Die Vorstellung, Gedanken zu lesen oder zu übertragen, fasziniert die Menschheit seit Langem. Was einst als reine Science-Fiction galt, rückt durch Fortschritte in der Neurowissenschaft und Technologie immer näher an die Realität heran. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Forschungen im Bereich Gehirn-Computer-Schnittstellen, Telepathie und die damit verbundenen ethischen und sicherheitstechnischen Herausforderungen.
Fortschritte in der Gehirn-Computer-Schnittstellentechnologie
Gedankenlesen mit EEG-Hauben
An der Technischen Universität Berlin experimentiert Professor Benjamin Blankertz mit EEG-Hauben, die Gehirnströme messen und Absichten erkennen können. Seine Forschungsgruppe kann abschätzen, ob jemand gleich seinen linken oder rechten Arm bewegen wird. Im Bereich der Automobilindustrie hat Blankertz in Zusammenarbeit mit Daimler ein System entwickelt, das die Absicht des Fahrers, zu bremsen, aus den Hirnströmen ableiten kann - etwa 130 Millisekunden bevor er das Pedal betätigt. Diese Technologie könnte theoretisch die Reaktionszeit verkürzen, indem das EEG-Signal direkt an die Bordelektronik weitergeleitet wird.
Sprachdekodierung aus Gehirnaktivität
Meta AI hat in Zusammenarbeit mit dem Basque Center on Cognition, Brain and Language (BCBL) eine Methode entwickelt, um Sprache aus nicht-invasiven Gehirnaufzeichnungen auszulesen. In einer Studie wurde Künstliche Intelligenz (KI) genutzt, um gesprochene Sätze anhand von Magnetenzephalographie (MEG) und Elektroenzephalographie (EEG) zu rekonstruieren. Die KI konnte bis zu 80 % der getippten Zeichen korrekt dekodieren, was oft zur vollständigen Rekonstruktion ganzer Sätze führte. MEG erwies sich dabei als doppelt so präzise wie EEG. Diese Fortschritte eröffnen neue Möglichkeiten für nicht-invasive Brain-Computer-Interfaces, insbesondere für Personen, die ihre Sprachfähigkeit verloren haben.
Telepathie über Distanz
Indische Forscher haben menschliche Gedanken in Datensätze umgewandelt und diese über eine Distanz von mehreren tausend Kilometern an den Empfänger durch Lichtblitze übermittelt. Diese sogenannte Brain-to-Brain Technologie beruht auf der elektromagnetischen Interaktion mit dem menschlichen Gehirn. Die Gedanken und die damit einhergehenden Gehirnströme wurden blitzschnell mit der Elektroenzephalographie-Kappe (EEG) gemessen und in einen Binärcode umgewandelt. Als Empfänger erwies sich ein Proband aus Frankreich, der die Nachricht auf dem Weg der transkraniellen Magnetstimulation (Lichtblitz-Darstellung) eindeutig interpretieren konnte.
Potenziale und Anwendungen
Medizinische Anwendungen
Die neuen Erkenntnisse können im Bereich der Medizin eingesetzt werden. Menschen, die nach einem Hirnschlag nicht mehr sprechen können, haben somit wieder die Chance, sich mit anderen gedanklich auszutauschen. Meta AI betont die Bedeutung von Open-Source-Initiativen, um den wissenschaftlichen Fortschritt zu beschleunigen. Durch die offene Bereitstellung von Modellen und Daten können Forscher weltweit zusammenarbeiten, um die Technologie weiterzuentwickeln und neue Anwendungen zu erschließen.
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Revolutionierung der Kommunikation
Giulio Ruffini ist fest davon überzeugt, dass diese Technologie die Art und Weise der Kommunikation zwischen den Menschen in der nahen Zukunft radikal verändern wird.
Wearables für die Gedankensteuerung
Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben ein Gerät vorgestellt, mit dem Nutzer „still“ - das heißt, ohne zu sprechen - mit Computern kommunizieren können. Das „beinahe-telepathische“ Wearable, das in Kooperation mit dem Bostoner Start-up Alterego entwickelt wurde und wie eine Art Hörgerät am Kopf getragen wird, erkennt neuromuskuläre Signale im Gesicht, etwa kleine Lippen- und Kehlkopfbewegungen, die dann von einer Software in Worte konvertiert werden. Auch gesunde Menschen können die Technik nutzen, etwa für Smartphone-freie Googlesuchen oder KI-Anfragen.
Chip-Implantate für Gelähmte
Elon Musk tüftelt mit seinem Start-up Neuralink an Hirn-Computer-Schnittstellen: wurde dem querschnittsgelähmten Patienten Noland Arbaugh ein Chip implantiert, der Gedanken in Computersignale überträgt. Mit dem Chip konnte der junge Mann ein Tablet bedienen, Nachrichten verschicken und sogar Videospiele spielen.
Ethische und sicherheitstechnische Bedenken
Schutz der Gedankenfreiheit
Die Entwicklung von Technologien, die Gedanken lesen können, wirft grundlegende Fragen nach der Freiheit des Denkens auf. Was passiert, wenn Maschinen unsere Absichten schneller erkennen als wir selbst? In einem Experiment haben Blankertz und Haynes festgestellt, dass Menschen ihre motorischen Absichten bis zu einem relativ späten Zeitpunkt noch ändern können. Eine Absichtenlesemaschine würde ihm diese Freiheit aber womöglich nehmen, wenn sie seine frühen Hirnsignale augenblicklich in die Tat umsetzte.
Gehirn-Hacking
Vor drei Jahren fegte ein Mediensturm über Ivan Martinovic hinweg, und die Journalisten verglichen seine Arbeit mit "Gehirn-Hacken". Dabei hat er nur das gemacht, was sein Job als Cyber-Security-Professor ist: nach Sicherheitslücken Ausschau halten. Martinovic wurde darauf aufmerksam, als er nach seiner Promotion an die Universität von Kalifornien in Berkeley ging. Da waren auf einmal diese EEG-Gadgets für Computerspiele im Umlauf. Für dreihundert Dollar konnte man sich ein kleines Gestell anschaffen, das die Gehirnströme misst. Die Geräte lesen Gehirnströme aus und stellen die Rohdaten beliebigen Apps zur Verfügung.
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Anfälligkeit für Spähangriffe
Martinovic und sein Team zeigten 30 Studenten auf dem Bildschirm ein Zahlenfeld mit den Ziffern 0 bis 9, wie man es am Geldautomaten sieht. Die Zahlen blinkten abwechselnd auf. Die Aufgabe lautete: Konzentrieren Sie sich auf die erste Ziffer Ihrer PIN. Jeweils knapp eine Drittelsekunde nachdem die richtige PIN-Ziffer aufblinkte, registrierte das EEG einen winzigen Impuls. Auf diese Weise konnten sie für 20 Prozent der Teilnehmer die erste PIN-Ziffer auf Anhieb korrekt erraten. Noch bessere Ergebnisse erzielten sie, als sie mit blinkenden Ausschnitten von Stadtplänen herausfinden wollten, in welchem Stadtteil jemand wohnt. Und den Geburtsmonat der Studenten tippten sie in 60 Prozent der Fälle auf Anhieb richtig. Betrüger könnten versuchen, Spähangriffe als spielerische Aufgaben zu tarnen.
Schutz der Privatsphäre
Neben der Dekodierung von Sprache bietet KI auch neue Perspektiven auf die neuronalen Mechanismen der Sprachproduktion. Durch die Analyse von MEG-Signalen konnten Forscher den genauen Zeitpunkt bestimmen, an dem Gedanken in Wörter, Silben und sogar einzelne Buchstaben umgewandelt werden. Die Studie zeigte, dass das Gehirn eine Abfolge von Repräsentationen erzeugt, beginnend mit der abstrakten Bedeutung eines Satzes bis hin zu den konkreten motorischen Aktionen, wie den Fingerbewegungen beim Tippen. Dieses Verständnis könnte dazu beitragen, KI-Systeme zu entwickeln, die menschliche Sprache natürlicher und effizienter verarbeiten. Trotz dieser Fortschritte stehen Forscher vor mehreren Herausforderungen. Die Dekodierungsgenauigkeit muss weiter verbessert werden, und die praktischen Anforderungen von MEG, wie die Notwendigkeit eines speziellen Raums und die Unbeweglichkeit der Probanden, schränken die Anwendung ein. Zukünftige Studien müssen auch untersuchen, wie diese Technologie Menschen mit Hirnverletzungen helfen kann. Darüber hinaus werfen solche Technologien ethische Fragen auf, insbesondere hinsichtlich des Schutzes der Gedankenprivatsphäre und der möglichen Manipulation von Gedanken. Es ist entscheidend, sicherzustellen, dass diese Technologien verantwortungsvoll entwickelt und eingesetzt werden.
Politische Entscheidungen
Michael Lauster vom Fraunhofer-Institut für naturwissenschaftlich-technische Trendanalysen in Euskirchen erinnert daran, dass es eine Konstante in der Entwicklung gibt: den Menschen. Er entwickelt sich so schnell nicht, und unsere Ausstattung ist eben noch die Anfangsausstattung, die Version 1.0 oder vielleicht im besten Fall 1.1. Wir können unsere Hardware und unser Betriebssystem nicht so schnell wechseln wie es unsere elektronischen Geräte tun. Die Frage, ob wir Brain-Computer-Interfaces zulassen wollen, ist keine technische, sondern eine politische Frage. Wir alle sind gefragt darüber mitzuentscheiden.
Telepathie und Quantenmechanik: Ein umstrittener Zusammenhang
Einige Esoteriker bedienen sich der Quantenmechanik, um übersinnliche Phänomene zu erklären. Besonders beliebt ist in diesem Zusammenhang die sogenannte Verschränkung, eine nicht-lokale Wechselwirkung, bei der atomare Teilchen selbst über kosmische Entfernungen in gewisser Weise verbunden bleiben. Bei Esoterikern ist die Versuchung mithin groß, die quantenmechanische Verschränkung zur Erklärung dessen zu benutzen, was man gemeinhin Gedankenübertragung oder Telepathie nennt. Anton Zeilinger hingegen ärgert sich, wenn man ihn dafür noch als eine Art Kronzeugen anführt: »Dass ein Bezug zwischen meiner Arbeit und der Homöopathie hergestellt wird, ist wissenschaftlich unbegründet.« Denn es gebe keinen Beweis, dass ein Wirkstoff Informationen in einer Lösung hinterlasse, in der er selbst nicht mehr enthalten sei.
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