Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Kopfschmerzen können von einer Reihe weiterer Symptome begleitet sein, wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Migräneattacken treten nicht immer auf, sondern entstehen von Zeit zu Zeit. Die Frage, warum das so ist und wo genau im Gehirn der Ursprung einer Migräneattacke zu finden ist, wird unter Wissenschaftlern intensiv diskutiert. Es wird vermutet, dass es einen oder mehrere spezifische Orte im Gehirn gibt, von denen aus eine Migräneattacke initiiert wird.
Wie entsteht eine Migräneattacke? Das Akku-Modell
Man kann sich den Entstehungsprozess einer Migräneattacke wie das Aufladen eines Akkus vorstellen, der durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird. Diese Faktoren, auch Trigger genannt, können von Person zu Person unterschiedlich sein. Wenn der "Akku" voll ist, entlädt er sich schlagartig und sendet elektrische Signale an viele Teile des Gehirns. Dadurch werden Nervenzellen im Kopf und die Hüllen um das Gehirn (Gehirnhäute) empfindlicher. Blutgefäße im Kopf reagieren stärker. Bewegungen, wie zum Beispiel Treppensteigen, führen zu einer stärkeren Beanspruchung der Gehirnhäute und einem erhöhten Blutfluss durch die Blutgefäße. Normalerweise verursacht dies keine Schmerzen. Während einer Migräneattacke sind die Gehirnhäute und Blutgefäße jedoch empfindlicher, was zu starken Schmerzen führt.
Es ist wichtig zu wissen, dass Migränekopfschmerzen zwar sehr heftig sein können, aber während einer Attacke im Kopf nichts kaputt geht. Nach der Attacke ist alles wieder wie zuvor.
Auslöser einer Migräneattacke: Die Rolle der Triggerfaktoren
Eine Migräneattacke kann nur bei Menschen entstehen, die eine entsprechende körperliche Veranlagung haben. Diese Veranlagung wird über Gene weitergegeben, weshalb häufig mehrere Familienmitglieder an Migräne leiden. Die Faktoren, die zu einer Migräneattacke führen, sind von Person zu Person unterschiedlich. Eine Reihe von Faktoren stehen im Verdacht, eine Migräne auszulösen. Es ist jedoch für Forscher schwierig, einen eindeutigen Nachweis zu erbringen, welche Faktoren besonders wichtig sind.
Wenn einer dieser verdächtigen Faktoren häufig vor einer Migräneattacke auftritt, wird er als "Triggerfaktor" bezeichnet. Diese Triggerfaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Migräneattacke, lösen sie aber nicht immer aus. Ein veränderter Tagesrhythmus, wie z.B. ein späterer Schlafbeginn oder früheres Aufstehen, kann ein solcher Trigger sein. Es ist jedoch wichtig, sich nicht zu sehr darauf zu konzentrieren, alle Trigger im Alltag zu vermeiden, da dies zu unnötigem Stress führen kann. Ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Schlaf, regelmäßiger Bewegung und Stressmanagement ist wichtiger.
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Die Abgrenzung von Auslösern (Migränetriggern) und Vorboten (Prodromalsymptomen) ist oft schwierig. Es ist eine Detektivarbeit, herauszufinden, ob Faktoren die Migräne ausgelöst haben oder die Migräneattacke schon längst begonnen hat. So steht beispielsweise Schokolade häufig im Verdacht, eine Migräneattacke auszulösen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Hunger auf Schokolade durch die beginnende Migräneattacke ausgelöst wird. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, die individuellen Migränetrigger zu identifizieren. Studien haben gezeigt, dass Kinder häufig mindestens einen Triggerfaktor für ihre Migräne finden können (im Durchschnitt 4 bis 7). Die Zeitspanne zwischen dem Trigger und der Migräneattacke wird in den meisten Studien mit bis zu 3 Stunden angegeben, wobei sich die Zeitspanne in Abhängigkeit von dem jeweiligen Trigger unterscheiden kann. Auch die Länge der Migräneattacke kann, abhängig vom Trigger, unterschiedlich ausfallen. Ob es bei den Triggerfaktoren Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen oder jüngeren oder älteren Kindern gibt, konnte noch nicht eindeutig geklärt werden.
Der Verlauf einer Migräneattacke: Die verschiedenen Phasen
Ein durchschnittlicher Migräneanfall lässt sich in verschiedene Phasen einteilen. Die klassische Migräne mit Aura durchläuft vier Phasen, die einfache Migräne ohne Aura drei Phasen:
- Vorbotenphase (Prodromalphase): In dieser Phase kündigt sich der kommende Migräneanfall einige Tage oder Stunden zuvor durch sogenannte "Vorboten" an. Typische Vorboten sind intensives Gähnen, Stimmungsschwankungen, Nackenbeschwerden, Lichtempfindlichkeit oder Heißhunger. Weitere Symptome können ein ausgeprägtes Kältegefühl, innere Unruhe, Lärmempfindlichkeit sowie Probleme, die Augen zu fokussieren, sein. Das häufigste Symptom der Vorbotenphase ist das Gähnen und gilt als sehr zuverlässige Vorhersage. Circa 30% der Migränepatienten berichten von diesen Symptomen während der Prodromalphase, die bis zu einem Tag dauern kann. In der Regel beginnen die Kopfschmerzen jedoch bereits einige Stunden nach dem Auftreten der Prodromalsymptome.
- Aura: Personen, die an einer Migräne mit Aura erkrankt sind, können diese Phase durchlaufen. Eine sogenannte Aura ist durch zusätzlich auftretende Sinnesstörungen und andere neurologische Ausfälle vor dem Einsetzen des Kopfschmerzes gekennzeichnet. Sehstörungen wie Zickzacklinien, Lichtblitze oder Flimmern, aber auch Schwindel, Sprachstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Taubheitsgefühle oder Missempfindungen sind typisch dafür. Auch Fehlwahrnehmungen wie bei dem Alice-im-Wunderland-Syndrom gehören dazu. Nach 20 bis 30 Minuten klingen diese sich langsam ausbreitenden und meist steigernden Symptome wieder ab. Nach den Aura-Erscheinungen setzt normalerweise der Kopfschmerz ein, dieser kann überlappend oder auch zeitlich etwas verzögert auftreten. Bei einer Sonderform der Migräne, der Migräneaura ohne Kopfschmerzen, kann der Schmerz nach der Aura aber auch ausbleiben.
- Schmerzphase: Die Schmerzphase kennzeichnet sich durch mittlere bis starke, einseitige Kopfschmerzen. Diese haben meist einen pulsierenden, pochenden oder stechenden Charakter und sind häufig in der Schläfenregion lokalisiert, können aber auch an allen anderen Orten des Kopfes auftreten. Dazu kommen oft auch weitere Symptome wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, aber auch Licht-, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit. Körperliche Bewegung verstärkt typischerweise den Schmerz, weshalb sich viele Migränebetroffene in einen dunklen, ruhigen Raum zurückziehen. Die Schmerzen treten nicht immer an der gleichen Seite auf, sie können die Kopfseite von Attacke zu Attacke oder auch während einer längeren Attacke wechseln. Bei jedem vierten Migräne-Betroffenen treten die Schmerzen in den frühen Morgenstunden auf. Durchschnittlich dauert diese Phase 4 bis 72 Stunden.
- Rückbildungsphase: In der Rückbildungsphase folgt aus Erschöpfung und Müdigkeit häufig eine Schlafphase, mit der der Anfall abklingt und die Schmerzen nachlassen. Manchmal treten auch die entgegengesetzten Symptome der Vorbotenphase auf. Manche fühlen sich besonders euphorisch, lebendig und frei, bei anderen überwiegt das Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf. Auch Appetitlosigkeit, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit, Muskelschmerzen und Schmerzempfindlichkeit sind einige Stunden oder noch Tage danach nicht ungewöhnlich.
Nach der Rückbildungsphase folgt eine Kopfschmerz- und symptomfreie Zeit, die die oben genannten Phasen zu einem Migränezyklus ergänzt, den Betroffene immer und immer wieder durchlaufen. Nicht alle Menschen mit Migräne erleben alle Phasen und genannten Symptome. Es können auch weitere Symptome auftreten, die hier nicht aufgeführt sind.
Der Migränezyklus und die Kipppunkttheorie
Der Migränezyklus stellt die oben genannten Phasen plus eine Kopfschmerz- und symptomfreie Phase dar. Auf die schmerzfreie Phase folgt dann irgendwann wieder die Vorbotenphase, die Auraphase, dann die Schmerzphase usw. Es ist wichtig zu wissen, dass man in der Phase kurz vor einer nächsten Migräneattacke besonders anfällig für Migräne-Auslöser jeder Art ist, während in der Phase nach der Attacke sowie in der symptomfreien Phase dieselben Trigger und Auslöser evtl. gar keine Migräne triggern.
Die Kipppunkttheorie, auch bekannt als "Threshold-Modell" oder "Gate-Control-Modell", versucht, den Mechanismus hinter dem Beginn eines Migräneanfalls zu erklären. Laut dieser Theorie gibt es im Gehirn von Migräne-Betroffenen einen bestimmten Schwellenwert, der überschritten werden muss, damit ein Migräneanfall ausgelöst wird. Das Gehirn eines Menschen, der anfällig für Migräne ist, wird als hypererregbar beschrieben, was bedeutet, dass es empfindlicher auf bestimmte Reize reagiert. Diese Reize können zum Beispiel Blutzuckerschwankungen, Stress, bestimmte Nahrungsmittel, Hormonschwankungen oder Schlafmangel sein. Gemäß der Kipppunkttheorie wird angenommen, dass der Körper normalerweise in der Lage ist, diese Reize zu tolerieren und die Aktivität im Gehirn unterhalb des Schwellenwerts zu halten.
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Wie lange dauert eine Migräneattacke und wie kann man sie verkürzen?
Die Dauer einer Migräneattacke kann von Person zu Person variieren. In der Regel dauert ein Anfall ohne Behandlung zwischen 4 und 72 Stunden, wobei der Durchschnitt bei etwa 24 Stunden liegt. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen Migräneanfälle kürzer oder länger andauern können. Vermutet wird eine Art Selbstregulierung des Körpers, da die neurologischen und biochemischen Veränderungen im Gehirn, die den Migräneanfall auslösen, nicht dauerhaft aufrechterhalten werden können.
Verschiedene Behandlungsansätze können dazu beitragen, die Dauer eines Migräneanfalls zu verkürzen. Betroffene können Migränemedikamente einnehmen, um die Symptome zu lindern und im Optimalfall die Dauer des Anfalls zu verkürzen. Zu diesen Medikamenten gehören Schmerzmittel, Triptane und Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit). Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Rückzug & Kühlung können die Symptome lindern. Es ist wichtig zu wissen, dass einige Anfälle besser behandelt werden können als andere, aber leider helfen Medikamente nicht immer.
Etwa 90 % der Migränebetroffenen haben mäßige oder starke Schmerzen, drei Viertel sind während der Kopfschmerzattacken nur eingeschränkt arbeitsfähig, und ein Drittel benötigt während der Attacken Bettruhe -trotz Medikamenteneinnahme. Bezüglich der Dauer von Migräneattacken gibt es leider auch besonders ausgeprägte Anfälle die eine Woche oder länger andauern. Diese werden „Status migrainosus“ genannt.
Sonderform: Status migrainosus
Wenn eine Migräneattacke länger als 72 Stunden andauert, wird sie als „Status migrainosus“ oder „Status migränosus“ eingestuft. Die Behandlung ist bei so lang andauernden Anfällen besonders herausfordernd, denn die klassischen Medikamente wirken hier meist nicht mehr. In den DGN-Leitlinien wird bei einem Status migränosus eine einmalige intravenöse oder orale Gabe von Kortikosteroiden empfohlen. Das sind Kortison-Präparate wie z.B. Prednison oder Dexamethason. Die frühzeitige Beendigung eines Status migränosus ist sinnvoll, denn einen so langen Migräneanfall zu ertragen, kann einen schon sehr an den Rand der Verzweiflung bringen.
Was tun, wenn ein Migräneanfall tagelang andauert?
Langanhaltende und teilweise extrem starke Schmerzen können die psychische Gesundheit stark belasten. Es gibt wertvolle Tipps, was man während eines akuten Anfalls machen kann, um ihn im Optimalfall zu verkürzen oder ihn zumindest etwas leichter zu überstehen. Dazu gehören auch Akzeptanz der aktuellen Situation und der akuten Schmerzen, Entspannungsmaßnahmen, Ablenkung und eine gute Selbstfürsorge, wenn der Zustand dies zulässt. Dem Körper jetzt einfach alles geben, was er braucht, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Ob es eine kalte Cola, eine Tüte Nüsse oder eine fettige Pizza, eine heiße Dusche, ein Eispack auf dem Kopf oder die Lieblings-Serie zur Ablenkung ist. Jetzt ist alles erlaubt, was guttut. Und vor allen Dingen: Befreien Sie sich von Schuldgefühlen und Verpflichtungen und akzeptieren Sie, dass Sie im Moment an Ihrem Zustand nichts ändern können. Das kann einen großen Teil des Drucks von Ihnen nehmen!
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Migräne-Dauer: Wie kannst du die Dauer deiner schmerzfreien Phase verlängern?
Die schmerzfreie Phase kann verlängert werden, indem man seine individuellen Migräne-Auslöser identifiziert und besser managen lernt (Stichwort: Triggermanagement) und die oben genannten Reize und Auslöser reduziert. Dabei können nachweislich Entspannungsübungen, Sport bei Migräne sowie eine niedrig-glykämische Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig und stabil hält, helfen.
Wie lange leidet ein Mensch in seinem Leben durchschnittlich an Migräne?
Wie lange Betroffene an Migräne leiden, ist natürlich individuell sehr verschieden. Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die bei einigen Menschen nur gelegentlich auftritt, während andere regelmäßig unter Migräneanfällen leiden können. Generell wird gesagt, dass Migräne als unheilbar gilt und man lediglich den Abstand zwischen den Anfällen vergrößern und die Schmerzintensität sowie die Anfallsdauer reduzieren kann. Dennoch gibt es auch Menschen, die mal in der Vergangenheit Migräne hatten und heute anfallsfrei sind. Auch in der Literatur finden sich Hinweise darauf, dass Migräne bei manchen Menschen im Laufe der Zeit verschwindet oder sich deutlich verringert, während sie bei anderen anhält oder sogar schlimmer wird. In Bezug auf die gesamte Erkrankungsdauer ist es schwierig, eine durchschnittliche Zeitspanne anzugeben, da dies natürlich individuell stark variiert.
Neue Therapieansätze: Magnetfelder und Elektrozeutika
Anfang 2002 erhielt der Migräneforscher Edward Chronicle von der britischen Stiftung Dr. Hadwen Trust für tierversuchsfreie Forschung eine Förderung, um mit Magnetfeldern Migräne zu erforschen. Es gelang ihm, zu dieser Frage etwas beizutragen. Edwards diagnostische Fragestellung war letztlich vor allem eine Brücke: Von der Grundlagenforschung führt sie über die Diagnostik zu neuen Formen der Migränetherapie.
Migränegehirn mit TMS diagnostizieren
Magnetfelder durchdringen leicht Kopfhaut, Schädeldach, Hirnhaut und stimulieren in der Großhirnrinde Gehirnzellen, indem elektrische Ströme über die Zellmembran induziert werden. Diese Technik heißt transkranielle Magnetstimulation, kurz: TMS. TMS wurde seit den 1980er eingesetzt, zunächst in der Grundlagenforschung. Edward wollte Anfang der 2000er Jahre TMS zur Diagnose nutzen. Reagiert das Migränegehirn anders auf einzelne Magnetfeld-Pulse (single-pulse TMS) als es ein normales Gehirn tut? Ja, das tut es. Es reagiert schon auf geringere magnetische Flussdichte. Muskelzucken oder Wahrnehmungsstörungen werden also leichter hervorgerufen. Eigentlich rechtfertigt diese objektiv gemessene Überanregbarkeit erst im Nachhinein den Begriff »Migränegehirn«.
TMS und Computermodelle
Mithilfe der magnetischen Pulse sah Edward quasi einen Schnappschuss des Verhaltens des Migränegehirns in der anfallsfreien Zeit. Er sah keinen Verlauf über die Zeit. Doch gerade der Zeitverlauf ist interessant, da das »Migränegehirn« ja nicht dauerhaft, sondern in wiederkehrenden Episoden die Krankheitssymptome zeigt. Die meiste Zeit verhält es sich vielleicht nicht völlig normal, wie die Versuche mit TMS zeigten, aber doch zumindest symptomfrei, das heißt ohne Kopfschmerzen und ohne neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen.
Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Edwards experimentelle Ergebnisse zur TMS-Forschung und theoretische Arbeiten über Computermodelle der Migräne gemeinsam helfen können, den zeitlichen Verlauf der Entstehung von Attacken besser zu verstehen. Es zeigte sich, dass Keimbildung wirklich ein entscheidender Teilprozess in der Großhirnrinde sein kann, den man mittlerweile Dank neuer Computersimulationen gut versteht. Viele Forscher glauben, dass die Keimbildung nicht wirklich der erste Prozess ist, der die Migräneattacke einleitet. Mittlerweile hat man noch früher einsetzende, dynamisch-vernetzte Biomarker über Computermodelle definiert. Trotzdem erklärt die Keimbildung viel, nämlich nicht nur die Entstehung der Symptome, sondern eventuell auch eine mögliche Wirkungsweise von TMS in der Akuttherapie gegen Migräne.
Elektrozeutika ersticken Migräne im Keim
Die viel bedeutendere Frage ist: können wir mit einzelnen Magnetfeld-Pulsen die Entstehung der Attacken verhindern? Also nicht diagnostizieren, sondern therapieren? Es muss nicht ein einzelner Magnetfeld-Puls sein. Vielleicht könnte es eine bestimmte digitale Serie von Pulsen sein, die hilft? Die Migräneformel könnte eine präzise Anleitung liefern, wie man die Entstehung der Migräneattacken mit magnetischen Feldern im Keim erstickt. Es wäre im Prinzip ein Stimulationsprotokoll. Wobei solche Protokolle einen geschlossenen Regelkreis aus Messen und Stimulation beschreiben können. In Analogie der Benennung chemischer Verbindungen als Pharmazeutika nennt man solche therapeutischen Steuerungstechniken Elektrozeutika. Rauschen (genauer: transcranial random noise stimulation, kurz: tRNS) wurde als Elektrozeutikum vorgeschlagen, um die Lebenszeit eines Keims zu reduzieren und damit die Symptome einer Migräneattacke mit Aura. Dieses tRNS-Elektrozeutikum würde also nur akut in der Auraphase aktiv wirken - aber die Wirkung entfaltet sich dann auf die anschließende Kopfschmerzphase und kann Kopfschmerzen lindern. Außerhalb der Auraphase eingesetzt, kommt es hingegen zu keiner Entfaltung. Über individuelle Computersimulation postulierten wir zudem personalisierte Elektrozeutika als Prophylaxe bei Migräne mit und ohne Aura, die einem anderen Wirkmechnismus nachgehen.
TMS gegen Migräne ohne Aura
Die neusten Forschungsergebnisse anderer Forschergruppen weisen nun aber nochmal in eine neue Richtung. Es geht wieder um die Aktuttherapie, aber nun um die Aufklärung des Wirkmechnismus des ursprünglichen single-Puls TMS bei Migräne ohne Aura. Das ist erstmal sehr praktisch. Denn der tragbare Stimulator, der heute klinisch getestet wird, muss nicht verändert werden, bekommt aber eine vier bis fünffach höhere Zielgruppe von Betroffenen, die von dieser Therapieform angeblich profitieren werden.
Wirkungsort im Zwischenhirn
Plausibel sind die Ergebnisse. Denn das Argument ist denkbar einfach: Magnetfelder, die Kopfhaut, Schädeldach und Hirnhaut durchdringen, enden ja nicht einfach in der Großhirnrinde, dem ursprünglich angedachten Wirkungsort. Sie dringen natürlich auch noch weiter in das Zwischenhirn vor. Der Thalamus bildet den größten Teil des Zwischenhirns. Die neue Studie spekuliert nun genau auf diesen Wirkungsort, eine Interaktion im Zwischenhirn. Das Zwischenhirn verbindet Großhirn mit dem Hirnstamm. Dort, im Hirnstamm, treffen Schmerzsignale ein. Diese Interaktion zielt auf bestimmte, vermittelnde Gehirnzellen in den Schaltstellen der Schmerzleitung (sog. opioiderge Interneurone). Auch hier spielen wieder Computermodelle eine Rolle, die in Form eines Migräne-Generator-Netzwerkes formuliert werden und Anleitungen für Elektrozeutika liefern.
Wirknachweis: gehoffte Wirkungen überprüfen
Der nächste Schritt ist nun klar. Es wird wieder zurück zur ursprünglichen Idee von Edward Chronicle gehen, zurück zur objektivierenden Diagnostik mittels TMS oder auch anderen Methoden, um den Wirkungsgrad zu messen. Was ist der langfristige medizinische Therapiererfolg - der Outcome? Das ist die zentrale Frage. Elektrozeutika, insbesondere tRNS-Elektrozeutika, verändern nämlich das Gehirn. Ziel wird es irgendwann zumindest mal sein, das Migränegehirn umzuprogrammieren - ohne dabei größeren Schaden anzurichten. Hier ist in der Tat eine Warnung angebracht. TMS wird als »nichtinvasiv« bezeichnet, doch der Begriff ist unangebracht. Er täusche Laien über die Wirkung auf das Hirngewebe, sowohl bezüglich der akuten wie auch der langanhaltenden Wirkung. Externe hochfrequente elektromagnetischer Felder werden von der WHO als potenzielles Humankarzinogen eingestuft. Je nach Schweregrad der Erkrankung wird man abwägen. Stimulationen, die nicht das zentrale Nervensystem, sondern das periphere Nervensystem als Wirkungsort elektromagnetischer Felder ansteuern, erscheinen milder und sind deswegen eine Alternative zum TMS.
Beyond the pill - Messen und Steuern
Wir verstehen heute, zumindest im Groben, wir transkranielle Magnetstimulation bei Migräne wirkt. Der heilige Gral der Migräneforschung ist und bleibt die Frage, wie das Gehirn seine Migräneanfälligkeit langfristig verlernen kann und nicht nur kurzfristig unterbindet. Dabei geht es nicht mehr allein darum, die in klinischen Studien erzielten Ergebnisse in weiteren klinischen Studien zu reproduzieren. Das ist zwar bei Elektrozeutika nötig. Die Standards der Pharmabranche sind längt nicht erreicht. Doch langfristig geht es darum, diese unter streng kontrollierten und genormten Bedingungen erlangten Ergebnisse auch in der täglichen Praxis zu messen. Messen und (Gegen)Steuern wird als das Grundprinzip der Elektrozeutika gesehen. Dieses Grundprinzip begegnet uns beim Biofeedback gegen Migräne. Und dieses Grundprinzip muss nun auf die gesamte Therapiezeit übertragen werden. Das ist der Kern einer digitalen Therapie »beyond the pill«. Die transkranielle Magnetstimulation im Speziellen und Elektrozeutika im Allgemeinen sind nämlich nicht die einzigen digitalen Therapieformen. Und der Weg »beyond the pill« meint auch nochmal etwas anderes. Er bezeichnet jedwede digitale Therapieform, die medikamentöse Therapien nicht schlicht ergänzen, sondern selbst aktiv zur Therapie beitragen und gleichzeitig die Gesamttherapie (multimodale Therapie) überprüfen - es geht um das Messen und (Gegen)Steuern als Prozess. Das betrifft Gehirnzellen (mit Elektrozeutika), es betrifft das autonome Nervensystem (mit Biofeedback) und es betrifft ebenso den Versuch Gehirn und Körper (mit - etwas vage formuliert - Outcomes Technologies, wie beispielsweise Wearables als Tracker sowie auch tragbare Stimulatoren) dauerhaft zu einer gesünderen Form zu verändern.