Einführung
Dieser Artikel beleuchtet den Werdegang von Heike Rittner, einer renommierten Expertin auf dem Gebiet der Schmerzmedizin. Von ihren frühen Interessen in der Biologie und Medizin bis hin zur Übernahme des neu eingerichteten Lehrstuhls für Schmerzmedizin an der Universitätsklinik Würzburg (UKW) im November 2023, zeichnet dieser Artikel ihren Weg, ihre Meilensteine und ihre Ziele für die Zukunft der Schmerzforschung nach.
Frühe Jahre und Ausbildung
Heike Rittner wurde 1968 in Berlin geboren und wuchs in Oldenburg auf. Ihr Interesse an Naturwissenschaften zeigte sich schon früh. Nach dem Abitur stand sie vor der Wahl, Biologie oder Medizin zu studieren. Schließlich entschied sie sich für ein Medizinstudium in Wien und Würzburg mit dem Schwerpunkt molekulare Schmerzforschung. Schon damals hatte sie den Anspruch, als Medizinerin zur Verbesserung der Behandlung beizutragen, was für sie die Notwendigkeit von Forschung neben der Patientenversorgung implizierte.
Berufliche Anfänge und Spezialisierung
Ursprünglich strebte Rittner eine Karriere als Kinderärztin an. Nach dem Studium absolvierte sie ihr Praktisches Jahr (PJ) an verschiedenen renommierten Universitäten, darunter Yale und Basel. Ihr Arzt im Praktikum (AiP) absolvierte sie in der Pädiatrie in Gießen. Danach zog es sie als Postdoc zurück in die USA, wo sie zweieinhalb Jahre in der Rheumatologie der Mayo Clinic (Rochester, Minnesota) arbeitete.
Zurück in Deutschland gestaltete sich die Stellensuche in der Pädiatrie aufgrund der hohen Anzahl an Bewerbern schwierig. Dies führte jedoch zu einer entscheidenden Wendung in ihrer Karriere. Professor Christoph Stein von der Johns Hopkins University in Baltimore wurde an die Charité in Berlin berufen. Seine Forschungsschwerpunkte, insbesondere Opioidrezeptoren auf peripheren Schmerzfasern und Immunzellen, boten eine ideale Schnittmenge mit Rittners immunologisch-rheumatologischem Hintergrund. Gemeinsam bauten sie in Berlin ein Labor und eine klinische Forschungsgruppe auf. In dieser Zeit habilitierte sie sich, erwarb den Facharzt für Anästhesie und absolvierte eine Weiterbildung zur Schmerzmedizinerin. Die Schmerzmedizin bot ihr zudem den Vorteil, von Bereitschaftsdiensten entbunden zu sein.
Wechsel nach Würzburg und Ausbau der Schmerzmedizin
Im Jahr 2008 wechselte Rittner mit Professor Stein an die Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie in Würzburg. Die Würzburger Klinik genoss bereits einen exzellenten Ruf in der Schmerzmedizin, da sie über eine der ersten Schmerzambulanzen Deutschlands und eine universitäre Schmerztagesklinik verfügte. Rittner baute diesen Schwerpunkt sukzessive zum Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) aus, dessen Leitung sie 2021 übernahm.
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Meilensteine der Karriere
Ein besonders wichtiger Meilenstein in Rittners Karriere ist die Einrichtung des Lehrstuhls für Schmerzmedizin, der in Deutschland einzigartig ist. Als Lehrstuhlinhaberin und Leiterin des ZiS vertritt sie nun die gesamte Schmerzmedizin am UKW in Forschung, Lehre und Behandlung.
Ein weiterer Wendepunkt war ein EU-Projekt mit Professorin Claudia Sommer im Jahr 2014. Dieses Projekt intensivierte ihre interdisziplinäre translationale Forschung. Rittner betont ihre Dankbarkeit gegenüber Claudia Sommer für die Einbindung in internationale Netzwerke. Ein großer Erfolg war 2020 die Bewilligung der Forschungsgruppe KFO 5001 ResolvePAIN durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Diese Forschungsgruppe besteht aus neun Arbeitsgruppen und hat das übergeordnete Ziel, die molekularen Mechanismen der Schmerzauflösung besser zu verstehen, um personalisierte Therapien zu entwickeln.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Rittner betont, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie drei wesentliche Voraussetzungen hat: den richtigen Partner, räumliche Nähe zum Arbeitsplatz und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Sie beobachtet, dass viele Mütter heutzutage eine hohe Hemmschwelle haben, einen Babysitter oder eine Kinderbetreuung zu engagieren. Rittner arbeitete stets Vollzeit, auch als ihre Kinder klein waren, und profitierte von der Unterstützung sehr guter Kinderfrauen. Sie betont die Bedeutung eines unterstützenden Umfelds und zitiert das Sprichwort: "Es braucht ein Dorf, um Kinder zu erziehen." Die Kinderfrauen brachten immer wieder neue Aspekte in die Erziehung ein. Die Nähe zur Klinik ermöglichte es ihr, im Notfall schnell zur Stelle zu sein.
Ratschläge für junge Forschende
Jungen Forschenden rät Rittner, sich immer dort zu engagieren, wo eine gute Infrastruktur vorhanden ist, um nicht von Bürokratie und Regularien erdrückt zu werden. Sie betont die Notwendigkeit von gesundem Selbstvertrauen und Ausdauer. In Anlehnung an die Wissenschaftsautorin Mai Thi Nguyen-Kim betont sie, dass die meisten Hypothesen falsch sind und Forschung oft mit Frustration verbunden ist. Daher benötigen junge Forschende gute Strukturen, um mit Rückschlägen umzugehen und sich auf ihre Ziele zu konzentrieren.
Motivation für die Forschung
Rittner beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie man den Nachwuchs für die Forschung begeistern kann. Sie betont die Bedeutung, Neugier zu wecken und Vorbilder zu schaffen. Als Leiterin einer Arbeitsgruppe hat sie viele Frauen in ihrem Team, wobei Männer ebenfalls willkommen sind. Sie setzt sich für flache Hierarchien ein, die eigenverantwortliches Arbeiten ermöglichen. Sie vermisst Juniorgruppen, in denen Forschende unabhängiger arbeiten und sich entfalten können. Weniger Druck von oben und flache Hierarchien würden die Universitätsmedizin vor allem für Frauen attraktiver machen.
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Die Rolle der Frau in der Medizin
Rittner betont, dass in der Medizin ein kluger Kopf, Verantwortung, zwischenmenschliche Kompetenz und ständiges Lernen gefragt sind - Eigenschaften, in denen sich Frauen oft besonders wohlfühlen und gut sind. Dies erklärt den hohen Frauenanteil im Medizinstudium. Sie spricht jedoch auch die "gläserne Decke" an, die Frauen oft daran hindert, in Führungspositionen aufzusteigen.
Mentoren und Unterstützung
Rittner betont die Bedeutung von Mentoren für ihren Werdegang. Ihr Onkel, ein Ordinarius für Rechtsmedizin, unterstützte und beriet sie stets. Auch Professor Stein schuf in Berlin ein sehr gutes Arbeitsumfeld und verstand die Notwendigkeit, Forschende von klinischen Aufgaben freizustellen. Professor Roewer ließ ihr freie Hand, was sie sehr schätzte. Als sie Rufe nach Zürich und Wien erhielt, boten ihr das UKW und Professor Meybohm den Lehrstuhl an, was für sie ein wichtiges Signal war, in Würzburg zu bleiben.
Ziele für die Zukunft
Rittners Ziele für die Zukunft sind ambitioniert. Sie möchte das ZiS weiter ausbauen und die Schmerzmedizin am UKW stärker in den Fokus rücken. Sie wünscht sich, dass alle Berufsgruppen über grundlegende Kompetenzen in der Schmerzmedizin verfügen. Zudem möchte sie den Forschungsschwerpunkt Schmerz weiterentwickeln, da noch zu wenig über die Mechanismen von Schmerz und Schmerzauflösung bekannt ist. Sie plädiert für eine personalisierte Medizin mit molekularen Markern und berücksichtigt dabei auch den biopsychosozialen Aspekt von Schmerz.
Die zunehmende Krankheitslast Schmerz
Rittner verweist auf die Global Burden of Disease-Studie von The Lancet, die eine Zunahme der weltweiten Krankheitslast Schmerz zeigt. Allein in Deutschland sind über 23 Millionen Menschen von chronischen Schmerzen betroffen. Sie betont, dass eine Chronifizierung droht, wenn der Schmerz trotz leitliniengerechter Therapie nach drei bis vier Monaten nicht nachlässt. Als Hauptursachen nennt sie Rücken- und Kopfschmerzen sowie die alternde, übergewichtige und gestresste Gesellschaft. Sie betont die Bedeutung eines ausgewogenen Lebensstils mit Bewegung und Entspannung zur Schmerzprävention.
Persönliche Strategien zur Schmerzvorbeugung
Rittner selbst setzt auf einen ausgewogenen Lebensstil mit Sport und Musik (Geige spielen) als Ausgleich.
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Wünsche für die Zukunft
Privat ist Rittner sehr zufrieden. Sie wünscht sich einen "Zeitumkehrer" von Hermine aus Harry Potter und möchte mehr Frauen und Männer für die Forschung, insbesondere die Schmerzforschung, begeistern.
Forschungsschwerpunkte und Publikationen
Heike Rittner hat zahlreiche Publikationen in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem:
- Molekulare Mechanismen der Schmerzauflösung
- Personalisierte Schmerztherapie
- Interdisziplinäre translationale Forschung
- Auswirkungen von Übergewicht auf das Immunsystem und die Entstehung von Krebs
- Neurobiologische und domänenbasierte Ansätze zur Behandlung psychischer Erkrankungen mit sensomotorischen Dysfunktionen
Ihre Arbeiten tragen dazu bei, die komplexen Zusammenhänge von Schmerz besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.
Aktuelle Forschungsprojekte und Kooperationen
Neben ihrer Tätigkeit als Lehrstuhlinhaberin und Leiterin des ZiS ist Heike Rittner aktiv in verschiedene Forschungsprojekte und Kooperationen eingebunden. Dazu gehören unter anderem:
- KFO 5001 ResolvePAIN: Eine von der DFG geförderte Forschungsgruppe, die sich mit den molekularen Mechanismen der Schmerzauflösung befasst.
- EU-Projekt mit Professorin Claudia Sommer: Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zur translationalen Schmerzforschung.
- Kooperationen mit internationalen Forschungseinrichtungen: Rittner pflegt ein enges Netzwerk mit Forschern auf der ganzen Welt, um den Wissensaustausch und die Entwicklung innovativer Therapieansätze zu fördern.
Engagement in der Lehre
Neben ihrer Forschungstätigkeit engagiert sich Heike Rittner auch in der Lehre. Sie bildet Studierende der Medizin und anderer Gesundheitsberufe in den Bereichen Schmerzmedizin und interdisziplinäre Schmerztherapie aus. Ihr Ziel ist es, das Interesse junger Menschen an der Schmerzforschung zu wecken und sie zu befähigen, zukünftige Herausforderungen in der Schmerzbehandlung zu meistern.
Auszeichnungen und Ehrungen
Heike Rittner hat im Laufe ihrer Karriere zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen erhalten, die ihre herausragenden Leistungen in der Forschung und Lehre würdigen. Diese Anerkennungen unterstreichen ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der Schmerzmedizin und ihre Rolle als Vorbild für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Mitgliedschaften in Fachgesellschaften
Heike Rittner ist Mitglied in verschiedenen nationalen und internationalen Fachgesellschaften, die sich mit Schmerzmedizin und verwandten Gebieten befassen. Durch ihre aktive Teilnahme an Kongressen und Konferenzen trägt sie dazu bei, den aktuellen Stand der Forschung zu diskutieren und neue Erkenntnisse zu verbreiten.
tags: #heike #stein #neurologie