Der Gyrus: Definition, Funktion und klinische Bedeutung

Der Gyrus, lateinisch für Hirnwindung, ist eine aufgewölbte Struktur an der Oberfläche des Gehirns. Gyri sind durch Furchen, sogenannte Sulci, voneinander abgegrenzt. Diese Windungen vergrößern die Oberfläche des Gehirns erheblich und schaffen so mehr Raum für neuronale Verbindungen. Der Gyrus praecentralis ist ein besonders wichtiger Gyrus, da er die zentrale Steuerung der Willkürmotorik übernimmt.

Was ist ein Gyrus?

Ein Gyrus ist eine Hirnwindung an der Oberfläche des Gehirns, die durch Sulci (Furchen) begrenzt wird. Diese Struktur dient der Oberflächenvergrößerung des Gehirns und bietet somit mehr Platz für neuronale Verschaltungen. Solche Windungen sind bedeutend für die vielen Funktionen des Gehirns, von der Motorik bis zur sensorischen Verarbeitung.

Der Gyrus praecentralis im Detail

Der Gyrus praecentralis, auch Gyrus precentralis genannt, ist eine markante Hirnwindung im Frontallappen des Gehirns. Er befindet sich an der Oberfläche des Frontallappens und erstreckt sich zwischen dem Sulcus centralis und dem Sulcus precentralis.

Dieser Gyrus ist bekannt für seine großen, pyramidenförmigen Nervenzellen, die als Betz-Zellen bezeichnet werden. Diese Zellen sind essenziell für die motorische Steuerung. Die Axone der Betz-Zellen verlaufen über die Pyramidenbahn, wo sie schließlich die Alpha-Motoneuronen im Rückenmark erreichen.

Funktion des Gyrus praecentralis

Der Gyrus praecentralis beherbergt den primären Motorcortex (M1), der die zentrale Steuerinstanz für die Willkürmotorik darstellt. Der Gyrus praecentralis steuert die bewussten Bewegungen und ermöglicht dadurch präzise Muskelaktionen. Die Übertragung dieser Befehle erfolgt über komplexe neuronale Bahnen, wobei jede Hemisphäre des motorischen Kortex die Muskeln der gegenüberliegenden Körperhälfte steuert. Zudem ist die motorische Verarbeitung im Gyrus praecentralis topografisch organisiert, was als motorischer Homunkulus bezeichnet wird.

Lesen Sie auch: Die Rolle des Gyrus Temporalis Medius

Der primäre Motorcortex im Gyrus praecentralis spielt dabei die zentrale Rolle, da er die Bewegungsbefehle für die Muskeln generiert.

Die Rolle der Gehirnhälften in der Motorik

Beide Gehirnhälften sind an der Motorik beteiligt, wobei jede Hemisphäre die Muskeln der gegenüberliegenden Körperhälfte steuert. Diese kreuzweise Verschaltung ist ein charakteristisches Merkmal der motorischen Steuerung.

Weitere wichtige Gyri im Gehirn

Neben dem Gyrus praecentralis gibt es noch weitere wichtige Gyri im Gehirn, die unterschiedliche Funktionen erfüllen:

  • Gyrus cinguli: Der Gyrus cinguli, auch Gürtelwindung genannt, ist ein innenliegender Teil des Cortex und gehört zum limbischen System. Als größter Teil des limbischen Systems beeinflusst der Gyrus cinguli die Aufmerksamkeit und Konzentration, verarbeitet Schmerzen und reguliert Affekte. Er liegt auf dem Balken (Corpus callosum) und verläuft parallel mit ihm von vorne nach hinten. Interessanterweise variiert die Oberfläche des Gyrus cinguli sehr stark von Mensch zu Mensch. Er gliedert sich in zwei Teile: Pars anterior (vorderer Teil) und Pars posterior (hinterer Teil). Der posteriore Gyrus cinguli reguliert vor allem die visuell-räumliche Aufmerksamkeit und ist für das räumliche Gedächtnis verantwortlich. Der vordere Teil spielt eine Rolle für die Motorik, Ausdrucksbewegungen (Mimik und Gestik) und die Bewertung von Schmerzreizen.
  • Gyrus angularis: Der Gyrus angularis ist an höheren kognitiven Leistungen wie der Fähigkeit zur Abstraktion beteiligt.
  • Gyrus fusiformis: Im Gyrus fusiformis befindet sich ein spezialisiertes Gebiet für die Gesichtserkennung.
  • Gyrus hippocampi (Gyrus parahippocampalis): Das Vorderende des Gyrus parahippocampalis ist hakenförmig nach hinten umgebogen und wird als Uncus bezeichnet.

Klinische Bedeutung von Gyrus-Erkrankungen und -Veränderungen

Veränderungen oder Schädigungen in bestimmten Gyri können zu verschiedenen neurologischen und neuropsychiatrischen Erkrankungen führen:

  • Schädigung des Gyrus cinguli: Eine Schädigung des Gyrus cinguli kann zu Antriebsmangel und verminderter Reaktion auf Umweltreize führen. Bei einer ausgedehnten Läsion auf beiden Gehirnseiten reagieren Betroffene möglicherweise nicht einmal mehr auf Schmerzreize.
  • Rolle des Gyrus cinguli bei neuropsychiatrischen Erkrankungen: Neurowissenschaftler vermuten, dass der Gyrus cinguli auch bei der Entstehung neuropsychiatrischer Erkrankungen wie Depression, Zwangsstörungen oder Schizophrenie eine Rolle spielt. So zeigen beispielsweise Patienten mit Schizophrenie oft einen wenig aktiven Gyrus cinguli bei Aufgabenbearbeitung oder eine Minderdurchblutung bzw. ein geringeres Volumen dieses Gehirnabschnitts.
  • Gerstmann-Syndrom: Das Gerstmann-Syndrom kann bei Schädigungen im Bereich des Gyrus supramarginalis und des Gyrus angularis der sprachdominanten Gehirnhälfte auftreten.
  • Untergang der Betz-Zellen: Der Untergang der Betz-Zellen in der 5. Schicht des Gyrus praecentralis kann zu einer Degeneration der Pyramidenbahn führen.

Cingulotomie

Bei einer Cingulotomie durchtrennt der Arzt in einer Operation den Gyrus cinguli dauerhaft. Die Psyche des Patienten verändert sich dadurch irreversibel; der Eingriff kann aber bei therapieresistenten Zwangsstörungen und Depressionen sowie bei schweren chronischen Schmerzen das letzte Mittel sein. Heutzutage wird eine Cingulotomie allerdings nur noch selten durchgeführt, da andere Verfahren wie die tiefe Hirnstimulation attraktiver geworden sind.

Lesen Sie auch: Funktion des Gyrus dentatus

Lesen Sie auch: Gehirn Zeichnung: Gyrus und Sulcus erklärt

tags: #gyrus #auf #deutsch