Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz stellt eine erhebliche Belastung für Angehörige, Pflegekräfte und Mitbewohner dar. Dieses Verhalten kann sich in vielfältiger Weise äußern, von Schreien und aggressivem Verhalten bis hin zu Apathie und Teilnahmslosigkeit. Um adäquat darauf reagieren zu können, ist es wichtig, die Ursachen und Auslöser zu verstehen und geeignete Strategien anzuwenden.
Was ist herausforderndes Verhalten?
Der Begriff "herausforderndes Verhalten" stammt ursprünglich aus der Behindertenhilfe und beschreibt Verhaltensweisen, die für die Menschen im Umfeld des Betroffenen - also vor allem Mitarbeitende, Angehörige und Mitbewohnende - als belastend oder unangemessen wahrgenommen werden. Es handelt sich dabei um ein breites Spektrum an Verhaltensweisen, darunter:
- Aggressives Verhalten (z.B. Spucken, Kratzen, Beißen, Schlagen)
- Ständiges Rufen oder Schreien
- Weglaufen oder zielloses Umherwandern (Wandertrieb)
- Verweigern von Nahrung, Medikamenten oder pflegerischen Maßnahmen
- Enthemmtes Verhalten (z.B. Entkleiden in der Öffentlichkeit, Schmieren mit Kot, Urinieren in unpassende Ecken)
- Apathie und Teilnahmslosigkeit
- Sexuelle Enthemmung (z.B. sexuell übergriffige Handlungen)
- Wahnvorstellungen oder Halluzinationen
Es ist wichtig zu betonen, dass diese Verhaltensweisen in der Regel nicht absichtlich oder böswillig sind, sondern Ausdruck von Verwirrung, Angst, Frustration oder unerfüllten Bedürfnissen.
Ursachen für herausforderndes Verhalten
Die Ursachen für herausforderndes Verhalten bei Demenz sind vielfältig und komplex. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen extrinsischen (äußeren) und intrinsischen (inneren) Faktoren.
Extrinsische Ursachen
Äußere Reize und Umweltfaktoren können herausforderndes Verhalten auslösen oder verstärken:
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- Unruhige oder überfordernde Umgebung: Lärm, grelles Licht, viele Menschen oder eine hektische Atmosphäre können Menschen mit Demenz schnell überfordern.
- Stress und Zeitdruck: Menschen spüren, ob die Menschen um sie herum gestresst sind oder unter Zeitdruck stehen. Dies kann zu Unsicherheit und Angst führen.
- Bedrängende Personen: Der Kontakt mit Personen, die gegen den eigenen Willen etwas erzwingen wollen, oder mit anderen Bewohnern, die beleidigen, kann herausforderndes Verhalten auslösen.
- Mangelnde Struktur und Orientierung: Ein unregelmäßiger Tagesablauf oder Veränderungen in der Umgebung können zu Verwirrung und Unsicherheit führen.
Intrinsische Ursachen
Innere Faktoren, die mit der Erkrankung selbst oder mit körperlichen und seelischen Bedürfnissen zusammenhängen, spielen oft eine entscheidende Rolle:
- Körperliche Beschwerden: Schmerzen, Hunger, Durst, Verstopfung, Harndrang, Infektionen oder andere körperliche Beschwerden können sich in herausforderndem Verhalten äußern.
- Unerfüllte Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, Nähe, Aufmerksamkeit, Beschäftigung oder Selbstbestimmung kann nicht mehr adäquat geäußert werden und führt zu Frustration.
- Kognitive Einschränkungen: Verwirrung, Desorientierung, Gedächtnisverlust und Sprachprobleme können dazu führen, dass Betroffene sich nicht mehr verständlich machen können und sich hilflos fühlen.
- Psychische Belastungen: Angst, Depressionen, Einsamkeit, traumatische Erlebnisse oder unbewältigte Konflikte können sich in herausforderndem Verhalten äußern.
- Nebenwirkungen von Medikamenten: Einige Medikamente können unerwünschte Nebenwirkungen haben, die sich in Verhaltensänderungen äußern.
Es ist wichtig zu beachten, dass häufig eine Kombination aus mehreren Faktoren für das Auftreten von herausforderndem Verhalten verantwortlich ist.
Beispiele für herausforderndes Verhalten und mögliche Ursachen
Um das Verständnis für herausforderndes Verhalten zu vertiefen, sollen im Folgenden einige Beispiele genannt und mögliche Ursachen erläutert werden:
- Schreien oder Rufen: Dies kann ein Ausdruck von Schmerzen, Angst, Einsamkeit, Hilflosigkeit oder dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit sein. Es kann auch bedeuten, dass die Person desorientiert ist und nach jemandem sucht.
- Aggressives Verhalten: Aggressionen können durch Frustration, Überforderung, Schmerzen, Angst oder das Gefühl, bedroht zu werden, ausgelöst werden. Manchmal ist es auch eine Reaktion auf eine als unangenehm empfundene Körperpflege.
- Weglaufen: Dies kann ein Ausdruck von Unruhe, Langeweile, dem Bedürfnis nach Bewegung oder dem Versuch sein, einen früheren Wohnort oder eine vertraute Umgebung zu finden.
- Verweigern von Essen oder Medikamenten: Dies kann auf Geschmacksveränderungen, Schluckbeschwerden, Verdauungsprobleme, Misstrauen oder das Gefühl, kontrolliert zu werden, zurückzuführen sein.
- Enthemmtes Verhalten: Dies kann durch den Abbau von Hirnstrukturen, die für die soziale Kontrolle zuständig sind, verursacht werden. Es kann auch ein Ausdruck von unerfüllten Bedürfnissen oder dem Verlust von Schamgefühl sein.
- Apathie: Dies kann ein Zeichen von Depressionen, sozialem Rückzug, mangelnder Stimulation oder dem Gefühl sein, nichts mehr bewirken zu können.
Umgang mit herausforderndem Verhalten
Der Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Demenz erfordert Geduld, Einfühlungsvermögen und eine individuelle Herangehensweise. Es gibt keine Patentlösung, aber einige grundlegende Prinzipien und Strategien können helfen:
- Ursachenforschung: Der erste Schritt ist immer, die Ursachen für das Verhalten zu erkennen. Dies erfordert eine genaue Beobachtung, das Gespräch mit dem Betroffenen (soweit möglich) und die Einbeziehung von Angehörigen und Pflegekräften. Die Serial Trial Intervention (STI) ist eine strukturierte Methode, um körperliche, affektive und soziale Bedürfnisse systematisch abzuklären.
- Personenzentrierte Pflege: Im Mittelpunkt sollte immer die Person mit ihren individuellen Bedürfnissen, Vorlieben und ihrer Lebensgeschichte stehen. Eine wertschätzende und respektvolle Haltung ist essentiell.
- Anpassung der Umgebung: Die Umgebung sollte so gestaltet werden, dass sie Sicherheit, Orientierung und Geborgenheit vermittelt. Reize sollten reduziert und Routinen etabliert werden.
- Kommunikation: Die Kommunikation sollte klar, einfach und verständlich sein. Nonverbale Signale wie Mimik, Gestik und Tonfall spielen eine wichtige Rolle.
- Bedürfnisbefriedigung: Es ist wichtig, die unerfüllten Bedürfnisse des Betroffenen zu erkennen und zu versuchen, sie zu befriedigen. Dies kann durch Beschäftigungsangebote, soziale Kontakte, körperliche Aktivität oder Entspannungstechniken geschehen.
- Validation: Die Gefühle und Wahrnehmungen des Betroffenen sollten ernst genommen und validiert werden, auch wenn sie nicht der Realität entsprechen.
- Professionelle Unterstützung: Angehörige und Pflegekräfte sollten sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es gibt zahlreiche Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Schulungsangebote.
- Medikamentöse Behandlung: Psychopharmaka sollten nur in Ausnahmefällen und unter strenger ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind und eine Gefährdung für den Betroffenen oder andere besteht.
Konkrete Strategien für bestimmte Verhaltensweisen
- Bei Aggressionen: Bleiben Sie ruhig, vermeiden Sie Konfrontationen, schaffen Sie Abstand und versuchen Sie, die Ursache der Aggression zu identifizieren. Sprechen Sie beruhigend und empathisch.
- Beim Wandertrieb: Sorgen Sie für eine sichere Umgebung, in der das Umhergehen keine Gefahr darstellt. Begleiten Sie den Betroffenen, bieten Sie ihm alternative Beschäftigungen an oder richten Sie einen "Wanderweg" ein.
- Bei Wahnvorstellungen: Gehen Sie behutsam mit diesen Vorstellungen um, ohne sie direkt zu widerlegen. Versichern Sie dem Betroffenen, dass er sicher ist, und lenken Sie seine Aufmerksamkeit auf positive Reize oder vertraute Aktivitäten.
- Bei Apathie: Fördern Sie sanft die Teilnahme an einfachen Aktivitäten, die Freude bereiten könnten. Bieten Sie soziale Kontakte und positive Erfahrungen an.
Pflegekonzepte und Expertenstandards
Es gibt verschiedene Pflegekonzepte, die im Umgang mit Demenz hilfreich sein können, wie z.B.:
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- Validation nach Naomi Feil: Hierbei geht es darum, die Gefühle und Bedürfnisse des Betroffenen anzuerkennen und zu validieren, auch wenn sie nicht der Realität entsprechen.
- Integrative Validation nach Nicole Richard: Diese Methode kombiniert Elemente der Validation mit anderen therapeutischen Ansätzen.
- Psychobiografisches Pflegemodell nach Erwin Böhm: Dieses Modell berücksichtigt die individuelle Lebensgeschichte und Persönlichkeit des Betroffenen.
- Mäeutik von Cora van de Kooij: Hierbei geht es darum, den Betroffenen durch gezielte Fragen zu helfen, seine eigenen Bedürfnisse und Ressourcen zu erkennen.
- Personenzentrierte Pflege nach Tom Kitwood: Dieser Ansatz stellt die Person mit ihren individuellen Bedürfnissen und Rechten in den Mittelpunkt.
Der Expertenstandard "Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz" bietet eine weitere wichtige Grundlage für eine professionelle und personenzentrierte Pflege.
Die Rolle von Medikamenten
Psychopharmaka sollten bei herausforderndem Verhalten bei Demenz nur in Ausnahmefällen und unter strenger ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden. Sie können zwar kurzfristig Symptome lindern, haben aber oft erhebliche Nebenwirkungen und behandeln nicht die Ursachen des Verhaltens. Eine medizinische Indikation für eine Psychopharmaka-Gabe besteht lediglich bei Aggressionen, hochgradiger Agitiertheit, Halluzinationen und Wahnvorstellungen, wenn diese mit einem erheblichen Leidensdruck für den Betroffenen verbunden sind oder eine Gefahr für ihn oder andere darstellen.
Es ist wichtig, die medikamentöse Behandlung regelmäßig zu überprüfen und zu hinterfragen, ob sie noch notwendig ist. Oft kann das Medikament nach einiger Zeit wieder ausgeschlichen werden.
Herausforderungen und Belastungen für Angehörige und Pflegekräfte
Der Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Demenz ist für Angehörige und Pflegekräfte oft eine große Belastung. Es ist wichtig, sich dieser Belastung bewusst zu sein und sich rechtzeitig Unterstützung zu suchen. Es gibt zahlreiche Angebote für Angehörige und Pflegekräfte, wie z.B.:
- Beratungsstellen: Hier erhalten Sie Informationen, Unterstützung und Beratung zu allen Fragen rund um das Thema Demenz.
- Selbsthilfegruppen: Hier können Sie sich mit anderen Betroffenen austauschen und gegenseitig unterstützen.
- Schulungsangebote: Hier lernen Sie den Umgang mit Demenz und können Ihre Kompetenzen im Umgang mit herausforderndem Verhalten erweitern.
- Entlastungsangebote: Hier können Sie sich eine Auszeit von der Pflege nehmen und neue Kraft tanken.
Es ist wichtig, gut auf sich selbst zu achten und sich nicht zu überfordern. Nur wer selbst gesund und stabil ist, kann auch andere gut pflegen und betreuen.
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