Gehirn essen und Krankheiten: Eine umfassende Betrachtung

Die Vorstellung, dass der Verzehr von Gehirn zu schweren neurologischen Erkrankungen führen kann, ist nicht neu. Geschichten über Kannibalismus und die damit verbundenen Risiken haben die Menschheit seit Jahrhunderten fasziniert und erschreckt. In jüngster Zeit haben Fälle von Menschen, die nach dem Verzehr von Tierhirn an seltenen und tödlichen Krankheiten erkrankten, diese Ängste neu entfacht. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Krankheiten, die mit dem Verzehr von Gehirn in Verbindung gebracht werden, untersucht die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinter diesen Erkrankungen und gibt einen Überblick über Prävention und Risikobewusstsein.

Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK): Eine seltene, aber tödliche Gefahr

Ein aktueller Fall in den USA, bei dem ein Jäger nach dem Verzehr von Eichhörnchenhirn an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) starb, hat die Aufmerksamkeit erneut auf die potenziellen Gefahren des Verzehrs von Gehirn gelenkt. Bei der CJK handelt es sich um eine seltene, degenerative Hirnerkrankung, die zum Abbau des Nervensystems führt. Das Gehirn löst sich schwammartig auf. Sie gehört zu den sogenannten transmissiblen spongiformen Enzephalopathien (TSE), die durch infektiöse Proteine, sogenannte Prionen, verursacht werden.

Die verschiedenen Formen der CJK

Es gibt verschiedene Formen der CJK, darunter:

  • Sporadische CJK (sCJK): Die häufigste Form, die ohne erkennbare Ursache auftritt.
  • Genetische CJK: Eine vererbte Form, die durch Mutationen im PRNP-Gen verursacht wird.
  • Erworbene CJK: Eine sehr seltene Form, die durch Kontakt mit infiziertem Gewebe übertragen wird, beispielsweise durch medizinische Eingriffe oder den Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln. Die Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) ist eine Form der erworbenen CJK, die mit dem Verzehr von Fleisch von Rindern mit Boviner Spongiformer Enzephalopathie (BSE), auch bekannt als Rinderwahnsinn, in Verbindung gebracht wird.

Symptome und Diagnose

Die Symptome der CJK können vielfältig sein und ähneln zunächst oft anderen neurologischen Erkrankungen. Zu den frühen Symptomen gehören:

  • Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen
  • Verhaltensänderungen
  • Koordinationsprobleme

Im weiteren Verlauf der Erkrankung entwickeln Betroffene häufig:

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

  • Unwillkürliche Muskelzuckungen (Myoklonien)
  • Sehstörungen
  • Schwierigkeiten beim Sprechen und Schlucken
  • Demenz

Die Diagnose der CJK kann schwierig sein, da es keine spezifischen Tests gibt, die die Krankheit eindeutig nachweisen können. Zu den diagnostischen Verfahren gehören:

  • Neurologische Untersuchung: Beurteilung der Symptome und neurologischen Funktionen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebung des Gehirns, um charakteristische Veränderungen festzustellen.
  • Elektroenzephalographie (EEG): Messung der Hirnaktivität, um spezifische Muster zu erkennen.
  • Liquoruntersuchung: Analyse der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit auf bestimmte Proteine, die auf CJK hinweisen können.
  • RT-QuIC (Real-Time Quaking-Induced Conversion): Eine spezielle Testmethode, mit der sich auch kleinste Mengen der krankhaft veränderten Eiweiße im Nervenwasser nachweisen lassen. In einer Pilotstudie konnten Forscher an der Universitätsmedizin Göttingen erstmals veränderte Prionen in Tränenflüssigkeit nachweisen.
  • Hirnbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Hirnbiopsie erforderlich sein, um die Diagnose zu bestätigen. Eine letztendlich nötige Hirnuntersuchung nach dem Tod stand zunächst aber noch aus.

Behandlung und Prävention

Es gibt derzeit keine Heilung für die CJK. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Medikamente können eingesetzt werden, um Muskelkrämpfe zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.

Die Prävention der CJK umfasst Maßnahmen zur Minimierung des Risikos einer Übertragung von Prionen. Dazu gehören:

  • Vermeidung des Verzehrs von Gehirn und anderen Risikogeweben von Tieren: Dies gilt insbesondere für Tiere, die bekanntermaßen an TSE erkrankt sind, wie z. B. Rinder mit BSE.
  • Sicherstellung der Sterilisation von medizinischen Instrumenten: Dies ist wichtig, um die Übertragung von Prionen bei medizinischen Eingriffen zu verhindern.
  • Vorsicht bei Bluttransfusionen und Organtransplantationen: In seltenen Fällen kann die CJK durch Bluttransfusionen oder Organtransplantationen übertragen werden.

Kuru: Die Krankheit der Kannibalen

Kuru ist eine weitere Prionenerkrankung, die in den 1950er Jahren bei den Fore in Papua-Neuguinea entdeckt wurde. Die Krankheit wurde durch den rituellen Kannibalismus der Fore verbreitet, bei dem die Gehirne verstorbener Angehöriger verzehrt wurden.

Symptome und Verlauf

Kuru manifestiert sich mit neurologischen Symptomen, die denen der CJK ähneln, darunter:

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

  • Koordinationsprobleme
  • Zittern
  • Schwierigkeiten beim Gehen
  • Unkontrollierbares Lachen (daher der Name "lachender Tod")
  • Demenz

Die Krankheit verläuft unaufhaltsam und führt innerhalb weniger Monate zum Tod.

Ausrottung durch Verzicht auf Kannibalismus

Nachdem die Ursache von Kuru entdeckt wurde, wurde der Kannibalismus bei den Fore verboten. Dies führte zu einem deutlichen Rückgang der Neuerkrankungen, und die Krankheit gilt heute als nahezu ausgerottet. Allerdings können die Inkubationszeiten bei Prionenkrankheiten sehr lang sein, so dass auch Jahrzehnte nach dem Ende des Kannibalismus noch Fälle auftreten können. Bei einer Untersuchung der Krankheit fand der Wissenschaftler sogar elf Kuru-Fälle, die zwischen Juli 1996 und Juni 2004 aufgetreten waren - allesamt bei Menschen, die noch vor Ende der Kannibalismus-Riten geboren wurden. "Die Mindest-Inkubationszeit reicht von 34 bis 41 Jahren", folgern Collinge und seine Kollegen daher.

Chorea Huntington: Eine vererbbare Erkrankung des Gehirns

Chorea Huntington, auch „Huntington-Krankheit“ oder „Morbus Huntington“ genannt, ist eine vererbbare Erkrankung des Gehirns. Sie ist zwar nicht direkt mit dem Verzehr von Gehirn verbunden, wird aber hier erwähnt, da sie eine weitere schwerwiegende neurologische Erkrankung darstellt, die das Gehirn betrifft.

Ursachen und Symptome

Ursache der Erkrankung ist ein Gendefekt. Die Huntington Krankheit ist genetisch bedingt und wird autosomal dominant vererbt. Das heißt: Gibt ein betroffenes Elternteil das veränderte Gen an seine Kinder weiter, erkranken diese zwangsläufig ebenfalls. Betroffen ist eine Region auf Chromosom Nummer vier. Hier gibt es einen Bereich, in dem sich die DNA-Bausteine CAG (Cytosin, Adenin und Guanin) mehrfach wiederholen - bei den meisten Menschen zwischen 10 und 30 Mal. Allerdings kann die Kopier-Maschinerie des Erbguts ins „Stottern geraten“ - dann vermehren sich die Wiederholungen. Ab zirka 36 Wiederholungen bricht die Krankheit aus. Die Zahl der Wiederholungen nimmt von einer Generation zur nächsten häufig zu. Die Faustregel: Je mehr CAGs, umso früher bricht die Krankheit aus und umso rascher schreitet sie voran.

Erste Symptome zeigen sich meist im Alter von 35 bis 50 Jahren - seltener auch schon vor dem 20. (juvenile Form) oder nach dem 60. Lebensjahr. Chorea Huntington beginnt oft mit eher unspezifischen Symptomen. Dazu zählen Auffälligkeit des Verhaltens und der Psyche. Viele Patienten werden zunehmend reizbar, aggressiv, depressiv oder enthemmt, andere werden ängstlich. Typisch ist, dass Betroffene zu Wutausbrüchen neigen oder andere ohne ersichtlichen Grund verletzen. Außerdem kann es zu massivem Misstrauen und Kontrollzwang kommen. Die Bewegungsstörungen bei Chorea Huntington machen sich meist durch unwillkürliche Bewegungen, etwa von Kopf, Händen, Armen, Beinen, Rumpf, auch durch Tic-artige Muskelzuckungen wie Augenzwinkern oder ein Verzerren des Mundes bemerkbar. Charakteristisch ist der tänzelnde Gang. Mit fortschreitendem Krankheitsverlauf wird es für die Betroffenen immer schwerer, Bewegungsabläufe des Alltags zu koordinieren und zu bewältigen. Bei einem kleinen Teil der Patienten kommt es statt der chaotischen Bewegungen zu Muskelsteifheit und Bewegungshemmung. Typisch für die Erkrankung ist außerdem das hastige Essen. Betroffene schlingen Speisen hinunter, sobald sie vor ihnen stehen, und kauen dabei oft kaum oder gar nicht. Im weiteren Verlauf geht die Kontrolle über die Zungen- und Schlundmuskulatur verloren, so dass Schluckbeschwerden die Nahrungsaufnahme erschweren. Außerdem treten Sprachstörungen auf. Mit fortschreitendem Verlust von Nervenzellen im Gehirn gehen auch geistige Fähigkeiten verloren, wobei sich dies individuell verschieden äußern kann, etwa durch Interessensverlust, Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit. Die Urteilsfähigkeit schwindet, das Lernen und Planen fällt zunehmend schwer.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

Behandlung und Forschung

Bislang ist Chorea Huntington noch nicht heilbar. DZNE-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich intensiv damit, die Mechanismen zu verstehen, die dazu führen, dass eine verlängerte CAG-Region zu fehlerhaftem Huntingtin führen.

Hirngesundheit und Ernährung: Mehr als nur die Vermeidung von Risiken

Während die Vermeidung des Verzehrs von Gehirn und anderen potenziell gefährlichen Lebensmitteln wichtig ist, spielt die Ernährung eine viel umfassendere Rolle für die Hirngesundheit. Eine ausgewogene Ernährung, die reich an essentiellen Nährstoffen ist, kann dazu beitragen, das Gehirn vor Schäden zu schützen und die kognitiven Funktionen zu verbessern.

Der Einfluss von ultrahochverarbeiteten Lebensmitteln (UPF)

Im 15. Ernährungsbericht von 2023 definiert die Deutsche Ernährungsgesellschaft ultrahochverarbeitete Lebensmittel („ultraprocessed foods“/UPF) als „Lebensmittel und Getränke, bei deren Herstellung die eingesetzten Rohstoffe einem umfangreichen industriellen Verarbeitungsprozess unterzogen wurden, und die in der Regel eine Vielzahl von zusätzlichen Zutaten, insbesondere Zusatzstoffe (z. B. Aromen, Konservierungsmittel, Farbstoffe) und energiereiche Inhaltsstoffe mit geringer Essenzialität (gesättigte Fettsäuren, Zucker), enthalten.“

Der Bericht zeigt einen Zusammenhang zwischen UPF und Übergewicht/Adipositas, Hypertonie, Typ-2-Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen auf. Zu letzteren gehört auch der Schlaganfall, der wiederum häufig in Folge von Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes auftritt. Allein deshalb sollte man den Verzehr dieser energiedichten, verarbeiteten Lebensmittel auf ein Minimum begrenzen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass wir uns mit Fast Food und Fertiggerichten, was die Hirngesundheit angeht, keinen Gefallen tun.

Verschiedene große Studien legen nahe, dass es zwischen UPF und Demenz einen Zusammenhang gibt. Ein systematisches Review anhand einer Metaanalyse zeigte beispielsweise im Vorjahr, dass ein hoher UPF-Konsum mit einem 44% höherem Demenzrisiko (jedweder Ursache) einhergeht.

In der Studie ging jede Erhöhung des UPF-Konsums um 10% mit einer 25%igen Erhöhung des Demenzrisikos und 14%igen Erhöhung des Alzheimer-Risikos einher.

Wie Prof. Dr. Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung, ausführt, sind die Mechanismen nicht vollständig geklärt, vermutet würden aber verschiedene Wege, wie hochprozessierte Nahrung zu einer Demenz beitragen kann. „Zum einen gibt es den indirekten Zusammenhang via Übergewicht und den Folgekrankheiten Bluthochdruck und Diabetes, die mit einem höheren Demenzrisiko einhergehen. Daneben geht man von einem Mechanismus aus, der über das Darmmikrobiom vermittelt wird: Prozessierte Lebensmittel enthalten viele gesättigte Fette, Transfette, raffinierte Kohlenhydrate, Salz und wenig Ballaststoffe, was die mikrobielle Vielfalt im Darm verändern kann. Wir wissen, dass diese Veränderungen via Darm-Hirn-Achse krankmachende Veränderungen im Gehirn nach sich ziehen können.“ Last, but not least könnten auch einzelne Stoffe, wie künstliche Aromen oder andere Zusatzstoffe direkt neurotoxisch wirken und die Entstehung einer Demenz begünstigen. In Verdacht stehen z. B. Die Verbreitung von Mikro- und Nanoplastik wird weltweit intensiv erforscht.

UPF scheinen auch einen Einfluss auf das Parkinson-Risiko zu haben. Eine prospektive Kohorten-Analyse aus neun europäischen Ländern zeigte unter anderem, dass die Parkinson-spezifische Mortalität bei hohem UPF-Konsum um 23% höher lag.

Auch interessant: In einer aktuellen Arbeit wird auf das höhere Risiko für psychische Störungen, Angststörungen und depressive Störungen durch den Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel hingewiesen.

Ernährungsempfehlungen für die Hirngesundheit

Eine Ernährung, die reich an frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln ist, kann dazu beitragen, die Hirngesundheit zu fördern und das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen zu verringern. Zu den empfohlenen Lebensmitteln gehören:

  • Obst und Gemüse: Reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidantien, die das Gehirn vor Schäden schützen.
  • Vollkornprodukte: LiefernBallaststoffe und wichtige Nährstoffe für eine gesunde Gehirnfunktion.
  • Gesunde Fette: Omega-3-Fettsäuren, die in Fisch, Nüssen und Samen enthalten sind, sind wichtig für die Gehirnentwicklung und -funktion.
  • Mageres Protein: Notwendig für den Aufbau und die Reparatur von Gehirnzellen.

tags: #gehirn #essen #pathogen