Déjà-vu: Wenn das Gehirn ein vergangenes Phänomen wiederholt

Ein Déjà-vu, ein Begriff aus dem Französischen, bedeutet wörtlich "schon gesehen". Es beschreibt das eindringliche Gefühl, eine aktuelle Situation bereits erlebt zu haben, obwohl man sich nicht erinnern kann, wann und wo dies geschehen sein soll. Dieses Phänomen ist weit verbreitet und fasziniert Wissenschaftler und Laien gleichermaßen. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe einen Artikel. Regen trommelt gegen die Fensterscheibe. Ein Auto fährt vorbei, ich höre Leute reden, mein Handy klingelt. Schlagartig überkommt mich ein komisches Gefühl: Alles an der Situation fühlt sich vertraut an, ganz so, als wäre exakt dieser Moment schon einmal passiert.

Häufigkeit und Verbreitung von Déjà-vus

Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass Déjà-vus häufig vorkommen. Bei mehr als 80 Erhebungen, die über 135 Jahre hinweg durchgeführt wurden, gaben rund zwei Drittel der Befragten an, mindestens einmal im Leben eine entsprechende Erfahrung gemacht zu haben. Im Schnitt traten sie eher bei Jüngeren auf als bei Älteren, und meist blieb es nicht bei einer einzigen Episode. Der Großteil berichtete von mehreren Déjà-vus, oft im Abstand von einem bis sechs Monaten. Reiselustige Personen waren häufiger betroffen als jene, die in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Tendenziell trifft es außerdem vor allem hoch gebildete und überdurchschnittlich verdienende Menschen. Visuelle Reize und Gesprochenes - sowohl die eigenen Worte als auch die von anderen - scheinen oft Episoden zu triggern. Einige Studien ergaben zudem, dass Stress und Müdigkeit ihr Auftreten begünstigen.

Subtypen von Déjà-vu-Erlebnissen

Der südafrikanische Psychiater Vernon Neppe, der das Phänomen seit den 1970er Jahren studiert, unterscheidet vier Subtypen von Déjà-vu-Erlebnissen.

  • Assoziative Form: Dies ist der Klassiker, eine kurze Episode ohne spezifische Vorahnungen.
  • Subjektiv paranormale Déjà-vu: Hier glaubt man, zu wissen, was als Nächstes passieren wird, oft begleitet von einem veränderten Zeitempfinden.
  • Neuropsychiatrische Gruppe: Diese tritt bei Schläfenlappenepileptikern während Anfällen und möglicherweise bei Menschen mit Psychosen auf. Letzteres ist allerdings strittig.

Theorien zum Ursprung von Déjà-vus

Die Forschung hat zahlreiche Theorien zum Ursprung von Déjà-vus hervorgebracht. Neppe listete in einer Übersichtsarbeit von 2015 sämtliche Theorien auf, die er dazu in der Literatur finden konnte. Inklusive der übersinnlichen und spirituellen kommt er auf die erstaunliche Anzahl von 72. Betrachtet man nur die mehr oder weniger wissenschaftlichen, bleiben immer noch über 50. Die Fachwelt ist sich also uneinig darüber, was die Sinnestäuschung auslöst.

Erinnerungstheorie

Ihr zufolge glaubt die betroffene Person, die Situation zu erkennen, weil sie einer ähnelt, die sie bereits erlebt hat. Das ursprüngliche Ereignis hat sie aber nur unvollständig abgespeichert oder großteils vergessen. Ausschlaggebend wäre hierbei eine Kombination aus Umweltfaktoren, die den Gedächtnisinhalt aktiviert und so fälschlicherweise ein Gefühl von Vertrautheit auslöst.

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Split-Perception-Theory

Ihr zufolge macht eine Person beim Déjà-vu eine Sinneserfahrung schlichtweg zweimal direkt hintereinander. Möglicherweise denkt sie gerade nach oder ist abgelenkt, während in der Umgebung etwas passiert. Die Reize schaffen es deshalb erst mal nicht richtig, in ihr Bewusstsein vorzudringen. Unmittelbar danach erlebt sie dieselbe Situation jedoch bewusst.

Fehlerhafte Verarbeitung im Gehirn

Manche Fachleute spekulieren, eine fehlerhaft ablaufende doppelte Verarbeitung von Reizen im Gehirn würde Déjà-vus herbeiführen. Die Erfahrung könne damit bei jedem beliebigen sensorischen Input auftreten, sie ist also unabhängig davon, wie die eingehenden Eindrücke zusammengesetzt sind.

Déjà-vu und verwandte Phänomene

Das Spektrum der Eindrücke, die ein Déjà-vu begleiten, ist vielfältig. Entsprechend existieren heute eine Reihe von Variationen der Terminologie. Dazu gehören »déjà entendu« (bereits gehört), »déjà senti« (bereits gefühlt), »déjà pensé« (bereits gedacht) und »déjà visité« (bereits besucht). »Déjà-vu« wird allgemein verwendet, um alle diese Empfindungen zusammenzufassen. In jüngerer Zeit kam zudem der Begriff »Déjà-vécu« (bereits erlebt) auf, um wiederkehrende Déjà-vus im Zusammenhang mit Demenzen zu beschreiben. Manches deutet darauf hin, dass zwischen alltäglichen Déjà-vus und Déjà-vécus ein neuropsychologischer Unterschied besteht. Während Erstere durch ein unangemessenes Gefühl von Vertrautheit gekennzeichnet sind, resultieren Letztere wohl aus einem unangemessenen Erinnern.

Neurologische Aspekte von Déjà-vus

Was sich während eines Déjà-vus im Gehirn abspielt, lässt sich generell nur schwer untersuchen. Das Phänomen ist zu unvorhersehbar und tritt zu selten auf, als dass man es gezielt mittels Hirnscans erfassen könnte. Und doch gibt es einige hilfreiche Beobachtungen, vor allem bei Menschen mit Schläfenlappenepilepsien. Im Rahmen ihrer Anfälle kommt es bei manchen nämlich vermehrt zu déjà-vu-artigen Wahrnehmungen. Bestimmte Strukturen im Schläfenlappen wirken daran mit, Erlebtes im Gedächtnis abzuspeichern. Dazu gehört etwa der Hippocampus, der eingehende Sinneseindrücke als bekannt oder unbekannt einordnet. Kommt uns etwas vertraut vor, feuern Nervenzellen in einem ihm nahe gelegenen Teil der Schläfenlappenrinde, dem parahippocampalen Gyrus. Daraufhin sucht das Gehirn nach Gedächtnisinhalten, die uns mehr über die Situation verraten. Einer These zufolge werden Neurone in diesem Areal beim Déjà-vu versehentlich aktiv und erzeugen so ein Gefühl der Vertrautheit.

Umgang mit Déjà-vus

Ein Déjà-vu geht meist genauso schnell wieder vorbei, wie es gekommen ist. Nach ein paar Sekunden verpuffen Verblüffung und Aha-Erlebnis - und wir realisieren: Alles nur ein kleiner Spuk im Gehirn. Lassen Sie die verzerrte Wahrnehmung abklingen und orientieren Sie sich kurz - vor allem, wenn Sie das Déjà-vu in einer fremden Umgebung hatten. Machen Sie sich klar, dass es sich um eine Illusion handelt und Sie nicht wissen können, was beispielsweise hinter der nächsten Straßenecke auf Sie wartet. Im zweiten Schritt können Sie in Ihren Erinnerungen kramen: Was könnte das Déjà-vu ausgelöst haben? Schließlich sollten Sie sich von dem Déjà-vu nicht weiter beirren lassen. Jeder hat das mal. Selbst wenn Sie Auslöser und Ursachen nicht erkennen, bleibt es eine einfache Erinnerungstäuschung. Ein amüsantes Gimmick des Gehirns.

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Wann sind Déjà-vus ein Problem?

Vor allem in jungen Jahren treten Déjà-vus und Erinnerungsfehler vermehrt auf, haben Wissenschaftler herausgefunden. Sie sind eine Art Überprüfungsmechanismus unserer Erinnerung - ausgelöst durch erhöhte Dopaminzufuhr. Die nimmt im Alter ab - und damit auch die Déjà-vus. Nur in seltenen Ausnahmefällen gibt es eine Verbindung zwischen Déjà-vu und Krankheiten, etwa bei Epilepsie. Ärztlichen oder psychologischen Rat sollten Sie aber hinzuziehen, wenn Sie wiederholte Déjà-vu-Erlebnisse haben und diese Ängste und negative Gefühle auslösen. In einem solchen Fall sind es allerdings weniger die Déjà-vus, die schädlich sind.

Jamais-vu: Das Gegenteil des Déjà-vu

Es gibt auch das Gegenteil zum Déjà-vu - das sogenannte „Jamais-vu“. Der Begriff bedeutet übersetzt „noch nie gesehen“ oder „noch nie dagewesen“ und beschreibt die Unfähigkeit, etwas zu erinnern, obwohl wir es tagtäglich erleben. Beispiel: Sie wollen einem Bekannten den Weg zu Ihrer Wohnung erklären, den Sie seit Jahren täglich gehen. Achtung: Kommen Jamais-vus häufiger vor, ohne dass Sie diese auf Ursachen wie Drogenkonsum, Schlafmangel oder Ähnliches zurückführen können, sollten Sie einen Arzt aufsuchen!

Repetition Suppression: Die Effizienz des Gehirns

Neurologisch gesehen ist der zweite Blick meist der weniger aufwendige und effizientere. Betrachtet man zweimal die gleiche Sache, etwa ein Gesicht, dann ist die neuronale Aktivität während der Wiederholung messbar geringer als während des ersten Blicks. Das Gehirn lernt also schnell und wendet dieses Wissen sofort an.

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