Die Diagnose Demenz ist für Betroffene und Angehörige oft ein Schock. In Deutschland leben heute etwa 1,4 bis 1,84 Millionen Menschen mit Demenz, und diese Zahl wird sich Prognosen zufolge bis 2035 verdoppeln. Obwohl Demenz derzeit als nicht heilbar gilt, gibt es bedeutende Fortschritte in der Forschung, die neue Hoffnung geben. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Demenz, von den Ursachen und Symptomen über Präventionsmaßnahmen bis hin zu den neuesten Therapieansätzen und der Frage, wann Demenz heilbar sein könnte.
Was ist Demenz? Eine Definition
Demenz ist keine spezifische Krankheit, sondern ein Syndrom, das verschiedene Gehirnerkrankungen umfasst, die die Kognition beeinträchtigen. Priv.-Doz. Dr. Thomas Duning, Neurologe, erklärt, dass Demenz durch Ablagerungen im Gehirn verursacht werden kann, wie sie beispielsweise bei der Alzheimer-Krankheit auftreten. Diese Ablagerungen können Nervenzellen abtöten, wobei die genaue Ursache und der Auslöser der Krankheit noch nicht vollständig geklärt sind. Alzheimer ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz, aber Demenz kann auch durch andere Gehirnerkrankungen ausgelöst werden.
Jochen René Thyrian vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und Vorstandsmitglied der DAlzG erklärt, dass Alzheimer eine spezielle Form der Demenz darstellt, die durch das Absterben von Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Dies geht einher mit Veränderungen des Tau-Proteins und der Bildung von Plaques.
Ursachen und Risikofaktoren der Demenz
Lange Zeit wurde angenommen, dass die Alzheimer-Erkrankung die Hauptursache für Demenz ist. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass viele Demenzerkrankte sowohl Alzheimer-Pathologie als auch chronische Durchblutungsstörungen im Gehirn aufweisen. Bewegungsmangel, erhöhte Blutfette, schlecht eingestellter Blutzucker und Rauchen sind beeinflussbare Risikofaktoren, die vermieden werden sollten. Die größten Risikofaktoren bleiben jedoch das Alter und die genetische Veranlagung.
Hanna Kristiina Isotalus, Neurowissenschaftlerin an der Bristol University, betont, dass Lebensstilfaktoren wie schlechte Ernährung, Bewegungsmangel und Schlafmangel mit dem Alzheimer-Risiko verbunden sind. Äußere Faktoren spielen eine erhebliche Rolle, wobei etwa 40 % der Alzheimer-Fälle durch den Lebensstil bedingt sind.
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Demenz im jüngeren Alter
Demenzerkrankungen können auch in jüngeren Jahren auftreten, wobei die ersten Symptome vor dem 65. Lebensjahr auftreten. Obwohl die Symptome ähnlich denen im höheren Lebensalter sind, werden frühe Demenzen oft nicht erkannt. Menschen unter 65 Jahren sind häufiger von Demenzformen betroffen, die sich auf Verhalten und Persönlichkeit auswirken, wie z. B. die frontotemporale Demenz. Alkoholmissbrauch, Schlaganfälle, genetische Risikofaktoren, Diabetes, Herzerkrankungen, Vitamin-D-Mangel, Schwerhörigkeit und soziale Isolation sind weitere Risikofaktoren.
Symptome und Diagnose
Die Demenz schränkt kognitive Fähigkeiten wie Sprache, Orientierung, Koordination von Bewegungen und Gedächtnisleistungen ein. Bei der Alzheimer-Demenz treten typischerweise Gedächtnisstörungen auf, insbesondere das Neugedächtnis ist betroffen. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) hat elf Warnzeichen zusammengefasst, darunter das Verlegen von Dingen, Probleme mit der räumlichen Wahrnehmung und Verhaltensänderungen.
Frühe Diagnose
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um den Krankheitsverlauf zu verzögern, Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Veränderungen im Gehirn, die zur Plaquebildung führen, können bereits 15 bis 20 Jahre vor den ersten Symptomen auftreten und möglicherweise durch Gehirnscans oder Bluttests erkannt werden.
Professor Jens Wiltfang und sein Team an der Universität Erlangen-Nürnberg haben ein Testverfahren entwickelt, das zwischen verschiedenen Untergruppen der Aß-Peptide im Blut unterscheidet. Ziel ist es, Alzheimer-Patienten sehr früh zu erkennen und die Alzheimer-Erkrankung von anderen Demenzformen zu unterscheiden.
Prävention und Lebensstil
Ein gesunder Lebensstil kann das Demenzrisiko verringern. Dazu gehören eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und wenig verarbeitetem Fleisch, der Verzicht auf Alkohol und Rauchen, regelmäßige körperliche Betätigung, soziales Engagement und ausreichend Schlaf. Das Trainieren des Gehirns, beispielsweise durch das Erlernen einer neuen Sprache, kann ebenfalls die kognitiven Reserven stärken.
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Lebensstilveränderungen wie besserer Schlaf, eine gesündere Ernährung und mehr Bewegung sind wichtige Pfeiler der Alzheimer-Prävention und können auch bei Menschen mit ersten Anzeichen einer Demenz helfen, die Krankheit zu verzögern.
Therapieansätze und Medikamente
Obwohl Alzheimer derzeit nicht heilbar ist, gibt es Medikamente, die den Krankheitsverlauf verlangsamen und die Lebensqualität verbessern können. Acetylcholinesterase-Hemmer sorgen dafür, dass der Botenstoff Acetylcholin im Gehirn vermehrt zur Verfügung steht, was die Weiterleitung von Informationen verbessern kann. Memantin soll die Nervenzellen vor Schäden durch zu viel Glutamat schützen. Bei fortgeschrittener Erkrankung werden Psychopharmaka zur Behandlung von Symptomen wie Depressionen, Verhaltensstörungen und Unruhe eingesetzt.
Neue Therapieansätze
In den USA ist bereits ein neues Medikament zugelassen, und bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA laufen Anträge auf Zulassung für weitere Medikamente, die den Gedächtnisverlust bekämpfen sollen. Diese Therapien setzen an den Amyloid-Ablagerungen im Gehirn an und stimulieren das Immunsystem, diese abzubauen. Dadurch kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt werden.
Prof. Dr. Dorothee Saur, Neurologin am Universitätsklinikum Leipzig, betont, dass diese neuen Therapien vor allem für Menschen mit einem sehr frühen Stadium der Demenz neue Möglichkeiten eröffnen. Mit modernen Diagnosemethoden kann eine frühe Form der Alzheimererkrankung erkannt werden, und die Behandlung kann das Voranschreiten um bis zu 30 Prozent verlangsamen.
Die Medikamente Lecanemab und Donanemab greifen in den Krankheitsprozess ein, indem sie die Bildung von Amyloid-Plaques verhindern und bestehende Plaques abbauen. Obwohl diese Medikamente die Krankheit nicht vollständig aufhalten können und Nebenwirkungen auftreten können, sind die Ergebnisse vielversprechend.
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Sekundäre Demenzen und Heilbarkeit
Ein wesentlicher Aspekt ist die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Demenzen. Während primäre Demenzen wie Alzheimer direkt im Gehirn entstehen, sind sekundäre Demenzen die Folge anderer Krankheiten oder Mangelzustände. In etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Fälle sind Demenzen sekundärer Natur und somit potenziell heilbar.
Michael Rapp, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP), betont, dass bei rechtzeitig behandelten Grunderkrankungen wie Schilddrüsenerkrankungen, Nebenschilddrüsenadenomen, chronischen subduralen Hämatomen, Bluthochdruck und Diabetes mellitus eine Rückbildung der demenziellen Beschwerden möglich ist.
Herausforderungen und Unterstützung
Die Diagnose Demenz stellt Betroffene und ihre Familien vor besondere Herausforderungen. Jüngere Erkrankte haben oft Schwierigkeiten, die Diagnose zu akzeptieren und müssen sich mit dem Verlust ihres bisherigen Lebens auseinandersetzen. Familien müssen sich auf eine veränderte Lebenssituation einstellen, und Partner erleben den schleichenden Verlust von Gemeinsamkeiten.
Es ist wichtig, dass Betroffene und Angehörige Unterstützung erhalten und Zugang zu passenden Pflege- und Betreuungsangeboten haben. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft setzt sich für die Verbesserung der Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ein und fordert den Ausbau ambulanter Pflegedienste und Tagespflegeplätze.
Forschung und Ausblick
Die Forschung im Bereich der Demenz schreitet kontinuierlich voran. Neue Diagnosemethoden, wie Bluttests und verbesserte bildgebende Verfahren, ermöglichen eine frühere Erkennung der Erkrankung. Neue Therapieansätze, die auf die Ursachen der Demenz abzielen, geben Hoffnung auf eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs und eine Verbesserung der Lebensqualität.
Professor Wiltfang geht davon aus, dass Alzheimer in zehn bis 15 Jahren heilbar sein könnte. Bis dahin ist es wichtig, die Krankheit frühzeitig zu diagnostizieren, um den Patienten durch Lebensstiländerungen, geistiges Training und Medikamente eine gute Lebensqualität zu sichern.