nicht so hart wie einem Glauben gemacht werden soll, und auf der anderen Seite sind aber auch die sogenannten 'weichen' Wissenschaften nicht so weich. Denn wenn man die Sprache erforscht, wenn man den Diskurs erforscht, wenn man politische Institutionen erforscht, dann erforscht man genauso konkrete, 'harte' Realität."

Gefährlich wird der Deutungsanspruch der Neurowissenschaft, wenn Forscher behaupten, dass sie eine psychische Veranlagung für kriminelles Verhalten im Gehirn lokalisieren können. Ob Annahmen dieser Art je bestätigt werden, kann niemand sagen. Aber als Zukunfts-Visionen spielen sie bereits eine Rolle, wenn Hirnforscher über künftige Anwendungsmöglichkeiten ihres Fachs spekulieren.

Epigenetik und die Bedeutung der Umwelt

Wer Gerhard Roths und Nicole Strübers Buch liest, wird eine interessante Akzentverschiebung bemerken. Sie betrifft die Beurteilung des Menschen und seiner Biologie. Welche Faktoren sind entscheidend für unsere Entwicklung: Legen unsere Erbanlagen uns weitgehend fest, oder kommt es eher auf die Umwelt an?

"Heute weiß man, dass die Gene im engeren Sinne wenig machen, und dass das allermeiste, was uns steuert, so genannte epigenetische Prozesse sind, auf einem Niveau im Gehirn, auf dem Gene und Umwelt aufs Engste miteinander wechselwirken. Das heißt, was die Gene tun und wie sie das tun, wird weitestgehend von der Umwelt bestimmt."

Die Rolle der Umwelt ist eine naturwissenschaftliche Erkenntnis. In den Gesellschaftswissenschaften war das Gehirn lange Zeit kein Thema. Als Voraussetzung für menschliches Verhalten hat man es einfach hingenommen und nicht weiter hinterfragt.

Predictive Coding: Das Gehirn als Vorhersagemaschine

Das Gehirn ist demnach jederzeit darauf eingestellt, zu erwartende Reize bereits vorwegzunehmen und eingehende Reize mit diesen Vorannahmen abzugleichen. Dass das Gehirn ständig Vorhersagen trifft und sie anhand von Umweltreizen überprüft, ist an sich keine neue Idee. Der Physiker und Psychologe Hermann von Helmholtz sah das vor über hundert Jahren schon genauso. Neu ist allerdings der Versuch des Londoner Neurowissenschaftlers Karl Friston, diese Interaktion von Gehirn und Umwelt in mathematischen Formeln zu beschreiben und damit überprüfbar zu machen. Forscher in aller Welt experimentieren zurzeit mit Fristons Theorie des sogenannten predictive coding.

Brain Reading: Gedankenlesen durch Hirnforschung?

Die Vision, menschliche Gedanken und Gefühle lesen zu können, existiert schon lange. Über 80 Milliarden Nervenzellen bilden das menschliche Gehirn - Brain-Computer-Interfaces belauschen sie in Aktion. "Brain reading" - dahinter verbirgt sich die Idee, mit Hilfe bildgebender Verfahren Gedanken direkt aus den Nervenzellen des Gehirns abzulesen.

John-Dylan Haynes, der Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging, sorgt für Klarsicht in seinem Buch "Fenster ins Gehirn. Wie Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann".

Haynes' Team präsentierte Versuchspersonen zum Beispiel Bilder von Tieren, Autos, Flugzeugen und Stühlen. "Ergebnis: Unser Computer konnte mit einer Trefferquote von bis zu 90 Prozent die groben Kategorien auseinanderhalten. Das gelang ihm weitgehend auch bei den konkreten Beispielen aus den jeweiligen Kategorien, wobei allerdings die Trefferquote auf etwa 70 Prozent sank."

Bis heute ist es allerdings bei diesem "gewissen Grad" geblieben. Denn die Trefferquoten vergleichbarer Experimente bewegen sich alle nur zwischen 70 und höchstens 90 Prozent. Egal, ob Forschende versuchen, Gesichter, Gefühle, Seheindrücke, Wortbedeutungen, Lügen oder unbewusste Antriebe aus den Aktivitätsmustern des Gehirns abzulesen.

Prinzipiell scheint vieles möglich zu sein, praxistauglich ist aber für den Alltag nur sehr wenig. "Zu wissen, welche Hirnregionen aktiviert werden, führt noch längst nicht zu der gewünschten mechanistischen Vorhersagbarkeit."

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