Ein grippaler Infekt, oft als Erkältung bezeichnet, ist eine häufige Virusinfektion der oberen Atemwege. Obwohl die Symptome meist mild verlaufen, können in seltenen Fällen auch neurologische Beschwerden wie Taubheitsgefühle auftreten. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen für Taubheitsgefühle im Zusammenhang mit einem grippalen Infekt und gibt einen Überblick über verwandte Erkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten.
Grippaler Infekt versus Grippe: Ein Überblick
Es ist wichtig, zwischen einem grippalen Infekt (Erkältung) und der Grippe (Influenza) zu unterscheiden. Beide Erkrankungen werden durch Viren verursacht, aber die Symptome und der Verlauf können unterschiedlich sein.
- Grippaler Infekt (Erkältung): Verursacht durch verschiedene Viren, verläuft meist milder mit Symptomen wie Schnupfen, Husten, Halsschmerzen, leichten Kopf- und Gliederschmerzen. Fieber tritt seltener auf.
- Grippe (Influenza): Verursacht durch Influenzaviren, beginnt plötzlich und heftig mit hohem Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen, Husten und allgemeiner Erschöpfung.
Ein Taubheitsgefühl ist ein eher ungewöhnliches Symptom bei einem typischen grippalen Infekt. Wenn es auftritt, sollte man genauer hinsehen, um mögliche Ursachen zu identifizieren.
Mögliche Ursachen für Taubheitsgefühle im Zusammenhang mit einem grippalen Infekt
Obwohl Taubheitsgefühle nicht zu den typischen Symptomen eines grippalen Infekts gehören, können sie in bestimmten Fällen auftreten. Einige mögliche Ursachen sind:
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Dies ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Nervenwurzeln und peripheren Nerven angreift. In etwa 60 % der Fälle geht dem GBS ein akuter Infekt voraus, beispielsweise ein Atemwegs- oder Magen-Darm-Infekt. Symptome können Kribbeln, Taubheitsgefühle und Muskelschwäche sein, die sich rasch ausbreiten können.
- Virale Schädigung der Nerven: In seltenen Fällen können Viren, die einen grippalen Infekt verursachen, direkt Nerven schädigen und so zu Taubheitsgefühlen führen.
- Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Erkältungssymptomen eingesetzt werden, können als Nebenwirkung Taubheitsgefühle verursachen.
- Hyperventilation: Durch die Aufregung und das Unwohlsein während eines Infekts kann es zu einer Hyperventilation kommen, die wiederum zu Kribbeln und Taubheitsgefühlen führen kann.
- Mangelerscheinungen: Ein grippaler Infekt kann den Körper schwächen und möglicherweise zu vorübergehenden Mangelerscheinungen führen, die Nervenfunktionen beeinträchtigen und Taubheitsgefühle auslösen können.
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) im Detail
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene, aber schwerwiegende neurologische Erkrankung, die oft nach einer Infektion auftritt.
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Ursachen und Auslöser
Die genaue Ursache von GBS ist unbekannt, aber es wird vermutet, dass es sich um eine Autoimmunreaktion handelt. Das Immunsystem, das normalerweise Krankheitserreger bekämpft, greift fälschlicherweise die Nervenwurzeln und peripheren Nerven an. Dies führt zu einer Schädigung der Myelinscheide, der Schutzschicht um die Nervenfasern, was die Nervenleitgeschwindigkeit beeinträchtigt.
Verschiedene Infektionen können GBS auslösen, darunter:
- Campylobacter jejuni (häufigste Ursache, oft nach Darminfektion)
- Mycoplasma pneumoniae (kann Lungenentzündungen verursachen)
- Epstein-Barr-Virus (Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers)
- Coronavirus (SARS-CoV-2)
In sehr seltenen Fällen kann GBS auch nach Impfungen auftreten. So wurde beispielsweise im Juli 2021 von der US-Gesundheitsbehörde FDA eine Warnung herausgegeben, dass der COVID-19-Impfstoff von Janssen (Johnson & Johnson) in sehr seltenen Fällen GBS auslösen kann. Das Risiko nach einer Grippeimpfung (Influenza) beträgt 1 zu 1 Million.
Symptome
Die Symptome von GBS entwickeln sich typischerweise innerhalb von Tagen bis Wochen nach der auslösenden Infektion. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Kribbeln und Taubheitsgefühle in Händen und Füßen
- Muskelschwäche, beginnend in den Beinen und aufsteigend zu den Armen
- Gangunsicherheit oder -unfähigkeit
- Schmerzen
- In schweren Fällen: Lähmung der Atemmuskulatur, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckschwankungen
Diagnose
Die Diagnose von GBS basiert auf der Anamnese, der neurologischen Untersuchung und zusätzlichen Tests. Zu den diagnostischen Verfahren gehören:
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- Elektrophysiologische Untersuchung (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Schädigungen der Nerven festzustellen.
- Liquoruntersuchung: Analyse der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, um Entzündungszeichen und erhöhte Proteinwerte festzustellen.
- MRT des Rückenmarks: Bildgebung zur Darstellung von Entzündungen im Bereich der Nervenwurzeln.
Behandlung
GBS ist eine ernste Erkrankung, die eine sofortige Behandlung im Krankenhaus erfordert. Ziel der Behandlung ist es, die Symptome zu lindern, Komplikationen zu verhindern und die Rückbildung der Lähmungen zu beschleunigen. Zu den Behandlungsoptionen gehören:
- Immuntherapie:
- Plasmapherese (Blutwäsche): Entfernung von Antikörpern aus dem Blut, die die Nerven angreifen.
- Intravenöse Immunglobuline (IVIG): Verabreichung von gespendeten Antikörpern, um die schädlichen Antikörper zu neutralisieren.
- Unterstützende Maßnahmen:
- Beatmung: Bei Lähmung der Atemmuskulatur.
- Überwachung der Herzfunktion: Bei Herzrhythmusstörungen.
- Physiotherapie: Zur Wiederherstellung der Muskelkraft und Beweglichkeit.
Prognose
Die Prognose für Patienten mit GBS ist unterschiedlich. Die meisten Patienten erholen sich zumindest teilweise, aber einige haben bleibende Schäden.
- 60-80 % der Betroffenen können nach 6 Monaten wieder frei gehen.
- Etwa die Hälfte ist nach einem Jahr vollständig beschwerdefrei.
- Weitere 40 % haben milde Restsymptome.
- 10 % leiden weiterhin unter mäßig schweren bis schweren Symptomen.
Die Sterblichkeit bei schweren Verlaufsformen, die eine intensivmedizinische Behandlung erfordern, beträgt etwa 2-3 %. 2-5 % der Betroffenen erleiden einen Rückfall.
Polyneuropathie: Eine weitere mögliche Ursache für Taubheitsgefühle
Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die mehrere periphere Nerven betrifft. Sie kann verschiedene Ursachen haben, darunter Diabetes, Alkoholmissbrauch, Entzündungen, Infektionen und Medikamente. Symptome sind Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle und Schmerzen, meist in den Füßen und Händen.
Ursachen
Die häufigsten Ursachen für Polyneuropathie sind:
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- Diabetes mellitus: Hoher Blutzucker kann die Nerven schädigen.
- Alkoholmissbrauch: Alkohol wirkt als Nervengift.
- Entzündliche Erkrankungen: Rheumatoide Arthritis, Lupus.
- Infektionen: Grippe, HIV, Borreliose.
- Medikamente: Chemotherapie, bestimmte Antibiotika.
- Vitaminmangel: Vitamin B12, Folsäure.
- Erbliche Faktoren: Seltenere Formen der Polyneuropathie.
Symptome
Die Symptome der Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Typische Symptome sind:
- Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühle in Füßen und Händen (strumpf- oder handschuhförmig)
- Schmerzen (brennend, stechend, bohrend)
- Muskelschwäche
- Gleichgewichtsstörungen
- Koordinationsprobleme
- Störungen der Temperaturwahrnehmung
- Verdauungsprobleme
- Blasenfunktionsstörungen
- Herzrhythmusstörungen
Diagnose
Die Diagnose der Polyneuropathie umfasst eine neurologische Untersuchung, die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (ENG), eine Elektromyographie (EMG) und gegebenenfalls eine Nervenbiopsie.
Behandlung
Die Behandlung der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache. Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckereinstellung wichtig. Bei Alkoholmissbrauch ist Abstinenz erforderlich. Bei Vitaminmangel werden entsprechende Nahrungsergänzungsmittel verabreicht. Gegen die Schmerzen können Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antikonvulsiva eingesetzt werden. Physiotherapie und Ergotherapie können helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern.
Meningokokken-Meningitis: Eine seltene, aber gefährliche Erkrankung
Die Meningokokken-Meningitis ist eine bakterielle Hirnhautentzündung, die durch Meningokokken verursacht wird. Sie ist selten, aber sehr gefährlich und kann innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden.
Ursachen und Übertragung
Die Meningokokken werden durch Tröpfcheninfektion übertragen, beispielsweise beim Husten, Niesen oder Küssen. Die Bakterien können sich in den Lymphknoten vermehren und dann ins Blut und ins Gehirn gelangen.
Symptome
Die Symptome der Meningokokken-Meningitis ähneln zunächst denen einer Grippe, entwickeln sich aber rasch weiter. Zu den typischen Symptomen gehören:
- Hohes Fieber
- Starke Kopfschmerzen
- Nackensteifigkeit
- Übelkeit und Erbrechen
- Lichtempfindlichkeit
- Benommenheit und Verwirrung
- Taubheitsgefühl in Händen und Füßen
- Hautausschlag (Petechien)
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose der Meningokokken-Meningitis wird durch eine Lumbalpunktion (Entnahme von Nervenwasser) gestellt. Die Behandlung erfolgt mit Antibiotika, die so schnell wie möglich verabreicht werden müssen.
Vorbeugung
Die beste Vorbeugung gegen die Meningokokken-Meningitis ist die Impfung. Es gibt Impfstoffe gegen verschiedene Serogruppen der Meningokokken. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung für Kinder und Jugendliche.
Kribbeln als Symptom: Weitere mögliche Ursachen
Kribbeln ist eine Missempfindung, die viele Ursachen haben kann. Neben den bereits genannten Erkrankungen (GBS, Polyneuropathie, Meningokokken-Meningitis) können auch folgende Faktoren Kribbeln verursachen:
- Eingeklemmte Nerven: Beispielsweise beim Karpaltunnelsyndrom oder Tarsaltunnelsyndrom.
- Durchblutungsstörungen: Verengung der Blutgefäße.
- Vitaminmangel: Vitamin B12, Magnesium.
- Schilddrüsenerkrankungen: Unterfunktion oder Überfunktion.
- Angststörungen und Panikattacken: Hyperventilation kann Kribbeln auslösen.
- Bestimmte Medikamente: Als Nebenwirkung.
Was tun bei Taubheitsgefühlen?
Wenn Sie im Zusammenhang mit einem grippalen Infekt Taubheitsgefühle entwickeln, sollten Sie folgende Schritte unternehmen:
- Arzt aufsuchen: Eine ärztliche Untersuchung ist wichtig, um die Ursache der Taubheitsgefühle abzuklären.
- Symptome beobachten: Notieren Sie, wann die Taubheitsgefühle auftreten, wo sie auftreten und ob sie von anderen Symptomen begleitet werden.
- Ruhe und Schonung: Gönnen Sie Ihrem Körper Ruhe, um die Genesung zu fördern.
- Ausreichend Flüssigkeit: Trinken Sie viel, um den Körper hydriert zu halten.
- Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, um den Körper mit wichtigen Nährstoffen zu versorgen.
- Medikamente nur nach Absprache: Nehmen Sie keine Medikamente ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt ein.
Hausmittel und alternative Therapien
Einige Hausmittel und alternative Therapien können helfen, die Symptome eines grippalen Infekts und damit verbundene Beschwerden wie Kribbeln zu lindern:
- Inhalationen: Mit Kamille oder Salbei, um die Atemwege zu befeuchten.
- Gurgeln: Mit Salzwasser oder Kamillentee, um Halsschmerzen zu lindern.
- Wadenwickel: Bei Fieber.
- Kneipp-Anwendungen: Wechselgüsse, um die Durchblutung anzuregen.
- Akupunktur: Kann bei Empfindungsstörungen helfen.
- Capsaicin-Creme: Bei Schmerzen und Missempfindungen auf der Haut.
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