Hoffnung gegen Alzheimer: Neue Forschungsergebnisse und Therapieansätze

Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit dar. Weltweit suchen Wissenschaftler nach Wegen, die Ursachen der Erkrankung besser zu verstehen, neue Diagnoseverfahren zu entwickeln und Therapien zu finden, die den Verlauf der Krankheit beeinflussen können. Obwohl es noch keine Heilung gibt, gibt es für einige Formen der Demenz bereits zuverlässige Diagnoseverfahren, Präventionsmaßnahmen und erste Therapien, die den Krankheitsverlauf verlangsamen können.

Die täglichen Herausforderungen und die Hoffnung auf neue Medikamente

„Kann dieses Medikament meine Erkrankung stoppen? Wann wird es verfügbar sein? Wieso dauert das so lange?“ Diese Fragen sind Prof. Dr. Özgür Onur, Leiter der Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenz am Universitätsklinikum Köln, in den vergangenen Jahren häufig begegnet. Er steht täglich Alzheimer-Patienten und ihren Angehörigen gegenüber, die auf ein neues Medikament hoffen.

Lecanemab: Ein neuer Wirkstoff auf dem Markt

Der Wirkstoff Lecanemab ist seit September 2025 in Deutschland offiziell auf dem Markt. In den USA und Japan ist das Medikament bereits seit 2023 verfügbar. In Europa stand die Zulassung lange auf der Kippe. „Es gab Diskussionen darüber, wie groß die klinischen Effekte tatsächlich sind und in welchem Verhältnis Nutzen und Risiken für die Patienten stehen“, erklärt Onur. Im April 2025 gab die Europäische Kommission schließlich grünes Licht.

Für wen ist Lecanemab geeignet?

„Es eignet sich nur für eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen mit Alzheimer, die es aus der großen Zahl von Erkrankten herauszufiltern gilt“, sagt Onur. Wer das Medikament bekomme, müsse medizinisch sehr aufmerksam begleitet werden. Trotz dieser Einschränkungen sei das Interesse groß: „Wir haben lange Wartelisten von Menschen, die testen lassen wollen, ob das Medikament für sie infrage kommt.“ Das liegt auch daran, dass Lecanemab das erste Mittel in Europa ist, das direkt in das Krankheitsgeschehen eingreifen soll. „Bisher konnten wir nur die Symptome von Alzheimer behandeln, aber nichts gegen die Erkrankung selbst tun“, sagt Neurologe Onur.

Wie wirkt Lecanemab?

Lecanemab ist ein sogenannter Antikörper. Er setzt an den für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques im Gehirn an. „Die Plaques sind wie kleine Müllhaufen, nur dass sie aus verklumpten Eiweißen bestehen“, erklärt Onur. Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung lagern sich die Müllhaufen um die Nervenzellen herum ab, die Zellen werden vermutlich beschädigt und sterben. Lecanemab bindet an die Bausteine des Eiweißmülls und markiert sie als körperfremd. „So vermittelt Lecanemab dem Immunsystem, dass es den Müll abholen soll“, so Onur. Durch die Behandlung werden die Plaques größtenteils abgeräumt - in Hirn-Scans sind sie dann kaum noch sichtbar.

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Was kann Lecanemab bei Patienten erreichen?

Die Wirkung von Lecanemab im Gehirn ist ohne Frage ein Durchbruch. Dennoch warnen Fachleute vor überzogenen Hoffnungen, da die klinische Wirkung gering ist. „Die Bilder vom Gehirn zeigen nach der Behandlung zwar kein auffälliges Amyloid mehr - der Effekt für die Patienten ist aber überschaubar“, sagt Prof. Dr. Agnes Flöel, Direktorin der Klinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Greifswald. Der kognitive Abbau kann demnach mit dem Medikament binnen 18 Monaten um 27 Prozent verlangsamt werden, so die Ergebnisse der Zulassungsstudie. Auch dieser Effekt ist messbar, aber für die Erkrankten kaum zu bemerken, denn ihre Erkrankung schreitet weiter fort - nur eben etwas langsamer.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) geht in einer Anfang Dezember 2025 veröffentlichten Nutzenbewertung noch weiter. Demnach biete Lecanemab gegenüber den bestehenden Therapiestandards in Deutschland keinen nachgewiesenen Vorteil. Daniela Preukschat, Bereichsleiterin chronische Erkrankungen im IQWiG, erklärte zu der Bewertung: „In den interessierenden Auswertungen zeigt sich kein Vorteil von Lecanemab.“ Zudem fehlten nach wie vor wichtige Daten zu einigen Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder -Blutungen.

Wer kann mit Lecanemab behandelt werden?

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat die Zulassung des Medikaments an strenge Auflagen gekoppelt. „Patientinnen und Patienten müssen eine Reihe von Kriterien erfüllen, um mit Lecanemab behandelt werden zu können“, sagt Prof. Dr. Kathrin Reetz, Präsidentin der Deutschen Hirnstiftung und Leiterin des Zentrums für Demenz und Prävention an der Neurologischen Universitätsklinik der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Zu den Kriterien gehört etwa, dass die Betreffenden Alzheimer nur in einem frühen Stadium - mit einer leichten kognitiven Störung oder leichten Demenz - haben dürfen. Außerdem braucht es einen Nachweis für die krankhaften Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, ein aktuelles MRT-Bild und einen Gentest. Der soll ausschließen, dass eine Patientin oder ein Patient eine doppelte Kopie des sogenannten ApoE4-Gens besitzt - bei Menschen mit dieser erblichen Anlage ist das Risiko für Hirnblutungen und Hirnschwellungen unter der Therapie deutlich erhöht.

Welche Nebenwirkungen hat Lecanemab?

Die möglichen Nebenwirkungen von Lecanemab haben es in sich. Typisch für Antikörpertherapien, die sich gegen die Amyloid-Plaques richten, sind etwa sogenannte ARIA, Amyloid-related Imaging Abnormalities - Auffälligkeiten in der Bildgebung. Dahinter verbergen sich Hirnschwellungen oder Hirnblutungen. „Die ARIA können symptomlos verlaufen oder mit Kopfschmerzen, Schwindel, Lähmungen und Krampfanfällen einhergehen“, erklärt Neurologin Flöel. In der Studienphase kam es zu drei Todesfällen, von denen zwei mit der gleichzeitigen Einnahme von Gerinnungshemmern in Verbindung gebracht wurden.

Von den 1,8 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland kommt daher nur ein kleiner Teil für die Behandlung infrage. Die Schätzungen dazu gehen weit auseinander, sie liegen zwischen 12.000 und 73.000 Patientinnen und Patienten.

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Wie läuft die Therapie ab?

Die Behandlung mit Lecanemab ist zeitintensiv und geht mit vielen Untersuchungen einher. Wer alle Hürden vom Amyloid-Nachweis bis zum Gentest genommen hat, muss alle 14 Tage für eine einstündige Infusion in die Klinik kommen und anschließend zur Nachbeobachtung bleiben: drei Stunden nach der ersten Behandlung, zwei nach der zweiten und dritten und danach jeweils eine halbe Stunde. „Das ist eine Sicherheitsmaßnahme, weil es allein durch die Infusion zu Nebenwirkungen wie Blutdruckschwankungen, Kopfschmerzen, Ausschlag, Fieber oder Schüttelfrost kommen kann“, erklärt Neurologin Flöel.

Im Verlauf der Therapie sind zudem MRT-Untersuchungen (Magnetresonanztomographie) vorgeschrieben. Obligatorisch etwa vor der vierten, siebten und 14. Infusion. Treten Beschwerden wie Schwindel oder Kopfschmerzen auf, werden auch außerhalb der Reihe MRT-Bilder angefertigt. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet all das einen erheblichen Zeitaufwand, für die Kliniken große logistische Anstrengungen: Es braucht zum Beispiel spezielle Infusionsplätze, Ressourcen in der Radiologie und Fachpersonal zur Behandlung und Nachbeobachtung. Die aufwendige Therapie werden zumindest zu Beginn wohl nur Kliniken und spezialisierte Zentren durchführen können.

Wie viel kostet die Therapie?

In Europa könnten rund 30.000 Euro pro Jahr und Patient oder Patientin zusammenkommen. Das mag im Vergleich mit so manchem Medikament aus der Krebstherapie überschaubar erscheinen. Allerdings besteht bei Krebs durch neue Medikamente oft eine Chance auf Heilung. Bei Alzheimer ist das noch nicht der Fall. Zuletzt errechnete auch das IQWiG von etwas mehr als 30.000 Euro im ersten Behandlngsjahr.

Bezahlt wird sie zunächst im Rahmen einer vom Hersteller des Medikaments durchgeführten Sicherheitsstudie, in der alle mit Lecanemab behandelten Patientinnen und Patienten registriert sein müssen. Infolge der IQWiG-Bewertung wird der Gemeinsame Bundesausschuss im Februar 2026 abschließend über die Nutzenbewertung von Lecanemab entscheiden. Diese Bewertung dient schließlich als Basis für die Preisverhandlungen zwischen dem Arzneimittelhersteller und dem GKV-Spitzenverband, bei dem festgelegt wird, ob und wie viel die gesetzlichen Krankenkassen für das Medikament zahlen.

Weitere Therapieansätze und Forschung

Neben Lecanemab gibt es weitere vielversprechende Forschungsansätze und Medikamente in der Entwicklung.

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Donanemab

Ein weiterer Antikörper, Donanemab, wurde im Juli von der EMA zur Zulassung empfohlen und ist seit Anfang November auch in Deutschland verfügbar.

Senolytika

Ein neuer Behandlungsansatz zielt auf die sogenannte Zellseneszenz ab. Studien haben gezeigt, dass Senolytika, eine Wirkstoffklasse, die seneszente Zellen beseitigt und gesunde Zellen intakt lässt, Mäuse länger leben und gesünder bleiben lässt. In einer placebokontrollierten Studie wird die Wirksamkeit von Senolytika bei Menschen mit Alzheimer im Frühstadium getestet.

Biomarker und Früherkennung

Weil die Früherkennung so entscheidend ist, um den Untergang von Nervenzellen zu bremsen, suchen Forschende weltweit nach aussagekräftigen Biomarkern im Blut, die schnell und einfach Hinweise auf eine sich entwickelnde Alzheimer-Erkrankung geben können. Zwei Bluttests auf fehlerhafte Eiweiße werden in Europa bereits im Rahmen klinischer Studien eingesetzt.

Prävention durch Lebensstiländerung

Unabhängig von neuen Antikörper-Medikamenten setzt Thorsten Bartsch auf Prävention durch eine Veränderung des Lebensstils. Auch andere Risikofaktoren für eine Demenz sind beeinflussbar: Diabetes und Übergewicht lassen sich ebenso behandeln wie Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel. Hörgeräte sorgen für soziale Teilhabe - auch das ein wichtiger Faktor, um die grauen Zellen fit zu halten. Darüber hinaus gibt es eine weitere Möglichkeit, das Risiko für eine Demenz zu reduzieren: Die Impfung gegen Gürtelrose-Viren.

Forschung im Fokus: Neue Studien, neue Fragen

Die Alzheimer Forschung Initiative fördert nicht nur konkrete Forschungsprojekte, sondern beobachtet auch wissenschaftliche Debatten und neue Studienergebnisse und ordnet sie für Interessierte ein. Während einige Forschungsansätze noch sehr experimentell sind, sind andere schon näher an einer möglichen Therapie. Die Forschung entwickelt sich zunehmend weg von Einzelstrategien: Statt nur auf ein Ziel zu setzen, rücken unterschiedliche Ansätze in den Vordergrund, die sich gegenseitig ergänzen. Besonders wichtig ist dabei der frühe Einsatz von Medikamenten: Denn je eher die Krankheit erkannt und behandelt wird, desto höher die Chancen, den Verlauf zu verlangsamen. Studien deuten darauf hin, dass Kombinationen verschiedener Behandlungsansätze langfristig den entscheidenden Fortschritt bringen können. Auch Lebensstilfaktoren rücken stärker ins Blickfeld: Ernährung, Bewegung und der gesunde Umgang mit Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes werden eine wichtige Rolle spielen.

Fazit: Lohnt sich Lecanemab?

Viel Aufwand, hohe Kosten, erhebliche Risiken und ein überschaubarer Nutzen. Lohnt sich das neue Mittel überhaupt? „Auf jeden Fall“, sagt zumindest Agnes Flöel. „Man darf ja nicht vergessen, um was für eine belastende Erkrankung es hier geht - für die Patienten, die Angehörigen und auch die Gesellschaft.“ Es sei legitim, um jeden besseren Tag für diese Menschen zu kämpfen. Flöel, Reetz und Onur werten die Zulassung des Medikaments zudem als wichtiges Signal für Forschung und Pharmaindustrie.

Klar ist: Die eigentliche Hoffnung liegt auf der Zukunft. Es stehen weitere Antikörper und Medikamente in den Startlöchern, die teilweise an einer anderen Stelle des Krankheitsmechanismus ansetzen. Gleichzeitig eröffnen Biomarker vielleicht bald neue Möglichkeiten, eine Alzheimer-Demenz frühzeitig durch Bluttests zu erkennen. „In der Forschung tut sich gerade wahnsinnig viel“, so Reetz. Amyloid-Ablagerungen zu bekämpfen, ist dabei aber nur ein Ziel von vielen.

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