Klebstoffschnüffeln, auch bekannt als Inhalationsmissbrauch, ist eine Form des Substanzmissbrauchs, bei der flüchtige Stoffe wie Klebstoffe, Lacke, Lösungsmittel und Treibgase inhaliert werden, um einen Rauschzustand zu erzeugen. Diese Praxis ist besonders unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet, da die Substanzen leicht zugänglich und kostengünstig sind. Obwohl die kurzfristigen Wirkungen wie Euphorie und Halluzinationen verlockend erscheinen mögen, birgt das Klebstoffschnüffeln erhebliche Risiken für die Gesundheit, insbesondere für das Gehirn.
Die Substanzen und ihre Wirkung
Viele der beim Klebstoffschnüffeln verwendeten Produkte enthalten gefährliche Chemikalien, die das zentrale Nervensystem schädigen können. Einige der häufigsten Substanzen sind:
- Toluol: Ein Lösungsmittel, das in vielen Klebstoffen, Lacken und Farben enthalten ist. Es verdampft leicht und kann beim Einatmen euphorische Gefühle und Halluzinationen auslösen. Studien haben gezeigt, dass Toluol das Belohnungszentrum im Gehirn stimuliert, ähnlich wie Kokain oder Methamphetamin.
- Butan: Ein Treibgas, das in Deosprays, Haarsprays und Feuerzeugen enthalten ist. Der Missbrauch von Butan-Gas kann zu schweren Gesundheitsschäden und sogar zum plötzlichen Tod führen.
- Aceton: Ein Lösungsmittel, das in Nagellackentfernern und Reinigungsmitteln enthalten ist.
- Trichlorethylen: Ein Lösungsmittel, das in einigen industriellen Reinigungsmitteln verwendet wird.
- Distickstoffoxid (Lachgas): Ein Gas, das in Sahnespendern und als Narkosemittel verwendet wird.
- Amylnitrit, Butylnitrit, Isoamylnitrit, Isopropylnitrit oder Isobutylnitrit ("Poppers"): Flüchtige Flüssigkeiten, die eine Erweiterung der Blutgefäße bewirken und kurzfristig das sexuelle Empfinden steigern sollen.
Wie das Schnüffeln funktioniert
Die Substanzen werden meist in eine Plastiktüte gefüllt oder auf ein Tuch geträufelt und dann durch Mund oder Nase inhaliert. Auf diese Weise gelangen die Dämpfe schnell in die Blutbahn und ins zentrale Nervensystem. Der Rauschzustand tritt innerhalb von Sekunden ein und kann bis zu 30 Minuten andauern. Um die Wirkung zu verstärken, wird das Schnüffeln oft über mehrere Stunden wiederholt.
Auswirkungen auf das Gehirn
Das Klebstoffschnüffeln hat schwerwiegende Auswirkungen auf das Gehirn, sowohl kurz- als auch langfristig.
Kurzfristige Auswirkungen
- Stimulation des Belohnungszentrums: Toluol stimuliert über bestimmte Nervenbahnen eine Region im Vorderhirn (Nucleus accumbens) und fördert dort die Freisetzung von Dopamin. Dies führt zu einem Gefühl der Euphorie und kann zur Abhängigkeit führen.
- Narkoseähnliche Wirkung: Die meisten Schnüffelstoffe wirken narkoseähnlich und verlangsamen die Körper- und Gehirnfunktionen.
- Benommenheit und Enthemmung: Nach der Inhalation tritt zunächst Benommenheit ein, gefolgt von Gefühlen der Euphorie und Enthemmung.
- Halluzinationen: Viele Schnüffelstoffe können Halluzinationen verursachen, die das Urteilsvermögen beeinträchtigen und zu gefährlichem Verhalten führen können.
- Bewusstseinstrübungen bis zur Bewusstlosigkeit: Je nach Menge der inhalierten Substanz kann es zu Bewusstseinstrübungen bis hin zur Bewusstlosigkeit kommen.
- Sauerstoffmangel: Das Einatmen von Schnüffelstoffen kann zu Sauerstoffmangel im Gehirn führen, was zu Schäden an den Gehirnzellen führen kann.
- Atemlähmung: In schweren Fällen kann das Schnüffeln zu Atemlähmung und Erstickung führen.
- Herzrhythmusstörungen: Schnüffelstoffe können Herzrhythmusstörungen verursachen, die lebensbedrohlich sein können.
- Übelkeit und Erbrechen: Akute Vergiftungen durch Schnüffelstoffe äußern sich oft durch Übelkeit und Erbrechen.
- Sprach-, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen: Die Substanzen beeinträchtigen die Funktion des Nervensystems und führen zu Sprach-, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen.
Langfristige Auswirkungen
- Hirnschäden: Chronischer Missbrauch von Schnüffelstoffen kann zu dauerhaften Hirnschäden führen, die sich in Gedächtnisproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten und verminderter Intelligenz äußern können.
- Nervenschäden: Die giftigen Stoffe können Nervenschäden verursachen, die zu Muskelschwäche, Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Extremitäten führen können.
- Psychische Probleme: Schnüffelstoffmissbrauch kann zu psychischen Problemen wie Depressionen, Angstzuständen und Persönlichkeitsveränderungen führen.
- Abhängigkeit: Schnüffelstoffe können psychisch abhängig machen, was zu einem zwanghaften Konsum führt.
- Organschäden: Chronischer Missbrauch kann zu schweren Organ- und Nervenschäden führen. Betroffen sind vor allem Leber, Nieren und Lunge.
- Hörverlust: Einige Schnüffelstoffe können das Gehör schädigen und zu Hörverlust führen.
- Schädigung des ungeborenen Kindes: Schwangere Frauen, die Schnüffelstoffe missbrauchen, riskieren Schädigungen ihres ungeborenen Kindes.
- Sudden Sniffing Death Syndrome (SSDS): In einigen Fällen kann das Schnüffeln zum plötzlichen Herztod führen, auch bekannt als Sudden Sniffing Death Syndrome (SSDS). Dies tritt auf, wenn das Adrenalin durch das Inhalieren im Körper zunimmt, die Reizleitung am Herzen unterbricht und zunächst ein Herzklappen-, später ein Herzkammern-Flimmern verursacht.
Fallbeispiele und Statistiken
Die tragischen Geschichten von Nico und Fabian verdeutlichen die tödlichen Gefahren des Klebstoffschnüffelns. Beide Jungen starben an den Folgen des Inhalierens von Deospray, obwohl sie aus behüteten Verhältnissen stammten und keine offensichtlichen Risikofaktoren aufwiesen. Diese Fälle zeigen, dass jeder gefährdet sein kann, unabhängig von sozialem Hintergrund oder Erziehung.
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Laut der Europäischen Schülerstudie Espad suchten im Jahr 2007 11,5 Prozent der deutschen Minderjährigen die Grenzerfahrung mit dieser Form des Substanzmissbrauchs, in Bayern liegt die Quote der unter 16-Jährigen bei 14 Prozent. In Deutschland werden die Todesfälle durch Lösungsmittel nicht gesondert registriert, weil sie nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Anders in Großbritannien und Spanien, wo die meisten Opfer an Butan-Gas-Missbrauch sterben.
Prävention und Aufklärung
Die wichtigste Maßnahme zur Eindämmung der mit dem Schnüffeln verbundenen Risiken ist die frühzeitige Aufklärung durch Eltern, Schulen und andere Bezugspersonen. Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche über die Gefahren des Klebstoffschnüffelns aufzuklären und ihnen alternative Möglichkeiten zur Stressbewältigung und Freizeitgestaltung aufzuzeigen.
Einige weitere Maßnahmen zur Prävention und Aufklärung sind:
- Warnhinweise auf Produkten: Burkhard Nachtigall, der Vater von Fabian, kämpft für Warnhinweise auf Deosprays und anderen Produkten, die zum Schnüffeln missbraucht werden können. Ähnlich wie auf Zigarettenpackungen sollen die Warnhinweise auf die tödlichen Gefahren des Inhalierens hinweisen.
- Suchtprävention in Schulen: In den Suchtpräventionsstunden, die von Organisationen wie der Ginko Stiftung organisiert werden, wird das Thema Sucht mit Kindern und Jugendlichen besprochen.
- Elterngespräche: Eltern sollten offen mit ihren Kindern über Drogenmissbrauch sprechen und auf Anzeichen von Schnüffeln achten, wie z.B. häufiges Lüften, leere Deosprays oder Klebstofftuben im Zimmer.
- Aufklärungskampagnen: In den USA gibt es bereits Warnvideos und Aufklärungskampagnen, die auf die Gefahren des Schnüffelns aufmerksam machen.
Behandlung und Hilfe
Wenn jemand Anzeichen von Schnüffelstoffmissbrauch zeigt, ist es wichtig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die auf die individuellen Bedürfnisse des Betroffenen zugeschnitten sind.
- Entgiftung: In der Regel beginnt die Behandlung mit einer Entgiftung, um den Körper von den giftigen Substanzen zu befreien.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, die Ursachen des Suchtverhaltens zu erkennen und alternative Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann eine wichtige Unterstützung sein.
- Medikamentöse Behandlung: In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung eingesetzt werden, um Entzugserscheinungen zu lindern und das Verlangen nach den Substanzen zu reduzieren.
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