Kurt Eichenwalds Epilepsie-Fall: Ein GIF als "tödliche Waffe" und die Risiken der Fotosensibilität

Einführung

Der Fall des US-amerikanischen Journalisten Kurt Eichenwald hat die Diskussion um die Gefahren von Fotosensibilität bei Epilepsie neu entfacht und die Frage aufgeworfen, ob ein animiertes GIF als "tödliche Waffe" eingestuft werden kann. Dieser Artikel beleuchtet den Fall Eichenwald, die Hintergründe der fotosensitiven Epilepsie und die potenziellen Risiken im digitalen Zeitalter.

Der Fall Kurt Eichenwald: Ein gezielter Angriff

Kurt Eichenwald, Journalist bei Newsweek und der New York Times, leidet seit 20 Jahren an Epilepsie. Im Dezember 2016 wurde er Opfer eines gezielten Angriffs über den Kurznachrichtendienst Twitter. John Rayne Rivello schickte Eichenwald ein animiertes GIF, das stroboskopartige Lichtmuster enthielt. Dieses GIF löste bei Eichenwald einen epileptischen Anfall aus, der ihn mehrere Tage arbeitsunfähig machte und Schwierigkeiten beim Sprechen und der Bewegung seiner linken Hand verursachte.

Rivello hatte zuvor in Tweets seine Absicht geäußert, Eichenwald zu verletzen oder sogar zu töten. Er schrieb unter anderem: "Ich hoffe, das löst einen Anfall bei ihm aus" und "Ich habe [Eichenwald] damit gespammt, mal sehen ob er stirbt". Das FBI fand auf Rivellos Computer Material über Epilepsie und wie man einen Anfall auslösen kann. Rivello äußerte sich abfällig über Eichenwalds Kritik an dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump und äußerte antisemitische Motive.

Das Urteil: Ein GIF als "tödliche Waffe"

Eine Grand Jury in Texas stufte das animierte GIF im Fall Eichenwald als "tödliche Waffe" ein, da es bewusst eingesetzt wurde, um eine Verletzung herbeizuführen. Diese Entscheidung ist im amerikanischen Recht bisher einmalig. Rivello wurde wegen Cyberstalking angeklagt.

Fotosensitive Epilepsie: Wenn Licht zum Auslöser wird

Die fotosensitive Epilepsie ist eine spezielle Form der Epilepsie, bei der Anfälle durch Lichtreize ausgelöst werden. Diese Reize können beispielsweise durch Flackerlicht, schnell wechselnde Hell-Dunkel-Kontraste oder bestimmte geometrische Muster verursacht werden.

Lesen Sie auch: Ihr Neurologe in Erlangen: Dr. Kurt

Wie funktioniert das?

Bei Menschen mit fotosensitiver Epilepsie reagiert das Gehirn besonders empfindlich auf regelmäßig wechselnde Hell-Dunkel-Kontraste. Nur etwa 5 % aller Menschen mit Epilepsie zeigen bei der Stimulation mit Lichtreizen epilepsietypische Veränderungen im EEG (sogenannte photoparoxysmale Reaktion - kurz PPR). Bei etwa 70 % dieser fotosensiblen Patienten können durch spezielle Lichtreize Anfälle ausgelöst werden.

Der Hirnforscher Niels Birbaumer erklärt, dass vor allem Lichtblitze mit einer Frequenz von etwa sieben Hertz (sieben Blitzen pro Sekunde) gefährlich sind. Die Ursachen für fotosensitive Epilepsie können vielfältig sein: Sie kann angeboren sein, aber auch durch Verletzungen oder Fieber entstehen.

Risikofaktoren und Auslöser

Glitzernde Wasseroberflächen und Autofahrten durch Alleen können für Menschen mit Fotosensibilität genauso bedenklich sein wie schnelle Bildwechsel mit harten Hell-Dunkel- oder Rot-Blau-Kontrasten und geometrischen Mustern (z. B. Streifen) in Filmen, Computerspielen und animierten Bildern.

Therapie und Prävention

Die beste Langzeittherapie für fotosensitive Epilepsie ist laut Birbaumer die Neurofeedbacktherapie. Dabei lernen die Betroffenen, ihre Anfälle bei Lichtblitzen zu unterdrücken.

Zur Prävention sollten Menschen mit Fotosensibilität potenziell gefährliche Lichtreize vermeiden. Hilfreich können auch spezielle Brillen mit Filtern sein.

Lesen Sie auch: Arzt für Neurologie am Kurt-Schumacher-Platz

Epilepsie im digitalen Zeitalter: Neue Gefahren durch GIFs und Videos

Im digitalen Zeitalter entstehen für Menschen mit fotosensitiver Epilepsie neue Gefahren durch animierte GIFs und Videos, die über verschiedene Kanäle verbreitet werden können. Diese können sich häufig automatisch abspielen, ohne dass der Nutzer dies beeinflussen kann.

Moderne Bildschirme und ihre Auswirkungen

Moderne Computerbildschirme und Fernseher arbeiten in der Regel mit höheren Bildwechselfrequenzen (100 Hz oder mehr) als ältere Röhrengeräte (50 Hz). Dadurch sind sie bauartbedingt unbedenklicher für Menschen mit Epilepsie. Dennoch sollten auch hier bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden.

Empfehlungen für den Umgang mit digitalen Medien

  • Bildschirmhelligkeit anpassen: Eine zu hohe Bildschirmhelligkeit kann die Augen zusätzlich belasten und das Risiko von Anfällen erhöhen.
  • Abstand zum Bildschirm einhalten: Ein ausreichender Abstand zum Bildschirm kann die Belastung durch Lichtreize reduzieren.
  • Raum gut ausleuchten: Eine gute Raumbeleuchtung kann die Kontraste zwischen Bildschirm und Umgebung verringern.
  • Automatische Downloads deaktivieren: Um unerwartete Lichtreize durch GIFs oder Videos zu vermeiden, sollten automatische Downloads deaktiviert werden.
  • Anhänge von unbekannten Absendern nicht öffnen: Sicherheitshalber sollten Anhänge von unbekannten Absendern gar nicht erst geöffnet bzw. vor dem Öffnen von Dritten prüfen zu lassen.

Epilepsie: Ein Stigma?

Niels Birbaumer betont, dass Epilepsie in der Gesellschaft immer noch als Makel wahrgenommen wird: "Epilepsie gilt immer noch als ein Makel, als eine geistige Erkrankung. Deswegen halten sich die Leute da zurück." Es ist wichtig, das Bewusstsein für Epilepsie zu schärfen und Vorurteile abzubauen, um Betroffenen ein offenes und unterstützendes Umfeld zu ermöglichen.

Epilepsie: Mehr als nur Lichtempfindlichkeit

Es ist wichtig zu betonen, dass die fotosensitive Epilepsie nur eine von vielen Formen der Epilepsie ist. Die meisten Menschen mit Epilepsie sind nicht lichtempfindlich und können problemlos Computerarbeit verrichten oder fernsehen.

Gelegenheitsanfälle: Wenn auch Nicht-Epileptiker betroffen sind

Auch Menschen, die nicht an Epilepsie erkrankt sind, können einen Anfall erleiden. Dabei gerät das Zusammenspiel von elektrischen und chemischen Signalen im Körper durcheinander, viele Nervenzellen entladen sich gleichzeitig und reizen einzelne Hirnregionen oder beide Hirnhälften. Je nach betroffener Gehirnregion fällt die Reaktion unterschiedlich aus. Solange der Anfall jedoch nur einmalig passiert, ist von einem „Gelegenheitsanfall“ die Rede. Etwa fünf bis zehn Prozent aller Menschen erfahren dies einmal im Leben.

Lesen Sie auch: Ihr Neurologe in Lünen: Ein Überblick

Ein Blick zurück: Der Pokémon-Vorfall in Japan

Ein Beispiel aus Japan zeigt, wie heikel das Thema Lichtempfindlichkeit sein kann. Im Jahr 1997 erlitten mehrere Hundert Kinder einen Anfall, als sie einen Pokémon-Cartoon im Fernsehen sahen. Daraufhin legte das Land Richtlinien fest, um weitere Vorfälle zu vermeiden.

tags: #kurt #eichenwald #epilepsy