Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Pulsierende Kopfschmerzen, Übelkeit, Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusche sind typische Symptome einer Migräne-Attacke. Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter. Die Erkrankung kann erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben, insbesondere auf ihr Berufsleben. Auswertungen der AOK Rheinland/Hamburg zeigen bei Berufstätigen eine deutliche Zunahme von Krankschreibungen und Fehltagen aufgrund von Migräne. Die Zahl der Fehltage hat sich innerhalb der vergangenen 15 Jahre verdoppelt, die Zahl der Krankschreibungen ist in diesem Zeitraum sogar um fast 150 Prozent gestiegen.
Zunehmende Fehlzeiten durch Migräne: Eine Analyse
Die AOK Rheinland/Hamburg hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweitstärkste Kassenart deutliche Zunahme von Krankschreibungen und Fehltagen aufgrund von Migräne nachgewiesen. Allein in den vergangenen drei Jahren ist es zu einem signifikanten Anstieg der Migräne-Zahlen gekommen. Von 2022 bis 2024 hat sich die Zahl der Fehltage um mehr als 23 Prozent erhöht: von 11,65 Tagen je 100 Versicherte im Jahr 2022 auf 14,38 Tage im Jahr 2024. Die Zahl der Migräne-Krankschreibungen ist in dieser Zeit um mehr als 38 Prozent gestiegen - und sogar um 146 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010. Die Versicherten waren wesentlich häufiger wegen Migräne krankgeschrieben, im Durchschnitt wurde eine einzelne Krankschreibung aber für einen kürzeren Zeitraum ausgestellt.
Die Auswertungen des Instituts für betriebliche Gesundheitsförderung (BGF-Institut) der AOK Rheinland/Hamburg zeigen, dass weibliche Beschäftigte sehr viel häufiger an ihrem Arbeitsplatz ausfallen, weil sie von Migräne-Attacken heimgesucht werden, als männliche Beschäftigte. Im Jahr 2024 hat die Gesundheitskasse bei den weiblichen Versicherten 5,33 Krankschreibungen mit der Diagnose Migräne je 100 Versicherte verzeichnet und damit 175 Prozent mehr als bei den männlichen Versicherten, die auf 1,94 Krankschreibungen je 100 Versicherte gekommen sind. Geschlechterübergreifend waren im Jahr 2024 durchschnittlich 3,42 Krankschreibungen je 100 Versicherte auf Migräne zurückzuführen. Laut Auswertungen der Techniker Krankenkasse (TK) in Rheinland-Pfalz erhielten erwerbstätige Frauen im vergangenen Jahr etwa fünfmal so häufig mindestens ein Arzneimittel gegen Migräne verordnet wie erwerbstätige Männer. Insbesondere weibliche Versicherte im Alter von 40 bis 55 Jahren bezogen ein entsprechendes Rezept, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass die Erkrankung in dieser Lebensphase hormonell bedingt besonders ausgeprägt ist und häufig durch Belastungen im Beruf und Alltag verstärkt wird.
Aktuelle Zahlen der TK legen dar, dass die Verordnungen von Migränemedikamenten im letzten Jahr einen neuen Höchststand erreicht haben. Im Jahr 2024 erhielten in Rheinland-Pfalz mehr als 1,7 Prozent der bei der TK-versicherten Erwerbstätigen mindestens einmal ein Medikament - sogenannte Triptane - gegen die starken Kopfschmerzen verordnet. Das Bundesland liegt damit im bundesweiten Durchschnitt. Im Vergleich zu 2019 ist sowohl im Bundesland als auch in Deutschland ein Anstieg von über zwölf Prozent zu verzeichnen.
Ursachen für die Zunahme von Migränebedingten Fehlzeiten
Die Ursachen für die Zunahme von migränebedingten Ausfällen am Arbeitsplatz sind vielfältig.
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- Verbesserte Diagnostik und höhere Sensibilisierung: Eine verbesserte Diagnostik sowie eine höhere Sensibilisierung für die Erkrankung führen dazu, dass Migräne häufiger erkannt und diagnostiziert wird.
- Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung: Die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung seit dem 1. Juli 2022 führt dazu, dass auch kürzere Migräne-Attacken häufiger erfasst werden.
- Post-Covid-Kopfschmerzen: Die Verbreitung von Post-Covid-Kopfschmerzen nach einer Corona-Infektion trägt ebenfalls zur Zunahme von Kopfschmerzerkrankungen bei.
- Klimatisch bedingte Kopfschmerzen: Häufigere und extremere Wetterumschwünge können klimatisch bedingte Kopfschmerzen auslösen. Unter anderem können Wetterumschwünge wie jetzt im Herbst eine Rolle spielen und den Körper belasten.
- Globaler Krisenmodus: Der andauernde globale Krisenmodus mit Wirtschaftskrisen, Kriegen und dem Klimawandel begünstigt stressbedingte Migräne-Fälle.
- Stresspotenzial im Beruf: Besonders häufig werden Kopfschmerzen in Berufen mit hohem Stresspotenzial beobachtet.
Auswirkungen von Migräne auf die Arbeitswelt und die Volkswirtschaft
Migräne hat massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt und die Volkswirtschaft. Durch die Krankheit fallen in Deutschland jedes Jahr rund 547 Millionen Stunden bezahlter Arbeit aus - ein jährlicher volkswirtschaftlicher Verlust in Höhe von etwa 48,8 Milliarden Euro, das sind etwa 1,4 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung 2019. Zusätzlich gehen jährlich circa 675,8 Millionen Stunden an unbezahlter Arbeit durch Migräne verloren, was jährlich fast ein Prozent der insgesamt in Deutschland für unbezahlte Arbeit aufgewendeten Zeit bedeutet.
Wiederkehrende Kopfschmerzen und Migräne sind für die Betroffenen eine erhebliche Belastung, da sie Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und Teilhabe im Alltag stark einschränken können. Die Zahlen zeigen deutlich, dass es sich um ein verbreitetes Gesundheitsproblem handelt, das im Alltag vieler Menschen eine ernstzunehmende Rolle spielt.
Migräne verstehen: Symptome, Diagnose und Formen
Migräne ist mehr als „nur“ Kopfschmerzen. Sie gilt mittlerweile als komplexe neurologische Erkrankung des Gehirns.
Typische Symptome
- Pochender, oft halbseitiger Kopfschmerz
- Übelkeit (80 %)
- Erbrechen (40-50 %)
- Lichtscheu
- Lärmempfindlichkeit
- Ggf. Aura (z. B. Flimmerskotom)
Dauer
4 bis 72 Stunden pro Attacke, teils mit Nachwirkungen (z. B. Erschöpfung)
Formen der Migräne
- Episodische Migräne: gelegentliche Attacken (weniger als 15 Kopfschmerztage pro Monat)
- Chronische Migräne: häufige Attacken (mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat über mehr als drei Monate)
- Migräne mit Aura: neurologische Symptome wie Sehstörungen oder Sprachstörungen vor oder während des Kopfschmerzes
- Migräne ohne Aura: keine neurologischen Vorboten
Migräneauslöser am Arbeitsplatz
Es gibt einige Migräneauslöser (sogenannte Trigger), die im direkten Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz stehen. Einige dieser Faktoren lassen sich sicher abstellen.
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- Geräuschkulisse im Großraumbüro: Klingelnde Telefone, Gespräche und surrende Kopierer und Drucker können Migräne auslösen.
- Lange Bildschirmarbeit: Die lange Bildschirmarbeit kann die Augen und die Muskulatur belasten und Migräne begünstigen.
- Stress: Hoher Leistungsdruck, Termindruck und Konflikte am Arbeitsplatz können Stress verursachen und Migräne auslösen.
Präventionsstrategien für Unternehmen und Betroffene
Unternehmen können viele Maßnahmen ergreifen, um Migräne entgegenzuwirken und Betroffenen gezielt zu helfen.
Betriebliche Gesundheitsförderung
Die betriebliche Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.
- Angebote des BGF-Instituts der AOK Rheinland/Hamburg: Das BGF-Institut unterstützt Betriebe dabei, Kopf- und Nackenschmerzen am Arbeitsplatz und auch im Homeoffice vorzubeugen. Mit Entspannungspausen während der Arbeitszeit oder Seminaren rund um die Themen Stressmanagement, Resilienz und Achtsamkeit können Mitarbeitende auf dem Weg zu mehr Wohlbefinden begleitet werden.
- Maßnahmen zur Stressreduktion: Unternehmen können Maßnahmen zur Stressreduktion anbieten, wie z.B. flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten, Entspannungsräume oder Stressmanagement-Seminare.
- Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung kann dazu beitragen, Muskelverspannungen und Fehlhaltungen zu vermeiden, die Migräne auslösen können.
- Schulungen und Informationen: Unternehmen können Schulungen und Informationen zum Thema Migräne anbieten, um das Bewusstsein für die Erkrankung zu erhöhen und Betroffenen zu helfen, ihre Migräne besser zu verstehen und zu managen.
Maßnahmen für Betroffene
Auch Betroffene selbst können viel tun, um Migräne vorzubeugen und die Häufigkeit und Intensität von Attacken zu reduzieren.
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeit sind wichtig, um Migräne vorzubeugen.
- Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser von Migräne. Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder Yoga können helfen, Stress abzubauen.
- Migräne-Tagebuch: Das Führen eines Migräne-Tagebuchs kann helfen, individuelle Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.
- Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren kann die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren.
- Medikamentöse Therapie: Bei häufigen oder starken Migräneattacken kann eine medikamentöse Therapie sinnvoll sein. Es gibt sowohl Medikamente zur Akutbehandlung von Attacken als auch Medikamente zur Vorbeugung.
Umgang mit Migräne am Arbeitsplatz
Viele Menschen mit Migräne haben Angst, offen über ihre Erkrankung am Arbeitsplatz zu sprechen. Sie befürchten, als "Drückeberger" abgestempelt zu werden oder Nachteile im Job zu erfahren. Es ist jedoch wichtig, offen mit dem Arbeitgeber und den Kollegen über die Migräne zu sprechen, um Verständnis zu schaffen und Unterstützung zu erhalten.
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie mit Ihrem Vorgesetzten und Ihren Kollegen über Ihre Migräne. Erklären Sie, was Migräne ist und wie sie sich auf Ihre Arbeitsfähigkeit auswirkt.
- Individuelle Vereinbarungen: Treffen Sie mit Ihrem Arbeitgeber individuelle Vereinbarungen, wie z.B. flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten oder einen ruhigen Rückzugsort bei einer Attacke.
- Selbstbewusstsein: Stehen Sie zu Ihrer Erkrankung und lassen Sie sich nicht von negativen Kommentaren entmutigen.
Digitale Unterstützung bei Migräne
Neben der medikamentösen Behandlung bietet die TK mit ihrer Migräne-App eine innovative Möglichkeit, Betroffene im Umgang mit der Erkrankung zu unterstützen. Die App hilft dabei, Migräneattacken besser zu verstehen, Auslöser zu erkennen und den Verlauf der Beschwerden mithilfe eines digitalen Kopfschmerztagebuchs genau zu dokumentieren. Durch gezielte Tipps zur Vorbeugung und Entspannung können Anwenderinnen und Anwender ihre Lebensqualität verbessern und die Häufigkeit der Anfälle möglicherweise reduzieren. "Die digitale Begleitung ergänzt somit die ärztliche Behandlung und gibt den Betroffenen mehr Kontrolle über ihre Symptome", sagt der TK-Landeschef Jörn Simon. In der Headache Hurts-App finden Betroffene eine Kurzversion, die sie gut in ihren Alltag integrieren können. Auch in anderen Bereichen der Kopfschmerzprävention kann die App Betroffene unterstützen. Sie klärt über die wichtigsten Faktoren auf und hilft, das eigene Verhalten mit den Kopfschmerzen in Zusammenhang zu setzen. Durch eine Erinnerungsfunktion kann man sich in der Umsetzung des präventiven Verhaltens unterstützen lassen.
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