Die Ermahnung der Eltern, sich gerade hinzusetzen, ist mehr als nur eine Frage der Etikette. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass eine aufrechte Körperhaltung tatsächlich positive Auswirkungen auf das Gehirn haben kann, insbesondere in Stresssituationen.
Der Zusammenhang zwischen Körperhaltung und kognitiver Leistung
Eine Studie der San Francisco State University unter der Leitung von Erik Peper untersuchte den Einfluss der Körperhaltung auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Studenten. Die Teilnehmer mussten Rechenaufgaben lösen, während sie entweder aufrecht saßen oder in sich zusammensackten. Die Ergebnisse zeigten, dass die gekrümmt sitzenden Studenten die Aufgaben als deutlich schwieriger empfanden als die aufrecht sitzenden. Dieser Unterschied war besonders ausgeprägt bei Studenten, die unter Prüfungsangst litten.
Die Forscher vermuten, dass eine schlechte Körperhaltung die Gehirnfunktion beeinträchtigen kann. Peper erklärt, dass das Gehirn nicht optimal arbeitet, wenn der Körper zusammensackt. Sein Kollege Richard Harvey sieht im gekrümmten Rücken eine Abwehrhaltung, die negative Erinnerungen auslösen kann.
Bewegung und kognitive Reserven
Es ist bekannt, dass Bewegung positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die geistigen Fähigkeiten hat. Eine Studie aus England ergab, dass bereits neun Minuten mehr Bewegung pro Tag die kognitiven Reserven langfristig auffüllen können. Regelmäßige körperliche Aktivität trägt dazu bei, das Gehirn besser mit sauerstoffreichem Blut zu versorgen, was sich positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt.
Sitzen als Gesundheitsrisiko
Die moderne Lebensweise ist oft von langem Sitzen geprägt, sei es am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Dies kann jedoch negative Folgen für die Gesundheit haben. Studien haben gezeigt, dass langes Sitzen das Risiko für verschiedene Gesundheitsprobleme erhöhen kann, darunter Diabetes Typ 2, Adipositas, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Langes Sitzen kann sogar die Lebenserwartung verkürzen.
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Auch das Gehirn und die Psyche leiden unter langem Sitzen. Der Hippocampus, eine Gehirnregion, die für Lernen und Erinnern verantwortlich ist, ist schlechter vernetzt. Es ist daher wichtig, die sitzende Zeit zu reduzieren und möglichst mit geistig anregenden Tätigkeiten zu füllen.
Tipps für mehr Bewegung im Alltag
Es gibt viele Möglichkeiten, mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren, auch am Arbeitsplatz. Hier sind einige Tipps:
- Sich selbst austricksen: Gestalten Sie Büros und andere Unternehmensräume so, dass Mitarbeiter motiviert werden, ein paar Schritte zu gehen - zum Drucker, Kopierer, Scanner oder einfach zum Mülleimer.
- Geselligkeit fördern: Schaffen Sie Begegnungsräume, in denen sich Kollegen treffen können. Das fördert die Bewegung und gleichzeitig den Zusammenhalt.
- Bewegte Pause: Gewähren Sie feste Zeitblocker, in denen Beschäftigte kurze Übungen ausführen oder Sport treiben können.
- Rauf und runter: Lassen Sie Ihre Mitarbeiter öfter mal aufstehen - bestenfalls über einen höhenverstellbaren Schreibtisch. Oder motivieren Sie diese, Standardtätigkeiten wie Telefonieren im Stehen zu erledigen.
- "Ja" zum Zappelphilipp: Pochen Sie nicht auf Stillsitzen und Dauer-Präsentismus! Gönnen Sie Ihren Angestellten alle halbe bis eine Stunde einen kurzen „Spaziergang“.
Auch auf dem Weg zur Arbeit und zurück lassen sich gut Bewegungsanreize schaffen:
- Treppe statt Aufzug: Ermuntern Sie Ihre Mitarbeiter, anstatt des Aufzugs öfter die Treppe zu nehmen.
- Aufmerksamkeit und Belohnung: Machen Sie kontinuierlich auf die positiven Effekte einfacher Alltagsbewegungen aufmerksam - zum Beispiel im Rahmen einer Awareness-Kampagne.
- Jobticket: Ein Jobticket ist ein Top-Benefit für Beschäftigte, um das Auto stehen zu lassen.
Dynamisches Sitzen als Lösung
Eine weitere Möglichkeit, die negativen Auswirkungen des Sitzens zu reduzieren, ist dynamisches Sitzen. Dynamisches Sitzen bedeutet, die Sitzhaltung regelmäßig zu ändern und durch kleine Bewegungen aktiv zu bleiben. Dies kann dazu beitragen, Verspannungen und Rückenschmerzen vorzubeugen, die Durchblutung zu verbessern und die Konzentrationsfähigkeit zu steigern.
Es gibt verschiedene ergonomische Sitzlösungen, die dynamisches Sitzen fördern, wie zum Beispiel der Aeris Swopper. Dieser Stuhl ermöglicht Bewegung in alle Richtungen und verzichtet bewusst auf eine Lehne, um die Rückenmuskulatur aktiv zu halten.
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Die Bedeutung der Gehirndurchblutung
Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere intensive Bewegungsformen, die den Puls hochtreiben, trägt dazu bei, dass mehr sauerstoffreiches Blut zu den lebenswichtigen Organen - allen voran ins Gehirn - transportiert wird. Dies ist wichtig für die kognitive Leistungsfähigkeit und die Gesundheit des Gehirns.
Weitere beeinflussbare Risikofaktoren für Demenz
Neben Bewegung gibt es weitere Risikofaktoren für Demenz, denen man teils aktiv vorbeugen kann:
- Bildung: Alzheimer und ähnliche Krankheiten treffen vor allem Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss.
- Kopfverletzungen: Bereits eine kleine Gehirnerschütterung kann viele Jahre später das Risiko für eine Demenz verdoppeln.
- Alkoholkonsum: Alkohol schädigt nicht nur die Nervenzellen, sondern löst auch ihre Verbindungen.
- Rauchen: Wer mehr als 20 Jahre lang raucht, hat ein doppelt so hohes Demenzrisiko wie Nichtraucher.
Sitzen und die Gehirnaktivität
Unser Gehirn ist ein extrem leistungsfähiges Rechenzentrum, das ständig aktiv ist, auch wenn wir sitzen. Das Kleinhirn sorgt dafür, dass wir nicht umfallen, und das Großhirn steuert unsere bewussten Bewegungen. Bewegung ist nicht nur Sache der Muskeln, sondern auch des Denkens. Wer den ganzen Tag am Schreibtisch verbringt, reduziert jedoch oft die Aktivität seines Gehirns erheblich.
Dr. Fabian Herold, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der medizinischen Fakultät der HMU Erfurt, untersucht intensiv, wie sich der sitzende Lebensstil auf die kognitive Leistungsfähigkeit und das Gehirn auswirkt. Er weist darauf hin, dass es relevant sei, was genau die Menschen in sitzender Haltung tun oder konsumieren. Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass geistig aktive sitzende Tätigkeiten wie Videospiele der kognitiven Leistung zuträglich sein können, wenn eine gewisse Dauer nicht überschritten wird.
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