Cortisol, Serotonin, Gehirn und Alterung: Ein umfassender Überblick

Einführung

Die Wechselwirkungen zwischen Cortisol, Serotonin, dem Gehirn und dem Alterungsprozess sind komplex und vielschichtig. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass chronischer Stress und Traumata in der Kindheit tiefgreifende Auswirkungen auf die Gehirnstruktur und -funktion haben können, was wiederum das Risiko für psychische und physische Erkrankungen im späteren Leben erhöht. Hormone spielen eine zentrale Rolle für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden und beeinflussen den Alterungsprozess. Dieser Artikel beleuchtet die neurobiologischen Auswirkungen von Traumata in der Kindheit, die Rolle von Cortisol und Serotonin sowie die Auswirkungen auf das Gehirn und den Alterungsprozess.

Neurobiologische Auswirkungen von Kindheitstraumata

Kindheitstraumata gelten als gesicherter Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Störungen im späteren Leben. Epidemiologische Studien zeigen, dass Menschen mit Traumaexposition in der Kindheit signifikant erhöhte Lebenszeitprävalenzen nahezu jeder psychischen Störung aufweisen. Schätzungen zufolge sind fast 30 % aller psychischen Störungen auf Kindheitstraumata und andere widrige Kindheitsumstände zurückzuführen. Kindheitstraumata gehen auch mit einem erhöhten Risiko für physische Erkrankungen wie Herz- und Autoimmunerkrankungen einher.

Die biologische Einbettungshypothese

Ein Erklärungsmodell für den weitreichenden Einfluss früher Traumatisierungen besagt, dass Kindheitstraumata Veränderungen in neurobiologischen Systemen induzieren, die wiederum die Vulnerabilität für Erkrankungen erhöhen. Da die meisten neurobiologischen Systeme zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht ausgereift sind, können Traumata in der Kindheit besonders schädliche Auswirkungen haben.

Auswertungsebenen von Studien zu Kindheitstraumata

Studien zu den Auswirkungen von Kindheitstraumata lassen sich anhand ihres Auswertungsschwerpunktes in verschiedene Gruppen einteilen. Neuere Studien konzentrieren sich vermehrt auf die unmittelbare biologische Wirkung von Traumata, wie z. B. DNA-Methylierung, während frühere Studien oftmals distale Auswirkungsfaktoren betrachteten, wie z. B. Erkrankungen.

Auswirkungen auf die HPA-Achse

Kindheitstraumata werden oft als eine Form von Umweltstress betrachtet, der eine biologische Stressantwort auslöst. Bei Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) werden im Hypothalamus das Kortikotropin-Releasing-Hormon (CRH) und Vasopressin (AVP) ausgeschüttet. CRH und AVP stimulieren in der Hypophyse die Bildung des adrenokortikotropen Hormons (ACTH). ACTH wiederum löst in der Nebennierenrinde die Herstellung und Freisetzung von Glukokortikoiden (z. B. Cortisol) aus. Glukokortikoide haben ein breites physiologisches Wirkspektrum und führen u. a. zur Mobilisierung von Glucose, erhöhen die kardiovaskuläre Aktivität, dämpfen das Immunsystem und unterstützen kurzfristig die Anpassung an die Stresssituation. Glukokortikoide wirken über negative Feedback-Schleifen auf das System zurück und beenden die Synthese und Ausschüttung von CRH und ACTH.

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Fehlregulation der HPA-Achse

Zahlreiche Studien haben bei misshandelten Kindern und Erwachsenen eine Fehlregulation der HPA-Achse beobachtet. Die Ergebnisse dieser Studien deuten jedoch nicht immer in die gleiche Richtung, und Kindheitstraumata wurden sowohl mit einer Hyper- als auch Hypoaktivität der HPA-Achse in Verbindung gebracht. Studien, die psychisch Erkrankte untersuchen, zeigen oft eine gesteigerte HPA-Aktivität, während Studien an gesunden Personen mit Kindesmisshandlung häufig niedrigere basale Cortisolwerte und eine abgeschwächte Cortisolantwort zeigen. Viele Faktoren, wie Art und Dauer des Traumas, Alter zum Zeitpunkt der Traumatisierung, Vorliegen von psychischen Störungen und zusätzliche Traumata, können die Zusammenhänge beeinflussen.

Die Rolle der Eltern-Kind-Bindung

Eine sichere Bindung an zumindest einen Elternteil könnte die schädigenden Auswirkungen von Kindheitstraumata abfedern. Studien zeigen, dass hohe mütterliche Feinfühligkeit die HPA-Achsen-Aktivität des Kindes in Stresssituationen dämpfen kann. In den ersten Lebensjahren nimmt die Eltern-Kind-Interaktion die Rolle eines externen Regulators der HPA-Achse des Kindes ein. Fällt dieser soziale Regulator aus, könnte es zu einem Glukokortikoidanstieg beim Kind kommen, der womöglich während der Entwicklung stressempfindlicher Gehirnregionen schädlich ist.

Oxytozin und Kindesmisshandlung

Einige Studien berichten über eine inverse Beziehung zwischen Kindheitstrauma und dem Bindungshormon Oxytozin, während andere Studien erhöhte Oxytozinkonzentrationen bei in der Kindheit missbrauchten Personen fanden. Oxytozin reduziert in der Regel die Stressantwort. Die Art und Weise, wie der Betroffene mit dem Trauma umgeht, könnte eine Rolle spielen. Coping-Strategien, die durch eine Unterdrückung des emotionalen Ausdrucks gekennzeichnet sind, könnten zu unterschiedlichen Oxytozinreaktionen führen.

Entzündungsreaktionen

Erwachsene und Jugendliche, die in ihrer Kindheit misshandelt wurden, weisen erhöhte Werte des C-reaktiven Proteins (CRP), höhere Fibrinogenspiegel und proinflammatorische Zytokine auf. Eine traumabedingte Fehlregulation der HPA-Achse wirkt sich wahrscheinlich auch auf andere neurobiologische Systeme aus, wie das Immunsystem, sowie serotonerge und dopaminerge Systeme.

Auswirkungen auf Gehirnstrukturen

Hohe Cortisolkonzentrationen während sensibler Entwicklungsphasen können das Gehirn schädigen, insbesondere in Regionen mit hoher Glukokortikoidrezeptordichte, wie dem Hippocampus, der Amygdala und dem präfrontalen Kortex. Bildgebungsstudien zeigen, dass Kindesmisshandlung mit strukturellen Veränderungen im Corpus callosum, im anterioren zingulären, dorsolateralen präfrontalen und orbitofrontalen Kortex sowie im Hippocampus einhergeht.

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Erfahrungsabhängige Adaptationsprozesse

Veränderungen in neurobiologischen Systemen bei traumatisierten Personen werden heute als erfahrungsabhängige Adaptationsprozesse an die jeweilige soziale Umwelt betrachtet. Das stärkere Ansprechen auf Bedrohungs- als auf Belohnungsreize lässt z. B. Gefahren schneller erkennen und stellt in einer potenziell gefährlichen Umwelt eine sinnvolle Reaktion dar.

Genetische Faktoren und Epigenetik

Ob jemand nach einem Kindheitstrauma eine psychische Störung entwickelt, scheint von der genetischen Prädisposition und durch die Umwelt ausgelösten epigenetischen Modifikationen abhängig zu sein. Genvarianten können den Zusammenhang zwischen Kindheitstrauma und psychischen Störungen moderieren.

Cortisol: Freund oder Feind?

Cortisol ist ein primäres Stresshormon, das bei Anspannung aus der Nebennierenrinde ausgeschüttet wird. Kurzfristig gesehen ist die Ausschüttung von Cortisol eine hilfreiche Schutzfunktion des Körpers. In Kombination mit Adrenalin bereiten die Hormone den Körper darauf vor, leistungsfähig zu sein und helfen dem Gehirn, Glukose als Energiequelle zu nutzen. Problematisch wird es jedoch, wenn der Körper chronisch unter Anspannung steht und das Stresshormon kontinuierlich freisetzt.

Chronischer Stress und seine Folgen

Ein Cortisolüberschuss kann zu einer breiten Palette von körperlichen und psychischen Krankheiten beitragen, wie Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit und Fehlfunktionen des Immunsystems. Besonders für das Gehirn kann ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel problematisch sein, da er Areale im Hippocampus schädigen kann, die für Lern- und Erinnerungsprozesse verantwortlich sind. Studien haben gezeigt, dass Nervenzellen durch Cortisol "überstimuliert" werden und so frühzeitig altern können. Auch die Bildung von neuen Nervenzellen im Gehirn kann negativ beeinflusst werden, was zu Gedächtnisverlust und Konzentrationsschwierigkeiten führen kann.

Schlafprobleme durch Cortisolüberschuss

Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel kann Schlafprobleme bzw. eine deutlich reduzierte Schlafqualität verursachen. Cortisol ist der Gegenspieler von Melatonin, dem Einschlafhormon. Ist der Cortisolspiegel am Abend erhöht, kann dies dazu führen, dass man ständig in einer Art Alarmbereitschaft ist, anstatt erholsam zu schlafen. Schlechter Schlaf kann wiederum zu einem noch höheren Stresslevel führen, wodurch ein Teufelskreis entsteht.

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Therapie gegen chronischen Cortisolüberschuss

Eine überschüssige Cortisolproduktion kann durch die richtige Ernährung und körperliche Bewegung gesenkt werden.

Ernährungstipps

  • Reduziere deinen Zuckerkonsum: Zuckerhaltige Lebensmittel lassen den Blutzucker- und somit auch den Cortisolspiegel verrückt spielen.
  • Vermeide Koffein: Koffein stimuliert die Nebennierenrinde, die dann mehr Cortisol ausschüttet.
  • Verzichte auf ungesunde Fette: Fettige Lebensmittel in frittierter Form enthalten Transfettsäuren, die den Cholesterinspiegel in die Höhe schießen lassen, was wiederum die Cortisolproduktion anregt.

Melatonin für schnelleres Einschlafen

Um das Cortisollevel zu senken, ist ein gesunder und qualitativ guter Schlaf wichtig. Melatonin kann helfen, wieder besser einzuschlafen, da es den Cortisolspiegel senkt.

Sport gegen Cortisolüberschuss

Regelmäßige körperliche Bewegung kann die mentale Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter unterstützen und den Cortisolspiegel senken. Beruhigende Sportarten wie Yoga oder Meditation sind besonders geeignet. Aber auch moderate Aktivitäten wie Wandern oder Radfahren können helfen, Anspannung abzubauen und überschüssiges Cortisol zu verbrauchen.

Serotonin: Das Glückshormon

Serotonin wird oft als das wichtigste "Glückshormon" bezeichnet. Es ist an vielen Signalprozessen im Emotionszentrum des Gehirns, der Amygdala, beteiligt. Bei Menschen, die an einer Angststörung oder Depression leiden, ist der Serotoninhaushalt oft gestört. Melatonin entsteht ausschließlich durch die Umsetzung von Serotonin und spielt eine zentrale Rolle bei chronischem Stress, Burn-out und einigen anderen Erkrankungen des Zellalterungsprozesses.

Die Rolle von Hormonen im Alterungsprozess

Hormone tragen nicht nur zu unserem geistigen und körperlichen Wohlbefinden bei, sondern halten auch fit und sorgen für ein jugendliches Aussehen. Glückshormone wie Serotonin und Endorphine, aber auch Oxytocin, Östrogen, Testosteron, Prolaktin, Adrenalin und Somatotropin können den natürlichen Alterungsprozess verlangsamen.

Anti-Aging-Effekte verschiedener Hormone

  • Serotonin und Endorphine: Stärken die Abwehrkräfte, Herz und Kreislauf.
  • Östrogene: Verbessern die Regenerationsfähigkeit der Hautzellen und fördern die Bildung von Kollagen.
  • Testosteron: Fördert den Aufbau von Muskelmasse, stärkt die Knochen und kann die Gefahr eines Herzinfarkts sowie eines Gehirnschlags verringern.
  • Prolaktin: Entspannt und baut Stress ab.
  • Endorphine: Vertreiben Kopfschmerzen, machen glücklich und sollen sogar Verspannungen und Rückenschmerzen lindern.
  • Somatotropin: Sorgt für ein natürliches Anti-Aging- und Regenerations-Programm.

Menopause und das Gehirn

In den Wechseljahren kämpfen viele Frauen mit Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Gedächtnisproblemen. Der sinkende Östrogenspiegel kann zu Veränderungen in der Gehirnstruktur, der Energieversorgung und der Signalübertragung führen. Östrogen hat eine neuroprotektive Funktion und unterstützt den Hypothalamus bei der Steuerung der Körpertemperatur.

Tipps für ein gesundes Gehirn in den Wechseljahren

  • Regelmäßige körperliche Aktivität: Steigert die Durchblutung, verbessert die Sauerstoffversorgung und fördert die Bildung neuer Nervenzellen.
  • Gesunde Ernährung: Omega-3-Fettsäuren und Antioxidantien schützen Nervenzellen und unterstützen die Kommunikation zwischen Gehirnzellen.
  • Ausreichend Schlaf: Schlaf ist die wichtigste Regenerationszeit für das Gehirn.
  • Stressmanagement: Chronischer Stress kann die Funktion des Hippocampus beeinträchtigen.

Stress und Persönlichkeit

Menschen unterscheiden sich darin, wie sie mit Stressquellen umgehen und wie intensiv sie Stress wahrnehmen. Neurotizismus geht oft mit Stressempfindlichkeit einher. Personen mit einer hohen Ausprägung an Neurotizismus sind häufiger ängstlich, nervös oder angespannt und empfinden diese Emotionen auch stärker als andere Menschen. Auch hohe Werte bei Extraversion, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit gehen mit größerer Widerstandskraft gegen Stress einher.

Die Rolle der Genetik

Studien mit Zwillingen zeigen, dass die Persönlichkeit etwa zur Hälfte genetisch bedingt ist. Gene, die an Serotonin-Signalketten beteiligt sind, könnten eine Rolle beim Stressempfinden spielen. Auch der Wachstumsfaktor BNDF (brain derived neurotrophic factor) beeinflusst die Gehirnreifung und die Ausbildung emotionaler Netzwerke und könnte zur Stressanfälligkeit beitragen.

Trauma und Glutamat

Mobbing kann traumatisierend wirken und die Psyche nachhaltig verändern. Jugendliche, die gemobbt worden waren, haben dauerhaft niedrigere Glutamat-Spiegel im anterioren cingulären Cortex (ACC), einer Gehirnregion, die an der Verarbeitung emotionaler Impulse beteiligt ist.

Strategien zur Stressbewältigung

Um eine Belastungsstörung zu überwinden oder zumindest zu mildern, hat sich die Konfrontationstherapie bewährt. Andere Methoden sind grundsätzlich geeignet, um die Widerstandskraft gegen Stress zu stärken. Achtsamkeit zu üben ist eine gute Stressversicherung. Die Aufmerksamkeit gezielt auf gerade ablaufende Prozesse im Körper zu richten, erleichtert es, Stressfaktoren rechtzeitig zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen.

Albträume und Alterung

Erwachsene mit wöchentlichen Albträumen haben ein mehr als dreimal höheres Risiko, vorzeitig zu sterben, als Personen mit seltenen oder keinen Albträumen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene mit häufigen Albträumen zeigten eine schnellere biologische Alterung. Albträume verursachen einen anhaltenden Anstieg des Stresshormons Cortisol, das eng mit schnellerer Zellalterung verknüpft ist.

Schlafmangel und kognitiver Abbau

Chronischer Schlafmangel hat tiefgreifende Auswirkungen auf die kognitive Gesundheit und trägt sowohl zu kurzfristigen Beeinträchtigungen als auch zum langfristigen kognitiven Abbau bei. Schlafentzug beeinträchtigt die Fähigkeit des Gehirns, Erinnerungen zu festigen, die Aufmerksamkeit, die Problemlösungsfähigkeit und die exekutive Funktion. Schlafmangel verschlimmert die Neuroinflammation und fördert die Anhäufung von neurotoxischen Abfallprodukten.

Weitere Faktoren, die das Stressempfinden beeinflussen

  • Ernährung: Kaffeegenuss kann bei manchen Menschen Angstsymptome auslösen. Menschen hingegen, die viel Obst und Gemüse verzehren, nehmen tendenziell weniger Stress wahr.
  • Soziale Interaktion: Mit Stress kann man sich sogar bei anderen Menschen anstecken. Umgekehrt gilt: Wer selbst gestresst ist, beurteilt Lebensgefährten kritischer.

NeuroSpot-Test

Der NeuroSpot-Test, der in der Praxis angeboten wird, zeigt anhand einer Urin- und Speichelprobe, ob wichtige Stresshormone aus dem Gleichgewicht geraten sind. Nach der Bestimmung Ihrer Stressbelastung erarbeite ich Ihnen ein auf die Ergebnisse abgestimmtes Therapiekonzept.

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