Das unerforschte Universum in unserem Kopf: Warum das Gehirn noch immer ein Mysterium ist

Das menschliche Gehirn, ein komplexes und hochempfindliches System, ist die Schaltzentrale unseres Körpers. Es besteht aus Milliarden von Nervenzellen und steuert alles - von unseren Bewegungen über Emotionen bis hin zu Gedanken. Trotz seiner Bedeutung und der rasanten Fortschritte in der Neurowissenschaft bleiben weite Bereiche des Gehirns unerforscht. Warum ist das so? Und was wissen wir bereits über dieses faszinierende Organ?

Die Komplexität des Gehirns

Das Gehirn ist das komplizierteste Organ, das die Natur je hervorgebracht hat. Mit etwa 100 Milliarden Nervenzellen und einem Vielfachen davon an Kontaktpunkten übertrifft es in seinen Fähigkeiten selbst Supercomputer. Die theoretisch möglichen Kombinationen aller Kontakte in einem einzigen Gehirn sind größer als die Anzahl aller Atome im Universum. In diesem komplexen Netzwerk lagern unsere Erinnerungen, entstehen unsere Gedanken und Gefühle, und von hier aus werden alle Körperfunktionen gesteuert.

Die Herausforderung der Erforschung

Trotz intensiver Forschung glauben Wissenschaftler, bisher nur etwa fünf Prozent des Gehirns verstanden zu haben. Die restlichen 95 Prozent bleiben ein Mysterium, an dessen Erforschung sie fieberhaft arbeiten. Ein Grund für die Schwierigkeit der Erforschung liegt in der Komplexität des Gehirns selbst. Die Interaktionen zwischen den Milliarden von Nervenzellen sind unglaublich komplex und schwer zu entwirren.

Ein weiterer Faktor ist die begrenzte Zugänglichkeit des Gehirns. Im Gegensatz zu anderen Organen kann das Gehirn nicht einfach entnommen und untersucht werden. Wissenschaftler müssen auf bildgebende Verfahren und andere indirekte Methoden zurückgreifen, um seine Funktionsweise zu verstehen.

Fortschritte in der Forschung

Trotz der Herausforderungen wurden in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte in der Erforschung des Gehirns erzielt. Neue Technologien wie die Magnetresonanztomographie (MRT) und die Elektroenzephalographie (EEG) ermöglichen es Wissenschaftlern, die Gehirnaktivität in Echtzeit zu beobachten und zu messen.

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Die Rolle von Dopamin

Freiburger Neurobiologen um Prof. Dr. Wolfgang Driever haben bei Untersuchungen von Fischlarven entdeckt, dass eine Gruppe von Nervenzellen im Zwischenhirn, die den Botenstoff Dopamin ausschüttet, durch Berührung oder bestimmte Sehreize angeregt werden kann. Diese dopaminergen Nervenzellen senden Verbindungen in fast alle Teile des Gehirns und des Rückenmarks und beeinflussen so Funktionen vieler Schaltkreise. Die Forschungsergebnisse des Freiburger Teams zeigen: Bestimmte intensive Sinnesreize könnten solche Grundverhaltensmuster über die Aktivität dopaminerger Nervenzellen beeinflussen. Da zudem Verbindungen zwischen diesen Nervenzellen und Sinnesorganen bestehen, ist es möglich, dass die dopaminergen Nervenzellen daran beteiligt sind, die Empfindlichkeit der Sinnesorgane für Sinnesreize einzustellen. Diese Funktion könnte für die Behandlung von Krankheiten wichtig sein. Die Eigenschaften der dopaminergen Nervenzellen des Zwischenhirns könnten sich zukünftig nutzen lassen, um die Sinnesempfindungen bei Patienten mit Restless-Legs Syndrome zu vermindern und somit das Kribbeln in den Gliedern in der Schlafphase zu unterdrücken.

Brain Fog: Ein neues Forschungsfeld

Ein weiteres aktuelles Forschungsfeld ist das Phänomen des "Brain Fog", auch bekannt als Gehirnnebel. Dieser Zustand, der oft nach einer COVID-19-Infektion oder bei chronischen Erkrankungen auftritt, äußert sich durch Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme und Verwirrung. Obwohl die Ursachen von Brain Fog noch nicht vollständig verstanden sind, deuten Forschungsergebnisse auf eine mögliche Verbindung zu Neuroinflammationen und Störungen der Blut-Hirn-Schranke hin.

Eine Studie, die im Februar in der Zeitschrift Nature erschien, scannte die Gehirne von Long COVID-Patient*innen. Die selektive Membran-Barriere zwischen Blut und zentralem Nervensystem funktioniert wie ein Schutzwall und hält Giftstoffe, Viren und andere schädliche Moleküle vom Gehirn fern. Die Forschenden vermuten, dass durch die undichte Schranke Substanzen in das Gehirn eindringen, die Neuroinflammationen verursachen und Stoffwechselprozesse stören.

Die Plastizität des Gehirns

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaft ist die Plastizität des Gehirns. Entgegen der früheren Annahme, dass sich das Gehirn eines Erwachsenen nicht mehr verändert, wissen wir heute, dass es bis ins hohe Alter lernfähig bleibt und sich laufend umbaut. Neue Verbindungen zwischen Nervenzellen können entstehen, und bestehende Verbindungen können verstärkt oder geschwächt werden.

Diese Plastizität ermöglicht es dem Gehirn, sich an neue Situationen anzupassen, neue Fähigkeiten zu erlernen und Schäden zu kompensieren. So können beispielsweise nach einem Schlaganfall benachbarte Hirnregionen die Aufgaben des betroffenen Gebiets zum Teil übernehmen.

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Elektrische Synapsen

Neben den bekannten chemischen Synapsen, die Signale über Botenstoffe übertragen, gibt es noch einen zweiten, kaum bekannten Synapsentyp: die elektrische Synapse. Eine elektrische Synapse verbindet zwei Nervenzellen direkt miteinander, sodass das elektrische Signal ohne Umweg von einer Zelle zur nächsten fließen kann. Außer bei Stachelhäutern kommt diese besondere Synapsenart im Gehirn jeder darauf untersuchten Tierart vor. "Elektrische Synapsen müssen daher wichtige Funktionen haben: wir wissen nur nicht welche!", so Georg Ammer. Um diesen Funktionen auf die Spur zu kommen, haben Ammer und seine beiden Kolleginnen, Renée Vieira und Sandra Fendl, einen wichtigen Protein-Baustein elektrischer Synapsen markiert. So konnten sie im Gehirn von Fruchtfliegen zeigen, dass elektrische Synapsen nicht in allen Nervenzellen vorkommen, dafür aber in fast allen Bereichen des Gehirns. Durch das gezielte Ausschalten elektrischer Synapsen im Areal der visuellen Verarbeitung konnten die Wissenschaftler*innen zeigen, dass die betroffenen Nervenzellen auf bestimmte Reize stark abgeschwächt reagieren.

Mythen und Fakten über das Gehirn

Rund um das Gehirn ranken sich viele Mythen und falsche Vorstellungen. Hier sind einige Beispiele:

  • Mythos: Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns.
    • Fakt: Dieser Mythos ist falsch. Wir nutzen unser gesamtes Gehirn, auch wenn nicht alle Bereiche immer gleichzeitig aktiv sind.
  • Mythos: Kopfschmerzen sind Gehirnschmerzen.
    • Fakt: Das Gehirn selbst kann keine Schmerzen empfinden. Bei Kopfschmerzen schmerzen die Blutgefäße der Hirnhaut.
  • Mythos: Wir können nur begrenzt Informationen speichern.
    • Fakt: Unser Langzeitgedächtnis hat eine unbegrenzte Speicherkapazität.
  • Mythos: Erinnerungen sind immer korrekt.
    • Fakt: Erinnerungen können verzerrt und verändert werden.
  • Mythos: Kreuzworträtsel und Sudokus halten geistig fit.
    • Fakt: Diese Aktivitäten trainieren vor allem bereits erlerntes Wissen. Neues zu lernen oder ein Musikinstrument zu spielen ist effektiver, um das Gehirn fit zu halten.

Wie wir unser Gehirn fit halten können

Auch wenn das Gehirn noch nicht vollständig erforscht ist, gibt es viele Möglichkeiten, wie wir seine Leistungsfähigkeit fördern und seine Gesundheit erhalten können:

  • Gesunder Lebensstil: Ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung sind die Grundlage für ein gesundes Gehirn.
  • Geistige Aktivität: Neues lernen, ein Musikinstrument spielen, eine Fremdsprache lernen oder anregende Gespräche führen fordern das Gehirn heraus und fördern seine Plastizität.
  • Soziale Kontakte: Intensive soziale Kontakte wirken sich positiv auf das Gehirn aus.
  • Stressmanagement: Chronischer Stress kann dem Gehirn schaden. Entspannungstechniken und Stressmanagement-Strategien können helfen, das Gehirn zu schützen.

Die Zukunft der Gehirnforschung

Die Erforschung des Gehirns ist ein fortlaufender Prozess. Mit neuen Technologien und Forschungsmethoden werden Wissenschaftler in Zukunft hoffentlich weitere Geheimnisse dieses faszinierenden Organs entschlüsseln. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis der Funktionsweise des Gehirns zu erlangen, um Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson und Depression besser behandeln und verhindern zu können.

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