Nervenschäden nach Operationen: Ursachen, Folgen und rechtliche Aspekte

Nervenschäden nach Operationen können eine belastende Komplikation darstellen. Wenn nach einem chirurgischen Eingriff Symptome wie Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzen oder Lähmungserscheinungen auftreten, die vorher nicht vorhanden waren, kann ein Nervenschaden die Ursache sein. Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Nervenschaden auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen ist, da in manchen Fällen unvermeidbare Komplikationen auftreten können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose, Behandlung und rechtlichen Aspekte von Nervenschäden nach Operationen.

Ursachen von Nervenschäden während Operationen

Ein Nervenschaden nach einer Operation entsteht, wenn Nerven während des Eingriffs verletzt oder durchtrennt werden. Die Ursachen können vielfältig sein:

  • Direkte Verletzung: Nerven können durch chirurgische Instrumente direkt verletzt oder durchtrennt werden. Eine einzige Sekunde Unachtsamkeit während einer Operation kann ein Leben verändern. Die Durchtrennung eines Hauptnerven - etwa des Nervus radialis, medianus oder ulnaris - führt häufig zu dauerhaften Lähmungen, Sensibilitätsstörungen und massiven Einschränkungen im Alltag und Beruf.
  • Druckschäden: Längere Operationszeiten ohne ausreichende Umlagerung des Patienten können zu Druckschäden an den Nerven führen. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main wertete die korrekte Lagerung unter der Operation als voll beherrschbares Risiko des Krankenhauses. Dies verschaffte dem Patienten eine Beweiserleichterung mit Blick auf den Lagerungsschaden.
  • Zugschäden: Durch Dehnung oder Zug an den Nerven während der Operation können diese geschädigt werden.
  • Thermische Schäden: Hitze, beispielsweise durch den Einsatz von Koagulationsgeräten, kann Nerven schädigen.
  • Narbenbildung: Narbenbildung im Operationsgebiet kann Nerven einengen und zu Kompressionssyndromen führen.
  • Nervenkompressionssyndrome: Ausstrahlende Schmerzen oder Taubheitsgefühle an verschiedenen Körperregionen, beispielsweise am Ellenbogen oder dem Handgelenk, können auf ein Nervenkompressionssyndrom hinweisen. Unter einem Nervenkompressionssyndrom wird ein chronisch eingeengter peripherer Nerv (Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks) bzw. ein Engpass des Nervenkanals verstanden. Dabei herrscht ein erhöhter physischer Druck auf den eingeengten Nerv, der dadurch einen Nervenschaden erleiden kann. Dies kann bis hin zu Lähmungserscheinungen in der entsprechenden Körperregion führen.

Besonders gefährdet für eine intraoperative Nervenschädigung sind Patientinnen und Patienten bei Tumorentfernungen im Bereich der Extremitäten (z. B. am Oberarm).

Typische Anzeichen und Symptome

Typische Anzeichen für einen Nervenschaden nach einer Operation sind:

  • Taubheitsgefühle
  • Kribbeln
  • Schmerzen
  • Lähmungserscheinungen in bestimmten Körperregionen, die vor der Operation nicht vorhanden waren
  • Sensibilitätsstörungen
  • Missempfindungen (Parästhesien)
  • Funktionsausfälle
  • Schwächeerscheinungen

Diagnose von Nervenschäden

Die Diagnose eines Nervenschadens erfordert eine sorgfältige neurologische Untersuchung. Folgende Diagnosemethoden können zum Einsatz kommen:

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  • Klinische Untersuchung: Der Arzt prüft die Sensibilität, Motorik und Reflexe des Patienten.
  • Elektroneurographie (ENG): Diese Untersuchung misst die Nervenleitgeschwindigkeit und kann Schäden an den Nerven aufzeigen. Mit der Elektroneurographie lässt sich die Läsionshöhe bestimmen.
  • Elektromyographie (EMG): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität der Muskeln und kann Hinweise auf Nervenschäden geben. Mit der Elektromyographie kann der Facharzt für Handchirurgie die Schädigung der Muskulatur im Bereich des betroffenen Nervs feststellen. Dieses Verfahren liefert wichtige Informationen für die nachfolgende OP.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): In einigen Fällen kann eine MRT-Untersuchung notwendig sein, um die Ursache des Nervenschadens zu identifizieren. Ein weiteres modernes Verfahren nennt sich Traktographie, das ist ein Magnetresonanztomographieverfahren mit sehr hoher Auflösung. Damit können funktionsfähige Nervenfasern in den peripheren Nerven dreidimensional und deutlich dargestellt werden. Das ist von großer Bedeutung, wenn ein Tumor an einer heiklen Stelle entfernt werden muss. Damit kann unser Spezialist erkennen, wo Faszikelgruppen den Tumor stoppen oder ob der Nerv durch diesen verdrängt wird.
  • Ultraschall: Um das Gleitvermögen eines Nervs zu beurteilen, kommt ein hochauflösender, dynamischer Ultraschall zum Einsatz.
  • Nervenbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Nervenbiopsie erforderlich sein, um die Diagnose zu sichern.

Behandlung von Nervenschäden

Die Behandlung von Nervenschäden hängt von der Art und Schwere der Schädigung ab. Folgende Behandlungsoptionen stehen zur Verfügung:

  • Konservative Behandlung: Bei leichten Nervenschäden können konservative Maßnahmen wie Schmerzmittel, Physiotherapie und Ergotherapie ausreichend sein.
    • Ruhe: Nach einer durchtrennten Finger-Nerv Verletzung ist es wichtig, dem betroffenen Finger ausreichend Ruhe zu gönnen. Durch das Vermeiden von Belastung und Bewegung wird die Heilung gefördert und das Risiko für weitere Komplikationen minimiert.
    • Physiotherapie: Physiotherapie spielt eine essentielle Rolle im Prozess der Heilung nach einer Finger-Nerv Verletzung. Durch gezielte Übungen und Techniken werden die Muskeln gestärkt, die Beweglichkeit verbessert und die sensorische Wahrnehmung im betroffenen Bereich wiederhergestellt.
  • Operative Behandlung: Bei schwereren Nervenschäden kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu reparieren oder zu rekonstruieren.
    • Nervennaht: Bei einer Nervennaht wird ein frisch verletzter und glatt durchtrennter Nerv primär im Rahmen einer Operation wieder „genäht werden“. Dabei wird die sog. Nervenhülle (Epineurium) genäht und den Nervenfasern damit eine Gleitschiene für das Wachstum zur Verfügung gestellt.
    • Nerventransplantation: Falls ein längerer Nervendefekt vorliegt, kann eine Nerventransplantation erforderlich sein. Hierzu wird je nach Länge und Dicke das fehlende Nervenstück durch einen entbehrlichen Hautnerven ersetzt, der vorher an anderer Stelle entnommen wurde, wo der Nerv entbehrlich ist.
    • Nervenrekonstruktion: Bei komplexen Nervenverletzungen kann eine umfassendere Rekonstruktion erforderlich sein, um die Funktion des Nervs wiederherzustellen.
    • Nervenumlagerungen: Bei schweren Nervenverletzungen kann es notwendig sein, einen funktionierenden Nerv aus der Umgebung so umzulagern, dass er den verletzten Nerv ersetzt und die Steuerung der betroffenen Muskeln übernimmt. So lassen sich verloren gegangene Funktionen, wie das Greifen oder Beugen eines Gelenks, oft wiederherstellen.
    • Sehnenumlagerungen: In Fällen, in denen die Nervenfunktion nicht wiederhergestellt werden kann, können Sehnen umlagert werden. Dabei wird eine intakte Sehne von einem funktionsfähigen Muskel so verlagert, dass sie die Aufgabe des geschädigten Muskels übernimmt. Dies ermöglicht oft eine Wiedererlangung der Bewegungsfähigkeit.
  • Dekompression: Bei Nervenkompressionssyndromen kann eine Dekompressionsoperation notwendig sein, um den Nerv zu entlasten. Unter dem Begriff Dekompression versteht man allgemein die Druckentlastung des betroffenen Körperareals. Die Dekompression wird im Zuge einer sogenannten Neurolyse-Operation (Freilegung des Nervs) erreicht. Da das Nervenkompressionssyndrom vielfältige Ursachen haben und an unterschiedlichen Körperregionen auftreten kann, sind Dekompressions-Operationen sehr individuell. Die Vorgehensweise der Nervenfreilegung kann deshalb nicht verallgemeinert dargestellt werden. Häufig wird jedoch eine Freilegung des peripheren Nervs erreicht, indem störendes Gewebe oder Verknöcherungen entfernt und anatomische Veränderungen minimalinvasiv beseitigt werden. Bei einem Karpaltunnelsyndrom erfolgt die Dekompression beispielsweise durch eine Erweiterung des Nervenkanals. Diese wird entweder mit der offenen Methode durch einen chirurgischen Schnitt zwischen dem Daumen- und Kleinfingerballen (Karpalband) erreicht. Zudem wird Gewebe entfernt, das für die Einengung des Nervs verantwortlich ist. Bei der zweiten Methode, die auch als „Schlüssellochtechnik“ bezeichnet wird, erfolgt ein winziger Schnitt quer entlang der Beugefalte des Handgelenkes. Anschließend wird ein Endoskop eingeführt, mit dessen Hilfe die gleiche Operation wie bei der offenen Methode durchgeführt wird.

Rechtliche Aspekte bei Nervenschäden nach Operationen

Ein Nervenschaden nach einer Operation kann rechtliche Konsequenzen haben, insbesondere wenn er auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen ist.

Beweislast und Verjährung

Die Beweisführung bei Nervenschäden nach Operationen ist oft komplex. Grundsätzlich muss der Patient beweisen, dass ein Behandlungsfehler vorliegt und dieser ursächlich für den Schaden ist (§§ 630a ff. BGB). Allerdings kann es in bestimmten Fällen zu einer Beweislastumkehr zugunsten des Patienten kommen, beispielsweise wenn grobe Behandlungsfehler vorliegen (§ 630h Abs. 5 BGB).

Die reguläre Verjährungsfrist beträgt drei Jahre ab Kenntnis des Schadens und der Person des Schädigers (§§ 195, 199 Abs. 1 BGB). Die absolute Verjährungsfrist liegt bei 30 Jahren nach der schädigenden Handlung (§ 199 Abs. 2 BGB).

Ansprüche und Entschädigung

Bei einem Behandlungsfehler hat der Patient Anspruch auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Die Höhe der Entschädigung hängt von der Schwere des Schadens und den individuellen Umständen ab. Auch vorübergehende Schäden können Ansprüche begründen, wobei die Entschädigung in der Regel geringer ausfällt als bei dauerhaften Schäden.

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Einige Beispiele für Schmerzensgeldurteile bei Nervenschäden:

  • LG Detmold, Urteil vom 07.10.2010 - 12 O 136/08: 30.000 € (heutiger Wert ca. 37.000 €)
  • LG Lübeck, Urteil vom 23.01.2024 - 12 O 341/21: 30.000 €
  • OLG Celle, Urteil vom 31.01.2024 - 14 U 58/23: 45.000 €
  • LG Arnsberg, Urteil vom 15.03.2016 - 5 O 31/14: 60.000 € (heutiger Wert ca. 68.000 €)

Empfehlungen

Es ist wichtig, frühzeitig rechtlichen Rat einzuholen, um keine Fristen zu versäumen und wichtige Beweise zu sichern. Eine spezialisierte Kanzlei für Medizinrecht kann Betroffenen helfen, ihre Rechte durchzusetzen und eine angemessene Entschädigung zu erhalten.

Nervenkompressionssyndrome: Eine besondere Form der Nervenschädigung

Ein Nervenkompressionssyndrom entsteht, wenn ein Nerv durch äußeren Druck eingeengt wird. Dies kann zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen und Funktionsstörungen führen.

Ursachen und betroffene Körperbereiche

Die Ursachen für ein Nervenkompressionssyndrom können vielfältig sein:

  • Abnutzungserscheinungen (Arthrose)
  • Rheuma
  • Entzündungen wie Arthritis
  • Vernarbungen oder Brüche nach Unfällen
  • Verknöcherungen
  • Das Tragen eines Gipses oder Schwellungen
  • Veränderungen an Gewebe oder Sehnen

Häufig betroffene Körperbereiche sind:

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  • Handgelenk (Karpaltunnelsyndrom)
  • Ellenbogen (Sulcus Ulnaris Syndrom, Kubitaltunnelsyndrom)
  • Oberarmspeiche (Wartenberg-Syndrom)
  • Mittelfuß (Morton-Metatarsalgie)
  • Schienbein (Tarsaltunnelsyndrom)
  • Hüftgelenk (Meralgia Paraesthetica)

Symptome und Diagnose

Typische Symptome eines Nervenkompressionssyndroms sind:

  • Kribbeln oder „Ameisenlaufen“
  • Sensibilitätsstörungen
  • Taubheitsgefühle
  • Missempfindungen (Parästhesien)
  • Ausstrahlende oder stechende Schmerzen
  • Funktionsausfälle
  • Schwächeerscheinungen
  • Lähmungserscheinungen

Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine neurologische Untersuchung und elektrophysiologische Messungen (ENG, EMG).

Behandlung

Die Behandlung eines Nervenkompressionssyndroms kann konservativ oder operativ erfolgen. Konservative Maßnahmen umfassen:

  • Physiotherapie
  • Medikamente (z.B. Kortison)
  • Elektrotherapie
  • Schonung
  • Das Tragen von speziellen Schienen

Wenn die konservative Therapie nicht ausreichend hilft, kann eine operative Dekompression des Nervs erforderlich sein.

Finger-Nervenverletzungen: Eine spezielle Herausforderung

In der Handchirurgie spielt die Behandlung von durchtrennten Finger-Nerven eine entscheidende Rolle. Durchtrennte Finger-Nerven können aufgrund verschiedener Faktoren auftreten, darunter Traumata, Unfälle oder repetitive Belastungen.

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose von durchtrennten Finger-Nerven erfordert in der Regel eine gründliche klinische Untersuchung. Es ist entscheidend, frühzeitig eine genaue Diagnose zu stellen, um die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten.

Die Wahl zwischen konservativen Behandlungsmöglichkeiten und chirurgischen Eingriffen hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Schwere der Verletzung und die individuellen Bedürfnisse des Patienten.

Konservative Behandlungsmöglichkeiten

In den Fällen, in denen ein Finger-Nerv durchtrennt ist, spielen konservative Behandlungsmöglichkeiten eine entscheidende Rolle bei der Genesung. Nach einer durchtrennten Finger-Nerv Verletzung ist es wichtig, dem betroffenen Finger ausreichend Ruhe zu gönnen. Physiotherapie spielt eine essentielle Rolle im Prozess der Heilung.

Chirurgische Eingriffe

Die Entscheidung für einen chirurgischen Eingriff bei einem durchtrennten Finger-Nerv hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine Operation kann in Betracht gezogen werden, wenn konservative Behandlungsmethoden nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen oder wenn bestimmte Symptome oder Umstände vorliegen, die eine chirurgische Korrektur erfordern.

Bei der Operation stehen unterschiedliche chirurgische Techniken zur Verfügung, die je nach Art und Schwere der Verletzung angewendet werden: Nerventransplantation und Nervenrekonstruktion.

Heilungsprozess und Rehabilitation

Der Heilungsprozess nach einer Nervendurchtrennung im Finger ist individuell und kann je nach Schwere der Verletzung variieren. In der Regel kann es mehrere Wochen bis Monate dauern, bis die Nervenfasern wieder zusammenwachsen und die Funktion des Nervs teilweise oder vollständig wiederhergestellt ist.

Die Rehabilitationsmaßnahmen sind entscheidend für eine erfolgreiche Genesung. Dazu gehören gezielte physiotherapeutische Übungen, die darauf abzielen, die Beweglichkeit des betroffenen Fingers zu verbessern und die Kraft in der Hand wiederherzustellen. Die regelmäßige Nachsorge und Kontrolluntersuchungen beim Handchirurgen sind ebenfalls wichtig, um den Fortschritt der Heilung zu überwachen und potenzielle Komplikationen frühzeitig zu erkennen.

Mögliche Komplikationen

Nach einer Finger-Nerv Behandlung können bestimmte Komplikationen auftreten, die den Heilungsprozess beeinflussen können. Bei der Behandlung von durchtrennten Finger-Nerven können verschiedene Komplikationen auftreten, die den Genesungsprozess verlängern oder beeinträchtigen können. Um diese Komplikationen zu minimieren, ist eine sorgfältige Nachsorge und regelmäßige Kontrolle der Heilung essenziell.

Chirurgische Eingriffe zur Behandlung von durchtrennten Finger-Nerven sind nicht frei von Risiken. Es ist wichtig, dass Patienten sich über potenzielle Risiken im Klaren sind, bevor sie sich für eine Operation entscheiden.

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