Hirnnervenausfälle und Doppelbilder: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Doppelbilder, auch Diplopie genannt, entstehen durch eine Störung des binokularen Sehens, bei dem die Bilder beider Augen nicht korrekt zu einem einzigen Bild verschmelzen. Die Ursachen für Doppelbilder sind vielfältig und können von harmlosen vorübergehenden Zuständen bis hin zu ernsten neurologischen Erkrankungen reichen. In diesem Artikel werden die verschiedenen Ursachen von Hirnnervenausfällen, die zu Doppelbildern führen können, sowie die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten beleuchtet.

Anatomie und Funktion der Hirnnerven

Die zwölf Hirnnervenpaare entspringen im Gehirn und Hirnstamm und steuern wichtige Funktionen im Kopf- und Halsbereich.

  • Hirnstamm: Der Hirnstamm besteht aus Mittelhirn, Brücke und verlängertem Mark und enthält die Ursprungsorte (Hirnnervenkerne) der meisten Hirnnerven.

    • Mittelhirn: Hier liegen die Nervenzellkörper für Muskelaktivitäten und die Ursprünge des III. und IV. Hirnnervs.
    • Brücke: Sie enthält Nervenzellkörper für den V. bis VIII. Hirnnerv sowie Teile des Atem-, Kreislauf- und Aktivitätszentrums.
    • Verlängertes Mark: Hier befinden sich die Ursprungsorte für den IX. bis XII. Hirnnerv.
  • Hirnnerven: Die Hirnnerven sind für sensorische und motorische Funktionen zuständig. Die ersten beiden Hirnnerven (N. olfactorius und N. opticus) sind eigentlich Gehirnanteile, während die übrigen zehn Nervenpaare des peripheren Nervensystems darstellen.

    • N. olfactorius (I): Riechnerv, zuständig für die Geruchswahrnehmung.
    • N. opticus (II): Sehnerv, zuständig für das Sehen. Schädigungen können durch Tumoren wie Retinoblastome oder niedriggradig maligne Gliome entstehen.
    • N. oculomotorius (III), N. trochlearis (IV), N. abducens (VI): Diese drei Nerven steuern die Augenmuskeln und damit die Bewegung des Augapfels. Der N. oculomotorius ist zusätzlich für die Lichtreaktion der Pupillen verantwortlich.
    • N. trigeminus (V): Ein großer Nerv mit vielfältigen Aufgaben, unter anderem zuständig für die Gefühlsempfindung im Gesicht und die Steuerung der Kaumuskulatur.
    • N. facialis (VII): Enthält Nervenfasern für Gefühlsempfindungen, Muskelbewegungen und vegetative Funktionen.
    • N. vestibulocochlearis (VIII): Zuständig für Hören und Gleichgewicht.
    • N. glossopharyngeus (IX): Zuständig für Geschmacksempfindung, Schlucken und Speichelproduktion.
    • N. vagus (X): Versorgt zahlreiche Organe im Kopf-, Hals- und Brustbereich und ist unter anderem für die Funktion von Kehlkopf und Luftröhre wichtig.
    • N. accessorius (XI): Steuert verschiedene Schlund- und Halsmuskeln.
    • N. hypoglossus (XII): Steuert die Zungenbewegung.

Ursachen von Hirnnervenausfällen und Doppelbildern

Eine Schädigung der Hirnnerven kann vielfältige Ursachen haben, die sich grob in folgende Kategorien einteilen lassen:

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  • Tumoren: Tumoren im Bereich des Hirnstamms, der Schädelhöhle oder der Augenhöhle können die Hirnnerven direkt komprimieren oder infiltrieren und so zu Funktionsausfällen führen. Beispiele sind Gliome, Astrozytome, Medulloblastome, Hypophysenadenome und Meningeome.
  • Vaskuläre Ursachen: Durchblutungsstörungen, wie Schlaganfälle oder Mikroangiopathien (z.B. bei Diabetes mellitus), können die Hirnnerven oder ihre Kerngebiete im Hirnstamm schädigen. Aneurysmen, insbesondere des A. communicans posterior, können ebenfalls auf den N. oculomotorius drücken.
  • Trauma: Verletzungen des Schädels oder der Augenhöhle können die Hirnnerven direkt schädigen oder zu Einklemmungen von Augenmuskeln führen.
  • Entzündungen und Infektionen: Entzündungen der Hirnnerven (Neuritis), Meningitis, Vaskulitiden (z.B. Riesenzellarteriitis) oder Infektionen (z.B. Herpes zoster, Borreliose) können die Nervenfunktion beeinträchtigen. Auch Sinusitis sphenoidalis/ethmoidalis oder Mukozelen können Hirnnervenausfälle verursachen.
  • Neurologische Erkrankungen: Multiple Sklerose, Myasthenia gravis und das Guillain-Barré-Syndrom können die Funktion der Hirnnerven beeinträchtigen.
  • Einklemmungen: Erhöhter Druck im Schädelinneren, z.B. durch einen Tumor oder eine Hirnblutung, kann zu einer Einklemmung des Hirnstamms und damit zu einer Schädigung der Hirnnerven führen. Auch die Kompression des N. oculomotorius an der Klivuskante kann zu einem Ausfall führen.
  • Autoimmunerkrankungen: Endokrine Orbitopathie (Morbus Basedow, Hashimoto-Thyreoiditis)
  • Andere Ursachen: Tolosa-Hunt-Syndrom, Sinus-cavernosus-Fistel, Ophthalomoplegische Migräne, Kongenitale Ursachen.

Spezifische Hirnnervenausfälle und ihre Auswirkungen auf die Augenbewegung

Die Hirnnerven III, IV und VI sind für die Steuerung der Augenmuskeln und damit für die Augenbewegung verantwortlich. Ein Ausfall dieser Nerven führt zu charakteristischen Störungen der Augenmotilität und resultiert häufig in Doppelbildern.

  • N. oculomotorius (III): Ein Ausfall des N. oculomotorius führt zu einer Ptosis (Herabhängen des Augenlids), einer Abweichung des Augapfels nach unten und außen (durch die Überfunktion der vom N. trochlearis und N. abducens versorgten Muskeln) und einer Mydriasis (Pupillenerweiterung). Die Patienten klagen über gekreuzte oder ungekreuzte Doppelbilder. Eine komplette Okulomotoriusparese kann aufgrund der Ptosis paradoxerweise keine Doppelbilder verursachen.
  • N. trochlearis (IV): Ein Ausfall des N. trochlearis führt zu Schwierigkeiten bei der Senkung und Einwärtsdrehung des Augapfels. Die Patienten nehmen typischerweise eine kompensatorische Kopfhaltung ein (Kopfneigung zur Gegenseite), um die Doppelbilder zu minimieren. Bei einer Kopfkippung zur Seite der Läsion verstärken sich der paralytische Strabismus und die Doppelbilder (Bielschowsky-Phänomen).
  • N. abducens (VI): Ein Ausfall des N. abducens führt zu einer eingeschränkten Abduktion des Augapfels, d.h. der Patient kann das Auge nicht vollständig nach außen bewegen. Der Augapfel ist nach innen, zur Nase hin gerichtet.

Diagnostik von Hirnnervenausfällen und Doppelbildern

Die Diagnostik von Hirnnervenausfällen und Doppelbildern umfasst eine sorgfältige Anamnese, eine umfassende neurologische und augenärztliche Untersuchung sowie bildgebende Verfahren.

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die genaue Art und Dauer der Beschwerden, Begleitsymptome (z.B. Kopfschmerzen, Schwindel, Schwäche), Vorerkrankungen (z.B. Diabetes, Multiple Sklerose) und mögliche Auslöser (z.B. Verletzungen, Infektionen).
  • Neurologische Untersuchung: Der Arzt prüft die Funktion aller Hirnnerven, die Muskelkraft, die Sensibilität, die Koordination und die Reflexe.
  • Augenärztliche Untersuchung: Der Augenarzt untersucht das Sehvermögen, die Augenbeweglichkeit, die Pupillenreaktion, die Augenstellung und das Innere des Auges (z.B. mit einer Spaltlampe). Eine Doppelbildprüfung wird durchgeführt, um die Art der Doppelbilder zu bestimmen und die beteiligten Augenmuskeln zu identifizieren.
  • Orthoptische Untersuchung: Der Orthoptist beurteilt die Augenstellung, die Beweglichkeit der Augen und das Zusammenspiel beider Augen. Es wird geprüft, ob der Patient schielt und ob er dreidimensional sehen kann.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) und Computertomographie (CT) werden eingesetzt, um Veränderungen der Augenhöhle, des Schädels oder des Gehirns sichtbar zu machen. Eine MR-Angiographie kann ein Aneurysma ausschließen.
  • Weitere Untersuchungen: Je nach Verdacht werden weitere Untersuchungen durchgeführt, z.B. Blutuntersuchungen (zur Bestimmung von Entzündungswerten, Autoantikörpern oder Blutzucker), Elektromyographie (EMG) zur Überprüfung der Muskel- und Nervenfunktion oder Lumbalpunktion zur Untersuchung des Nervenwassers.

Therapie von Hirnnervenausfällen und Doppelbildern

Die Therapie von Hirnnervenausfällen und Doppelbildern richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.

  • Behandlung der Grunderkrankung: Wenn die Doppelbilder durch eine Grunderkrankung verursacht werden (z.B. Tumor, Aneurysma, Entzündung, Multiple Sklerose), steht die Behandlung dieser Erkrankung im Vordergrund.
  • Konservative Maßnahmen: Bei vorübergehenden Doppelbildern, z.B. durch Müdigkeit oder Stress, können Ruhe und Entspannung ausreichend sein. Bei leichten Augenmuskelparesen können Prismenbrillen oder das zeitweise Abdecken eines Auges (mit einer Augenklappe) helfen, die Doppelbilder zu kompensieren. Augenübungen können ebenfalls zur Verbesserung der Augenmuskelfunktion beitragen.
  • Medikamentöse Therapie: Bei entzündlichen Erkrankungen können Kortikosteroide oder andere Immunsuppressiva eingesetzt werden. Bei Myasthenia gravis werden Cholinesterasehemmer oder Immuntherapien eingesetzt.
  • Chirurgische Therapie: In einigen Fällen ist eine Operation erforderlich, z.B. zur Entfernung eines Tumors, zur Behandlung eines Aneurysmas oder zur Korrektur einer Augenmuskellähmung. Bei Augenmuskellähmungen kann eine Schieloperation durchgeführt werden, um die Augenstellung zu korrigieren und die Doppelbilder zu beseitigen.
  • Spezielle Brillen: Bei Doppelbildern, die trotz Behandlung der Grunderkrankung bestehen bleiben, können spezielle Brillen mit Folien eingesetzt werden, die den einfallenden Lichtstrahl so bündeln, dass der Patient nur noch ein Bild sieht.

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