Cannabis und seine Auswirkungen auf das Gehirn: Eine umfassende Betrachtung

Einleitung

Das Thema Cannabis und seine Wirkung auf das Gehirn ist komplex und vielschichtig. Seit der Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland am 1. April 2024 ist die öffentliche Diskussion neu entfacht. Einerseits wird Cannabis als potenzielles Heilmittel angepriesen, andererseits warnen Experten vor den Risiken, insbesondere für junge Menschen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen von Cannabis auf das Gehirn, von kurzfristigen Effekten bis hin zu langfristigen Konsequenzen und therapeutischen Anwendungen.

Cannabis: Eine Pflanze mit langer Tradition

Cannabis hat eine lange Geschichte als Heil- und Nutzpflanze sowie als Rauschmittel. Bereits im alten China, bei den Ägyptern und im antiken Rom wurde Cannabis als Heilmittel gegen verschiedene Leiden eingesetzt. Selbst Hildegard von Bingen erwähnte Hanf in ihren Schriften als Medikament. Aus den getrockneten Pflanzenteilen und dem Harz der Blütenstände werden Marihuana und Haschisch gewonnen.

Die Wirkstoffe: Cannabinoide, THC und CBD

Verantwortlich für die vielfältigen Wirkungen von Cannabis sind die enthaltenen Cannabinoide. Die bekanntesten Cannabinoide sind Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC ist die hauptsächlich psychoaktive Substanz, die für den Rauschzustand verantwortlich ist. CBD hingegen wirkt nicht berauschend und hat entzündungshemmende und angstlösende Eigenschaften.

THC: Die psychoaktive Komponente

THC beeinflusst das Gehirn durch seine Interaktion mit dem Endocannabinoid-System (ECS). Es bindet hauptsächlich an CB1-Rezeptoren, die sich vor allem im Gehirn und Nervensystem befinden. Durch die Aktivierung der CB1-Rezeptoren beeinflusst THC die Freisetzung von Neurotransmittern wie Dopamin, GABA und Glutamat. Dies kann zu einer veränderten Wahrnehmung, Euphorie oder gesteigerter Kreativität führen. Kurzfristig kann THC für Entspannung, Euphorie oder eine veränderte Sinneswahrnehmung sorgen. Studien deuten auch darauf hin, dass THC neuroprotektive Eigenschaften haben könnte, indem es Nervenzellen vor Schäden schützt.

CBD: Das nicht-psychoaktive Cannabinoid

CBD beeinflusst das Nervensystem auf subtilere Weise. Es interagiert nicht direkt mit CB1-Rezeptoren, sondern moduliert deren Aktivität. Studien zeigen, dass CBD angstlösend, antipsychotisch und entzündungshemmend wirkt - ohne die berauschenden Effekte von THC. Aktuelle Studien legen nahe, dass CBD im Gegensatz zu THC keine negativen Auswirkungen auf die Gehirnstruktur oder kognitive Leistungsfähigkeit hat. Forscher vermuten, dass CBD das Nervensystem stabilisiert und möglicherweise neuroprotektive Eigenschaften besitzt.

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Das Endocannabinoid-System (ECS)

Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein komplexes Netzwerk von Rezeptoren, Endocannabinoiden und Enzymen, das eine wichtige Rolle bei der Regulierung verschiedener physiologischer Prozesse spielt. Es besteht aus den Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 und deren Bindungspartnern, den Endocannabinoiden Anandamid und 2-AG. Die Cannabinoidrezeptoren befinden sich auf verschiedenen Zelltypen des Körpers. CB1 findet sich hauptsächlich im Gehirn und Nervensystem, aber auch in Organen wie den Nieren und dem Darm. CB2-Rezeptoren sind vor allem auf Zellen des Immunsystems zu finden, doch auch in einigen Organen wie Lunge, Milz, Haut, Knochen, Magen-Darm-Trakt und den Fortpflanzungsorganen. Endocannabinoide regulieren und beeinflussen direkt und indirekt eine Vielzahl an physiologischen Vorgängen wie beispielsweise Appetit, Schmerzen, Entzündungen, Temperaturregelung im Körper, Augeninnendruck, Empfindsamkeit der Sinne, die Steuerung der Muskulatur und des Bewegungsapparats, das Energiegleichgewicht, den Stoffwechsel, das Schlafverhalten, Stressreaktionen, die Belohnungszentrale, die Gemütslage und das Gedächtnis.

Die Wirkung von Cannabis auf das Gehirn

Die Wirkung von Cannabis auf das Gehirn ist vielfältig und hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Dosis, die Art des Konsums, die individuelle Verfassung und die Häufigkeit des Konsums.

Kurzfristige Auswirkungen

Selbst ein einziges Mal an einem Joint zu ziehen, kann negative Folgen für die Gesundheit haben - zumal es leicht zu Überdosierungen kommt und oft auch noch Alkohol mit im Spiel ist. So kann Cannabis zum Beispiel folgende Beschwerden hervorrufen:

  • Angstgefühle und Panikattacken
  • Die Wahrnehmung wird überempfindlich und kann sich bis zu Halluzinationen steigern
  • Menschen, die high sind, können sich manchmal nicht mehr mitteilen und sind in ihrem eigenen „Film" gefangen
  • Herzrasen
  • Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit
  • Auch ein Kreislaufkollaps ist möglich

Langzeitfolgen für das Gehirn

Langfristiger und regelmäßiger Cannabiskonsum kann zu Veränderungen im Gehirn führen, insbesondere bei Jugendlichen, deren Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet.

  • Kognitive Einschränkungen: Studien haben gezeigt, dass regelmäßiger Cannabiskonsum die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann, insbesondere die Konzentration, das Gedächtnis und die Lernfähigkeit. Bei jenen, die gelegentlich oder regelmäßig Cannabis konsumierten, war die Hirnrinde dünner. Insbesondere der präfrontale Kortex war betroffen. Dieses Hirnareal ist für die Entscheidungsfindung und Impulskontrolle verantwortlich. Dort gibt es viele Rezeptoren, an die Substanzen wie THC, der Hauptwirkstoff von Cannabis, andocken können. Die Folge: Die betroffenen Jugendlichen können sich schlechter konzentrieren und sind impulsiver als andere.
  • Persönlichkeitsveränderungen: Speziell für Jugendliche und junge Erwachsene können nachlassende Lernleistungen, Motivationsmangel oder Aufmerksamkeitsstörungen zu einem lebensverändernden Problem werden, denn die Bildung leidet. Schule oder Ausbildung werden abgebrochen. Auch kann es sein, dass sie sich aus dem Alltag zurückziehen, lustlos werden und somit auch soziale Fähigkeiten schrumpfen.
  • Suchtgefahr: Cannabis kann körperlich und geistig abhängig machen. Für Menschen, die früh mit dem Konsum beginnen und während ihrer Jugend häufig konsumieren, ist das Risiko erhöht. Da Cannabis einen immer höheren THC-Gehalt besitzt, steigt nicht nur die Gefahr von Gesundheitsschäden an, sondern auch das Risiko, danach süchtig zu werden. Nach Alkohol ist Cannabis in Deutschland der häufigste Grund für eine Suchtbehandlung.
  • Risiko psychischer Erkrankungen: Cannabiskonsum kann das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen, etwa für Depressionen oder Angststörungen. Der Konsum von THC kann außerdem zu Psychosen führen. Studien haben gezeigt, dass THC das neuronale Rauschen im Gehirn verstärken kann, was möglicherweise zur Entstehung von Schizophrenie beiträgt.

Cannabis und das alternde Gehirn

Interessanterweise gibt es auch Hinweise darauf, dass Cannabis in niedrigen Dosen eine positive Wirkung auf das alternde Gehirn haben könnte. Eine Studie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn mit einem Team der Hebrew University (Israel) hat gezeigt, dass eine niedrigdosierte Langzeitgabe von Cannabis Alterungsprozesse im Gehirn bei Mäusen umkehren kann. Den Schlüssel dafür fanden sie in dem Proteinschalter mTOR, dessen Signalstärke Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit und Stoffwechselprozesse im gesamten Organismus hat. Die THC-Behandlung führte im Gehirn zu einem vorübergehenden Anstieg der mTOR-Aktivität und des Gehalts an Zwischenprodukten, die an der Energieproduktion und an Aminosäuren beteiligt sind. Andererseits fanden die Bonner Forschenden eine ähnlich starke Verringerung der mTOR-Aktivität von Mäusen im Fettgewebe und des Gehalts an Aminosäuren und Kohlenhydratmetaboliten im Blutplasma wie nach einer kalorienarmen Diät oder nach intensiven körperlichen Aktivitäten.

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Konsumformen und ihre Auswirkungen

Cannabis kann auf verschiedene Arten konsumiert werden, wobei jede Konsumform unterschiedliche Auswirkungen auf den Körper hat. Die gängigsten Konsumformen sind:

  • Joint: Ein mit Tabak und/oder Cannabis gefülltes Papier, das zusammengerollt und geraucht wird.
  • Bong: Eine spezielle Wasserpfeife ohne Schlauch, mit der Cannabisprodukte erhitzt werden.
  • Shisha: Eine Wasserpfeife, durch die Cannabis und Tabak inhaliert werden.
  • E-Shisha und Vaporizer: Geräte, durch die Tabak- und Cannabisprodukte verdampfen.
  • Tee: Z. B. mit aufgebrühten Cannabisblüten.
  • Nahrungsmittel: Z. B. eingebacken in Keksen.

Die Art des Konsums beeinflusst die Wirkung und Dosierung von THC. Beim Rauchen oder Inhalieren tritt die Wirkung schneller ein, während sie bei der Einnahme über den Magen-Darm-Trakt verzögert eintritt.

Cannabis als Medizin

Neben den Risiken des Freizeitkonsums hat Cannabis auch ein therapeutisches Potenzial. THC wird unter anderem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose oder Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt. CBD wird bei Epilepsie angewendet. Die medizinische Anwendung von Cannabis zielt darauf ab, die Dosis so niedrig wie möglich zu halten, um Beschwerden ausreichend zu lindern, aber cannabistypische Nebenwirkungen nicht oder nur sehr leicht auftreten.

Risikogruppen

Bestimmte Personengruppen sind besonders gefährdet, negative Auswirkungen durch Cannabiskonsum zu erfahren. Dazu gehören:

  • Jugendliche: Da sich das Gehirn von Jugendlichen noch in der Entwicklung befindet, kann Cannabiskonsum den Reifeprozess empfindlich stören und zu irreversiblen Veränderungen führen.
  • Menschen mit psychischen Vorerkrankungen: Cannabiskonsum kann das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen oder bestehende Erkrankungen verschlimmern.
  • Schwangere: Cannabiskonsum in der Schwangerschaft kann zu Entwicklungsstörungen beim ungeborenen Kind führen.

Prävention und Aufklärung

Um die Risiken des Cannabiskonsums zu minimieren, sind Prävention und Aufklärung von großer Bedeutung. Eltern sollten mit ihren Kindern offen und ehrlich über die Risiken sprechen und ein vertrauensvolles Verhältnis pflegen. Schulen und andere Bildungseinrichtungen sollten über die Gefahren des Cannabiskonsums aufklären und alternative Freizeitangebote anbieten.

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