Die Vorstellung vom finsteren Mittelalter hält sich hartnäckig, obwohl Jacob Burckhardt bereits vor rund 150 Jahren feststellte, dass weder Seele noch Gehirn der Menschen in historischer Zeit nachweislich zugenommen haben und die Fähigkeiten längst komplett waren. Dieser Artikel beleuchtet, wie das Gehirn und seine Funktionen im Mittelalter wahrgenommen und dargestellt wurden, und räumt mit einigen gängigen Missverständnissen auf.
Mittelalterliche Wissenschaftslegenden und ihre Hinterfragung
Viele vermeintliche Fakten über das Mittelalter beruhen auf Legenden des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel ist die Annahme, dass im Abendland während des Mittelalters keine Entwicklung der Astronomie stattfand. Diese Vorstellung wird jedoch durch historische Dokumente widerlegt.
Das Beispiel der Stachelbeere: Datierungsprobleme in der Wissenschaftsgeschichte
Die Geschichte der Stachelbeere illustriert, wie wichtig die Quellenkritik in der Wissenschaftsgeschichte ist. Paläoethnobotanische Datierungen der Stachelbeere auf das 12. Jahrhundert basieren oft auf der Datierung des französischen Wortes "groseille". Forschungen haben jedoch ergeben, dass dieses Wort vom 9. bis ins 12. Jahrhundert den Kreuzdorn bezeichnete und erst ab dem 13. Jahrhundert die Stachelbeere. Der DEAF (Deutsch-Etymologisches Fremdwörterbuch) nennt die erste Abbildung eines Stachelbeerstrauches in der Bible moralisée, Handschrift Wien 2554, ca. 1250.
Anatomische Forschung im Mittelalter: Mehr als nur theologische Interpretation
Entgegen der landläufigen Meinung wurden im Mittelalter anatomische Untersuchungen durchgeführt, auch wenn sie nicht immer den modernen Standards entsprachen.
Leichensektionen und anatomische Studien
Nach Galen [Ende 2. Jh.] wurden angeblich keine anatomischen Untersuchungen mehr vorgenommen, da Sektionen als abstoßend und grausam verurteilt sowie für unnötig befunden wurden. Der christliche Glaube an die Wiederauferstehung des Fleisches mag den Widerstand gegen die Anatomie verstärkt haben. Das westliche Mittelalter hatte kaum Kenntnis von Galens anatomischen Schriften. Die Beschreibung der von Mondino dei Luzzi und Niccolò Bertruccio in Bologna seit 1315 durchgeführten Leichensezierungen bei Gui de Chauliac ist jedoch klar genug: "selon ce que traicte Mestre Dimus de Bolongne qui sur ce ha escript et ha fait la anathomie maintes fois. Et mon mestre, Mestre Bertuces, par ceste maniere il asseoit homme mort sur ung banc et en faisoit quatre lessons: les membres nutritifz, les membres espirituelz, les membres qui ont ame. En la quarte, il tratoit des extremités" (nach Meister Dimus von Bologna, der darüber geschrieben hat und Leichensezierungen etliche Male durchgeführt hat. Mein Lehrer, Meister Bertuces, legte den toten Menschen auf eine Bank und erteilte daran vier Lektionen: die vom Blut und die vom Geist genährten Organe, die Organe, die eine Seele besitzen. In der vierten Stunde behandelte er die Extremitäten). Ein weiteres Beispiel ist die Leichensektion in der Handschrift der Grande Chirurgie des Gui de Chauliac, Bibliothèque Fac. Méd. Montpellier H 184 f°15v° (2. Drittel 15. Jh.)
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Die Grande Chirurgie, Text aus dem Jahre 1370, Hs. Bibl. de la Faculté de Médecine de Montpellier n° H 184, 2. Drittel 15. Jh., zeigt, dass anatomische Studien im Mittelalter durchaus stattfanden.
Die Rolle des Gehirns im mittelalterlichen Denken
Für die Philosophen des Altertums spielte das Gehirn unter den menschlichen Organen nur eine Nebenrolle. Sitz von Geist und Seele sahen sie im Herzen. Im Mittelalter führte man Nervenkrankheiten auf den Einfluss von Dämonen zurück.
Fortschritte in der Neurologie
Erst in der Renaissance begann man durch das Sezieren von Leichen den menschlichen Körper systematisch zu erforschen. Davon profitierte auch die Neurologie. Die erste genaue Beschreibung des Gehirns wurde aber erst 1644 von Thomas Willis verfasst. Antony van Leeuwenhoek konnte mit seinem Mikroskop erstmals den Aufbau von Nerven untersuchen und beschreiben; sie stellten sich als ein Bündel von einzelnen Fasern dar.
Das Ventrikelsystem als Sitz des Geistes
Die alten Griechen glaubten, dass das Ventrikelsystem im Gehirn der Sitz des menschlichen Geistes und der Seele sei. Diese Vorstellung hielt sich bis ins Mittelalter. Das Ventrikelsystem besteht aus vier Kammern, die sich einzelnen Abschnitten des Gehirns zuordnen lassen und die mit römischen Zahlen durchnummeriert sind. In den beiden Hemisphären liegen die zwei Seitenventrikel, Nummer I und II. Sie entsprechen dem Helm des Aliens, werden in Lehrbüchern aber auch oft mit einem Horn verglichen. Beide Kammern gliedern sich in das ausufernde Vorderhorn (Cornu frontale) im Stirnlappen, den schmaleren, bogenförmigen Mittelteil (Pars centralis) im Scheitellappen, das kleine, nach hinten zeigende Hinterhorn (Cornu occipitale) im Hinterhauptlappen und das seitlich nach vorn laufende Unterhorn (Cornu temporale) im Schläfenlappen. Dieses letztere grenzt nach unten hin an den Hippocampus, die anderen Abschnitte werden nach oben vom Corpus callosum, nach unten vom Thalamus begrenzt. Der dritte Ventrikel ist ein enger und hoher, spaltförmiger Raum. Er bildet den Kopf des Aliens und lässt sich dem Zwischenhirn zuordnen. Dabei stößt er an den Thalamus, den Epithalamus und den Hypothalamus. Wenn sich rechter und linker Thalamus berühren - an der Adhaesio interthalamica -, entsteht eine rundliche Aussparung im dritten Ventrikel: das Auge des Außerirdischen. Der Hohlraum läuft in vier schmale, längliche Ausbuchtungen aus - zwei im Gesicht des Aliens, zwei am Hinterkopf. Der vierten Ventrikel schlussendlich liegt zwischen Hirnstamm - genauer Medulla oblongata und Pons - einerseits und dem Kleinhirn andererseits. Er bildet den Körper des Aliens mit den beiden Ärmchen. An deren offenen Enden, den Aperturae laterales, sind sie zum äußeren Liquorraum zwischen innerer und mittlerer Hirnhaut geöffnet - besagtem „Puffer“ zum Schädelknochen. Eine weitere solche Verbindung bildet die Apertura mediana - sozusagen das Stummelschwänzchen des Aliens. Der vierte Ventrikel setzt sich nach unten hin in den Zentralkanal des Rückenmarks fort. Die vier Ventrikel stehen miteinander in Kontakt. Zum einen verbinden zwei kurze Ausbuchtungen, die Foramina interventricularia, je einen Seitenventrikel mit dem dritten Ventrikel. Ob nun Widderhorn oder Alienhelm: Hier sind sie am Kopf des Aliens angewachsen. Dessen langer Hals ist eigentlich die „Wasserleitung des Mittelhirns“, der Aquaeductus mesencephali. Durch ihn gelangt der Liquor vom dritten in den vierten Ventrikel.
Leonardo da Vinci: Ein Pionier der anatomischen Zeichnung
Leonardo da Vincis anatomische Zeichnungen sind ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Anatomie. Er leistete Pionierarbeit und schuf detaillierte Studien des menschlichen Körpers. Auch Leonardo da Vinci erforschte den menschlichen Körper mit großer Leidenschaft. Bei Nacht und Nebel steigt er über Friedhofsmauern, stiehlt Leichen und schleppt sie in sein Atelier. AB DEM 16. Jahrhundert widmete er sich intensiv der Anatomie.
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Die Zusammenarbeit mit Marcantonio della Torre
Schon Giorgio Vasari (1511 bis 1574), der die Künstler der Renaissance in umfassenden Lebensbeschreibungen würdigte, ging auf Leonardos anatomische Studien ein und wies dabei auf dessen Zusammenarbeit mit dem Arzt und Anatomieprofessor Marcantonio della Torre (1481 bis 1511) hin. Dieser, so Vasari, „war einer der Ersten, die damit begannen, die Wissenschaft der Medizin mithilfe der Lehren des griechischen Anatoms Galenus zu illustrieren, und auf diese Weise wahres Licht in die Anatomie brachten, die bis zu diesem Zeitpunkt von den tiefen Schatten der Unwissenheit verhüllt gewesen war. Leonardo befand sich auf dem Höhepunkt seiner anatomischen Forschungen, als er gegen 1510 in Pavia auf della Torre traf.
Leonardos methodisches Verständnis
Sorgfältig wägte Leonardo die grafischen Darstellungsmodi ab: Während er die Gebärmutter durchsichtig zeichnete, legte er die Luftröhre dreidimensional und vollplastisch an. Das Herz dagegen gab er im Schnitt wieder, und die Verdauungsorgane wie Magen und Darm ließ er zugunsten einer besseren Übersichtlichkeit ganz weg. Um den Muskelapparat des Fußes und des Unterschenkels darzustellen, setzte Leonardo ebenfalls auf die Kunst des Weglassens und extrahierte einfach das gesamte Knochengerüst, hätte dieses doch Struktur und Aufbau der Muskeln und Sehnen verunklärt. Indem er die Wirbelsäule in ihre Einzelbestandteile zerlegte, veranschaulichte er ihren Aufbau, der ansonsten erst umständlich hätte beschrieben werden müssen. „Leonardo selbst erklärte: ‚Durch diesen kürzesten Weg des Zeichnens von verschiedenen Seiten gibt man ein volles und wahres Wissen von ihnen‘“, zitiert Alessandro Nova den Künstler und Gelehrten.
Anatomie in der Renaissance: Ein neues Körperverständnis
Im Mittelalter galt der Körper als hinfällige Hülle der Seele. Die Renaissance preist dagegen die Schönheit der menschlichen Gestalt an. Sie steht im Zentrum einer ganzen Kunstepoche. Leonardo da Vinci und Michelangelo besuchen nicht nur Sektionen befreundeter Mediziner, sondern greifen selbst zum Skalpell - mit dem Ziel, Menschen noch naturgetreuer in der Kunst darzustellen.
Andreas Vesalius und die Revolution der Anatomie
Die wissenschaftliche Anatomie nimmt in der Renaissance mit dem Anatomen und Chirurgen Andreas Vesalius ihren Anfang. Der junge Medizin-Professor revolutioniert mit seinen umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen zum menschlichen Körper nicht nur die Anatomie, sondern indirekt die ganze Medizin. Dies zeigt auch das Titelblatt von Andreas Vesalius’ illustriertem Lehrbuch „De Humani Corporis Fabrica“ aus dem Jahre 1543.
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