Gehirne sind völlig überbewertet: Fakten und Denkfallen

Die menschliche Wahrnehmung ist fehleranfällig und anfällig für kognitive Verzerrungen. Niemand ist immun gegen diese Denkfallen, aber wer sie durchschaut, kann sie erkennen und vermeiden. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser Verzerrungen und bietet Strategien, um sie zu überwinden. Darüber hinaus wird die zunehmende Popularität von Diagnosen wie ADHS kritisch hinterfragt und die Rolle der Pharmaindustrie in diesem Zusammenhang beleuchtet.

Kognitive Verzerrungen und wie man sie vermeidet

Kognitive Verzerrungen sind systematische Denkfehler, die unsere Urteilsfähigkeit beeinträchtigen können. Hier sind einige Beispiele und Strategien, um sie zu vermeiden:

Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Der Bestätigungsfehler beschreibt die Tendenz, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen erfüllen. Um diesen Fehler zu vermeiden, ist es wichtig, aktiv nach widerlegenden Informationen zu suchen und verschiedene Standpunkte und Quellen zu betrachten. Fordern Sie sich selbst heraus, Ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und alternative Erklärungen zu finden. Suchen Sie nach objektiven Beweisen und validen Quellen, um Ihre Ansichten zu überprüfen. Diskutieren Sie mit anderen Menschen, um unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und Ihre Denkweise zu erweitern.

Verfügbarkeitsheuristik (Availability Heuristic)

Die Verfügbarkeitsheuristik führt dazu, dass wir uns bei Entscheidungen auf Informationen verlassen, die uns leicht zugänglich sind. Um diese Verzerrung zu vermeiden, sollten Sie sich bemühen, umfassende Informationen zu sammeln und nicht nur auf das zurückzugreifen, was Ihnen leicht zugänglich ist. Suchen Sie nach fundierten Daten und Fakten, anstatt sich nur auf persönliche Erfahrungen oder Anekdoten zu verlassen. Seien Sie sich bewusst, dass leicht verfügbare Informationen nicht unbedingt repräsentativ oder aussagekräftig sind.

Kontrollillusion (Illusion of Control)

Die Kontrollillusion ist die Neigung, zu glauben, dass man mehr Kontrolle über Ereignisse hat, als tatsächlich der Fall ist. Um diese Illusion zu überwinden, analysieren Sie Situationen und Ereignisse objektiv und beurteilen Sie, wie viel tatsächliche Kontrolle Sie über sie haben. Akzeptieren Sie, dass es Dinge gibt, die außerhalb Ihrer Kontrolle liegen, und entwickeln Sie einen realistischen Blick auf Ihre Einflussmöglichkeiten. Konzentrieren Sie sich auf die Dinge, die Sie tatsächlich beeinflussen können, und lernen Sie loszulassen, wenn es erforderlich ist.

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Rückschaufehler (Hindsight Bias)

Der Rückschaufehler lässt uns Ereignisse im Nachhinein als vorhersehbar erscheinen, obwohl dies zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht der Fall war. Um diesen Fehler zu vermeiden, reflektieren Sie die Informationen und Umstände, die zum Zeitpunkt der Entscheidungsfindung verfügbar waren, anstatt sich von nachträglichem Wissen beeinflussen zu lassen. Dokumentieren Sie Ihre Entscheidungsprozesse, um später Ihre eigene rationale Denkweise nachvollziehen zu können. Erinnern Sie sich daran, dass es in vergangenen Situationen oft verschiedene Möglichkeiten gab.

Ankerheuristik (Anchoring Effect)

Die Ankerheuristik beschreibt die Tendenz, sich bei Entscheidungen zu stark an einer ersten Information (dem "Anker") zu orientieren. Um diese Verzerrung zu vermeiden, seien Sie sich darüber im Klaren, dass der erste Eindruck oder die erste Information, die Sie erhalten, Ihre spätere Entscheidung beeinflussen kann. Versuchen Sie, unvoreingenommen und unabhängig von einem vorgegebenen Ankerpunkt zu denken und alternative Referenzpunkte zu finden. Überlegen Sie, welche Informationen und Daten tatsächlich relevant für Ihre Entscheidungen sind, anstatt sich zu sehr auf einen bestimmten Ausgangspunkt zu fixieren.

Negativitätsverzerrung (Negativity Bias)

Die Negativitätsverzerrung führt dazu, dass wir negativen Informationen mehr Gewicht geben als positiven. Um diese Verzerrung auszugleichen, geben Sie positiven Informationen und Ereignissen bewusst mehr Gewicht und achten Sie darauf, dass Sie nicht nur auf das Negative fokussiert sind. Üben Sie Dankbarkeit und konzentrieren Sie sich auf positive Aspekte, um Ihre Perspektive auszugleichen.

Dunning-Kruger-Effekt

Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt die Tendenz von inkompetenten Menschen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Um diesen Effekt zu vermeiden, seien Sie sich Ihrer eigenen Wissensgrenzen bewusst und erkennen Sie, dass es Bereiche gibt, in denen Sie möglicherweise weniger kompetent sind. Hören Sie aufmerksam auf die Meinungen und das Wissen anderer und respektieren Sie deren Fachkenntnisse. Setzen Sie sich mit Kritik und Feedback auseinander, bilden Sie sich kontinuierlich weiter und versuchen Sie, Ihre Fähigkeiten und Ihr Wissen realistisch einzuschätzen.

Halo-Effekt (Heiligenschein)

Der Halo-Effekt tritt auf, wenn wir von einer einzigen positiven Eigenschaft einer Person auf andere Eigenschaften schließen. Um diesen Effekt zu vermeiden, vermeiden Sie vorschnelle Schlussfolgerungen über eine Person aufgrund einzelner positiver Eigenschaften und suchen Sie nach weiteren Informationen und Belegen. Betrachten Sie Personen oder Situationen aus verschiedenen Perspektiven, um ein ausgewogenes Bild zu erhalten.

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Social-Proof-Effekt (Herdentrieb)

Der Social-Proof-Effekt beschreibt die Tendenz, sich an den Meinungen und Handlungen anderer zu orientieren. Um diesen Effekt zu vermeiden, hinterfragen Sie die Handlungen und Meinungen anderer kritisch und prüfen Sie, ob sie wirklich auf fundierten Informationen oder bloßem Konformismus basieren. Überlegen Sie unabhängig von der Meinung der Masse, was für Sie persönlich angemessen und richtig ist.

Verzerrungsblindheit (Blind-spot-Bias)

Die Verzerrungsblindheit ist die Tendenz, zu glauben, dass man selbst weniger anfällig für kognitive Verzerrungen ist als andere. Um diese Verzerrung zu vermeiden, seien Sie sich bewusst, dass auch Sie von kognitiven Verzerrungen betroffen sein können und dass Ihre Wahrnehmung nicht immer objektiv ist. Hören Sie auf Feedback von anderen und betrachten Sie alternative Sichtweisen, um Ihre eigenen Verzerrungen zu erkennen und anzugehen.

Der Menschliche Faktor: Fehlentscheidungen in der Medizin

In der Medizin spielen menschliche Fehlentscheidungen eine bedeutende Rolle. Schätzungen zufolge sind 70-80 % aller Fehler auf menschliche Ursachen zurückzuführen. Dies unterstreicht die Bedeutung des Verständnisses und der Minimierung des Einflusses kognitiver Verzerrungen und anderer menschlicher Faktoren auf medizinische Entscheidungen.

Fallbeispiele

Zwei Fallbeispiele verdeutlichen die potenziellen Konsequenzen von Fehlentscheidungen in der Medizin:

  1. Verspätete Therapie: Ein alkoholisierter Patient mit Nackenbeschwerden und Kribbeln im Daumen wurde zunächst internistisch behandelt. Die Lähmungen beider Arme wurden nicht frühzeitig als instabile Halswirbelfraktur erkannt. Die verzögerte Stabilisierung der Halswirbelsäule führte zu permanenten Lähmungserscheinungen.
  2. Tödliche Fehldiagnose: Ein Kind mit Bauchschmerzen und Erbrechen wurde mit Schmerzzäpfchen nach Hause geschickt. Die nicht erkannte Blinddarmperforation führte zum Tod des Kindes.

Diese Fälle zeigen, dass selbst bei vorhandener Diagnostik menschliche Fehlurteile zu schwerwiegenden Konsequenzen führen können.

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Ursachen für Fehlentscheidungen

Mehrere Faktoren tragen zu Fehlentscheidungen in der Medizin bei:

  • Ökonomischer Druck und Ressourcenknappheit: Zeitknappheit, überfüllte Notaufnahmen und Personalmangel erhöhen das Risiko von Fehlern.
  • Entscheidungen treffen in Unsicherheit: Im Gegensatz zur Luftfahrt fehlen in der Medizin oft eindeutige Indikatoren, was die Entscheidungsfindung erschwert.
  • Kognition, Automatismen & Heuristiken: Urteilsheuristiken und kognitive Verzerrungen beeinflussen das Denken von Ärzten und können zu Fehlurteilen führen.

Heuristiken und ihre Fallen

Heuristiken sind mentale Abkürzungen, die uns helfen, schnell Entscheidungen zu treffen. Sie können jedoch auch zu Fehlern führen. Einige Beispiele für Heuristiken und ihre potenziellen Fallen sind:

  • Verfügbarkeitsheuristik: Diagnosen werden bevorzugt innerhalb des eigenen Beurteilungsrahmens gestellt ("Hammer-Nagel-Prinzip").
  • Affektheuristik: Emotionen beeinflussen die Aufmerksamkeit und Sorgfalt bei der Untersuchung von Patienten.
  • Ankerheuristik: Suggestive Hinweise führen dazu, dass sich Ärzte auf einen bestimmten Bereich begrenzen und wichtige Differentialdiagnosen übersehen.
  • Selbstüberschätzung (Selfconfidence) und Confirmation Bias: Eigene Entscheidungen werden überbewertet, während die Meinungen anderer weniger Gültigkeit zugesprochen wird.
  • Konsistenzbestreben: Informationen, die nicht zum bisherigen Vorgehen passen, werden ignoriert.
  • Framing: Die Art und Weise, wie Informationen präsentiert werden, beeinflusst die Interpretation.
  • Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses: Fehlende Informationen werden mit falschen Erinnerungen aufgefüllt.

Das SHELL-Modell

Das SHELL-Modell berücksichtigt den Menschen als zentralen Akteur in Interaktion mit seinem Arbeitsumfeld. Es besteht aus den Komponenten Software (Richtlinien, Verfahren), Hardware (Instrumente, Werkzeuge), Environment (finanzielle Bedingungen) und Liveware Team (andere beteiligte Individuen). Eine gute Passung zwischen dem Menschen und den anderen Systemkomponenten ist entscheidend für eine effiziente Arbeitsleistung.

Systemfaktoren und individuelle Faktoren

Das Krankenhausmanagement sollte das Arbeitsumfeld so gestalten, dass der Mensch darin sicher und möglichst fehlerfrei arbeiten kann. Dazu gehören benutzerfreundliche Arbeitsmaterialien, ein stressfreies Arbeitsumfeld, klare Prozesse und die Förderung der Mitarbeiterentwicklung.

Systematisierung der Entscheidungsprozesse: FORDEC

Das FORDEC-Verfahren aus der Luftfahrt hilft dabei, Entscheidungsprozesse systematisch abzuarbeiten:

  • F (Facts): Sammeln der Fakten
  • O (Options): Prüfen der Optionen
  • R (Risks and Benefits): Abwägen der Risiken und Vorteile
  • D (Decision): Zu einer Entscheidung kommen
  • E (Execution): Ausführen der Entscheidung
  • C (Cross-Check): Kontrolle, ob die Entscheidung zum erwünschten Ziel geführt hat und ggf. Korrektur der Entscheidung

Choosing Wisely Initiative

Die "Choosing Wisely" Initiative fordert Mediziner auf, zu reflektieren, welche Entscheidungen wirklich auf medizinischer Evidenz basieren und welche auf unreflektiertem Routinewissen. Ziel ist es, unnötige Untersuchungen und Therapien zu vermeiden.

Fazit

Um die Diagnosegenauigkeit und Therapie zu optimieren, ist es entscheidend, Sicherheitsmechanismen in die medizinischen Prozesse einzubauen und die Rolle des menschlichen Faktors zu akzeptieren. Dazu gehören das Einholen von Zweitmeinungen und die Methodik einer partizipativen Entscheidungsfindung.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im kritischen Blick

Die Diagnose ADHS hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Dies wirft die Frage auf, ob tatsächlich mehr Menschen an ADHS leiden oder ob die Diagnosekriterien zu weit gefasst sind und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle spielen.

Die Geschichte der ADHS

Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, gibt es erst seit 1980. Frühere Bezeichnungen waren "minimaler Gehirnschaden" (MBD) oder "minimale Gehirndysfunktion". Interessanterweise konnte man nie zeigen, was im Gehirn von Menschen mit ADHS anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das "Wissenschaft" nennen?

Symptome und Diagnose

Die ADHS-Diagnose basiert auf Symptomlisten, die sich auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten beziehen. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs von neun Symptomen eines Typs vorliegen. Dies führt zu einer Vielzahl von möglichen ADHS-Formen.

Zweifelhafte Symptome und neue Störungsbilder

Einige der (angeblichen) ADHS-Symptome sind fragwürdig. Zum Beispiel wird oft erwähnt, dass es schwerfällt, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben. Dies ist jedoch kein offizielles Diagnosekriterium und könnte auch als normale Reaktion auf mangelndes Interesse interpretiert werden.

Darüber hinaus gibt es Bestrebungen, neue Störungsbilder wie "Denken im Schneckentempo" (SCT) oder "Konzentrationsdefizitstörung" (CDD) einzuführen. Es stellt sich die Frage, ob es sich hierbei um tatsächliche Störungen handelt oder ob normale Variationen menschlichen Verhaltens pathologisiert werden.

Kurzschlüsse und Verdinglichung

Oft wird argumentiert, dass ADHS das Verhalten beeinflusst. Dies ist jedoch ein Denkfehler: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit oder Traurigkeit werden als ADHS oder Depression bezeichnet, nicht umgekehrt.

Sätze wie "mein ADHS macht mich unaufmerksam" machen aus der Diagnose ein Ding mit eigenen kausalen Kräften. Dies wird als "Verdinglichung" bezeichnet und grenzt an Magie.

Symptome und Ursachen

Es ist wichtig, die Umdeutung von Leiden oder Problemen im Alltag in eine Diagnose zu verstehen. Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Die Diagnose wird dann oft als Erklärung für die Probleme herangezogen, obwohl sie diese lediglich beschreibt.

Die Rolle der Pharmaindustrie

Es gibt Bedenken hinsichtlich des Einflusses der Pharmaindustrie auf die Definition und Diagnose von psychischen Störungen. Die Mehrheit der führenden Psychiaterinnen und Psychiater erhält Gelder von der Pharmaindustrie, die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.

Kritik an Haynes' und Eckoldts "Fenster ins Gehirn"

Das Buch "Fenster ins Gehirn" von John-Dylan Haynes und Matthias Eckoldt wird kritisiert, weil es irreführende Aussagen über die Verbreitung des Dualismus und die Möglichkeiten der Hirnforschung enthält. Die Autoren vermischen Aussagen über das Sein und über unsere Erkenntnis und begehen somit einen Fehlschluss.

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