Die Geschichte von Henry Gustav Molaison, bekannt als Patient H.M., ist ein Meilenstein in der Gedächtnisforschung. Seine tragische Erfahrung nach einer Gehirnoperation im Jahr 1953 revolutionierte unser Verständnis des Gedächtnisses und der Rolle des Hippocampus. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, den Verlauf und die Bedeutung dieses außergewöhnlichen Falles.
Die Vorgeschichte: Epilepsie und ein experimenteller Eingriff
Henry Gustav Molaison litt seit seiner Kindheit an schwerer Epilepsie, möglicherweise verursacht durch einen Fahrradunfall im Alter von sieben Jahren. Medikamente brachten keine Linderung, und die Anfälle wurden immer heftiger. In seiner Verzweiflung entschied er sich für eine Gehirnoperation, die von dem Neurochirurgen William Scoville durchgeführt wurde. Scoville hatte bereits ähnliche Eingriffe an anderen Patienten vorgenommen, bezeichnete das Vorgehen jedoch selbst als "experimentell".
Am 1. September 1953 bohrte Scoville zwei Löcher in Molaisons Schädel und entfernte auf beiden Seiten des Gehirns Teile des Schläfenlappens. Dabei wurden große Teile des Hippocampus und der Amygdala, wichtige Schaltstationen der Emotionsverarbeitung, entfernt.
Die verheerenden Folgen: Anterograde Amnesie
Die Operation hatte zwar den gewünschten Effekt, die epileptischen Anfälle zu reduzieren, doch der Preis war hoch: Henry Molaison entwickelte eine schwere anterograde Amnesie. Er war fortan unfähig, neue Informationen im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Er wusste nicht, warum er sich im Krankenhaus befand, und vergaß es kurz nachdem es ihm gesagt wurde. Zehn Minuten nach dem Mittagessen konnte er sich nicht mehr daran erinnern, was er gegessen hatte oder dass er überhaupt gegessen hatte.
Molaison war in seiner Vergangenheit vor der Operation gefangen. Er konnte sich an Ereignisse aus seiner Kindheit und Jugend erinnern, aber er lebte mental weiterhin im Jahr 1953 und glaubte, er sei 27 Jahre alt. Als ihm mitgeteilt wurde, dass sein Onkel gestorben war, trauerte er, vergaß die Nachricht aber kurz darauf und trauerte erneut, als er wieder davon erfuhr.
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Patient H.M.: Ein Schlüssel zum Verständnis des Gedächtnisses
Die Tragödie von Henry Molaison machte ihn zu einem der berühmtesten und wichtigsten Studienobjekte in der Geschichte der Psychologie. Seine Fallgeschichte, veröffentlicht von Scoville und der kanadischen Psychologin Brenda Milner im Jahr 1957, widerlegte die damals weit verbreitete Annahme, dass Erinnerungen im Gehirn diffus verteilt sind.
Die Beobachtungen an H.M. zeigten, dass der Hippocampus eine entscheidende Rolle bei der Bildung neuer Langzeiterinnerungen spielt. Die Entfernung des Hippocampus hatte seine Fähigkeit, neue Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu übertragen, zerstört.
Verschiedene Gedächtnissysteme
Der Fall H.M. verdeutlichte auch, dass das Gedächtnis aus verschiedenen Modulen besteht, die an unterschiedlichen Orten im Gehirn abgespeichert werden. Obwohl H.M. keine neuen Fakten oder Ereignisse speichern konnte, war er in der Lage, neue motorische Fähigkeiten zu erlernen. In einem berühmten Experiment brachte ihm Brenda Milner bei, einen Stern durch Spiegelbild zu zeichnen. Obwohl er sich nie daran erinnern konnte, die Aufgabe schon einmal geübt zu haben, wurde er von Mal zu Mal besser.
Dies zeigte, dass das prozedurale Gedächtnis, das für das Erlernen von Fähigkeiten zuständig ist, unabhängig vom Hippocampus funktioniert. H.M. konnte auch Informationen für kurze Zeit im Kurzzeitgedächtnis behalten. Telefonnummern oder Wortlisten konnte er sich kurz merken, vergaß sie aber nach wenigen Minuten wieder.
Unerwartete Erinnerungen
Trotz seiner schweren Amnesie überraschte H.M. die Forscher manchmal mit Erinnerungen an Ereignisse oder Personen, die erst nach seiner Operation bekannt wurden. So konnte er beispielsweise den Initialen JFK den Namen John F. Kennedy zuordnen und wusste, dass er 1963 ermordet wurde. Er konnte auch "Bob Dy…" zu "Bob Dylan" vervollständigen. Woher diese Erinnerungen stammten, blieb jedoch unklar.
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Die Bedeutung des Hippocampus für das Langzeitgedächtnis
Die Forschung an H.M. bestätigte die zentrale Rolle des Hippocampus bei der Überführung von Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Der Hippocampus fungiert als eine Art "Nadelöhr", durch das Informationen hindurch müssen, um dauerhaft gespeichert zu werden.
Nach einer gängigen Vorstellung legt der Hippocampus eine Art Index der verstreuten Erinnerungselemente an und sorgt dafür, dass jedes Mal, wenn eine Facette der Erinnerung erneut aktiviert wird, das gesamte Ereignis wieder aufgerufen wird. Mit jedem Aufruf verstärken sich die Verbindungen zwischen den Speicherplätzen in der Großhirnrinde, bis sie eines Tages so kräftig sind, dass der Hippocampus nicht mehr gebraucht wird.
Der Hippocampus im Schlaf
Neuere Forschungen haben gezeigt, dass der Hippocampus auch im Schlaf eine wichtige Rolle bei der Festigung von Gedächtnisinhalten spielt. Im Schlaf werden Neuronenaktivitäten, in denen neue Informationen codiert sind, wieder und wieder rekapituliert, um die Archivierung zu erleichtern.
Eine Studie der Universität Tübingen ergab, dass auch bei der Formung von Inhalten des Langzeitgedächtnisses, die ursprünglich ohne Beteiligung des Hippocampus entstanden waren, im Schlaf auf den Hippocampus zurückgegriffen wird. Dies deutet darauf hin, dass der Hippocampus eine übergeordnete Instanz bei jeder Art der Bildung eines Langzeitgedächtnisses sein könnte.
Die Rolle des Kortex
Während der Hippocampus eine zentrale Rolle bei der Gedächtnisbildung spielt, ist er nicht der einzige Ort, an dem Erinnerungen gespeichert werden. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der Kortex, die äußere Schicht des Gehirns, ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.
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Experimente mit Mäusen haben gezeigt, dass Erinnerungen im Kortex geformt werden und dass der Hippocampus als eine Art Detektor fungiert, der Informationen sammelt und bewertet und sie dann an den Kortex weiterleitet.
Weitere Funktionen des Hippocampus
Neben seiner Rolle bei der Gedächtnisbildung ist der Hippocampus auch an anderen kognitiven Funktionen beteiligt. Er enthält sogenannte "Place Cells" (Ortszellen), die feuern, wenn sich ein Organismus an einem bestimmten Ort in seiner Umgebung befindet.
Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind oft strukturelle Veränderungen im Hippocampus zu beobachten (Volumenreduktion), was seine Fähigkeit zur Kontexteinordnung von Erinnerungen beeinträchtigen kann.
Im Hippocampus findet, im Gegensatz zu den meisten anderen Gehirnregionen, auch im Erwachsenenalter noch Neurogenese (Bildung neuer Neuronen) statt.
Das Vermächtnis von Patient H.M.
Henry Molaison starb am 2. Dezember 2008. Sein Gehirn wurde konserviert und steht Forschern weiterhin zur Verfügung. Seine Geschichte hat unser Verständnis des Gedächtnisses revolutioniert und die Hirnforschung nachhaltig beeinflusst.
Obwohl H.M. unter seiner Amnesie litt, schien es ihm ein Trost zu sein, dass seine Erfahrung dazu beigetragen hat, das Gedächtnis besser zu verstehen. "Was Scoville über mich gelernt hat, das hat auch anderen Menschen geholfen - und darüber bin ich froh", soll er einmal gesagt haben.
Ethische Fragen
Der Fall H.M. wirft auch wichtige ethische Fragen auf. Dürfen Menschen mit schweren Erkrankungen wie Epilepsie an experimentellen Eingriffen teilnehmen? Wie weit dürfen Wissenschaftler gehen, um das Gehirn zu erforschen? Wo endet medizinische Fürsorge, wo beginnt der Missbrauch von Menschen zu Karriere- und Forschungszwecken?
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