Die Väter der Neurologie: Pioniere und ihre Beiträge zur modernen Hirnforschung

Die Neurologie, die Lehre von den Erkrankungen des Nervensystems, hat eine reiche Geschichte. Geprägt von herausragenden Persönlichkeiten, deren Beobachtungen, Forschung und unermüdlicher Einsatz den Grundstein für unser heutiges Verständnis neurologischer Erkrankungen gelegt haben. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser Schlüsselfiguren, ihre Errungenschaften und ihren Einfluss auf die Entwicklung der Neurologie.

Thomas Willis: Ein Pionier der Neuroanatomie

Der englische Mediziner und Neuroanatom Thomas Willis (1621-1675) gilt heute als einer der Begründer der Neurologie. Sein Ziel war es, Gottes Naturschöpfungen zu beschreiben, wobei er sich besonders dem Gehirn und seinem komplexen Aufbau widmete.

Innovative Techniken für die Hirnforschung

Willis' bahnbrechende Ergebnisse basierten auf neuen Techniken. Er konservierte Gehirne in reinem Alkohol, um sie vor dem Verfall zu bewahren und detaillierte Studien zu ermöglichen. Zudem nutzte er mit Unterstützung von Kollegen neuartige Färbetechniken, um die Strukturen des Gehirns besser sichtbar zu machen.

Der Circulus Willisi und weitere bedeutende Entdeckungen

Seine wohl bekannteste Leistung ist die funktionelle Beschreibung des nach ihm benannten Arterienrings des Gehirns, des Circulus arteriosus cerebri (Circulus Willisi). Dieser stellt die Blutversorgung des Gehirns sicher und ist von zentraler Bedeutung für dessen Funktion. Willis erkannte, wie dieser Ring die Blutversorgung des Gehirns sicherstellt.Darüber hinaus leistete Willis wichtige Beiträge zur Beschreibung neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen. Er beschrieb als Erster das Restless-Legs-Syndrom und erkannte, dass der Urin von Diabetikern süßlich ist. Seine Klassifikation von neun Hirnnerven wurde erst 1788 durch die bis heute gültige Einteilung in 12 Hirnnerven durch Samuel Thomas von Soemmerring abgelöst. Er führte auch Termini ein, die heute noch benutzt werden, wie zum Beispiel Corpus striatum, Claustrum oder optischer Thalamus.

"Cerebri Anatome": Ein Meilenstein der Neuroanatomie

Willis' bedeutendstes Werk, die "Cerebri Anatome" (1664), war ein Meilenstein in der Medizingeschichte. Es präsentierte erstmals eine relativ detailgetreue Beschreibung und Illustration der neuronalen Strukturen des Gehirns. Willis sezierte auch Hunde, Schafe, Pferde und andere Tiere, was das Buch zu einem Werk der vergleichenden Anatomie machte.

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Kontroverse um die Urheberschaft

Obwohl Willis als Autor des Buches gilt, wurden Zweifel an seiner alleinigen Urheberschaft geäußert. Einige vermuten, dass Richard Lower und Christopher Wren, die Willis bei seinen Forschungen unterstützten, maßgeblich an den Untersuchungen beteiligt waren. Tatsächlich räumte Willis im Vorwort seines Buches ein, dass er Lower und Wren viel zu verdanken habe. Christopher Wren und Richard Lower injizierten Tieren unmittelbar nach dem Tod Färbemittel in die Arterien. So legten sie den Grundstein für Willis‘ Entdeckung des Blutflusses in den Hirnarterien. Willis berichtete, wie er und seine Kollegen „immer wieder in die Arterien der Halsschlagader von Tieren eine Flüssigkeit mit Farbe spritzten“, so dass die „Blutgefäße, die in jede Ecke und versteckten Orte des Gehirns kriechen, mit der gleichen Farbe getränkt waren.“

Hermann Oppenheim: Etablierung der Neurologie als eigenständiges Fach

Hermann Oppenheim (1857-1919) gilt als einer der maßgeblichen Begründer der Neurologie als einer eigenständigen klinischen Disziplin in Deutschland. Er war nicht nur ein anerkannter Kliniker, sondern auch ein pathophysiologischer Querdenker, der sich weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einen Namen machte.

Eine vielschichtige Persönlichkeit

Oppenheim war eine authentische Persönlichkeit, die sich hauptsächlich auf seine eigenen Beobachtungen verließ. Er schilderte seine Fälle sehr genau und zog seine Schlussfolgerungen aus seinem eigenen Wissen und seiner Überzeugung. Mit scharfer Beobachtungsgabe zweifelte er bestehende Lehrmeinungen an und hatte den Mut, sich öffentlich dagegen zu stellen. Feste Entschlossenheit und eine gehörige Portion Sturheit zeichneten ihn aus.

Akademische Karriere und persönliche Tragik

Trotz seiner großen wissenschaftlichen Leistungen war Oppenheim als jüdischer Mediziner in Preußen eine akademische Karriere verwehrt. Obwohl er sich für die Etablierung der Neurologie als eigenständiges Fach einsetzte und maßgeblich die Gesellschaft Deutscher Nervenärzte aufbaute, wurde ihm die Anerkennung durch den preußischen Staat verweigert.

Beiträge zur Neurologie

Oppenheim leistete bedeutende Beiträge zur neurologischen Forschung und Praxis. Er beschrieb unter anderem die Myatonia congenita, eine frühkindliche Bewegungsstörung mit Verminderung des kontraktilen Muskeltonus. Auch das Ziehen-Oppenheim-Syndrom, eine vererbte Krampfkrankheit Jugendlicher, ist mit seinem Namen verbunden. 1902 publizierte er seine Erkenntnisse zu einem Pyramidenbahnzeichen, dem Zehenreflex, für den sich der Begriff Oppenheim-Zeichen eingebürgert hat. 1894 erschien erstmals sein „Lehrbuch der Nervenkrankheiten“, das bis in die 1930er Jahre das Standardwerk der Neurologie bleiben sollte.

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Auseinandersetzung mit Kriegszitterern

Im Ersten Weltkrieg setzte sich Oppenheim mit den sogenannten Kriegszitterern auseinander, Soldaten, die aufgrund traumatischer Erlebnisse ein unkontrolliertes Zittern entwickelten. Er führte die Symptome auf traumabedingte seelische "Erschütterungen" zurück, die zu funktionellen Störungen des Gehirns führten. Diese Auffassung wurde jedoch von der Mehrheit der deutschen Nervenärzte und Psychiater nicht geteilt.

James Jackson Putnam: Ein Pionier der US-amerikanischen Neurologie und Psychoanalyse

James Jackson Putnam (1846-1918) gilt als Pionier der US-amerikanischen Neurologie und spielte eine wichtige Rolle bei der Einführung der Psychoanalyse in den Vereinigten Staaten.

Frühe Karriere und Spezialisierung auf Nervenkrankheiten

Nach seinem Studium in Harvard und Europa spezialisierte sich Putnam auf Nervenkrankheiten. Er bekam 1872 eine Anstellung als Dozent für die Anwendung von Elektrizität bei Nervenkrankheiten an der Harvard Medical School. Dies war die erste Art der Spezialisierung für Nervenkrankheiten.

Gründung einer neurologischen Klinik

Putnam gründete am Massachusetts General Hospital eine der ersten neurologischen Kliniken der USA, die später der neurologische Bereich der Harvard Medical School wurde. Zu dieser Zeit steckte die Neurologie dort noch in den Kinderschuhen.

Hinwendung zur Psychoanalyse

Im Laufe seiner Karriere wandte sich Putnam zunehmend der Psychoanalyse zu. Er experimentierte mit Hypnose und Psychotherapie und interessierte sich für die Anwendung der Psychoanalyse. Seine Meinung änderte sich über die Jahre radikal.

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Freundschaft mit Sigmund Freud

Putnam lernte Sigmund Freud 1909 kennen und lud ihn zu einem Besuch im Adirondack Camp ein. Die beiden Männer verband eine intellektuelle Freundschaft trotz unterschiedlicher Ansichten.

Beiträge zur Neurologie

Neben seinen Beiträgen zur Psychoanalyse leistete Putnam bedeutende Beiträge zur Neurologie. Er lenkte die Aufmerksamkeit darauf, dass Hypothyreose in ein Myxödem enden kann, und war einer der ersten, der Störungen der Basalganglien studierte.

Moritz Heinrich Romberg: Vater der klinischen Neurologie

Moritz Heinrich Romberg (1795-1873) war einer der ersten und wichtigsten Begründer der Neurologie und einer der bedeutendsten Reformatoren der Medizin. Er gilt als Vater der klinischen Neurologie.

Frühes Leben und Studium

Romberg wurde 1795 in Meiningen geboren und zog nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter nach Berlin, wo er sein ganzes Leben verbrachte. Er studierte zunächst Philosophie und dann Medizin an der Berliner Universität und promovierte 1817.

Beiträge zur Neurologie

Romberg war ein anerkannter Wortführer der klinischen Neurologie in Deutschland. Er beschrieb zahlreiche neurologische Erkrankungen und entwickelte wichtige diagnostische Methoden. Trotz seiner großen wissenschaftlichen Leistungen war ihm als jüdischer Mediziner in Preußen eine akademische Karriere verwehrt.

Jean-Martin Charcot: Pionier der Neurologie und Erforscher der Hysterie

Jean-Martin Charcot (1825-1893) war ein französischer Arzt, der als Begründer der modernen Neurologie gilt. Er leistete bedeutende Beiträge zur Erforschung neurologischer Erkrankungen und war ein Pionier auf dem Gebiet der Hysterie.

Karriere und Forschung

Charcot absolvierte sein Medizinstudium an der Sorbonne Universität in Paris und wurde 1862 Chefarzt an der Salpêtrière, einer Klinik mit ca. 6000 Patienten. Dort widmete er sich der Erforschung und Beschreibung neurologischer Erkrankungen. Er beschrieb die Amyotrophe Lateralsklerose und grenzte die Multiple Sklerose als eigenständiges Krankheitsbild ab.

Erforschung der Hysterie

Ab den 1870er Jahren widmete sich Charcot zunehmend der Hypnose und Erforschung und Therapie der Hysterie. Er sah die Ursache der Hysterie in einer vererbbaren Degeneration des Nervensystems.

Kontroversen um Charcots Arbeit

Charcots Arbeit zur Hysterie war nicht unumstritten. Es gab einen Schulenstreit zwischen Charcots Lehre, aufgrund derer viele Patienten ungerechtfertigterweise die Diagnose Hysterie erhielten, und den Widersprüchen seiner Kritiker.

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Charcot beschrieb die Veränderungen im Nervengewebe bei der ALS sehr genau. Die Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, ist eine neurodegenerative Erkrankung, die eine ganz bestimmte Gruppe von Nervenzellen betrifft: die motorischen Nervenzellen, auch Motoneuronen genannt. Sie befinden sich in Gehirn und Rückenmark und sind für die Steuerung der Muskeln zuständig. Die Motoneuronen werden durch die Krankheit zerstört. Die Folge sind fortschreitende Muskellähmungen.

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