Gottfried Benn: "Gehirne" - Eine Interpretation

Gottfried Benn, geboren am 2. Mai 1886 in Mansfeld und gestorben am 7. Juli 956 in Berlin, war ein bedeutender deutscher Dichter, Essayist und Arzt des 20. Jahrhunderts. Obwohl er zeit seines Lebens umstritten war, wird er heute für sein umfangreiches Werk bewundert, das eine große sprachschöpferische und stilistische Leistung darstellt. Sein Werk spiegelt sowohl die Irrtümer als auch den Glanz und die Verfehlungen des vergangenen Jahrhunderts wider, so dass Benn noch nach seinem Tod für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde.

Leben und Werk im Überblick

Benns literarisches Schaffen umfasst Gedichte, Dramen, Erzählungen und Essays. Sein Frühwerk wird dem Expressionismus zugeordnet, doch sein Schaffen durchlief verschiedene Phasen, in denen er sich mit Nihilismus, Zeitkritik und dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit auseinandersetzte. Nach einer kurzen Annäherungsphase an den Nationalsozialismus distanzierte er sich von diesem und ging in die "innere Emigration". Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte er mit seinen "Statischen Gedichten" Weltruhm und beeinflusste die Nachkriegslyrik stark.

Frühe Jahre und Studium

Gottfried Benn wuchs in dörflichen Verhältnissen auf. Nach dem Abitur begann er zunächst ein Theologie- und Philosophiestudium, das er jedoch abbrach, um sich der Medizin zu widmen. Nach seiner Promotion arbeitete er als Militärarzt und später als Pathologe und Serologe an verschiedenen Berliner Krankenhäusern.

Expressionistische Phase und "Morgue"

Neben seiner ärztlichen Tätigkeit versuchte sich Benn immer wieder als Schriftsteller. Sein Frühwerk ist dem Expressionismus zuzuordnen. 1912 erregte er mit seinem Gedichtband "Morgue" Aufsehen, in dem er die menschliche Existenz als Banalität und ihren körperlichen Verfall darstellte. Seine Lyrik provozierte, indem er das Leben in all seiner Negativität schilderte und dabei seine Erfahrungen als Pathologe und Arzt verarbeitete, aus denen heraus er einen starken Zynismus entwickelte. Benns Umgang mit der Sprache beeinflusste die expressionistische Lyrik nachhaltig.

Kriegserfahrungen und die "Gehirne"-Novellen

Während des Ersten Weltkrieges war Benn als Oberarzt in Brüssel tätig. In dieser Zeit entstanden die sogenannten Rönne-Novellen, die im Novellenband "Gehirne" zusammengefasst sind. Hier nutzte Benn das Mittel des inneren Monologs (des jungen Arztes Rönne), um die Realität als nicht mehr beschreibbar darzustellen. Mit dem Krieg rechnete er ab, indem er 1917 die Gedichtsammlung "Fleisch" mit ihrer Menschenverachtung und der Darstellung der grausamsten Seiten des Krieges veröffentlichte.

Lesen Sie auch: Über Gottfried Benn

"Gehirne": Eine tiefere Analyse

Der Novellenband "Gehirne", erschienen 1916, nimmt eine besondere Stellung in Benns Werk ein. Im Zentrum steht der junge Arzt Werff Rönne, dessen Innenleben und Wahrnehmung der Welt durch den inneren Monolog offenbart werden. Die Novellen spielen in der Welt der Medizin des frühen 20. Jahrhunderts und thematisieren die Traumata des Arztseins, die Grenzen des Wissens und die Frage, ob wir die Rätsel der Natur überhaupt lösen wollen sollten.

Themen und Motive

  • Die Entfremdung des Individuums: Rönne ist ein isolierter Charakter, der sich von seiner Umwelt entfremdet fühlt. Seine Beobachtungen und Reflexionen sind oft zynisch und desillusioniert.
  • Die Fragilität des menschlichen Körpers: Als Arzt ist Rönne ständig mit Krankheit, Tod und Verfall konfrontiert. Diese Erfahrungen prägen seine Sicht auf die menschliche Existenz.
  • Die Grenzen der Erkenntnis: Benn thematisiert die Frage, inwieweit der Mensch in der Lage ist, die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln. Er deutet an, dass neue Erkenntnisse nicht nur Klarheit, sondern auch neue Probleme und Ängste mit sich bringen können.
  • Der Einfluss wissenschaftlicher Theorien: In den "Gehirne"-Novellen finden sich zahlreiche Anspielungen auf zeitgenössische wissenschaftliche und philosophische Theorien, insbesondere aus den Bereichen der Biologie und Psychoanalyse. Benn collagiert diese Theorien zu einem eigenen Vorstellungskomplex, in dem er einen mythischen Zugang zum Wesen und zur "Geschichte" des Menschen konstruiert.

Sprachliche und stilistische Besonderheiten

  • Der innere Monolog: Benn verwendet den inneren Monolog als zentrales Stilmittel, um die Gedanken und Gefühle Rönnes zu vermitteln.
  • Die fragmentarische Darstellung: Die Novellen sind oft fragmentarisch und sprunghaft aufgebaut. Dies spiegelt die Zerrissenheit und Desorientierung des Protagonisten wider.
  • Die Verwendung medizinischer Fachsprache: Benn verwendet in seinen Novellen eine präzise und distanzierte medizinische Fachsprache, die einen Kontrast zu den emotionalen und philosophischen Reflexionen Rönnes bildet.

Interpretation

Die "Gehirne"-Novellen sind ein komplexes und vielschichtiges Werk, das verschiedene Interpretationen zulässt. Sie können als eine Kritik an der Entfremdung des modernen Menschen, als eine Auseinandersetzung mit den Grenzen der Wissenschaft oder als eine Reflexion über die menschliche Existenz in einer von Krieg und Gewalt geprägten Zeit gelesen werden.

Benn und der Expressionismus: Eine kritische Betrachtung

Gottfried Benn wird oft dem Expressionismus zugeordnet, doch diese Zuordnung ist nicht unproblematisch. Zwar finden sich in seinem Frühwerk expressionistische Elemente wie provokative Bilder und Kulturkritik, doch Benns Schaffen weist auchNaturalistische Einflüsse und eine Neigung zum Metaphysischen auf, die sich nicht ohne weiteres in das expressionistische Schema einordnen lassen.

Probleme der literaturhistorischen Zuordnung

Eine literaturhistorische Zuordnung des Werks zum "Expressionismus" müsste über die Merkmale "Ich-Dissoziation", den "Aufbruchsgedanken" oder den "Realitätszerfall" erfolgen, die typische "Begeisterung für den technischen Fortschritt" bei gleichzeitiger "Zivilisationskritik" und der "Entdeckung des Archaischen in der Kunst", das "politische Engagement", die "vitalistische Gewaltverherrlichung" sowie gleichzeitig die "pazifistische Friedenspredigt", "atheistische" oder "christliche Grundhaltung", das Mittel des "Hässlichen" als "Symbol für die Deformation der zeitgenössischen Wahrheit", den notorischen Bezug auf Nietzsche und Freud. Das alles ließe sich sicher auch bei Benn - in welcher Form auch immer - durchaus finden.

Die Gefahr literarhistorisch orientierter Textinterpretation, sofern sie sich - sei es explizit, sei es implizit - auf literaturhistorische Typologisierungsmerkmale stützt, ersetzt in der Regel die Frage nach der Bedeutungsdimension und damit die dezidierte Interpretation. Mit dem Bezug auf ein scheinbar immergültiges, unhinterfragbares Paradigma - die "Epoche" bzw. die ihr zu subsumierenden Unterströmungen - umgeht sie aber eine argumentative literaturwissenschaftliche Beweisführung.

Lesen Sie auch: Gottfried Benn im Fokus

Benns "Gehirn"-Begriff als Beispiel

Die Beschreibung des Protagonisten Werff Rönne in Benns Rönne-Novellen erfolgt in der Regel über die "vorgefundene" "Ich-Dissoziation". Was dieses "expressionistische Schlagwort" anschaulich zu machen sucht, könnte aber über detaillierte Quellenstudien nicht nur beschrieben, sondern hinlänglich erklärt werden - auch in dezidiert poetologischer Hinsicht. Das "Gehirn" erweist sich dann weniger als ein schlichter Verweis auf die geistige, rauschhafte Verfassung des Protagonisten, sondern vielmehr als Schnittstelle, als Benn'scher Vorstellungskomplex, in dem zahlreiche zeitgenössische wissenschaftliche und philosophische Theoreme collagiert werden.

Benns Verhältnis zum Nationalsozialismus

Benns Verhältnis zum Nationalsozialismus ist ein dunkles Kapitel in seiner Biografie. 1933 verteidigte er in einigen Rundfunkvorträgen und in einem "Offenen Brief" den Nationalsozialismus, wohl auch, weil er sich von ihm eine Verbesserung der Situation in Deutschland, die Überwindung von Stagnation und Nihilismus erhoffte. Doch schon bald verlor er seine Hoffnungen und ging ab 1934 in die "innere Emigration".

Kritik und Rechtfertigung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Benn wegen seiner Haltung während der Zeit des Nationalsozialismus kritisiert. In seiner Autobiografie "Doppelleben" versuchte er, sein Verhalten zu rechtfertigen.

Lesen Sie auch: Die Rönne-Novellen: Eine Interpretation

tags: #gottfried #benn #gehirne #wikipedia