Rollstuhl und Multiple Sklerose: Ein Hilfsmittel für mehr Lebensqualität

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sehr unterschiedliche Verläufe und Symptome aufweisen kann. Viele Menschen mit MS erleben im Laufe ihrer Erkrankung Beeinträchtigungen der Mobilität, die den Einsatz eines Rollstuhls erforderlich machen können. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle des Rollstuhls bei MS, räumt mit gängigen Irrtümern auf und gibt Informationen zur Auswahl, Anpassung und Nutzung.

Multiple Sklerose und ihre Auswirkungen auf die Mobilität

MS kann die Extremitäten betreffen und zu Taubheit, Kraftlosigkeit oder Spastik in Armen und Beinen führen. In manchen Fällen sind die Beeinträchtigungen in den Beinen und im Rumpf so stark, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, zu gehen oder sich aufrecht zu halten. In solchen Situationen können Hilfsmittel wie Stöcke, Rollatoren oder Rollstühle notwendig werden. Die Ursachen für Gehstörungen bei MS liegen in Entzündungen der Myelinschicht, die Nervenzellen in Hirn und Rückenmark ummantelt. Diese Entzündungen schädigen Nervenfasern und zerstören Hirngewebe, wodurch die Reizweiterleitung zwischen den Nervenfasern unterbrochen oder gestört wird. Unsichere Bewegungen (Ataxie) und Zittern (Tremor) können durch Beeinträchtigungen der Nervenfasern im Kleinhirn ausgelöst werden. Muskelschwäche in Armen und Beinen ist eine weitere häufige Folge von MS.

Der Rollstuhl als Hilfsmittel: Mehr Mobilität und Lebensqualität

Obwohl die Vorstellung, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, zunächst abschreckend wirken kann, stellt er für viele Menschen mit MS eine Möglichkeit dar, ihre Mobilität und Lebensqualität zu erhalten oder zurückzugewinnen. Ein Rollstuhl ermöglicht es, längere Strecken ohne große Anstrengung zurückzulegen, am sozialen Leben teilzunehmen und alltägliche Aufgaben selbstständiger zu erledigen.

Wann ist ein Rollstuhl sinnvoll?

Die Entscheidung für einen Rollstuhl sollte in Absprache mit dem behandelnden Arzt getroffen werden. Die "Expanded Disability Status Scale" (EDSS) dient als Hilfsmittel, um den Grad der Behinderung bei MS-Patienten einzuschätzen. Ein Wert von 7.0 auf dieser Skala bedeutet, dass der Betroffene weitgehend an den Rollstuhl gebunden ist. Allerdings kann ein Rollstuhl auch schon früher sinnvoll sein, um Kräfte zu sparen und die Lebensqualität zu erhöhen.

Ein Beispiel: Der Weg vom Parkplatz zum Einkaufszentrum kann für manche Patienten so anstrengend sein, dass sie bereits erschöpft sind, bevor sie mit dem eigentlichen Einkaufen beginnen können. In solchen Fällen kann ein Rollstuhl helfen, die Kräfte zu schonen und die Energie für die eigentliche Aktivität zu bewahren.

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Irrtümer und Vorurteile

Es ist wichtig, mit einigen gängigen Irrtümern und Vorurteilen rund um das Thema Rollstuhl und MS aufzuräumen:

  • "MS bedeutet zwangsläufig ein Leben im Rollstuhl." Dies ist nicht der Fall. Viele Menschen mit MS benötigen nie einen Rollstuhl. Eine Studie zeigte bereits 2016: 90 Prozent der Betroffenen, die eine Langzeit-Therapie machen, können auch 17 Jahre nach der Erstdiagnose noch ohne Hilfe gehen.
  • "Einmal Rollstuhl, immer Rollstuhl." Auch dies ist nicht richtig. In manchen Fällen kann sich die Mobilität im Laufe der Zeit verbessern, sodass der Rollstuhl nicht mehr dauerhaft benötigt wird.
  • "Der Rollstuhl ist ein Zeichen des Versagens." Im Gegenteil: Der Rollstuhl ist ein Hilfsmittel, das es ermöglicht, aktiv am Leben teilzunehmen und die Selbstständigkeit zu bewahren.

Die Wahl des richtigen Rollstuhls

Es gibt eine Vielzahl von Rollstuhlmodellen, die sich in Ausstattung, Funktion und Antrieb unterscheiden. Die Wahl des richtigen Rollstuhls hängt von den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Betroffenen ab.

Manuelle Rollstühle

Manuelle Rollstühle werden durch Muskelkraft angetrieben. Sie eignen sich für Menschen, die noch über ausreichend Armkraft und Handfunktion verfügen. Es gibt verschiedene Arten von manuellen Rollstühlen:

  • Adaptiv-Rollstühle: Diese Rollstühle sind leicht und können individuell an die Bedürfnisse des Benutzers angepasst werden. Sie können selbstständig bedient oder von einer Hilfsperson geschoben werden.
  • Leichtgewichtrollstühle: Bei diesen Rollstühlen steht die Bedienung durch den Benutzer nicht im Vordergrund. Sie sind eher für den Transport durch eine Hilfsperson gedacht und verfügen über eine höhere Rückenlehne, Armlehnen, Trommelbremsen und höhenverstellbare Schiebegriffe.

Elektrorollstühle (E-Rollstühle)

Elektrorollstühle werden von einem Elektromotor angetrieben. Sie eignen sich für Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, einen manuellen Rollstuhl selbstständig zu bewegen. Elektrorollstühle bieten eine größere Reichweite und ermöglichen es, auch Steigungen und unebenes Gelände zu bewältigen.

Zusatzausstattungen und Anpassungen

Um den Rollstuhl optimal an die Bedürfnisse des Benutzers anzupassen, gibt es eine Vielzahl von Zusatzausstattungen und Anpassungsmöglichkeiten:

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  • Anpassbare Rückenlehne: Bei geminderter Rumpf- und Oberkörpermuskulatur ist eine anpassbare Rückenlehne ratsam, die individuell auf den Benutzer eingestellt werden kann.
  • Restkraftverstärkender Antrieb: Bei reduzierter Armkraft und eingeschränkter Handfunktion kann ein Rollstuhl mit einem Restkraft verstärkenden Antrieb ausgerüstet werden.
  • Elektrische Zusatzantriebe: Es gibt eine Vielzahl von elektrischen Zusatzantrieben, die je nach körperlicher Voraussetzung, kognitiven Fähigkeiten, häuslichen Gegebenheiten und den Partizipationsansprüchen des Patienten zum Einsatz kommen können.
  • Stehübungsgeräte: Rollstühle mit Stehtrainingsfunktion ermöglichen es, in eine stehende Position zu gelangen. Dies kann medizinische Vorteile haben, wie z. B. die Reduktion spastischer Muskelspannungen, die Kontrakturprophylaxe und die Verbesserung des Urinabflusses.

Rollstuhltraining

Die Bedienung eines Rollstuhls erfordert Übung und Geschicklichkeit. Rollstuhltrainings, die von ausgebildeten Trainern geleitet werden, können helfen, den Umgang mit dem Rollstuhl zu erlernen und Sicherheit im Alltag zu gewinnen. In solchen Trainings werden unter anderem das Überwinden von Bordsteinkanten, das Verhalten bei Steigungen und Gefällen sowie die Anpassung des Rollstuhls an die individuellen Bedürfnisse geübt.

Finanzierung und Verordnung

Um einen Rollstuhl verschrieben zu bekommen, ist eine ärztliche Verordnung notwendig. Die Krankenkasse arbeitet in der Regel mit bestimmten Sanitätshäusern zusammen, die bei der Wahl des richtigen Modells beraten und alle medizinisch notwendigen Ausstattungsmerkmale berücksichtigen. Es besteht Anspruch auf ein "Kassenmodell", für das ein Eigenanteil von maximal zehn Euro anfällt. Es ist jedoch auch möglich, ein höherwertiges Modell zu wählen und die Mehrkosten selbst zu tragen.

Leben mit dem Rollstuhl: Möglichkeiten und Perspektiven

Auch wenn der Rollstuhl eine Einschränkung der Mobilität bedeutet, ermöglicht er es vielen Menschen mit MS, ein aktives und erfülltes Leben zu führen. Mit dem Rollstuhl können sie ihren Beruf ausüben, ihren Hobbys nachgehen, reisen und am sozialen Leben teilnehmen. Es ist wichtig, sich nicht von Vorurteilen entmutigen zu lassen und die Möglichkeiten zu nutzen, die der Rollstuhl bietet.

Elfy, eine Hackerin aus Frankfurt am Main, nutzt beispielsweise einen Elektrorollstuhl mit Zusatzausstattung, um ihren Alltag zu meistern. Sie kritisiert jedoch, dass der Hersteller des Rollstuhls für bestimmte Funktionen, wie z. B. eine höhere Maximalgeschwindigkeit, zusätzliche Gebühren verlangt. Zudem hat sie Sicherheitslücken in der Software des Rollstuhls entdeckt, die es ermöglichen, die Kontrolle über den Rollstuhl zu übernehmen.

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