Gleichgewichtsstörungen sind ein weit verbreitetes Problem, das Menschen jeden Alters betreffen kann. Sie sind jedoch keine Krankheit an sich, sondern vielmehr ein Symptom, das auf eine Vielzahl zugrunde liegender Ursachen hinweisen kann. Wenn die Funktion des Gleichgewichtsorgans gestört ist, können Koordinationsprobleme und Schwindel auftreten. Anhaltende Gleichgewichtsstörungen können die Lebensqualität und Sicherheit der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Das komplexe Gleichgewichtssystem
Um zu verstehen, wie Gleichgewichtsstörungen entstehen, ist es wichtig, die Funktionsweise des Gleichgewichtssystems zu kennen. Dieses komplexe System besteht aus verschiedenen Komponenten, die zusammenarbeiten, um uns im Raum zu orientieren und unser Gleichgewicht zu halten.
Das Gleichgewichtsorgan, auch Vestibularapparat genannt, befindet sich im Innenohr. Es besteht aus mit Flüssigkeit gefüllten Röhren und Sinneszellen, die mit Festkörpern (Statolithen) verbunden sind. Drehungen des Kopfes werden durch die Bewegung der Flüssigkeit in den Röhren „übersetzt“.
Das Gleichgewichtsorgan ist über einen speziellen Nerv, den Nervus vestibulocochlearis, mit den Vestibularis-Nervenkernen im Hirnstamm verbunden. Diese Schaltzentrale des Gleichgewichts erhält auch Informationen von den Augen, dem Rückenmark und dem Kleinhirn.
Dank dieser komplexen Verknüpfung können wir uns im Raum orientieren, selbst bei schnellen Bewegungen und Positionsänderungen. Wenn jedoch ein Teil dieses Informationsflusses gestört ist, erhalten die Vestibularis-Nervenkerne widersprüchliche Signale, was zu Schwindel, Koordinationsschwierigkeiten und Gleichgewichtsstörungen führt.
Lesen Sie auch: Mehr Stabilität und Lebensqualität durch Gleichgewichtstraining
Mögliche Symptome von Gleichgewichtsstörungen
Gleichgewichtsstörungen können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Die Symptome können von leichtem Schwindel bis hin zu schweren Beeinträchtigungen der Koordination reichen. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Schwindelgefühl: Ein Gefühl des Drehens, Schwankens oder der Instabilität.
- Beeinträchtigung der Koordination: Schwierigkeiten beim Gehen, unbeabsichtigte Bewegungen.
- Stürze: Aufgrund von Gleichgewichtsproblemen.
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppeltsehen.
- Beeinträchtigung des Gehörs: Hörverlust, Tinnitus.
- Tinnitus: Ohrgeräusche.
- Übelkeit: Brechreiz.
- Erbrechen: Auswurf von Mageninhalt.
Ursachen von Gleichgewichtsstörungen
Die Ursachen für Gleichgewichtsstörungen sind vielfältig. Sie können von Erkrankungen des Innenohrs bis hin zu neurologischen Problemen reichen. Im Folgenden werden einige der häufigsten Ursachen aufgeführt:
Erkrankungen des Innenohrs
- Innenohrentzündung und Entzündung der Gleichgewichtsnerven (Labyrinthitis, Neuritis Vestibularis): Eine Entzündung des Innenohrs oder der Gleichgewichtsnerven kann zu Schwindel, Hörverlust und Tinnitus führen. Oft tritt sie im Zusammenhang mit einer Erkältung auf.
- Morbus Menière: Diese Erkrankung ist durch starke Beeinträchtigungen des Gleichgewichtssinns mit stundenlangem Schwindelgefühl, Übelkeit, Erbrechen und schweren Stürzen gekennzeichnet. Vermutlich wird sie durch (erbliche) Verformungen von Bereichen des Innenohrs verursacht.
- Gutartiger Lagerungsschwindel: Diese häufige Ursache für Schwindel wird durch die Ablösung winziger „Ohrensteinchen“ im Gleichgewichtsorgan verursacht. Sie führt zu Schwindelanfällen nach Positionsveränderungen des Kopfes.
- Tumore in Innenohr, Gehörgang und Kleinhirn: Gutartige Tumore wie das Akustikusneurinom können langsam wachsen und durch Druck auf Bereiche des Hörsystems Gleichgewichtsstörungen verursachen.
Weitere mögliche Ursachen
- Flüssigkeitsmangel: Chronisch oder akut mangelnde Flüssigkeitszufuhr kann die Leistungsfähigkeit des Gehirns beeinträchtigen und zu Schwindel führen.
- Unterzuckerung: Ein niedriger Blutzuckerspiegel kann ebenfalls Schwindel verursachen, insbesondere bei Menschen mit Diabetes mellitus.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Zu hoher oder zu niedriger Blutdruck sowie Herzrhythmusstörungen können Schwindel verursachen.
- Kopfverletzungen: Gehirnerschütterungen oder schwere Schädelverletzungen können das Gleichgewichtssystem beeinträchtigen.
- Hirnhautentzündung (Meningitis): Eine Entzündung der Hirnhäute kann mit Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen, Fieber und Gleichgewichtsstörungen einhergehen.
- Durchblutungsstörungen: Ein gestörter Blutfluss durch Arterienverkalkung, Veneninsuffizienz, Gefäßverschluss oder Gefäßentzündung kann auch die Durchblutung des Innenohrs beeinträchtigen und zu Schwindel führen.
- Erkrankungen des Nervensystems: Erkrankungen wie Polyneuropathie oder Parkinson können die Funktion des Nervensystems beeinträchtigen und Gleichgewichtsstörungen verursachen.
- Vestibuläre Migräne: Schwindelattacken mit Übelkeit, Erbrechen und starken Kopfschmerzen, die minuten- oder sogar stundenlang anhalten können, sind typisch für die sogenannte vestibuläre Migräne.
- Psychogener Schwindel: Belastende Konflikte, Stresssituationen oder Ängste können ebenfalls Schwindel auslösen.
- Medikamente: Unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten können zu Schwindel führen. Vor allem Beruhigungs- und Schlafmittel sowie muskelentspannende Mittel wirken dämpfend und können schwindlig machen.
Gleichgewichtsstörungen im Alter
Ältere Menschen sind häufiger von Gleichgewichtsstörungen und Schwindel betroffen als jüngere. Dies liegt daran, dass viele der Erkrankungen, die Störungen des Gleichgewichts verursachen können, erst mit zunehmendem Alter auftreten, wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Durchblutungsstörungen oder Diabetes. Hinzu kommt, dass im Alter oft das Durstgefühl nachlässt und die Flüssigkeitsaufnahme geringer ist, was das Problem noch verstärken kann. Gleichgewichtsstörungen können im Alter ein erhebliches Risiko darstellen, da sie zu Stürzen führen können, die häufig zu Verletzungen wie Oberschenkelhalsbrüchen führen.
Diagnose von Gleichgewichtsstörungen
Die Diagnose von Gleichgewichtsstörungen erfordert eine sorgfältige Untersuchung durch einen Arzt. In der Regel ist der Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO-Arzt) die erste Anlaufstelle.
Der Arzt wird zunächst die Gehörgänge optisch untersuchen (Otoskopie) und gegebenenfalls Hör- und Gleichgewichtstests durchführen. Auch die Beobachtung der Pupillen mithilfe einer Spezialbrille kann bei der Diagnose von Lagerungsschwindel hilfreich sein.
Lesen Sie auch: Gehirnchemie und mentale Gesundheit
Wenn die Ursache der Gleichgewichtsstörung nicht sofort erkennbar ist, können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z. B.:
- Bildgebende Verfahren: Röntgen, Magnetresonanztomographie (MRT)
- Blut- und Urinuntersuchungen: Zur Überprüfung auf Infektionen, Stoffwechselstörungen oder andere Erkrankungen.
- Blutdruckmessung: Zur Überprüfung auf Blutdruckprobleme.
- Hördiagnostik und Hirnstammaudiometrie (BERA):Mithilfe verschiedener Hörtests prüfen wir, ob eine Störung des Innenohrs oder des Hörvermögens den Schwindel verursacht.
- Video-Elektronystagmographie (VENG):Bei der Video-Elektronystagmographie werden Augenbewegungen erfasst, die durch Reize des Gleichgewichtssystems ausgelöst werden.
Behandlung von Gleichgewichtsstörungen
Die Behandlung von Gleichgewichtsstörungen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die je nach Bedarf eingesetzt werden können.
- Medikamentöse Behandlung: Bei Entzündungen, Übelkeit oder anderen Symptomen können Medikamente eingesetzt werden, um die Beschwerden zu lindern.
- Physiotherapie und Schwindeltraining: Gezielte Übungen können helfen, das Gleichgewichtssystem zu stabilisieren und die Koordination zu verbessern.
- Lagerungsmanöver: Beim gutartigen Lagerungsschwindel können spezielle Lagerungsmanöver durchgeführt werden, um die „Ohrensteinchen“ wieder an ihren Platz zu bringen.
- Psychotherapie: Bei psychogenem Schwindel kann eine Psychotherapie helfen, die zugrunde liegenden psychischen Probleme zu bewältigen.
- Chirurgische Eingriffe: In seltenen Fällen, z. B. bei Tumoren oder bestimmten Innenohrerkrankungen, kann ein chirurgischer Eingriff erforderlich sein.
Was kann man selbst tun?
Neben der ärztlichen Behandlung gibt es auch einige Maßnahmen, die man selbst ergreifen kann, um Gleichgewichtsstörungen vorzubeugen oder zu lindern:
- Ausreichend trinken: Achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, um Dehydration zu vermeiden.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann dazu beitragen, den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen.
- Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität kann die Durchblutung fördern und das Gleichgewichtssystem stärken.
- Stress vermeiden: Versuchen Sie, Stress abzubauen, z. B. durch Entspannungsübungen oder Hobbys.
- Alkohol und Nikotin meiden: Diese Substanzen können das Gleichgewichtssystem beeinträchtigen.
- Sicherheitsvorkehrungen treffen: Vermeiden Sie Situationen, die ein Sturzrisiko bergen, und sorgen Sie für eine sichere Umgebung.
Lesen Sie auch: Schlaganfall und Gleichgewicht: Was hilft?
tags: #gleichgewicht #nerv #beidseitig