Viele Menschen greifen bei Kopfschmerzen zu einer Schmerztablette. Doch für Millionen von Deutschen ist das oft keine Lösung, denn sie leiden an Migräne, genau wie die Linksfraktionschefin Heidi Reichinnek. Was Betroffene bei dieser Erkrankung unbedingt beachten sollten, wird im Folgenden näher beleuchtet.
Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
Migräne ist eine neurologische Erkrankung des Gehirns, die sich meist in Form von dumpfen und drückenden Kopfschmerzattacken äußert. Diese können bei körperlicher Belastung stechend, pochend oder pulsierend werden. Hinzu kommen oft eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen sowie Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Die Intensität ist in der Regel so hoch, dass sie Betroffene im Alltag stark einschränkt, so die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG).
Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind in Deutschland 14,8 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer betroffen. Weitere 13,7 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer haben eine wahrscheinliche Migräne, so die Erhebung von 2020. Eine Migräneattacke kann wenige Stunden bis hin zu drei Tagen andauern. Dabei laufen im Gehirn komplexe Prozesse ab, die zu den teils heftigen Symptomen führen. So werden unter anderem schmerzvermittelnde Botenstoffe ausgeschüttet, die an den Blutgefäßen der Hirnhäute zu einer Entzündungsreaktion führen. Die pulsierenden Blutgefäße dehnen die entzündete Gefäßwand - so entstehen die typischen pulsierenden Kopfschmerzen, erklärt die DMKG.
Symptome einer Migräne
Ob es sich bei Ihren Kopfschmerzen um eine Migräne handelt, können Sie anhand der Symptome abschätzen. Eine Migräne zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Kopfschmerzen wiederkehrend sind und anfallsartig auftreten. Laut der DMKG weisen folgende Symptome auf eine Migräne hin:
- Dumpfer und drückender Schmerz, der bei körperlicher Belastung stechend, pochend oder pulsierend wird
- Übelkeit
- Erbrechen
- Licht-, Geräusch- und Geruchs- Überempfindlichkeit
- Erhöhtes Ruhebedürfnis
- Blässe und eine deutliche Rückzugstendenz
Bei 15 bis 25 Prozent der Betroffenen kündigen sich die Kopfschmerzen über eine sogenannte Aura an. Diese neurologische Funktionsstörung zeigt sich über:
Lesen Sie auch: Heidi Kabel: Eine Volksschauspielerin
- Sehstörungen mit Flimmersehen
- Gesichtsfelddefekte (Teile des Sichtfelds erscheinen als dunkle Flecken, verschwommenes Sehen oder gar nicht)
- Gefühlsstörungen auf einer Körperseite
- Sprachstörungen
Häufig treten auch schon Tage vor einer Attacke erste Hinweise auf. "Die Zündschnur der Migräne glimmt quasi schon", schreibt die Schmerzklinik. Auffällig seien zum Beispiel:
- Gesteigerte Aktivität
- Innere Unruhe
- Reizbarkeit
- Erhöhte Leistungsfähigkeit und Kreativität
- Müdigkeit
- Mangelnde Belastbarkeit
- Depressive Stimmungsveränderungen
Sollten Sie den Verdacht haben, an Migräne zu leiden, suchen Sie unbedingt einen Arzt auf.
Chronisch ist Migräne laut der internationalen Kopfschmerzgesellschaft dann, wenn an 15 Tagen im Monat über drei Monate hinweg Kopfschmerzen auftreten. Betroffene sind während einer Migräne-Attacke kaum dazu in der Lage, alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Migräne-Attacken können bis zu 72 Stunden andauern und zwingen Betroffene häufig zur Bettlägerigkeit.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht komplett erforscht. Es gibt jedoch einige bekannte Faktoren, die zum Ausbruch von Migräne führen können. Genetik spielt eine Rolle, da es eine familiäre Veranlagung für Migräne gibt. Neurologische Dysfunktionen, also Veränderungen in der Aktivität bestimmter Gehirnregionen, können Migräne auslösen. Auch chemische Ungleichgewichte, wie Veränderungen in Neurotransmittern wie Serotonin, begünstigen Migräneanfälle.
Zudem gibt es Risikofaktoren, die von Expertinnen und Experten in Zusammenhang mit chronischer Migräne gebracht werden. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten auch einen genetischen Zusammenhang, da es bei Betroffenen auch Fälle im familiären Umfeld gibt.
Lesen Sie auch: Kritikpunkte an Helene Fischer & Heidi Klum
Bestimmte Faktoren im Alltag können eine Migräne-Attacke provozieren, wie Stress, Schlafmangel, Hormonveränderungen, bestimmte Lebensmittel (wie Koffein, Alkohol, Schokolade) und Umweltfaktoren. Wetterumschwünge, Stress, hormonelle Schwankungen während der Menstruation, unregelmäßiger Schlaf, aber auch Geruchs- und Lärmbelästigungen können ebenfalls Auslöser einer Migräneattacke sein.
Behandlung und Vorbeugung von Migräne
Migräne ist nicht vollumfänglich heilbar. Die meisten Therapien zielen auf die Behandlung der Symptome ab. Mit normalen Aspirin-Tabletten lassen sich Migräne-Attacken aber kaum lindern. Erkrankte brauchen spezielle Schmerzmittel, wie etwa Triptane oder Ditane. Wer unter Migräne-Attacken leidet, begibt sich idealerweise zur Behandlung in medizinische Einrichtungen, die sich auf Migräne und ähnliche Erkrankungen spezialisiert haben. So lassen sich die Therapie auf individuelle und vorbeugende Maßnahmen wie etwa Verhaltensänderungen ausweiten.
Bei einer akuten Migräneattacke hilft Betroffenen in der Regel Ruhe und Dunkelheit. Viele schwören auf Hausmittel wie:
- Kaffee mit Zitrone (Koffein verengt die Blutgefäße)
- Kühlende oder wärmende Kompressen
- Auftragen von Pfefferminzöl auf die Schläfen
Ob diese wirklich wirken, ist jedoch nicht klar.
Ein wichtiger Faktor bei der Behandlung von Migräne ist es, den Attacken vorzubeugen. Denn häufig reagiert das Gehirn von Migränepatienten auf individuelle Auslösefaktoren oder Überlastungen. Welche das sind, lässt sich beispielsweise mit einem Kopfschmerztagebuch nachvollziehen. Viele Patienten berichten auch von Migräne-Auslösefaktoren wie:
Lesen Sie auch: Glamour und Kritik: Heidi Klum
- Schlafentzug
- Auslassen von Mahlzeiten
- Unzureichende Flüssigkeitszufuhr
- Stress
Die DMKG verweist außerdem auf Studien, die positive Effekte auf die Erkrankung durch regelmäßigen Ausdauersport und Muskelentspannungsverfahren nachweisen. Wer hier sein Verhalten anpasst, kann laut der Fachgesellschaft in der Regel die Zahl der Migräneattacken senken. Als Therapiemaßnahme wird zudem häufig ausdauernde Bewegung an der frischen Luft empfohlen. Oft beobachten Betroffene einen sogenannten Migräne-Trigger, welcher verstärkt Migräne Attacken auslösen kann, wie etwa Stress.
Jede Behandlung von Migräne soll die Intensität der Anfälle reduzieren und ihre Häufigkeit verringern. Eine komplette Heilung ist jedoch meist nicht möglich. Inzwischen sind diverse Medikamente im Umlauf, um Migräne Einhalt zu gebieten:
- Schmerzmittel wie Paracetamol und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)
- Triptane: Spezifische Medikamente, die bei Migräne zur Schmerzlinderung angewendet werden
- Vorbeugende Medikamente: Diese werden eingenommen, um Migräneanfälle zu verhindern oder ihre Häufigkeit zu reduzieren. Dazu gehören Betablocker, Antidepressiva und Antikonvulsiva
Neben Medikamenten können aber auch gezielte Lebensstiländerungen einen positiven Effekt herbeiführen:
- Regelmäßiger Schlaf und ausreichende Erholung
- Stressmanagementtechniken wie Entspannungsübungen, Yoga und Meditation
- Vermeidung von bekannten Auslösern
- Biofeedback und Verhaltenstherapie: Diese Ansätze können helfen, Stress abzubauen und Migräneanfälle zu kontrollieren
- Akupunktur: Einige Menschen finden Linderung von Migräne durch Akupunktur
- Ernährung: Eine Verringerung der Migräneanfälle kann bei manchen Patienten erreicht werden, wenn sie Lebensmittel vermeiden, die bei ihnen als Auslöser wirken
Heidi Reichinnek als Vorbild für einen offeneren Umgang mit Migräne
Die Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek spricht offen über ihre Migräne-Erkrankung und die damit einhergehenden Einschränkungen. "Ich habe diese Erkrankung und sie belastet mich massiv. Viele Termine kann ich trotz Migräne nicht absagen und muss mir dann mit Medikamenten helfen", sagte die 37-Jährige der "Rheinischen Post". In diesen Fällen nehme sie "ein sehr starkes Mittel, das dazu führt, dass man sich nicht mehr so gut konzentrieren kann". Reichinnek hatte Ende April in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" auf eine Sachfrage erklärt, dass sie die Antwort nicht parat habe, auch weil sie aktuell unter Migräne leide. Von Kritikern war dies als Ausrede gewertet und spöttisch kommentiert worden.
Reichinnek plädiert für einen offeneren Umgang mit Krankheiten oder Schwächen in der Politik. Sie kritisiert, dass der Bundestag die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht nicht repräsentiere, auch nicht mit Blick darauf, wer chronische Krankheiten oder Behinderungen habe. Umso wichtiger finde sie es, darüber zu sprechen. "Ich würde niemanden dazu auffordern, weil es eine sehr private Entscheidung ist, solche Sachen öffentlich zu machen. Aber natürlich ist es ein wichtiges Zeichen, das für Sichtbarkeit sorgt. Gerade bei Migräne", sagt sie der "Rheinischen Post". Die Krankheit betreffe vor allem Frauen. Gegenüber der "Rheinischen Post" erklärt Reichinnek, dass Frauen oft nicht ernst genommen werden, wenn sie über Kopfschmerzen klagen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Migräne dagegen als eine der schwersten behindernden Erkrankungen des Menschen ein.
Die Reaktionen auf ihren offenen Umgang mit der Erkrankung bestünden überwiegend aus einer Mischung aus Häme und Angriffen, erklärt Reichinnek in dem Interview. In der Vergangenheit war ihre Migräne bereits in Fernsehshows Thema, als sie beispielsweise in Quiz- oder Talkshows nicht 100-prozentig bei der Sache war. Es wurde ihr vorgeworfen, die Krankheit zu instrumentalisieren. Reichinnek, die als Politikerin viel unterwegs ist, spricht darüber, dass sie viele Termine trotz Migräne nicht absagen kann. Dann müsse sie sich mit Medikamenten helfen. Wie sie im Interview sagt, nimmt sie ein Mittel mit dem Wirkstoff Sumatriptan, einem Wirkstoff der gegen Migräne häufig eingesetzt wird. Die Politikerin berichtet, dass sie sich nach der Einnahme nicht mehr so gut konzentrieren könne.
Migräne in der Politik: Ein Tabuthema?
Als die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek im April in der Sendung von Markus Lanz zum Thema Mietendeckel gefragt wird, antwortet sie überraschend kurz angebunden. Sie habe die Zahl nicht parat, leide unter Migräne und könne diese "Schulabfrage" deswegen jetzt nicht beantworten. Es war einer der kurzen und seltenen Momente, in denen eine Politikerin gesundheitliche Schwäche eingesteht. Ihr Co-Fraktionsvorsitzender Sören Pellmann erlebte im Sommer einen Herzinfarkt und mahnt heute zu mehr Offenheit im politischen Betrieb im Umgang mit Erkrankungen.
Verständnis nach Offenheit über Herzinfarkt habe ihn anfänglich Überwindung gekostet, berichtet Pellmann ZDFheute. Gesundheitliche Probleme seien häufig ein Tabu-Thema in der Politik.
Letztlich habe sich die Offenheit allerdings für ihn ausgezahlt, so Pellmann. Er habe sich dadurch während der Krankheit aber auch danach nicht verstecken müssen und Verständnis erhalten.
Helmut Kohl (CDU) hielt während seiner Amtszeit lange eine Erkrankung mit Prostata-Krebs geheim. Kurz vor einem Parteitag der CDU im September 1989 litt er unter starken Schmerzen und sollte eigentlich schnellstmöglich operiert werden. Aus Angst, seine parteiinternen Gegner hätten seine Schwäche oder Abwesenheit ausnutzen können, fuhr er dennoch zum Parteitag.