Gottfried Benn, eine der markantesten Figuren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, wird oft dem Expressionismus zugerechnet, insbesondere in seiner frühen Schaffensphase. Diese Kategorisierung bedarf jedoch einer kritischen Auseinandersetzung, da sie in der Literaturwissenschaft oft unreflektiert angewendet wird.
Die Problematik der Epochenzuordnung
Die Zuordnung eines Autors oder Werkes zu einer bestimmten literarischen Strömung ist ein komplexer Prozess. Es müssen klare Kriterien definiert werden, welche Merkmale einen Text als "expressionistisch" auszeichnen. Anschließend muss untersucht werden, inwieweit Benns Texte diese Merkmale aufweisen. Schließlich muss man sich fragen, welche Probleme sich aus einer solchen literaturhistorischen Einordnung für das Verständnis von Benns Werk ergeben.
Die Explikation eines literaturhistorischen Sammelbegriffs ist schwierig. Will man Texten nicht nur einen Namen, der auf einer einfachen, "linearen" Lexemzuweisung basiert, sondern einem literaturhistorischen (Sammel-)Begriff zuordnen, müssen die als klassifikatorische Kriterien herangezogenen Textmerkmale bzw. die im weitesten Sinne kulturellen Spezifika eines als "Epoche" oder "Stilrichtung" ausgewiesenen Zeitraums eine eindeutige Zuordnung gestatten, was zunächst deren adäquate inhaltliche Bestimmung voraussetzt. Nun macht aber bereits die Auswahl trennscharfer Kriterien zwangsläufig eine Interpretation des zu Grunde liegenden Textkorpus notwendig, unter anderem also die Auswahl und Hierarchisierung der als epochentypisch befundenen Textmerkmale. Auch eine historisch gestützte Begriffsgebrauchsempfehlung basiert demnach auf einer Trias von Interpretation, Wertung und Selektion. Die Zirkularität, die hier entsteht, ist rückführbar auf die literaturhistorische Praxis, dass das heuristische Suchraster selbst aus der Interpretation erwachsen muss. Die hinreichende Erschließung von Bedeutungsdimensionen eines als epochenzugehörig klassifizierten Textes und deren Beurteilung hinsichtlich der Erstellung einer für die Epoche bzw. literarischen Unterströmung paradigmatischen Merkmalsmatrix sieht sich vor folgende Schwierigkeiten gestellt: Die Ausformulierung eines bestimmten Bewertungskanons basiert auf der Korrelation eigener lebensweltlicher Normen und Erfahrungen des Bewertenden zum Zeitpunkt der Interpretation mit der Kenntnis des zeitgenössischen "Wissens" bzw. Nicht selten äußert sich hier das Übergewicht eines auf die Gegenwart bezogenen Interpretationshorizonts. In zahlreichen Einführungswerken zur Jahrhundertwende wird dieser spezifischen Fremdheit in der Regel mit dem Hinweis auf die soziopolitische Lage um 1900, den Beginn der Industrialisierung, den Ersten Weltkrieg und die Entdeckung des Unbewussten durch Freud Rechnung getragen. Das "expressionistische Suchraster" geht - so die These - zumeist von einem gegenwärtigen Verstehenshorizont aus, der "sekundär dunkle" Bedeutungsdimensionen mit auf die Gegenwart Bezug nehmenden Verstehensmustern nivelliert. Der Text wird damit aber zum Exemplar einer schematisierten Literaturbetrachtung, die lediglich findet, was sie sucht bzw.
Um sich den unzureichenden, unspezifischen, bisweilen auch reduktionistischen, gegenwärtigen Umgang mit "expressionistischen Textmerkmalen" vor allem in Einführungstexten vor Augen zu führen, genügt ein Blick in die einschlägigen Lexika und Überblicksdarstellungen. Unter dem Schlagwort "Expressionismus" firmieren Typologisierungsschlagworte wie etwa "Ausdruck einer Stimmung eines notwendigen neuen Anfangs", der "die Suche nach neuen Denk- und Lebensformen" zu beschreiben sucht. Nicht nur die Ungenauigkeit dieser Begriffe ist zu bemängeln: "Stimmung eines Neuanfangs" und "Suche nach neuen Denk- und Lebensformen" dürften kaum distinkte, expressionismusspezifische Parameter sein. Worauf sollen sich solch relationalen, intuititv erspürten Begriffe beziehen? Einen politischen, sozialen, literarischen, geistesgeschichtlichen, philosophischen Neuanfang? Einen Neuanfang in welche Richtung? Neu in Bezug auf was genau? Wovon wird hier eine Abgrenzung vorgenommen? So richtig diese Feststellungen auch sein mögen, als Beschreibungskategorien taugen sie wenig, als in die "Epoche", in den Expressionismus einführende Interpretationshilfen gar nicht, versteht man unter einer Interpretation ein hermeneutisches Verfahren, das über bloße, weitgehend unspezifische Deskription hinausreichen soll. Schließlich bedeutet die Offenheit dieses allzu weitreichenden Begriffsinventars auf der anderen Seite lediglich einen spezifischen Mangel an Präzision bzw. gibt einen Hinweis darauf, dass die Begriffsexplikation des literaturhistorischen Sammelbegriffs gegenwärtig so allgemein gehalten ist, dass sie für eine Klassifizierung von Texten als "expressionistisch" nicht distinkt genug ist. Im Gegensatz zu einer Merkmalsauflistung, die, wenn auch unspezifisch und ohne Hierarchisierung, die Vielschichigkeit einer Epochenbeschreibung zu erhalten vermag, führt die Auswahl angeblich distinkter Merkmale, je abstrakter und begrenzter der Merkmalskatalog ist, zu einer Inadäquatheit der Explikation, da sie 1. nicht gestattet eine disjunkte Zuordnung vorzunehmen und 2. zu einer Nivellierung, Vereinseitigung und Unterdifferenzierung führt. Als gängige, wenn auch kleinste Schnittmenge, ist sie für ein Epochen- oder Stilverständnis allgemeinhin allerdings durchaus prägend. Wahrscheinlich ist auch, dass sie als Spiegel gängiger Expressionismusforschung einen Hinweis gibt auf aktuelle fachwissenschaftliche Desiderate: Waren sowohl Wolfgang Stammler in der ersten Ausgabe des Reallexikons (bzw. der "Realenzyklopädie") von 1925/26 als auch Fritz Martini 1958 immerhin noch in der Lage avantgardistische Weltanschauung, metaphysische Orientierung, das für diese Zeit nicht zu unterschätzende Verhältnis der Expressionisten zur Natur und andere geistesgeschichtliche Grundgedanken auf knappstem Raum in Hülle und Fülle aufzulisten, beschränkt sich die 1997 im Reallexikon abgedruckte Begriffsexplikation zumeist auf stilgeschichtliche und tagespolitische Dimensionen, die allzu allgemein sind.
Benns Werk im Spannungsfeld des Expressionismus
Das Werk Gottfried Benns wurde von der Forschung bislang zumeist vor dem Hintergrund der Biografie und/oder ideologiekritisch interpretiert. Eine literaturhistorische Zuordnung des Werks zum "Expressionismus" müsste nach den gängigen Standards der Klassifizierung über die Merkmale "Ich-Dissoziation", den "Aufbruchsgedanken" oder den "Realitätszerfall" erfolgen, die typische "Begeisterung für den technischen Fortschritt" bei gleichzeitiger "Zivilisationskritik" und der "Entdeckung des Archaischen in der Kunst", das "politische Engagement", die "vitalistische Gewaltverherrlichung" sowie gleichzeitig die "pazifistische Friedenspredigt", "atheistische" oder "christliche Grundhaltung", das Mittel des "Hässlichen" als "Symbol für die Deformation der zeitgenössischen Wahrheit", den notorischen Bezug auf Nietzsche und Freud. Das alles ließe sich sicher auch bei Benn - in welcher Form auch immer - durchaus finden. Stellt man also die Frage: "Ist Benn ein Expressionist", so lässt sie sich unter Bezugnahme auf die in der Forschung usuellen Merkmalsmatrices beantworten. Die heuristische Prämisse, die dieser Frage zu Grunde liegt und die sich in ihrer Beantwortung festschreibt, alle Texte einer Epoche bzw. literarischen Unterströmung seien in einem gewissen Sinne homogen, selektiert und legitimiert - ähnlich wie der Werkbegriff auch - Interpretationskontexte. Über die kleinste Schnittmenge gängiger Klassifizierungsmerkmale kann so Einheit hergestellt werden, wo - im Sinne Michel Foucaults - die Diskontinuität, der Bruch, das Einzelne stärker fokussiert werden müsste. Diese weder vom Text, dem primären Gegenstand selbst, noch wie Karlheinz Stierle dies 1987 formuliert, von "verschiedenen diskursiven Formationen, die auseinander hervorgehen und aufeinander aufbauen" ausgehende Werkbetrachtung, die auch heute noch - wie zahlreiche Publikationen im Benn-Jahr belegen - praktiziert wird, arbeitet mit der Methode der Parallelisierung, die zwar den deskriptiv-klassifikatorischen, mitunter formalen Vergleich mit anderen Texten zulässt, einer Interpretation allerdings eher hinderlich ist. Am Beispiel: Unter dem literarhistorischen Synthetisierungsdruck blieben bislang bei weitem mehr Spezifika des Benn'schen Œuvres vernachlässigt als berücksichtigt. Zwar lässt sich für die frühe Lyrik, die beispielsweise eine enge intertextuelle Bindung zu Georg Heym aufweist, durchaus behaupten, dass die typisch "expressionistischen" provokativen Bilder und auch die sich vornehmlich sprachlich niederschlagende Kulturkritik in typischer Weise präsent sind. Wie jedoch mit Benns eher naturalistisch beeinflusster Naturauffassung oder seiner populärwissenschaftlich inspirierten Neigung zum Metaphysischen zu verfahren sei, bleibt ungeklärt.
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Die Gefahr literarhistorisch orientierter Textinterpretation, sofern sie sich - sei es explizit, sei es implizit - auf literaturhistorische Typologisierungsmerkmale stützt, ersetzt in der Regel die Frage nach der Bedeutungsdimension und damit die dezidierte Interpretation. Mit dem Bezug auf ein scheinbar immergültiges, unhinterfragbares Paradigma - die "Epoche" bzw. die ihr zu subsumierenden Unterströmungen - umgeht sie aber eine argumentative literaturwissenschaftliche Beweisführung. Das Beispiel des Benn'schen "Gehirn"-Begriffs: Die Beschreibung des Protagonisten Werff Rönne in Benns Rönne-Novellen erfolgt in der Regel über die "vorgefundene" "Ich-Dissoziation". Was dieses "expressionistische Schlagwort" anschaulich zu machen sucht, könnte aber über detaillierte Quellenstudien nicht nur beschrieben, sondern hinlänglich erklärt werden - auch in dezidiert poetologischer Hinsicht. Das "Gehirn" erweist sich dann weniger als ein schlichter Verweis auf die geistige, rauschhafte Verfassung des Protagonisten, sondern vielmehr als Schnittstelle, als Benn'scher Vorstellungskomplex, in dem zahlreiche zeitgenössische wissenschaftliche und philosophische Theoreme collagiert werden. Sowohl erbbiologisch (vgl. etwa Haeckels Histonalgedächtnis) als auch psychoanalytisch wird hier - um nur zwei der hier verknüpften Theorien zu nennen - ein mythischer Zugang zum Wesen und zur "Geschichte" des Menschen konstruiert, wird "Wahrheit" bzw. ein transzendentes "Sein" erfahrbar. Die geistesgeschichtliche Dimension solcher Metaphern bleibt von der Epochensystematik, ebenso wie von einem biografischen oder ideologiekritischen Zugang aber unentdeckt, da sie statt mit dem Text zu argumentieren, lediglich auf eine Zuweisungsgewohnheit verweist. Dieses Manko ließe sich auf zahlreiche weitere Motiv- und Vorstellungskomplexe Benns übertragen: den Rausch-Begriff, den Form-Begriff, die Vorstellung vom "Ich", das Benn'sche Geschichtsverständnis etc. Der mit einer Epocheneinteilung unterstellte Homogenitätsgedanke, der - wenn überhaupt - nur auf einer Abstraktionsebene als "Modell" existiert, hat, so scheint es, fast jegliche literaturwissenschaftliche Differenzierungsfähigkeit eingebüßt. Sowohl Benns Werk als auch der "Expressionismusbegriff" sind Paradigmen der Literaturwissenschaft, die einander in der Wahrnehmung bedingen und neben der gegenseitigen Erhellung auch zu einer "Spirale der fortwährenden Reduktion von Komplexität" führen können; im Falle Benns äußert sich dies etwa auch in der gestellten bzw. nicht mehr gestellten Frage, ob dieser "Expressionist" sei. Ein nachnaturalistischer Bezug, der Bezug auf die "Konservative Revolution" oder auf wissenschaftliche wie metaphysisch orientierte Konzepte liegen außerhalb des dominanten Deutungsschemas "Expressionismus". Eine Hinterfragung der einer Typologisierung zu Grunde liegenden Prämissen und eine Öffnung hin auf neue Interpretationshorizonte könnte demgegenüber den Blick vom Exemplarischen zum Singulären bzw. Spezifischen und damit auch zu einer - zumindest partiellen - Modifikation des Expressionismusbildes, längerfristig gar zu einer - wie York-Gothart Mix dies unlängst postulierte - "relationale[n] Prämissen verpflichtete[n] Analyse von 'innerliterarischen' und 'außerliterarischen' Aspekten" führen.
Gottfried Benns "Gehirne": Eine Analyse
In seinem Novellenzyklus "Gehirne" (1916) thematisiert Benn seine Erfahrungen als Arzt im frühen 20. Jahrhundert. Die Novellen, insbesondere die Rönne-Novellen, nutzen den inneren Monolog der Hauptfigur, des jungen Arztes Rönne, um die Realität als schwer fassbar darzustellen.
Der Arzt als Protagonist
Benn verarbeitet in den "Gehirne"-Novellen die Traumata des Arztberufs auf seine charakteristische Weise. Er stellt die Frage, ob wir die Antworten auf die Rätsel der Natur finden können und ob wir das überhaupt wollen. Benn zeigt, dass neue Erkenntnisse nicht nur Klarheit bringen, sondern auch Verunsicherung und Leid verursachen können.
Das "Gehirn" als Schlüsselmotiv
Das "Gehirn" ist in Benns Werk nicht nur ein Organ, sondern ein komplexes Symbol. Es steht für den menschlichen Geist, die Vernunft, aber auch für die Abgründe der menschlichen Existenz. In den Rönne-Novellen wird das Gehirn zum Schauplatz von wissenschaftlichen und philosophischen Auseinandersetzungen. Benn collagiert zeitgenössische Theorien aus Biologie und Psychoanalyse, um einen mythischen Zugang zum Wesen des Menschen zu konstruieren.
Benns Verhältnis zur Politik
Gottfried Benns politische Haltung war zeitlebens umstritten. Zunächst stand er dem Nationalsozialismus nahe, distanzierte sich aber später davon.
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Frühe Sympathien für den Nationalsozialismus
In den 1930er Jahren verteidigte Benn in einigen Rundfunkvorträgen und Essays den Nationalsozialismus. Er erhoffte sich von ihm eine Verbesserung der Situation in Deutschland und die Überwindung von Stagnation und Nihilismus. In seinen Werken aus dieser Zeit forderte er zu männlich-heroischer Größe auf.
Innere Emigration und Distanzierung
Ab 1934 ging Benn in die "innere Emigration". Er distanzierte sich zunehmend vom Nationalsozialismus, ohne jedoch zum offenen Widerstand überzugehen. Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten kritisiert, und 1938 wurde gegen ihn ein Schreibverbot verhängt.
Nachkriegszeit und Rechtfertigungsversuche
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Benn wegen seiner Haltung während der Zeit des Nationalsozialismus kritisiert. In seiner Autobiografie "Doppelleben" (1950) versuchte er, sein Verhalten zu rechtfertigen.
Schlussfolgerung
Gottfried Benn war ein vielschichtiger und widersprüchlicher Autor. Seine Werke zeichnen sich durch eine hohe Sprachkraft, eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und eine scharfe Kritik an der Gesellschaft aus. Die Zuordnung zum Expressionismus greift zu kurz, da Benns Werk auch Elemente des Naturalismus, der Philosophie und der Wissenschaft enthält. Sein Verhältnis zur Politik war ambivalent und von Irrtümern und Fehlentscheidungen geprägt. Trotzdem bleibt Benn einer der bedeutendsten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts.
Benns Bedeutung für die Literatur
Benn gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Er schrieb v. a. Gedichte, Dramen, Erzählungen und Essays. Sein Frühwerk ist dem Expressionismus zuzuordnen. 1912 erregte er in avantgardistischen Kreisen mit seinem Gedichtband „Morgue“ Aufsehen. Grund dafür war sein Infragestellen der bis dahin üblichen Vorstellung von Lyrik. Seine Lyrik provozierte, indem er die menschliche Existenz als Banalität und ihren körperlichen Verfall darstellte. BENN schilderte in den Gedichten das Leben in all seiner Negativität und verarbeitete dabei seine Erfahrungen als Pathologe und Arzt, aus denen heraus er einen starken Zynismus entwickelte. BENNs Umgang mit der Sprache beeinflusste die expressionistische Lyrik.
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