Impfungen sind ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Gesundheit und tragen dazu bei, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten einzudämmen. Wie bei allen medizinischen Interventionen können jedoch auch Impfungen Nebenwirkungen haben. In seltenen Fällen können neurologische Komplikationen wie Hirnnervenschädigungen nach einer Impfung auftreten. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen und Zusammenhänge von Hirnnervenschädigungen nach Impfungen, insbesondere im Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Impfstoffen.
Neurologische Komplikationen nach SARS-CoV-2-Infektion und Impfung
Eine Studie der Universität Oxford analysierte Gesundheitsdaten von über 32 Millionen Menschen in England, um die Häufigkeit neurologischer Komplikationen im Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen und -Impfungen zu untersuchen. Im Zeitraum vom 1. Dezember 2020 bis zum 31. Mai 2021 wurden Todes- und Krankenhausfälle mit Diagnosen wie akute demyelinisierende Erkrankung, Enzephalitis/Meningitis/Myelitis, Guillain-Barré-Syndrom (GBS), idiopathische Facialisparese, Myasthenie, hämorrhagischer Schlaganfall und Subarachnoidalblutung identifiziert und untersucht, um festzustellen, ob ein zeitlicher Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion oder einer Impfung bestand.
Die Ergebnisse zeigten, dass eine SARS-CoV-2-Infektion innerhalb eines Monats zu einem signifikanten Anstieg aller untersuchten neurologischen Erkrankungen führte, mit einem Faktor von 1,2 bis 5,2. Das größte Risiko bestand für GBS, Myasthenie und Enzephalitis/Meningitis/Myelitis.
Auch Impfungen gegen SARS-CoV-2 bergen geringe neurologische Risiken. Vektorimpfstoffe wie ChAdOx1 nCoV-19 von Astra Zeneca zeigten ein erhöhtes Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom, das jedoch deutlich geringer war als bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 (38 vs. 145 zusätzliche Fälle pro 10 Millionen Exponierte). mRNA-Impfstoffe schienen das Risiko für entzündliche Erkrankungen des Nervensystems nicht zu erhöhen, jedoch war die Impfung mit BNT162b2 von BioNTech mit leicht vermehrten hämorrhagischen Insulten assoziiert: 60 zusätzliche Fälle pro 10 Millionen Exponierte.
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) im Zusammenhang mit Impfungen
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die Nervenwurzeln und periphere Nerven schädigt und zu Lähmungen und anderen neurologischen Symptomen führen kann. Über die Auslösung eines GBS durch Impfungen wird seit Jahren diskutiert. In der Vergangenheit standen besonders Influenza-Impfungen im Verdacht.
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Beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Deutschland gingen in den ersten neun Monaten seit Beginn der SARS-CoV-2-Impfkampagne insgesamt 255 Meldungen eines GBS oder seiner bulbären Variante, dem Miller-Fisher-Syndrom (MFS), ein. Das entspricht bei insgesamt 108 Millionen Impfdosen einer Häufigkeit von 0,23 auf 100.000 Impfungen. Bei den Daten des PEI fällt auf, dass ein GBS/MFS vor allem bei Personen auftritt, die mit Vektorimpfstoffen geimpft wurden (ChAdOx1 nCoV-19 bzw. Ad26.COV2.S von Johnson & Johnson): 0,84 bzw. 1,1 Meldungen pro 100.000 Impfungen. Zu den mRNA-Vakzinen (Comirnaty® = BNT162b2 bzw. Spikevax®, Moderna) gab es deutlich weniger Meldungen: 0,13 bzw. 0,11 Meldungen pro 100.000 Impfungen.
Aktuelle Daten aus dem US-amerikanischen „Vaccine Adverse Event Reporting System“ (VAERS) weisen ebenfalls auf ein erhöhtes Risiko für GBS nach einer Impfung mit Vektorimpfstoffen hin. Bis Juli 2021 wurden VAERS insgesamt 130 mutmaßliche GBS-Fälle nach Impfung mit Ad26.COV2.S gemeldet. Dies entspricht etwa einem GBS pro 100.000 Impfungen und ist mehr als viermal so viel wie erwartet (Hintergrundinzidenz).
Pathogenese des GBS
Für die Entstehung eines GBS gibt es verschiedene Erklärungsmodelle. Am häufigsten wird eine Fehlfunktion des Immunsystems genannt. Im Rahmen einer Infektionsabwehr reagiert das Immunsystem auf ein Epitop des Erregers, welches einer molekularen Struktur im Körper ähnelt (molekulares Mimikry). Im Falle des AIDP wären die fälschlicherweise attackierten Strukturen die Myelinscheiden. Nach der International Guillain Barré Syndrome Outcome Study (IGOS) berichten 76 % der Betroffenen über ein potenziell auslösendes Ereignis in den vier Wochen vor der Erkrankung. Meist ist dies eine Infektion der oberen Atemwege (35 %) oder eine Gastroenteritis (27 %). Häufige, mit einem GB in Zusammenhang stehende Erreger sind Campylobacter jejuni, das Zika-Virus, Haemophilus influenzae, Mycoplasma pneumoniae, Cytomegalie-Viren sowie die Erreger von „influenza-like illnesses“.
Symptome und Diagnose des GBS
Das GBS ist eine idiopathische Polyneuritis der spinalen Nervenwurzeln und peripheren Nerven. Hirnnerven sind seltener betroffen. Frühsymptome können Kribbeln und Brennen in Händen und Füßen sein oder auch Schmerzen. Dann tritt eine zunehmende Schwäche auf, meist zunächst in den Beinen, oft begleitet von Gangunsicherheit oder -unfähigkeit. Die Lähmungen breiten sich innerhalb weniger Tage symmetrisch aus, aufsteigend von den Beinen zu den Armen und evtl. der Atemmuskulatur. Meistens dauert es zwei Wochen (maximal vier Wochen), bis die Erkrankung ihren Höhepunkt erreicht hat.
Die Diagnose wird anhand der Krankengeschichte der Betroffenen und der Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung gestellt. Wichtig sind die Kontrolle von Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung. Um eine Beeinträchtigung der Herzfunktion zu überprüfen, wird evtl. ein EKG aufgezeichnet. In der Klinik werden eine Antikörperbestimmung im Blut, eine Untersuchung der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) sowie elektrophysiologische Messungen der Nerven durchgeführt.
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Therapie und Prognose des GBS
Bei Verdacht auf ein Guillain-Barré-Syndrom ist eine notfallmäßige Krankenhauseinweisung in eine Klinik mit Intensivstation erforderlich. Ziel der Therapie ist, Symptome zu lindern, Komplikationen zu verhindern und die Rückbildung der Lähmungen zu beschleunigen. Bei schwerem Krankheitsverlauf kann eine Beatmung auf Intensivstation oder die Versorgung mit einem Herzschrittmacher nötig sein.
Bei mittelschwerem und schwerem Krankheitsverlauf werden entweder Antikörper verabreicht oder eine Blutwäsche (Plasmapharese) durchgeführt. Beide Behandlungsformen sind ungefähr gleich wirksam und reduzieren die Beatmungszeit und die Zeit bis zum Widererlangen der Gehfähigkeit. Sobald sich der Zustand verbessert, sollte möglichst bald mit einer Rehabilitationsbehandlung begonnen werden.
Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom entwickeln das maximale Ausmaß der Symptome meist innerhalb von vier Wochen. Die Lähmungen bilden sich in umgekehrter Reihenfolge, in der sie aufgetreten sind, über Wochen bis Monate zurück. 60-80 % der Betroffenen können nach sechs Monaten wieder frei gehen. Etwa die Hälfte ist nach einem Jahr vollständig beschwerdefrei. Weitere 40 % haben milde Restsymptome. 10 % leiden weiterhin unter mäßig schweren bis schweren Symptomen. Die Sterblichkeit wegen einer schweren Verlaufsform, die eine intensivmedizinische Behandlung mit Beatmung erforderlich macht, beträgt etwa 2-3 %. 2-5 % der Betroffenen erleiden einen Rückfall.
Enzephalitis als mögliche Komplikation
Eine Enzephalitis ist eine Entzündung des Gehirns, bei der mehr oder weniger große Anteile des Gehirngewebes von der Entzündung betroffen sind. Sie wird in den meisten Fällen von Viren ausgelöst, aber auch Bakterien oder Pilze können dafür verantwortlich sein. Personen mit einem geschwächten Immunsystem sind tendenziell anfälliger für eine Infektion mit Bakterien, Pilzen und auch Viren.
Ursachen der Enzephalitis
Die häufigsten Ursachen für eine Enzephalitis sind Viren, darunter:
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- Epstein-Barr-Virus
- FSME-Virus
- Herpes-simplex-Virus
- West-Nil-Virus
- Varizella-Zoster-Virus
- SARS-CoV-2-Virus
- Influenzaviren
- Japanisches-Enzephalitis-Virus
Eine autoimmune Enzephalitis wird durch eine fehlerhafte Antwort des Immunsystems ausgelöst. Das bedeutet, dass die körpereigene Abwehr beginnt, Antikörper gegen Anteile der eigenen Nervenzellen zu bilden.
Symptome und Diagnose der Enzephalitis
Die Beschwerden bei einer Enzephalitis hängen von den Ursachen und dem Schweregrad der Erkrankung, von der betroffenen Gehirnregion sowie von der allgemeinen gesundheitlichen Verfassung ab. Folgende Beschwerden können auftreten:
- Kopfschmerz
- (Hohes) Fieber
- Grippeähnliche Symptome und Abgeschlagenheit
- Verwirrtheit
- Epileptische Anfälle
- Bewusstseinsstörungen
- Neurologische Symptome wie Lähmungen oder Sprachstörungen
- Denkstörungen
- Veränderungen des Verhaltens
- Halluzinationen
Um eine Enzephalitis zu diagnostizieren, sind verschiedene Tests und Untersuchungen notwendig, darunter:
- Anamnesegespräch
- Körperliche Untersuchung
- Computertomografie (CT)
- Magnetresonanztomografie (MRT)
- Lumbalpunktion
- Blutprobe
- EEG
Therapie und Prognose der Enzephalitis
Die Therapie einer Enzephalitis richtet sich nach der Ursache der Erkrankung. Bei einer infektiösen Enzephalitis werden antivirale Medikamente eingesetzt. Bei einer autoimmunen Enzephalitis werden Immunsuppressiva eingesetzt.
Handelt es sich um eine leichte Enzephalitis, heilt diese bei der richtigen Behandlung meist komplikationslos aus und hinterlässt keine Langzeitfolgen. Je nachdem, welcher Erreger die Erkrankung ausgelöst hat, sind Spätfolgen wie neurologische Defizite wahrscheinlich.
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