Umgangssprachlich versteht man unter einer Lähmung die Unfähigkeit, Körperteile oder den gesamten Körper zu bewegen. In der Medizin bezeichnet der Begriff Lähmung den Funktionsausfall oder die Funktionsminderung von Körperteilen, Organen oder Nerven. Eine unvollständige Lähmung wird als Parese bezeichnet, während eine vollständige Lähmung als Paralyse oder Plegie bezeichnet wird. Dementsprechend ist eine Hemiparese eine unvollständige Lähmung einer Körperhälfte, während eine Hemiplegie eine vollständige Lähmung einer Körperhälfte darstellt. Beide Formen werden unter dem Begriff Halbseitenlähmung zusammengefasst.
Einleitung
Die Halbseitenlähmung, medizinisch als Hemiparese oder Hemiplegie bekannt, ist ein Zustand, der die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden, gibt es wesentliche Unterschiede zwischen Hemiparese und Hemiplegie. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede, Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten dieser beiden Formen der Halbseitenlähmung.
Definitionen und Unterschiede
Parese vs. Plegie
Zunächst ist es wichtig, die grundlegenden Begriffe zu klären. Eine Parese beschreibt eine unvollständige Lähmung, bei der die Muskeln noch teilweise bewegt werden können, aber die Muskelkraft eingeschränkt ist. Im Gegensatz dazu bezeichnet eine Plegie eine vollständige Lähmung, bei der keine willkürliche Bewegung möglich ist.
Hemiparese
Als Hemiparese werden motorische Einschränkungen von Armen und/oder Beinen auf einer Körperhälfte bezeichnet. Es handelt sich also um eine unvollständige Lähmung einer kompletten Körperseite. Oft sind ein Arm und ein Bein betroffen, seltener auch das Gesicht. Obwohl die betroffenen Muskelgruppen nicht vollständig gelähmt sind und die Betroffenen sie noch teilweise bewegen können, ist die Muskelkraft deutlich eingeschränkt.
Hemiplegie
Die Hemiplegie ist die vollständige Lähmung einer Körperhälfte. Hierbei ist keine willkürliche Bewegung der betroffenen Muskeln möglich.
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Zusammenfassende Unterscheidung
Der Hauptunterschied zwischen Hemiparese und Hemiplegie liegt also im Grad der Lähmung. Während bei der Hemiparese noch eine gewisse Restfunktion der Muskeln vorhanden ist, ist diese bei der Hemiplegie vollständig aufgehoben. Ob es sich um eine Hemiparese oder Hemiplegie handelt sowie der Grad einer Lähmung (leichte Taubheit oder Schwäche bis zur vollständigen Bewegungsunfähigkeit), richtet sich nach Anzahl der betroffenen Gehirnzellen.
Ursachen
Eine Halbseitenlähmung wird durch eine Schädigung einer Gehirnhälfte verursacht, meist durch einen Schlaganfall oder unfallbedingte Schädel-Hirn-Verletzungen, seltener durch bakterielle oder virale Gehirnentzündungen oder Tumoren. Sie kann aber auch aufgrund genetischer Erkrankungen angeboren sein oder durch Verletzungen bei der Geburt entstehen.
Schlaganfall
Ein Schlaganfall ist eine der häufigsten Ursachen für Hemiparese und Hemiplegie. Er entsteht, wenn die Blutversorgung des Gehirns unterbrochen wird, entweder durch ein blockiertes Gefäß (ischämischer Schlaganfall) oder durch eine Blutung im Gehirn (hämorrhagischer Schlaganfall). Jeder Teil des Gehirns ist für bestimmte Funktionen oder Körperteile zuständig. Dabei arbeiten die Gehirnhälften überkreuz. Ist der rechte Teil des Gehirns zum Beispiel durch eine Verletzung oder einen Schlaganfall nicht ausreichend durchblutet, kann es zu Ausfallerscheinungen in der linken Körperhälfte kommen - und umgekehrt.
Schädel-Hirn-Trauma
Ein Schlag auf den Kopf, zum Beispiel durch einen Unfall, kann ebenfalls das Hirn verletzen und eine Hemiparese verursachen.
Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt
Entzündungen oder Blutungen beim Embryo sowie Sauerstoffmangel bei der Geburt können ebenfalls zu einer Hemiparese führen.
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Andere Ursachen
Seltenere Ursachen für eine Halbseitenlähmung können bakterielle oder virale Gehirnentzündungen, Tumoren oder genetische Erkrankungen sein. Auch eine Schädigung des Rückenmarks kann in seltenen Fällen eine Halbseitenlähmung verursachen.
Symptome
Die Symptome einer Hemiparese oder Hemiplegie können je nach Ausmaß der Schädigung und der betroffenen Hirnregion variieren.
Motorische Einschränkungen
Schlaganfall-Betroffene können oft unmittelbar nach dem Ereignis eine Körperhälfte nicht mehr richtig spüren und/oder kontrollieren. Im Gesicht funktioniert das Lächeln nicht mehr, weil ein Mundwinkel unten bleibt (Fazialisparese). Ein Arm kann nicht gehoben werden und das Bein bietet keinen stabilen Halt mehr. Viele Betroffene berichten auch von einem Kribbeln oder einem „pelzigen Gefühl“ in den Körperteilen.
Sensibilitätsstörungen
Neben den motorischen Einschränkungen kann es auch zu Sensibilitätsstörungen wie Taubheit oder Kribbeln kommen. Die Wahrnehmung von Reizen (Temperatur, Schmerz, Berührung) ist gestört, vermindert oder nicht mehr vorhanden.
Weitere Symptome
Weitere mögliche Symptome einer Hemiparese oder Hemiplegie sind:
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- Fazialisparese (Lähmung der Gesichtsmuskulatur)
- Sprachstörungen
- Sehprobleme
- Verminderte kognitive Leistungsfähigkeit
- Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen
- Muskelverkrampfungen (Spastiken)
Diagnose
Eine plötzlich auftretende Halbseitenlähmung ist immer ein Notfall und muss umgehend untersucht werden, um die ursächliche Erkrankung festzustellen. Auch bei einer Halbseitenlähmung, die sich schleichend über einen längeren Zeitraum entwickelt, suchen unsere Experten der Neurologie zunächst nach der Ursache.
Anamnese und neurologische Untersuchung
In einer ausführlichen Untersuchung ermitteln wir mit Ihrer Hilfe die Vorgeschichte (Anamnese) und prüfen unter anderem Kraft, Reflexe und Spannung einzelner Muskelgruppen sowie Ihre Feinmotorik.
Bildgebende Verfahren
Mit bildgebenden Verfahren wie der Computer (CT)- oder der Magnetresonanztomografie (MRT) können wir die Hirnschädigung detailliert darstellen.
- Computertomografie (CT): Darstellung der normalen Struktur und krankhafter Veränderungen oder Verletzungen im Schädelbereich
- Magnetresonanztomografie/Kernspintomografie (MRT): Darstellung von Struktur und krankhaften Veränderungen im Hirngewebe und im Schädelbereich
- Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT): Darstellung der Durchblutung und Stoffwechselaktivität in bestimmten Gehirnregionen während einer Aufgabe
Weitere Untersuchungen
Laboruntersuchungen, Blutbild und eine Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion) geben uns weitere Hinweise. Elektroenzephalografie (EEG): Darstellung der elektrischen Hirnaktivität mit hoher zeitlicher Auflösung
Behandlung
Die Behandlung einer Hemiparese oder Hemiplegie hängt von der Ursache, dem Schweregrad und dem Zeitpunkt der Schädigung ab. Am Anfang steht jedoch immer die Frage, wodurch die Muskeleinschränkungen ausgelöst wurden. Bei Unfällen steht die notfallmedizinische Versorgung im Zentrum, bei einem Schlaganfall versuchen Ärzte bzw. Ärztinnen, das blockierte Hirngefäß wieder freizubekommen.
Akutbehandlung
Bei einem Schlaganfall ist es entscheidend, so schnell wie möglich zu handeln, um die Blutversorgung des Gehirns wiederherzustellen und weitere Schäden zu minimieren.
Rehabilitation
Im Anschluss an die Akutbehandlung steht die Rehabilitation im Zentrum, um die Bewegungsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern. Mit den genannten Behandlungsmaßnahmen machen Betroffene in der Regel innerhalb weniger Monate gute Fortschritte.
Physiotherapie
Eine Physiotherapie kann helfen. Durch intensive Physio- und Ergotherapie kann das Gehirn wieder neu lernen, die Gliedmaßen zu kontrollieren.
Ergotherapie
Ergotherapie hilft den Betroffenen, ihre Selbstständigkeit im Alltag wiederzuerlangen und ihre Fähigkeiten zu verbessern.
Logopädie
Logopädie hilft, die Folgen einer Gesichtslähmung zu reduzieren.
Medikamente
In einigen Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um beispielsweise Muskelkrämpfe (Spastiken) zu reduzieren oder Schmerzen zu lindern.
Hilfsmittel
Je nach Bedarf können verschiedene Hilfsmittel wie Rollstühle, Treppenlifte oder Lagerungsschienen eingesetzt werden, um die Mobilität und Selbstständigkeit der Betroffenen zu unterstützen.
Leben mit Hemiparese oder Hemiplegie
Ein Leben mit Hemiparese bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Sie sind jedoch nicht alleine! Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen hilft, neue Lösungen und Perspektiven zu finden.
Herausforderungen im Alltag
Lähmungen können die Selbstständigkeit im Alltag beeinträchtigen. Je nach Ausmaß stehen Betroffenen verschiedene Leistungen der Pflegekasse zu. Voraussetzung hierfür ist ein anerkannter Pflegegrad.
Psychische Belastung
Einseitige Kraft- und Bewegungsstörungen (Motorik) sowie Muskelverkrampfungen im Gesicht oder an Armen und Beinen können den Alltag erheblich einschränken und Betroffene psychisch enorm belasten.
Unterstützung und Selbsthilfe
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Unterstützung und Hilfe zu erhalten. Dazu gehören Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und Online-Foren.
Pflegegrad und Schwerbehindertenausweis
Wenn dies bei Ihnen der Fall ist, haben Sie eventuellen Anspruch auf einen Pflegegrad, mit dem Ihnen verschiedene Leistungen der Pflegeversicherung zustehen. Ähnlich wie der Pflegegrad ist ein Grad der Behinderung (GdB) in unterschiedliche Bereiche und Stufen eingeteilt. Ab einem GdB 50 haben Sie Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis, mit dem Sie Vergünstigungen und bestimmte Nachteilsausgleiche bekommen.
Prävention und Risikofaktoren
Da ein Schlaganfall eine der Hauptursachen für Hemiparese und Hemiplegie ist, ist es wichtig, die Risikofaktoren für einen Schlaganfall zu kennen und zu minimieren. Dazu gehören:
- Hoher Blutdruck
- Hoher Cholesterinspiegel
- Diabetes
- Rauchen
- Übergewicht
- Bewegungsmangel
Fazit
Hemiparese und Hemiplegie sind komplexe neurologische Zustände, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Es ist wichtig, die Unterschiede zwischen diesen beiden Formen der Halbseitenlähmung zu verstehen, um eine angemessene Diagnose und Behandlung zu gewährleisten. Eine frühzeitige Diagnose und eine umfassende Rehabilitation können dazu beitragen, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihre Selbstständigkeit im Alltag zu fördern.
Wichtige Hinweise
- Wählen Sie bitte den Notruf 112, wenn plötzlich Lähmungserscheinungen an Extremitäten oder Gesicht auftreten oder es nach einem Unfall oder Verletzungen zu motorischen Störungen kommt.
- Verständigen Sie einen Arzt bei einer kurzzeitigen Lähmung, die am selben Tag wieder verschwindet. Es könnte sich um ein Anzeichen eines drohenden Schlaganfalls handeln.
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