Epilepsie und Aggression: Ursachen und Behandlungsansätze

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Die Symptome eines epileptischen Anfalls sind abhängig davon, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist, da jeder Bereich eine andere Aufgabe erfüllt. Im Prinzip kann es so zur Störung jeder Hirnfunktion kommen: Bewusstseinsstörungen mit Abwesenheit (Absence) oder Bewusstseinsverlust, kognitiv mit Störungen des Denkens, motorisch mit unwillkürlichen Bewegungen oder auch Erschlaffen der Muskulatur, psychisch mit Gefühlen z. B. von starker Angst oder Freude,sensibel mit Empfindungsstörungen (oft als Kribbeln oder Taubheit), sensorisch mit Sinnestäuschungen wie Lichtblitzen, Gerüchen, Geräuschen oder Geschmackseindrücken oder vegetativ mit z. B. Herzrasen, Einnässen oder Schweißausbrüchen. Ein epileptischer Anfall beginnt in der Regel plötzlich und dauert nicht länger als zwei Minuten. Anfälle von fünf Minuten und länger werden als Status epilepticus bezeichnet.

Ein epileptischer Anfall kann sehr unterschiedlich aussehen. Am bekanntesten ist der große epileptische Anfall. Der Betroffene verkrampft sich, dann geht die Verkrampfung in Zuckungen über. Häufig ist die Atmung gestört und das Gesicht läuft bläulich an. Andere Anfallsformen fallen weniger auf. Zum Beispiel die Absence, die vor allem bei Schulkindern und Jugendlichen vorkommt. Hier drehen sich die Augen für wenige Sekunden nach oben und der Betroffene ist in dieser Phase nicht aufnahmefähig. Die Anzeichen epileptischer Anfälle variieren sehr stark. Der genaue Ablauf eines Anfalls ist für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte aufschlussreich und sollte von Angehörigen nach Möglichkeit dokumentiert werden. Eine Videoaufnahme mit dem Handy kann zum Beispiel hilfreich sein. Allerdings sollten Angehörige nur dann filmen, wenn sie das vorab mit den Betroffenen zu Diagnostik-Zwecken vereinbart haben.

Ursachen von Epilepsie

Eine Epilepsie kann viele Ursachen haben - zum Beispiel genetische Veränderungen, Stoffwechselstörungen, Missbildungen des Gehirns, Folgen von Hirnverletzungen und Entzündungen des Gehirns, bis hin zu Hirntumoren und Schlaganfällen. Manchmal bleibt die Ursache auch unklar. Eine Epilepsie ist so definiert, dass außerhalb von 24 Stunden zwei epileptische Anfälle aufgetreten sein müssen oder Informationen über Veränderungen des Gehirns vorliegen, die erwarten lassen, dass auf einen ersten Anfall in absehbarer Zeit weitere Anfälle folgen.

Die Ursache der Epilepsie bestimmt den sogenannten Phänotyp, also das Erscheinungsbild der Erkrankung. Genetische Veränderungen gehen zum Beispiel oft mit einer Intelligenzminderung und / oder verzögerten motorischen Entwicklung einher. Sind Schlaganfälle die Ursache einer Epilepsie, zeigen sie das typische Krankheitsbild, das vor allem in der Phase nach dem Anfall deutlich verstärkt sein kann.

Epilepsie und Aggression

In der neurologischen Forschung wird die Verbindung zwischen Epilepsie und aggressivem Verhalten untersucht. Es ist wichtig zu beachten, dass Aggression bei Menschen mit Epilepsie nicht die Regel ist, aber in bestimmten Fällen auftreten kann.

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Ursachen für Aggression bei Epilepsie

  • Anfallsbedingte Aggression: In seltenen Fällen kann es während oder unmittelbar nach einem epileptischen Anfall zu aggressivem Verhalten kommen. Dies kann auf die unkontrollierten elektrischen Entladungen im Gehirn zurückzuführen sein, die bestimmte Verhaltensmuster beeinflussen.
  • Postiktale Phase: Nach einem Anfall folgt in den meisten Fällen eine Nachphase (postiktale Phase), welche Stunden anhalten kann. In dieser kommt es zu Symptomen wie Sprachstörungen, Vigilanzminderungen, Lähmungen, Gedächtnisstörungen und teilweise psychischen Störungen bis hin zu aggressivem Verhalten.
  • Medikamentenbedingte Aggression: Einige Antiepileptika können als Nebenwirkung Aggression oder Reizbarkeit verursachen. Es ist wichtig, dies mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, um gegebenenfalls die Medikation anzupassen.
  • Psychische Begleiterkrankungen: Menschen mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen. Diese Erkrankungen können sich in aggressivem Verhalten äußern.
  • Soziale und psychische Faktoren: Die chronische Erkrankung Epilepsie kann zu sozialer Isolation, Stigmatisierung und psychischem Stress führen. Diese Faktoren können ebenfalls zu aggressivem Verhalten beitragen.

Diagnostik

  • Anamnese: Zunächst fragt der Arzt Kind und Eltern genau nach den Symptomen. Meist deuten sie bereits auf die Rolando-Epilepsie hin. Anhand der Schilderung kann der Arzt oft örtlich begrenzte (fokale) von ausgedehnten (bilateralen) Anfällen unterscheiden und den Schweregrad einschätzen.
  • EEG: Vermutet der Arzt eine Rolando-Epilepsie, wird er immer auch die Hirnströme messen: Er veranlasst eine sogenannte Elektroenzephalografie (EEG). Dabei zeichnet ein Gerät die elektrische Aktivität von Nervenzellen in einer bestimmten Hirnregion auf (mehr dazu im Beitrag „EEG“).
  • MRT: Sollten die Medikamente nicht ausreichend gegen die Epilepsie wirken, führt der Arzt womöglich noch weitere Untersuchungen wie ein Kernspin (MRT) durch.

Behandlung von Epilepsie und Aggression

Die Behandlung von Epilepsie zielt nicht nur auf die Kontrolle epileptischer Anfälle ab, sondern berücksichtigt den gesamten Menschen in seiner individuellen Lebenssituation. Es geht darum, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern und ihnen trotz der Erkrankung ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Dabei stehen nicht nur medizinische Aspekte im Vordergrund, sondern auch psychologische, soziale und emotionale Faktoren. Die Epilepsie wird als Systemerkrankung betrachtet, die nicht nur Anfälle verursacht, sondern auch andere Bereiche des Lebens beeinflussen kann. Daher ist ein ganzheitlicher, interdisziplinärer Ansatz in der Behandlung essentiell.

Medikamentöse Therapie

Die - mit Abstand - wichtigste Behandlungsmethode besteht in der Gabe von Medikamenten, welche die abnorme Reizbarkeit der Nervenzellen, die zu epileptischen Anfällen führen, herabsetzen und so ihre Anfallsbereitschaft vermindern. Nur Ärztinnen und Ärzte können entscheiden, welche Medikamente und welche Dosis angebracht sind. Allerdings gibt es auch Situationen, in denen die Gabe von Medikamenten nicht sinnvoll bzw. sofort empfehlenswert ist. So kann es nämlich auch durchaus zu einmaligen Anfällen kommen, die keine sofortige Behandlung erforderlich machen. Das Ziel der Behandlung ist völlige Ausheilung der Epilepsie. Es ist dann erreicht, wenn auch ohne Medikamente keine Anfälle mehr auftreten. Die Patientinnen und Patienten, die weitere Anfälle erleiden, werden häufig mit einer Kombination aus verschiedenen Wirkstoffen behandelt (Kombinationstherapie).

Zur Behandlung steht eine Vielzahl von Wirkstoffen zur Verfügung, jedoch wirken nicht alle Medikamente bei allen Epilepsie-Formen. Es gibt Präparate, die nur bei fokalen Anfällen wirksam sind und andere, die insbesondere bei generalisierten Anfällen wirken. Wieder andere wirken bei beiden Anfallsformen oder nur bei ganz bestimmten Epilepsie-Syndromen.

Psychotherapie

Psychotherapeutische Unterstützung kann helfen. Zentral ist eine individuell angepasste Psychotherapie. Jeder zweite Betroffene wird mit Therapie anfallsfrei - früh beginnen lohnt sich! Wichtig ist ein offener Umgang mit der Erkrankung. Angehörige, Freunde und Kolleg:innen sollten wissen, wie sie im Ernstfall reagieren.

Ketogene Diät

Bei schwer behandelbaren Epilepsien empfehlen Ärztinnen und Ärzte manchmal eine bestimmte Ernährungsform - die ketogene Diät. Dabei werden nur wenig Kohlenhydrate und stattdessen vor allem Fette aufgenommen. Diese Diät hat zur Folge, dass sich der Stoffwechsel umstellt: Um Energie zu gewinnen, wird Fett statt Zucker abgebaut. Der erhöhte Gehalt an Fettsäuren im Blut soll wiederum die Signalübertragung der Nervenzellen im Gehirn beeinflussen und zu weniger Anfällen führen. Bei den meisten teilnehmenden Kindern traten deutlich weniger Anfälle auf als vorher. Sie fühlten sich insgesamt aktiver und weniger ängstlich.

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Operation

Eine Operation kommt infrage, wenn sich eine belastende Epilepsie nicht gut mit Medikamenten behandeln lässt. Sie ist nur möglich, wenn die Anfälle von einer ganz bestimmten Stelle im Gehirn ausgehen (fokale Epilepsie). Anfälle, die das gesamte Gehirn erfassen (generalisierte Epilepsie), können nicht operativ behandelt werden. Um zu klären, ob ein Eingriff infrage kommt, sind umfangreiche Untersuchungen notwendig. Dazu gehören eine Magnetresonanztomografie (MRT), Videoaufzeichnungen mit Messungen der Hirnaktivität (EEG) und die Testung der emotionalen und geistigen Entwicklung (neuropsychologische Untersuchung). Die Untersuchungen dienen auch dazu, den Hirnbereich zu finden, von dem die Anfälle ausgehen.

Vagusnerv-Stimulation

Zudem gibt es die Vagusnerv-Stimulation. Dabei wird eine Elektrode links am Hals eingepflanzt und mit einem kleinen Gerät verbunden, das im Brustbereich unter der Haut eingesetzt wird. Das Gerät sendet über die Elektrode elektrische Impulse an den Vagusnerv und weiter ans Gehirn. Diese Impulse sollen bestimmte Gehirnaktivitäten hemmen und dadurch Anfällen vorbeugen. Für den Nutzen dieser Therapie gibt es bisher nur wenige aussagekräftige Studien.

Spezielle Epilepsieformen im Kindesalter

Etwa 0,5 % aller Kinder und Jugendlichen haben eine Epilepsie. Leichtere Formen sind kaum einschränkend. Dagegen kann eine Epilepsie mit häufigen Anfällen ein Kind und seine Familie stark belasten. Dann ist neben der medizinischen Behandlung auch eine Unterstützung im Alltag sehr wichtig.

Bei Neugeborenen und Säuglingen sind Anfälle noch schwerer zu erkennen als bei älteren Kindern. Sie können sich durch Augenbewegungen, Schmatzen, Armrudern und Zuckungen äußern. Oft treten sie schon in den ersten Tagen nach der Geburt auf. Anfälle bei Säuglingen sind meist die Folge einer Erkrankung. Sie entstehen beispielsweise durch Sauerstoffmangel, Blutungen oder Durchblutungsstörungen im Gehirn. Es gibt aber auch leichte Epilepsieformen, die sich innerhalb weniger Wochen nach der Geburt von selbst wieder legen.

Absence-Epilepsie

Dabei ist das Kind während eines Anfalls für wenige Sekunden abwesend. Es wird blass, hat einen starren Blick und reagiert nicht auf Ansprache. Zusätzlich kann es mit den Lidern zucken, die Augen verdrehen oder den Kopf nach hinten legen. Solche kurzen Abwesenheiten (Absencen) können bis zu hundert Mal am Tag auftreten.

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Rolando-Epilepsie

Während des Anfalls zuckt eine Gesichtshälfte, manchmal auch ein Arm oder ein Bein. Es kann auch zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Sprech- und Schluckstörungen oder vermehrtem Speichelfluss kommen. Dabei ist das Kind in der Regel bei Bewusstsein. Die Anfälle treten meist beim Einschlafen oder Aufwachen auf. Die Rolando-Epilepsie ist eine häufige Epilepsie-Form bei Kindern. Betroffene haben typischerweise Muskelkrämpfe im Gesicht und können nicht sprechen. Die Anfälle treten häufig nachts auf, enden meist schnell wieder und erfordern nicht immer eine Behandlung.

Juvenile myoklonische Epilepsie

Sie zeigt sich erstmals in der Pubertät. Zu den Anfällen mit Muskelzuckungen und mitunter ausfahrenden Arm- und Schulterbewegungen kommt es meist morgens nach dem Aufwachen. Manchmal knicken auch die Beine ein.

West-Syndrom

Diese schwere Epilepsieform beginnt fast immer im Säuglingsalter. Während eines Anfalls beugt und streckt sich der ganze Körper des Kindes, die Nacken-, Hals- und Rumpfmuskulatur verkrampft ruckartig. Die Anfälle treten ebenfalls meist kurz nach dem Aufwachen oder beim Einschlafen auf. Sehr schwere Epilepsien wie das West-Syndrom können die Entwicklung beeinträchtigen. Es kann auch sein, dass Medikamente dann nicht oder kaum wirken.

Was tun bei einem Anfall?

Neben der möglichen Gabe eines Benzodiazepine zur Durchbrechung des Krampfanfalls, sollten stets potenziell patientengefährdende Gegenstände entfernen werden.

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