Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Hämmernde Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit sind typische Symptome einer Migräne-Attacke. Für die Betroffenen wird es oft noch unerträglicher, wenn am Arbeitsplatz das Verständnis fehlt und sie gegen Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung ankämpfen müssen. Viele Migräne-Patienten kämpfen täglich gegen Unverständnis, Vorurteile und Stigmatisierung.
Die Belastung am Arbeitsplatz
Auch im Büro lauern unzählige Trigger und Reize, die am Arbeitsplatz auf uns niederprasseln. Sei es ein alter flackernder Bildschirm, grelles Neonlicht, stickige Luft in Großraumbüros, laute Gespräche unter Kolleg:innen, ein Telefon, das pausenlos schrill klingelt, Stress, oder ein beißendes Parfüm einer Kollegin.
Eine häufige Ursache für Kopfschmerzen im Arbeitsalltag ist auch eine fehlerhafte Körperhaltung am Schreibtisch und damit verbundene Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich. In den meisten Fällen ist der eigene Arbeitsplatz ergonomisch nicht auf den Mitarbeiter:innen abgestimmt. Diese dauerhafte Anspannung aktiviert Schmerzrezeptoren, wodurch Kopfschmerzen ausgelöst werden können.
Es ist jedoch wichtig, zwischen Spannungskopfschmerzen und Migräne zu unterscheiden. Spannungskopfschmerzen, die durch eine verspannte Nacken- und Schultermuskulatur ausgelöst werden, können durch das Dehnen und Lockern der verhärteten Muskulatur, Wärme- und Kälteanwendungen und einen individuell auf den Benutzer abgestimmten Arbeitsplatz verhindert werden. Ebenso kann es sehr hilfreich sein, die Fenster im Büro aufzureißen, frische Luft hereinzulassen und viel Wasser zu trinken. Hilft das alles nicht, kann auch auf leichte bis mittel-starke rezeptfreie Arzneimittel wie Acetylsalicylsäure (Aspirin), Paracetamol oder Ibuprofen zurückgegriffen werden.
Zahlen und Fakten zur Migräne in der Arbeitswelt
Migräne ist laut dem BARMER Arztreport unter den Top 20 der Gründe für Arbeitsunfähigkeit und Krankmeldungen. Jeden Tag leiden etwa 900.000 Menschen unter Migräne. Bei 220 Arbeitstagen pro Jahr sind das unglaublich viele verlorene Arbeitstage pro Jahr. Aufgrund von Migräne ergeben sich somit circa 143 Millionen Arbeitsausfälle jährlich. Die Kosten, die dabei entstehen, belaufen sich auf rund 15 Milliarden Euro pro Jahr. Rechnet man die medizinische und medikamentöse Behandlung und Versorgung dazu, kommt man insgesamt auf ungefähr 16 Milliarden Euro jährliche Kosten aufgrund von Migräne.
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Der Wertschöpfungsausfall durch Krankheit im Allgemeinen beläuft sich jährlich auf ungefähr 225 Milliarden Euro. Die 16 Milliarden Euro für Arbeitsausfälle durch Migräne machen demnach circa 7 Prozent der gesamten Kosten aus.
Auswertungen der AOK Rheinland/Hamburg weisen nun bei Berufstätigen eine deutliche Zunahme von Krankschreibungen und Fehltagen aufgrund von Migräne nach. Die Zahl der Fehltage hat sich innerhalb der vergangenen 15 Jahre verdoppelt, die Zahl der Krankschreibungen ist in diesem Zeitraum sogar um fast 150 Prozent gestiegen. Die AOK-Analysen zeigen auch, dass deutlich mehr Frauen als Männer von Migräne betroffen sind.
Im Jahr 2024 hat die Gesundheitskasse bei den weiblichen Versicherten 5,33 Krankschreibungen mit der Diagnose Migräne je 100 Versicherte verzeichnet und damit 175 Prozent mehr als bei den männlichen Versicherten, die auf 1,94 Krankschreibungen je 100 Versicherte gekommen sind. Geschlechterübergreifend waren im Jahr 2024 durchschnittlich 3,42 Krankschreibungen je 100 Versicherte auf Migräne zurückzuführen.
Von 2022 bis 2024 hat sich die Zahl der Fehltage um mehr als 23 Prozent erhöht: von 11,65 Tagen je 100 Versicherte im Jahr 2022 auf 14,38 Tage im Jahr 2024. Die Zahl der Migräne-Krankschreibungen ist in dieser Zeit um mehr als 38 Prozent gestiegen - und sogar um 146 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010.
Wenn die Migräne-Attacke am Arbeitsplatz zuschlägt
Wer auf der Arbeit jedoch von einer Migräne-Attacke überrollt wird, ist in aller Regel nicht mehr in der Lage weiterzuarbeiten. Migräne-Attacken sind mehr als ’nur‘ Kopfschmerzen und beeinträchtigten in hohem Maße die Konzentration der Betroffenen. Bahnt sich eine Migräne-Attacke an, ist es nicht mehr möglich mit voller Leistung weiterzuarbeiten. Eine Migräne-Attacke bedeutet sinkende Konzentration, eine erhöhte Fehlerquote und verlangsamte Arbeitsabläufe. Treten dazu noch neurologische Ausfälle wie Wahrnehmungsstörungen in Form einer Aura auf, birgt dies je nach Tätigkeit erhebliche Risiken. Wer während der Aura unter Sehstörungen, Taubheitsgefühlen oder Lähmungserscheinungen leidet, kann zum Beispiel seine Arbeit an einer Maschine oder im Straßenverkehr nicht weiter ausführen. Problematisch sind jedoch auch Konzentrationsschwierigkeiten oder Wortfindungsstörungen, wenn man bei der Arbeit mit anderen Menschen arbeitet oder Kundenkontakt pflegt.
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Betroffene brauchen aufgrund ihrer Lärm-, Licht- und Geruchsempfindlichkeit einen ruhigen und dunklen Raum, in den sie sich zurückziehen können.
Im Akutfall können spezifische Migräne-Mittel wie Triptane eingenommen werden. Triptane blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen, die zur lokalen neurogenen Entzündung an den Blutgefäßen im Gehirn führen kann. Außerdem normalisieren Triptane die erhöhte Nervenaktivität in verschiedenen Gehirnzentren und verengen erweiterte Gefäße. Triptane haben gegenüber anderen Schmerzmitteln den Vorteil, dass sie gezielt und selektiv an den Schaltstellen im Gehirn wirken, die bei einer Migräneattacke beteiligt sind.
Wer mit Migräne von der Arbeit mit dem Auto nach Hause fahren will, sollte jedoch beachten, dass die Fahrtüchtigkeit unter der Einnahme von (starken) Schmerzmitteln herabgesetzt sein kann und auch die generelle Reaktionsfähigkeit und Konzentration bei starken Schmerzen abnimmt. Um sich selbst und andere nicht zu gefährden und ein erhöhtes Unfallrisiko zu vermeiden, sollte deswegen lieber auf öffentliche Verkehrsmittel oder ein Taxi zurückgegriffen werden.
Migräne & Krankschreibung
Migräne muss nicht zwangsläufig zu einem längeren Arbeitsausfall führen, da ein geregelter Tagesablauf sowie eine individuell gut eingestellte, medikamentöse oder nichtmedikamentöse Behandlung einen akuten Anfall lindern oder ihm vorbeugen kann. Dabei spielen Strategien zur Stressreduktion eine besondere Rolle. Neben einer bewussteren und ausbalancierteren Alltagsgestaltung werden die regelmäßige Durchführung von Entspannungsverfahren (Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Atemtherapie, Autogenes Training) empfohlen. Diese bewirken, neben der Entspannung der Muskulatur, auch einen Abbau der Stresshormone und eine Regeneration der körpereigenen Schmerzabwehrsysteme.
Zahlreiche Studien zeigen, dass die regelmäßige Anwendung solcher Entspannungstechniken langfristig die Anzahl der Attacken deutlich reduzieren kann. Zusätzlich werden Schulter- und Nackenverspannungen verbessert und Bluthochdruck gesenkt.
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Migräne kann jedoch die Leistungs- und Handlungsfähigkeit stark einschränken - und je nach Ausprägung sogar die berufliche Existenz gefährden, nämlich dann, wenn Betroffene unter einer chronischen Migräne leiden. Dies ist gegeben, wenn an mindestens drei aufeinanderfolgenden Monaten an jeweils 15 oder mehr Tagen Kopfschmerzen oder Migräne aufgetreten sind. Ist dies der Fall und man wird aufgrund der chronischen Erkrankung als berufsunfähig erklärt, kann unter gewissen Umständen beim Versorgungsamt eine Behinderung anerkannt und eine Erwerbsminderungsrente beantragt werden.
In den meisten Fällen dauert eine Migräne-Attacke 24 Stunden und man ist nach einem bis maximal drei Tagen wieder bereit zu arbeiten. Wird eine Krankschreibung für die versäumten Arbeitsstunden verlangt, können Hausarzt:innen den entsprechenden Nachweis ausstellen, wenn die Migräne zuvor von Neurolog:innen diagnostiziert wurde. Der Betroffene kann sich also für die Dauer des Migräne-Anfalls die Arbeitsunfähigkeit attestieren lassen.
Um behandelnden Ärzt:innen eine genaue Auskunft über Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräne-Attacken geben zu können, sollten Betroffene ein Kopfschmerztagebuch führen. Das Führen eines solchen Migräne- oder Kopfschmerztagebuchs hilft dir nicht nur in deinem Alltag, sondern erleichtert auch deinen Ärzt:innen das Identifizieren von Auslösern, die Einordnung der Kopfschmerzart, der Schmerzdauer und -stärke sowie möglicher Begleitsymptome. Wenn du dich mit deinen Beschwerden an ärztliches Fachpersonal wendest, werden sie genau diese Faktoren zur Erstellung einer Diagnose abfragen.
Der Umgang mit Kolleg:innen und Arbeitgeber:innen
Bahnt sich eine Migräne-Attacke an, steht man vor der schwierigen Entscheidung: Bleiben oder nach Hause gehen? Bleiben heißt Qual. Bleiben bedeutet eine extrem kräftezehrende Tortur durchzustehen.
Doch für einige ist nach Hause gehen bzw. zu Hause bleiben noch viel schlimmer, weil sie befürchten, einen schlechten Eindruck bei Arbeitskolleg:innen und Vorgesetzten zu machen oder weil sie Angst haben, missverstanden zu werden. Viele Patient:innen mit Migräne kämpfen täglich gegen Unverständnis, Vorurteile und Stigmatisierung.
Insgesamt gibt es weit über 200 verschiedene Arten von Kopfschmerzen. Weltweit leiden circa 758 Millionen Menschen an Migräne und rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat mindestens einmal pro Monat Spannungskopfschmerzen. Kopfschmerzen sollten deshalb auch im Geschäfts- und Arbeitsleben ein Thema sein. Kommunikation, Offenheit und mehr Informationen schaffen Klarheit und fördern Verständnis und Einfühlungsvermögen.
Für Außenstehende, die weder die Auslöser, Häufigkeit und Stärke eurer Migräne-Attacken kennen, ist es sehr schwierig die Intensität der Schmerzen und die äußeren Umstände einordnen und richtig einschätzen zu können. Hier ist die Kommunikation der Schlüssel. Da Migräne leider immer noch sehr häufig nicht ernst genommen wird und vielen Arbeitskolleg:innen und Arbeitgeber:innen das Verständnis fehlt, kann es helfen in einem offenen Gespräch wichtige Fragen bezüglich Leistungsschwankungen und Ausfällen zu klären, Vorurteile aus der Welt zu schaffen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Drei Verhaltensregeln für den Umgang mit Migräne-Betroffenen
- Migräne-Anfälle sind keine starken Kopfschmerzen. Migräne ist Migräne, und wer selbst nicht davon betroffen ist, sollte keine Vergleiche anstellen. Sätze wie „Ach, das kenne ich - ich hab’ auch manchmal Kopfschmerzen. Nimm’ einfach eine Ibu!“ sollten unbedingt vermieden werden. Worauf man also während einer Attacke erst Recht verzichten kann, ist Unverständnis seitens der Mitmenschen sowie das daraus resultierende Gefühl, die starken Schmerzen rechtfertigen und den Unterschied zu normalen Kopfschmerzen erklären zu müssen.
- Oft sieht man es Migräne-Betroffenen nicht an, dass sie unter einer Attacke leiden. Voreilige Schlüsse, der Kollege hätte keine Lust zu arbeiten, wolle lieber krank feiern, und nutze die Migräne als Ausrede, helfen niemanden und verstärken das schlechte Gewissen der Betroffenen, das sie ohnehin schon haben.
- Keine Ratschläge geben: Mehr Trinken, mehr Sport, weniger Stress, gesündere Ernährung - wenn es um das angebliche Fehlverhalten anderer geht, kommen …
Migräniker können hervorragende Mitarbeiter und erstklassige Chefs sein
Ob Queen Victoria oder Bill Clinton - sie alle litten oder leiden noch an den oft einseitig pulsierenden Kopfschmerzen und waren oder sind aufgrund der neurologischen Erkrankung zeitweise arbeitsunfähig, deshalb aber nicht weniger professionell. Ein wichtiges Meeting mit einem neuen Kunden steht bevor, doch eine akute Migräneattacke kündigt sich an, die trotz passender Medikamente nicht besser wird? Betroffene wissen: Durch die Einschränkungen lässt sich jetzt nicht konzentriert und produktiv arbeiten. Zudem drohen Begleiterscheinungen wie Wahrnehmungsstörungen, die je nach Tätigkeit ein Verletzungsrisiko für dich und andere bergen können. Allerdings darfst du beides nur nach Rücksprache mit deinem Vorgesetzen tun. Informiere diesen unverzüglich über deine Migräneattacke - ohne ins Detail zu gehen. Gut zu wissen: Bis zu drei Tage darfst du in der Regel wegen einer akuten Migräneattacke am Stück daheimbleiben, ohne dass du eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vom Arzt vorlegen musst. Gerade im Hinblick auf die Fristen und sonstigen Formalitäten bei einer Krankschreibung gibt es immer wieder Unklarheiten. Meldest du dich wegen deiner Migräne zu spät krank, kann dir sogar eine Abmahnung drohen. Bemerkst du zu Hause, dass eine Migräne-Attacke bevorsteht, nimm unverzüglich deine Migränemedikamente ein und melde dich spätestens 30 Minuten nach Arbeitsbeginn krank. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt sollte dem Arbeitgeber spätestens am vierten Krankheitstag vorliegen. Auch wenn dein Chef im besten Fall von deiner Migräne weiß,bist du nicht verpflichtet, den genauen Grund anzugeben. Vermeide es auf jeden Fall, konkrete Beschwerden wie Übelkeit oder Sehstörungen zu nennen und bleibe möglichst neutral. Kehrst du nach einer Krankschreibung wegen Migräne in den Arbeitsalltag zurück, kann es passieren, dass sich Kollegen nach deinem Befinden erkundigen. Denke in dieser Situation daran, dass diese meist nur höflich sein wollen und nicht wirklich an Details deiner Erkrankung interessiert sind. Für einen Austausch auf Augenhöhe eignen sich Freunde oder Selbsthilfegruppen besser. Mit deinen Vorgesetzten solltest du offen über deine Erkrankung sprechen. Lass deinen Arbeitgeber wissen, dass du gute Behandlungsoptionen an der Hand hast und versuche, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, wie der Arbeitsplatz möglichst migränefreundlich gestaltet werden kann. Dies kann ein geschlossenes Geschäftszimmer - statt Großraumbüro - oder die Vermeidung von Reizen durch Publikumsverkehr sein.
Betriebliche Gesundheitsförderung als Lösungsansatz
Die betriebliche Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… ermöglicht Unternehmen viele Maßnahmen, um Migräne entgegenzuwirken und Betroffenen gezielt zu helfen. So unterstützt das BGF-Institut der AOK Rheinland/Hamburg Betriebe dabei, Kopf- und Nackenschmerzen am Arbeitsplatz und auch im Homeoffice vorzubeugen. Mit Entspannungspausen während der Arbeitszeit oder Seminaren rund um die Themen Stressmanagement, Resilienz und Achtsamkeit können Mitarbeitende auf dem Weg zu mehr Wohlbefinden begleitet werden.
Rechtliche Aspekte und Unterstützung
In vielen Unternehmen gilt die Devise: immer mehr und am besten immer schneller. In den heutigen Arbeitnehmer werden hohe Erwartungen gesetzt, vor allem an dessen geistige Leistungsfähigkeit und psychische Belastbarkeit. Aber was, wenn man aufgrund von Migräne bei diesem Tempo nicht mehr mithalten kann? Können die Betroffenen zwar mindestens drei, aber nicht mehr als mindestens sechs Stunden täglich arbeiten, besteht ein Anspruch auf Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung. Die vorzeitige Rente bei Migräne in Form einer teilweisen oder ganzen Erwerbsminderungsrente ergänzt oder ersetzt somit das bisherige monatliche Einkommen.
Migräne-Patienten können einen Schwerbehindertenausweis beantragen.