Einführung
Die Ursachen für schwere Depressionen, bipolare Störungen und Schizophrenie sind komplex und oft nicht vollständig geklärt. Genetische Veranlagung und Umweltfaktoren werden seit langem als mögliche Auslöser diskutiert. Eine neue Forschungsrichtung untersucht den Einfluss von Virusinfektionen, insbesondere von Herpesviren, auf die Entstehung psychiatrischer Erkrankungen.
Herpesviren: Allgegenwärtige Begleiter des Menschen
Herpesviren sind weit verbreitet und persistieren nach einer Infektion lebenslang im Körper. Jeder Erwachsene trägt mindestens eines der neun bekannten humanen Herpesviren in sich. Nach einer Infektion verlassen Herpesviren den Körper nicht mehr. Sie ruhen in den Zellen und warten auf ihre Gelegenheit, wieder aktiv zu werden. Viele Menschen kennen das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1), das Lippenbläschen verursacht.
Überraschender Fund: Herpesviren in Purkinje-Neuronen
Forscher der Julius-Maximilians-Universität Würzburg haben in Zusammenarbeit mit Kollegen in den USA eine überraschende Entdeckung gemacht: Bei der Untersuchung von Hirnbiopsien von Patienten mit schweren Depressionen oder bipolaren Störungen fanden sie vermehrt humane Herpesviren (HHV-6) in Purkinje-Neuronen des Kleinhirns.
Purkinje-Zellen sind ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Kleinhirns. Dieses Areal ist zuständig für motorisches Lernen, die Feinsteuerung von Muskelspannung und Bewegungen, aber auch für Gefühle, Wahrnehmung, Gedächtnis und Sprache.
Immunfluoreszenzaufnahmen zeigten, dass die Purkinje-Neuronen von Patienten mit bipolaren Störungen und schweren Depressionen vermehrt mit Proteinen humaner Herpesviren infiziert waren.
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Die Rolle von HHV-6
Die Wissenschaftler um Dr. Bhupesh Prusty vermuten, dass humane Herpesviren vom Typ HHV-6A und HHV-6B eine Schlüsselrolle bei der Entstehung psychiatrischer Störungen spielen könnten. Sie fanden bei Patienten mit bipolaren und schweren depressiven Störungen eine erhöhte Rate von aktiven Infektionen mit humanen Herpesviren vorwiegend in Purkinje-Zellen des menschlichen Kleinhirns.
HHV-6 ist ein neurotropes Virus, das im Gehirn im Zusammenhang mit einem breiten Spektrum an Krankheiten beobachtet wurde. Es wurde lange angezweifelt, dass das Humane Herpesvirus Typ 6 (HHV-6) eine Rolle in der Entstehung psychiatrischer Störungen spielt. Es zeigte sich, dass vor allem die Zellen von Patienten mit bipolaren Störungen und schweren Depressionen infiziert waren.
Viren und ihre Auswirkungen auf das Nervensystem
"Viren können die Entwicklung von Nervenzellen stören und die Interaktion mit dem Immunsystem in wichtigen Entwicklungsstadien behindern", erklärt Prusty. Wenn eine Infektion damit in der frühen Kindheit auftritt, geht sie zwar in den meisten Fällen spurlos vorüber. Allerdings verharren die Viren in verschiedenen Organen und Geweben, einschließlich des zentralen Nervensystems und der Speicheldrüse, und werden unter bestimmten Umständen auch nach Jahren wieder aktiv.
Die Forscher konnten eine erhöhte Anzahl an aktiven Infektionen mit Herpesviren vor allem in den Purkinje-Nervenzellen bei Menschen feststellen, die an einer bipolaren oder schweren depressiven Störung litten. Die Ergebnisse liefern einen ersten Hinweis darauf, dass Herpesviren des Typs HHV-6 Nervenzellen befallen und möglicherweise zu Erkrankungen wie schweren Depressionen oder bipolaren Störungen führen können.
Abhängig davon, welche Zellarten infiziert werden und wo die Infektion lokalisiert ist, können somit unterschiedliche Krankheiten ausgelöst werden.
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Reaktivierung latenter Viren
Ein wichtiger Aspekt ist, das latente oder inaktive Virus vom aktiven zu unterscheiden. Viele Wissenschaftler zweifelten lange Zeit daran, dass verschiedene Faktoren das latente Virus wieder aktivieren könnten. Die aktuellen Forschungen haben ergeben, dass einige verschreibungspflichtige Medikamente ebenfalls zu einer Reaktivierung führen können - sogar Antibiotika sind dazu in der Lage.
Das HHV-6 ist sehr einzigartig, da es sich in menschliche Chromosomen integrieren kann. Somit trägt jemand, der das Virus geerbt hat, ein bis zwei Kopien des viralen Genoms in jeder Zelle seines Körpers, die einen Zellkern hat. Das Risiko, dass bei diesen Menschen die Viren wieder aktiviert werden, ist dadurch, dass die Aktivierung an vielen verschiedenen Stellen geschehen kann, sehr hoch.
Es ist wahrscheinlich der sekundäre Trigger, beispielsweise eine bakterielle Infektion oder ein bestimmtes Medikament, der das inaktive Virus aktiviert, welcher anschließend Schäden verursacht.
Widerlegung einer gängigen Annahme
Die Annahme, dass beim Menschen häufig vorkommende Viren, die unerkannt in Organen und Geweben „schlummern“, nie für eine Krankheit verantwortlich sind, ist nach Ansicht der Wissenschaftler damit widerlegt. "Studien, wie unsere aktuelle, beweisen, dass dieses Denken falsch ist", sagt Prusty.
Weitere Forschung notwendig
In einem nächsten Schritt wollen die Würzburger Wissenschaftler nun den molekularen Mechanismus entschlüsseln, mit dem die Herpesviren Schäden an Purkinje-Neuronen verursachen. Die zukünftige Arbeit wird darauf ausgerichtet sein, die molekularen Veränderungen der betroffenen Zelle, die nach einer viralen Reaktivierung eintreten, zu verstehen. Wenn wir diese Reaktivierung mit der Krankheit auf molekularer Ebene in Verbindung bringen, können wir voraussichtlich in den Krankheitsverlauf eingreifen, indem wir Medikamente gegen diese molekularen Veränderungen entwickeln.
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Weitere Studien könnten sich beispielsweise damit auseinandersetzen, die Auswirkungen des HHV-6 auf die Purkinje-Neuronen zu bestimmen. Leider lassen sich Infektionen der Purkinje-Zellen durch die Herpesviren nicht am Gehirn eines lebendigen Menschen feststellen.
Alternativen und andere Viren
Psychiatrische Störungen aufgrund einer Virusinfektion hält auch Klaus Lieb vom Universitätsklinikum Freiburg für möglich und nennt als Beispiel Herpesviren, die eine Enzephalitis und in deren Folge schwere psychische Störungen hervorrufen können.
Neue Nahrung erhält die Hypothese, dass Viren Depressionen auslösen können, durch Beobachtungen in den USA, wo sich zurzeit das West-Nil-Virus ausbreitet. Das Virus wird durch Mücken übertragen und scheint eindeutig Depressionen hervorrufen zu können.
Kritik und offene Fragen
Trotz der vielfältigen wissenschaftlichen Mängel dieser Studie ist die Hypothese insofern attraktiv, da sie sehr gut mit dem aktuellen und empirisch gut bestätigten VulnerabilitätsStressModell der Schizophrenie vereinbar ist. In diesem Modell führen dauerhafte biologische oder genetisch bedingte Vulnerabilitäten in Interaktion mit umweltbezogenen Stressereignissen zur Auslösung einer Krankheitsepisode.
Wang und Kollegen konnten in der angesehenen Zeitschrift Nature mit einer Metaanalyse, das heißt einem komplizierten statistischen Verfahren zur numerischen Zusammenfassung und Bewertung empirischer Studien, belegen, dass von potenziell 16 relevanten Mikroben fünf Mikroben, darunter drei Herpesviren, statistisch bedeutsam gehäuft bei depressiven Patienten nachzuweisen sind. Für die Schizophrenie, die bipolare Störung und die Zwangserkrankung konnte ebenfalls in einer Metaanalyse ein erhöhter Befall von entsprechend erkrankten Menschen mit dem Parasiten Toxo plasma Gondii, der häufig von Katzen übertragen wird, gegenüber gesunden Kontrollen festgestellt werden.
Wenn man die Forschung zu diesen Fragestellungen der letzten Jahre bewertet, dann bleiben viele Fragen offen. Wir können nicht eindeutig wissenschaftlich belegen, dass Herpesviren oder andere Mikroben schwere psychische Störungen auslösen können und schon gar nicht verursachen können. Es kann auch so sein, dass sich psychisch erkrankte Menschen gehäuft entsprechende Infektionen zuziehen. Für beide Interpretationen liegen wissenschaftliche Belege vor.
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