Die hereditäre sensomotorische Neuropathie (HMSN), auch bekannt als Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT), ist eine Gruppe genetisch bedingter Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Sie ist die häufigste Form der hereditären Neuropathien mit einer Prävalenz von etwa 1:2.500. Die HMSN betrifft motorische und sensorische Nerven und führt zu Muskelschwäche, Sensibilitätsstörungen und Atrophie. Es gibt verschiedene Typen von HMSN, die sich in ihrem Erbgang, den betroffenen Genen und dem klinischen Verlauf unterscheiden. Dieser Artikel konzentriert sich auf die hereditäre sensomotorische Neuropathie Typ 3, auch bekannt als Déjerine-Sottas-Syndrom (DSS).
Einführung in die hereditären sensomotorischen Neuropathien
Die hereditären motorisch-sensiblen Neuropathien (HMSN) stellen mit einer Prävalenz von 20-40 Erkrankungen auf 100.000 Einwohner eine der häufigsten erblichen neurologischen Erkrankungen dar. Die früher als neurale Muskelatrophie beschriebene Krankheitsgruppe wird häufig mit den Namen der Erstbeschreiber Charcot-Marie-Tooth (CMT) für die dominante Form und Déjerine-Sottas (DSS) für die autosomal-rezessiv vererbte hypertrophische Form verbunden. Der molekulargenetischen Forschung ist es in den letzten Jahren gelungen, bei der Krankheitsgruppe zahlreiche Gendefekte nachzuweisen.
Ursachen der hereditären sensomotorischen Neuropathie Typ 3
Das Déjerine-Sottas-Syndrom (DSS) ist eine seltene, meist autosomal-rezessiv vererbte Form der HMSN. Molekulargenetisch zeigt sich bisher vorwiegend eine Heterozygotie für Punktmutation im PMP22- und MPZ-Gen ähnlich der HMSN I. Die humangenetische Krankheitsbezeichnung für die beiden Unterformen lautet DSS-A und DSS-B. Angeborene Formen werden als kongenitale Hypomyelinisationsneuropathien (CH) bezeichnet.
Symptome der hereditären sensomotorischen Neuropathie Typ 3
Die Manifestation ist zumeist frühzeitiger als bei den anderen Formen der HMSN. Häufig sind bereits Kinder betroffen, sodass auch die motorische Entwicklung verzögert ist. Der Verlauf ist rasch progredient und führt zu früher Invalidität. Klinisch findet man neben den atrophischen Paresen und Reflexverlust auch ausgedehnte Sensibilitätsstörungen an allen Extremitäten, in einigen Fällen sogar am Rumpf. Etwa ein Viertel der Patienten klagt über heftige Schmerzen. Pupillenstörungen sind häufig, ebenso sekundäre Skoliosen. Da das Liquoreiweiß teilweise deutlich erhöht ist, ist die Abgrenzung gegenüber entzündlichen demyelinisierenden Neuropathien vom Typ der chronisch-inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP) gelegentlich schwierig.
- Motorische Symptome:
- Atrophische Paresen (Muskelschwund und Lähmungen)
- Reflexverlust
- Verzögerte motorische Entwicklung
- Rasche Progression der Symptome
- Frühe Invalidität
- Sensorische Symptome:
- Ausgedehnte Sensibilitätsstörungen an allen Extremitäten, in einigen Fällen sogar am Rumpf
- Heftige Schmerzen (bei etwa einem Viertel der Patienten)
- Weitere Symptome:
- Pupillenstörungen
- Sekundäre Skoliosen (Wirbelsäulenverkrümmung)
- Erhöhtes Liquoreiweiß (kann die Abgrenzung zur CIDP erschweren)
Diagnose der hereditären sensomotorischen Neuropathie Typ 3
- Klinische Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und neurologische Untersuchung zur Beurteilung der motorischen und sensorischen Funktionen.
- Elektrophysiologische Untersuchung: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, die bei DSS erheblich (zumeist auf unter 10 m/s) verzögert ist.
- Nervenbiopsie: Morphologisch zeigt der Nerv ausgeprägte Zwiebelschalenformationen und Demyeliniserung.
- Liquoruntersuchung: Da das Liquoreiweiß teilweise deutlich erhöht ist, ist die Abgrenzung gegenüber entzündlichen demyelinisierenden Neuropathien vom Typ der chronisch-inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP) gelegentlich schwierig.
- Molekulargenetische Untersuchung: Molekulargenetisch zeigte sich bisher vorwiegend eine Heterozygotie für Punktmutation im PMP22- und MPZ-Gen ähnlich der HMSN I.
Therapie der hereditären sensomotorischen Neuropathie Typ 3
Bis dato sind für die hereditären Neuropathien noch keine medikamentösen Therapien bekannt. Eine Ausnahme ist die Neuropathie bei der hereditären ATTR-Amyloidose. Seit 2011 steht ein Molekülstabilisator (Tafamidis) zur Verfügung und seit 2018 Gene-Silencing-Therapien. Die Behandlung von HMSN III/DSS konzentriert sich hauptsächlich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität. Zu den wichtigsten Therapieansätzen gehören:
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- Physiotherapie: Regelmäßige und fortlaufende Physiotherapie dient der Vermeidung sekundärer Komplikationen wie Muskel- und/oder Sehnenverkürzungen und daraus folgender Gelenkkontrakturen und Schmerzen. Bei klinisch häufig im Vordergrund stehender sensibler Gang- und Standataxie sowie diffuser Schwindelsymptomatik ist Physiotherapie mit integrierter Gangschulung und Gleichgewichtstraining einsetzbar.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten und zu verbessern.
- Hilfsmittelversorgung: Hilfsmittelversorgung und -optimierung sind fester Bestandteil in der Versorgung von Patienten mit Neuropathien, um die Mobilität, Selbstständigkeit in Alltag und Beruf zu unterstützen und zu erhalten.
- Schmerztherapie: Bei schmerzhafter Neuropathie kommen verschiedene Substanzen zum Einsatz: u.a. Pregabalin, Gabapentin, Amitryptilin, Duloxetin, Tramadol…
- Orthopädische Maßnahmen: Fußdeformationen können operativ korrigiert werden. Bei eingeschränkten Gehstrecken kann die Versorgung mit einem Rollator oder Rollstuhl erfolgen.
Weitere Therapieansätze:
- Genetische Beratung: Für Familien mit DSS ist eine genetische Beratung ratsam, um das Wiederholungsrisiko zu besprechen und Informationen über Gentests zu erhalten.
- Unterstützungsgruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann eine wertvolle Unterstützung sein.
- Regelmäßige Kontrollen: Regelmäßige Kontrollen beim Neurologen sind wichtig, um den Krankheitsverlauf zu überwachen und die Therapie anzupassen.
Abgrenzung zu anderen Neuropathien
Die Abgrenzung gegenüber anderen Neuropathien, insbesondere der chronisch-inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP), kann aufgrund des erhöhten Liquoreiweißes schwierig sein. Eine sorgfältige Anamnese, neurologische Untersuchung, elektrophysiologische Tests und gegebenenfalls eine Nervenbiopsie sind entscheidend für die Diagnosestellung.
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