Einführung
Die Auswirkungen von Sex und sexueller Aktivität auf die Gesundheit sind ein viel diskutiertes Thema. Studien haben gezeigt, dass sexuelle Aktivität sowohl positive als auch potenziell negative Auswirkungen auf verschiedene Aspekte der Gesundheit haben kann, darunter das Herz-Kreislauf-System, die psychische Gesundheit und sogar das Gehirn. Dieser Artikel untersucht die komplexen Zusammenhänge zwischen sexueller Aktivität, Gehirnfunktion und Gesundheit, wobei sowohl die Vorteile als auch die Risiken berücksichtigt werden.
Sexuelle Aktivität und ihre positiven Auswirkungen auf die Gesundheit
Stressabbau und psychisches Wohlbefinden
Befriedigender Sex kann gegen Alltagsstress helfen. Das wurde jetzt erneut durch eine Studie bestätigt. Ein weiteres Ergebnis war, dass körperliche Liebe nicht nur für mentale Erholung sorgt, sondern auch gesundheitsfördernd ist. "Sex als Teil einer Beziehung verbessert das geistige und seelische Wohlbefinden bei Männern und Frauen", sagte die kanadische Paar- und Sexualtherapeutin Kristina Towill dem Magazin. Seit Jahren weisen Experten immer wieder darauf hin, wie wichtig und gesund ein erfülltes Sexualleben ist. "Paare mit einem aktiven Liebesleben sind glücklicher als solche, die nicht oder nicht mehr beziehungsweise selten intim werden", so Towill.
Körperliche Gesundheit
Regelmäßiger Sex kann vor Herzerkrankungen schützen. In Großbritannien wurden 900 Männer zwischen 45 und 59 Jahren über einen Zeitraum von zehn Jahren beobachtet - Probanden mit weniger als zwei Orgasmen pro Woche starben doppelt so häufig an Herz-Kreislauf-Schwäche und anderen Erkrankungen als die aktiveren Männer. Offenbar kann Sex auch einen beginnenden Migräneanfall stoppen. Bei einer Studie im US-Bundesstaat Illinois berichteten elf von 34 Testpersonen, ganz oder teilweise schmerzfrei gewesen zu sein, nachdem sie zum Höhepunkt gekommen waren. Die Forscher gehen davon aus, dass die beim Liebesakt ausgeschütteten Endorphine wie ein Schmerzmittel wirken. Eine ähnliche lindernde Wirkung durch Sex ergab sich bei Arthritisschmerzen und Menstruationskrämpfen. So leiden Frauen, die wenigstens einmal wöchentlich mit dem Partner intim sind, seltener unter Zyklus- und Fruchtbarkeitsstörungen sowie Wechseljahresbeschwerden als Frauen, die unregelmäßig oder keinen Sex haben.
Verjüngungseffekt
Sex hält jung und macht schöner. "Eine erfüllte und glückliche Beziehung mit sexueller Vertrautheit tut uns gut", betont John Bancroft, Leiter des Instituts für Sexual-, Geschlechts- und Reproduktionsforschung im US-Bundesstaat Indiana. Demnach werden Menschen, die mindestens dreimal pro Woche Sex als Teil einer ausgefüllten Partnerschaft praktizieren, im Allgemeinen bis zu zehn Jahre jünger geschätzt als Altersgefährten, die zweimal pro Woche intimen Verkehr mit ihrem Partner haben.
Neurowissenschaftliche Aspekte der sexuellen Aktivität
Verliebtsein und Gehirnchemie
Wenn wir frisch verliebt sind, dreht sich alles nur noch um die eine wichtige Person in unserem Leben. Warum wir uns so verhalten, versuchen Forschungsteams seit Jahrzehnten zu ergründen. Liebe macht sprichwörtlich blind. Insbesondere frisch Verliebte neigen dazu, den geliebten Menschen auf ein Podest zu stellen: Er wird idealisiert, alle Gedanken kreisen um ihn, man möchte ihm körperlich nah sein und seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllen. Das überschäumende anfängliche Verliebtsein ist mit neuronaler Aktivität in Hirnbereichen verbunden, die etwa bei Belohnung und Motivation, Emotionen sowie sexuellem Verlangen und Erregung involviert sind. "Menschen, die romantische Liebe erleben, zeigen eine Reihe von Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen, die auf eine gesteigerte BAS-Aktivität hindeuten", heißt es in der Studie von Adam Bode von der Australien National University in Canberra und Phillip Kavanagh von der University of Canberra. "Dass wir geliebten Menschen eine besondere Bedeutung zukommen lassen, liegt am Zusammenspiel der Hormone Oxytocin und Dopamin, die unser Gehirn freisetzt, wenn wir verliebt sind", erläuterte Kavanagh. "Im BAS sorgen diese Hormone dafür, dass soziale Reize - wie etwa der oder die Geliebte - stärker wahrgenommen werden. "Ein heftig verliebtes Gehirn ist einem besonderen neurochemischen Cocktail ausgesetzt. Der Zustand ist ein wenig wie unter Drogeneinwirkung", erklärte Christian Weiss, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. "Diese Veränderung im Botenstoff- und Hormonhaushalt kann auch mit risikobereiterem Verhalten einhergehen. Das bestätigt auch Paartherapeut Eric Hegmann, der seit Jahren Studien zum Thema romantische Liebe begleitet: "Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das Belohnungssystem von Liebenden vergleichbare Reaktionen zeigt wie beim Konsum. Verliebtsein lässt sich nicht nur mit der Wirkung von Drogen vergleichen, sondern weist sogar Parallelen mit einer Zwangsstörung auf. "In bestimmten Hirnregionen kann man sowohl bei Verliebten als auch bei Menschen mit einer Zwangsstörung erhöhte Aktivitätsmuster beobachten. Diese Bereiche sind Teil des Belohnungssystems und werden mit Gefühlen der Euphorie und Motivation verbunden", erklärt Christian Weiss. Studien haben gezeigt, dass die Gehirnaktivitäten in der frühen Phase der Verliebtheit bei jüngeren und älteren Menschen ganz ähnlich sind, so Weiss. Wer glücklich verliebt ist, handelt zwar manchmal etwas neben der Spur, ist aber oft auch selbstbewusster, mutiger und zufriedener.
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Der weibliche Orgasmus im Gehirn
Studien, die die Hirnaktivität von Männern wie Frauen während sexueller Anregung messen, gibt es vergleichsweise viele. Doch Studien zur Hirnaktivität während des Orgasmus gibt es kaum. Der Grund ist pragmatisch: Um die Hirnaktivität über einen gewissen Zeitraum zu messen, müssen Probanden in einem Hirnscanner liegen. Und: Möglichst still liegen. Vor allem der Kopf, der gescannt wird, muss dabei ganz starr bleiben. Schwierig, wenn man dabei einen Orgasmus bekommen soll. Für die Experimente gelang es den Wissenschaftlern mit Hilfe einer speziellen Kopfstütze dennoch, verwertbare Daten zu erhalten. Zehn heterosexuelle Probandinnen befriedigten sich dabei zunächst selbst und wurden in einer zweiten Sitzung von ihrem Partner zum Orgasmus gebracht. Es stellte sich heraus, dass während des Orgasmus insbesondere die Region des Hirnstamms aktiv war, in der Serotonin ausgeschüttet wird und die mit der Schmerzkontrolle zusammenhängt. Die gescannten Gehirne waren im Vorfeld zum Orgasmus sehr rege. Die amerikanischen Wissenschaftler hatten ein genaueres Verfahren genutzt, ein Verfahren mit dem nicht nur Schnappschüsse, sondern Aufnahmen über einen gewissen Zeitraum gemacht werden konnten. Dopamin aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn massiv, dadurch geraten wir in einen Rausch der Euphorie. Einen großen Anteil an der rauschhaften Euphorie von Verliebten hat das Noradrenalin. Der in der Nebenniere gebildete Neurotransmitter hebt auch die Laune, erhöht unsere Aufmerksamkeit, vertreibt Hunger und Müdigkeit und dämpft Schmerzen. Wie körpereigene Schmerzmittel wirken die so genannten Endorphine. Beim Sex fördern sie die Entspannung und helfen so vor allem Frauen, zum Höhepunkt zu gelangen. Dreh- und Angelpunkt unserer Lust ist der Hypothalamus. Die Hirnregion stellt eine Verbindung zwischen Nervensystem und Hormonen her. Berührungssignale beim Sex steigern seine Aktivität stetig weiter - bis sie in der Freisetzung großer Mengen des Bindungshormons Oxytozin beim Orgasmus gipfelt. Nach dieser Entladung nimmt die Aktivität des Hypothalamus schlagartig ab. Zwei Hirnbereiche, der Nucleus accumbens und der Nucleus caudatus, sowie der Botenstoff Dopamin regulieren Motivation und Lust. Sie reagieren auf ganz unterschiedliche Reize und lassen uns nach den verschiedensten Belohnungen streben: einem guten Essen etwa, Geld - oder einer Droge die direkt auf die Dopamin-Ausschüttung im Hirn wirkt. Bei Frauen, so berichteten niederländische Forscher, sei die Amgydala während des Höhepunkts regelrecht lahmgelegt.
Die Rolle des Gehirns beim Sex
Wenn wir Sex haben, scheint zwar der Unterleib die Regie zu übernehmen - doch dieser Eindruck täuscht. Erst durch ein komplexes Zusammenspiel von Nervenzellen und Botenstoffen wird aus der Turnstunde ein leidenschaftliches Erlebnis. Eine wichtige Rolle spielen diverse als Neurotransmitter bezeichnete Botenstoffe. Vorm Höhepunkt schalten sich auch bei der Frau bestimmte Hirnareale ab, vor allem Teile des so genannten Frontallappens, der "Kontrollinstanz" im Kopf. Niederländische Forscher haben zwei Zentren ausgemacht, die nicht aktiv sein sollten, wenn "sie" einen Orgasmus erleben will: Der linke orbitofrontale Kortex, der für die Triebkontrolle und Selbstbeherrschung verantwortlich ist, sowie der dorsomediale Präfrontalkortex.
Küssen und Partnerwahl
Die erste wichtige Hürde im Annäherungsprozess ist das Küssen. Tausende von Nervenzellen schicken die dabei entstehenden Berührungsreize von Lippen, Zunge und Mund an den so genannten somatosensorischen Kortex, einem Teil der Großhirnrinde, der diese Informationen verarbeitet. Studien zeigen, dass sich viele Menschen schon einmal zu einem Partner hingezogen fühlten - bis es zur Berührung von Lippen und Zunge kam und jegliches Verlangen erlosch. Warum das im einen Fall passiert und im anderen nicht, weiß bis heute niemand. Dass Küssen (auch) dem Sondieren potentieller Geschlechtspartner dient, ist plausibel. Zum einen können wir beim Küssen gleich mehrere Eindrücke vom Partner unmittelbar wahrnehmen: seinen Blick, seinen Geruch, seinen Atem und - vielleicht - das eine oder andere zärtlich geflüsterte Wort.
Hemmung sexuellen Verlangens
Es gibt Hinweise darauf, dass einige Hirnregionen beim Sex ruhig werden - solche nämlich, die unser Verhalten und unsere Erregung im Alltag gezielt bremsen oder unterdrücken. Einer Studie französischer Wissenschaftler zufolge scheint etwa der Gyrus rectus im linken Stirnlappen das sexuelle Verlangen zu hemmen. Sie untersuchten gesunde Männer und solche, die - aus ungeklärten Gründen - für sexuelle Reize unempfänglich waren. Als die Forscher den gesunden Männern erotische Videos präsentierten, nahm die Aktivität im Gyrus rectus deutlich ab.
Sexuelle Dysfunktion bei neurologischen Erkrankungen
Auswirkungen neurologischer Erkrankungen auf die Sexualität
Drei von vier Patienten, die vorher sexuell aktiv waren, berichten nach dem Insult von einer Beeinträchtigung ihrer Sexualität. Die Libido kann sich vermindern, Erektion, Lubrikation und Ejakulation können gestört sein. Bei vielen Patienten mit Temporallappenepilepsie, auch hier vor allem bei rechtsseitigem Fokus, ist eine Hyposexualität zu beobachten, selbst bei solchen, die keine antikonvulsive Therapie bekommen haben. Betroffene berichten über geschwundenes sexuelles Verlangen. Oft empfinden sie ihre Sexualität als unbefriedigend. 60 Prozent der erkrankten Männer leiden an Erektionsstörungen, zudem treten Ejakulations- und Orgasmusstörungen auf. Das häufigste Symptom von Frauen ist die verminderte Orgasmusfähigkeit. Viele Polyneuropathien gehen mit einer Dysfunktion des autonomen Nervensystems einher. So ist unter Diabetikern mit dem Fortschreiten der Erkrankung eine immer höhere Prävalenz von Erektionsstörungen zu verzeichnen - nach zehn Jahren leidet jeder zweite Mann daran. Dafür genügt schon längeres Radfahren. In einer Studie wiesen 22 Prozent der Langstreckenradler pudendal-sensorische Symptome auf, 13 Prozent hatten eine ED.
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Diagnose und Therapie
Um die sexuellen Probleme von neurologischen Patienten aufzudecken, genügen in der Praxis Anamnese und klinische Untersuchung. Zunächst sollte der Arzt die verschiedenen Aspekte der Sexualität, wie Libido, Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit, gezielt abfragen. Die motorische Funktion der unteren sakralen Segmente (S3-S4/5) lässt sich durch die Funktion des Analsphinkters beurteilen. Getestet werden sollte auch der Bulbospongiosusreflex (S2-S4/5) durch Drücken der Glanspenis bzw. durch Berühren der Vulva, wobei sich Kontraktionen der perinealen Muskulatur beobachten und palpieren lassen. In der Behandlung bei ED dominieren die Phosphodiesterase-5-Inhibitoren (PDI). Die Effektivität von Sildenafil bei organisch bedingter Erektionsstörung wird mit 68 Prozent angegeben. Erektionen lassen sich auch mithilfe der Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) erreichen. Die intraurethrale Applikation von Alprostadil firmiert unter dem Kürzel MUSE (Medikamentöses Urethrales System zur Erektion). Während für Männer, bei denen häufig die ED im Vordergrund steht, eine Reihe von Präparaten verfügbar ist, sind Hilfen für Frauen mit Sexualstörungen rar.
Sexuelle Orientierung und Genetik
Die Suche nach einem "Homosexualitätsgen"
Die Suche nach einem "Homosexualitätsgen" ist umstritten. Auf der einen Seite würde ein solches Gen vermitteln: Homosexuelle Menschen haben keine Wahl, welcher sexuellen Identität sie sich zugehörig fühlen, und folgen nicht etwa einer Laune oder Modeerscheinung. Ihre sexuelle Identität gehört zu ihnen wie ihre Augen- oder Haarfarbe. Auf der anderen Seite birgt die Identifikation eines bestimmten Gens, das die Sexualität bestimmt, ein Risiko: Babys könnten vorab auf dieses Gen getestet werden und im schlimmsten Fall aufgrund homophober Denkweisen gar nicht geboren werden. Ein Homosexualitätsgen würde bedeuten, dass Homosexualität erblich ist. So viel vorab: Ein einzelnes Gen für Homosexualität wurde bisher noch nicht entdeckt. Aber auch, wenn es DAS eine Homosexualitätsgen nicht gibt, scheinen die Gene doch irgendwie hinter der Sexualität zu stecken. Das zeigten verschiedene Zwillingsstudien, die eineiige mit zweieiigen Zwillingen verglichen. Wenn eineiige Zwillinge ähnlicher sind als zweieiige, deutet dies auf einen starken genetischen Einfluss hin. Und genau das konnte bei der Suche nach einem genetischen Einfluss von Homosexualität gezeigt werden.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bei neurodegenerativen Erkrankungen
Schutzmechanismen bei Frauen
Frauen mit einer Vorstufe der Parkinson-Krankheit weisen trotz ähnlicher klinischer Ausprägung weniger Hirnatrophie auf als Männer. Das Forschungsteam analysierte für seine Studie 687 Hirnscans aus neun internationalen Zentren in Kanada, der Tschechischen Republik, Großbritannien, Frankreich, Australien, Dänemark und Italien: 343 Patienten mit iRBD und 344 gesunde Personen. Während bei Männern mit iRBD 37 Prozent der kortikalen Bereiche eine signifikante Atrophie aufwiesen, war bei Frauen nur ein Prozent der Regionen betroffen. Die Analyse ergab, dass weniger betroffene Hirnregionen bei Frauen eine erhöhte Expression von Genen aufweisen, die mit der Östrogenfunktion im Gehirn assoziiert sind, insbesondere der Gene ESRRG und ESRRA, die östrogenassoziierte Hormonrezeptoren produzieren. Die Ergebnisse fügen sich in bestehende Befunde ein, die belegen, dass Frauen mit neurodegenerativen Erkrankungen von einem gewissen Schutz des Gehirns profitieren, möglicherweise durch die Wirkung von Östrogenen und die damit verbundenen Energieprozesse.
Sexuelles Interesse und Mortalität
Zusammenhang zwischen Libido und Lebenserwartung
Laut einer neuen Studie kann ein mangelndes Interesse an Sex offenbar auch in Zusammenhang mit einem höheren Mortalitätsrisiko stehen. Das gilt allerdings nur für Männer. Sexuelle Aktivität kann Leben verlängern. Die Forscher vermuten, dass dies mit einem ungesunden Lebensstil zusammenhängt. Mangelnde Libido könne eventuell entzündliche, endokrine und immunologische Prozesse beeinflussen.
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