Hirntumore sind eine erschreckende Diagnose, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien von Grund auf verändert. Dieser Artikel beleuchtet einige prominente Fälle von Hirntumoren und gibt Einblicke in die neuesten Fortschritte in der Forschung, die Hoffnung auf wirksamere Behandlungen wecken.
Das Schicksal von Oskar: Ein diffuses intrinsisches Ponsgliom (DIPG)
Oskar aus Boxdorf bei Nürnberg war ein aufgewecktes und fröhliches Kind. Doch sein Leben wurde durch die Diagnose eines diffusen intrinsischen Ponsglioms (DIPG) - einem bösartigen Gehirntumor - abrupt beendet. Seine Mutter Janina erinnert sich, dass Oskar sich schon früh für das Thema Tod interessierte und nach seinem Tod als Kirsche wiedergeboren werden wollte, "weil die immer zu zweit sind und wir dann immer zusammen bleiben können". Oskar verstarb im Sommer im Alter von sieben Jahren, schwer gezeichnet von der Krankheit. Mehr als zehntausend Follower verfolgten via Instagram das bewegende Schicksal von „Prinz Oskar“ und seiner jungen alleinerziehenden Mutter: Die Todes-Diagnose DIPG. Der Schock. Die Wut. Die Hoffnung. Den 14 Monate langen Kampf.
Seine Geschichte berührte viele Menschen, und es wurden Spenden gesammelt, um ihm noch einige Wünsche zu erfüllen. Janina bewahrt einige seiner Locken auf, um Oskar auf ihren Reisen mitzunehmen und ihm die Welt zu zeigen, von der er immer träumte.
Forschung als Hoffnungsträger: Dr. Alexander Beck und die Stiftung für Innovative Medizin
Oskars Geschichte ist leider kein Einzelfall. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 20 bis 30 Kinder an einem DIPG, und bisher gibt es keine wirksame Therapie. Doch es gibt Hoffnung: Dr. Alexander Beck aus München forscht an neuen Behandlungsmöglichkeiten, um diesen tödlichen Tumor eines Tages heilbar zu machen.
Am Zentrum für Neuropathologie der Ludwig-Maximilians-Universität arbeitet Dr. Beck an verschiedenen Projekten, darunter die Integration von DIPG-Zellen in "Mini-Gehirne". Diese dreidimensionalen Strukturen, die aus menschlichen Stammzellen generiert werden, ermöglichen es, Hunderte von Medikamenten auf ihre Wirksamkeit zu untersuchen.
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Dr. Beck und sein Team arbeiten mit Hochdruck, denn jedes einzelne Schicksal nimmt den Mediziner auch persönlich mit. Er betont, dass es inakzeptabel ist, dass es noch immer keine wirksamen Therapien gibt und man hilflos zusehen muss, wie die betroffenen Kinder sterben. Die BILD-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“ unterstützt seine „Stiftung für Innovative Medizin“.
Marie Fredriksson: Ein Beispiel für unerwartete Lebensdauer
Krebs im Gehirn verläuft bei jedem Patienten anders. Manche Betroffenen leben nach der Diagnose nur wenige Monate, andere noch viele Jahre. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Roxette-Sängerin Marie Fredriksson, die 2002 im Alter von 44 Jahren die Diagnose Hirntumor erhielt. Die Ärzte gaben ihr bestenfalls drei Jahre, doch sie überlebte 17 Jahre mit der Krankheit.
Mediziner räumen ein, dass die Prognosen vor 20 Jahren oft ungenauer waren. Heute nutzen sie eine feinere Einteilung der Tumore und berücksichtigen die molekularbiologischen Eigenheiten, was zu besseren und maßgeschneiderten Therapien führt.
Einflussfaktoren auf Heilungschancen und Überlebensdauer
Wie groß die Heilungschancen oder die Überlebensdauer mit einer Krebserkrankung im Gehirn sind, hängt von vielen Faktoren ab:
- Die Lage des Tumors: Wo die Krebszellen im Kopf sich befinden, bestimmt die Möglichkeit und den Umfang einer Operation. Bereits kleinste Schäden bei einer Operation können verheerende Folgen für die wichtigste Schaltzentrale des menschlichen Körpers haben.
- Die Therapie: Bei aggressiven Hirntumoren wird auch aggressiv therapiert. Das ist heute als Standard eine Kombi-Therapie mit einer dichten Abfolge von Bestrahlungs- und Chemo-Zyklen. Die Behandlungsmöglichkeiten bei Hirntumoren haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten maßgebend gewandelt und erweitert. Operation, Bestrahlung, Chemo- sowie innovative Therapien wie etwa elektrische Wechselfelder, lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise kombinieren, wodurch zuletzt ein signifikanter Anstieg der Lebenserwartung bei bösartigen Formen erzielt werden konnte.
- Die Folgewirkungen der Therapie: Die Roxette-Sängerin klagte besonders über die Bestrahlungsschäden, die bei ihr durch die zweijährige Intensivtherapie entstanden waren. Heute bestrahlen Radiologen an den Hirntumor-Zentren viel präziser und zielgerichtet auf den Tumor. Dennoch sind langfristige Schäden nicht ausgeschlossen. Auch bei der Operation im sensiblen Hirngewebe kann es zu Schäden kommen, die lebenslange Folgen haben. Heute, da unsere Patienten länger leben, darf es uns nicht nur um das reine Überleben gehen. Die Langzeit-Überlebensqualität wird immer wichtiger.
- Der Patient: Das Alter und eventuelle Vorerkrankungen bestimmen mit, wie lange der Patient Krankheit und Therapie überlebt.
Prominente Fälle und die Bedeutung von Informationen
Universitätsprofessorin Dr. Rita Schmutzler beobachtet, dass es mehr Bedarf an Informationen nach einem prominenten Krebsfall gibt. Ein besonderer Fall war etwa Angelina Jolie. Vor Jahren hat die Schauspielerin öffentlich gemacht, dass sie sich unter anderem die Brüste entfernen lässt, weil sie familiär mit Krebs vorbelastet ist. Inzwischen haben sich viele Prominente zu ihrer Krebserkrankung bekannt. Darunter die Moderatorin Sylvie Meis, die SPD-Politikerin Manuela Schwesig oder der Musiker Ralph Siegel. Auch der Fußballer Timo Baumgartl vom FC Schalke 04 hat seine Erkrankung öffentlich gemacht. Schmutzler ist es wichtig, dass Menschen verlässliche Informationen bekommen. Gerade im Netz, gibt es aber viele falsche Infos. Professorin Dr. Verlässliche Informationen gibt es etwa beim "Infonetz Krebs" von der Deutschen Krebshilfe oder beim "Krebsinformationsdienst". Wer einen Verdacht hat, sollte laut Schmutzler immer zur Ärztin oder zum Arzt des Vertrauens gehen.
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Torsten Langner: Leben mit einem Glioblastom
Mit 44 Jahren bekam Torsten Langner die Diagnose Glioblastom: ein bösartiger Hirntumor. Seine Frau Sandra bemerkte Veränderungen in seinem Verhalten und Wesen. Nach der Diagnose mussten sie lernen, mit der Situation umzugehen. Torsten Langner konnte sich einer Operation unterziehen, bei der der Tumor vollständig entfernt werden konnte. Anschließend erhielt er eine aggressive Strahlen- und Chemotherapie.
Trotz der Therapie hat die Leistungsfähigkeit von Torsten Langners Gehirn nachgelassen. Er vergisst viele Dinge und hat Wortfindungsstörungen. Er nimmt an der klinischen Studie „NOA-19“ der Deutschen Krebsgesellschaft teil, um die Denk- und Merkfähigkeitstörungen bei Glioblastom-Patienten besser zu verstehen und zu behandeln. Zudem erhielt Torsten Langner nach seiner Operation, Bestrahlung und Chemotherapie eine heute etablierte Behandlungsform namens Optune. Optune besteht aus einem tragbaren Gerät, das in einem Rucksack aufbewahrt wird, und beschichteten Keramikplättchen, die auf der Kopfhaut angebracht werden. Die lokale, nicht-invasive Behandlung, kann zu Hause durchgeführt werden und sollte 18 Stunden täglich getragen werden. Behandelt wird das Glioblastom dabei mit Tumortherapiefeldern (elektrische Wechselfelder), die das Tumorwachstum unterdrücken. In einer klinischen Studie wurde gezeigt, dass Optune das Überleben von Patienten mit einem Glioblastom signifikant verlängern kann.
Die Diagnose ist heute in ihren Familienalltag übergegangen. Sie haben sich schnell damit arrangiert, dass mein Mann nicht mehr so funktioniert, wie vor seinem Hirntumor. Sie setzen andere Prioritäten, leben intensiver und schätzen jeden gemeinsamen Augenblick.
Lina (†7): Ein Kampf gegen DIPG, der zu Tränen rührt
Die Geschichte der kleinen Lina (†7) war während der „Ein Herz für Kinder“-Spendengala am Samstagabend nur schwer zu ertragen. Zu schrecklich ist der Gedanke, was die 7-Jährige durchleiden und wie ihre Schwester Lilly (6) diesen Kampf miterleben musste - und wie Mama Nadine (42) und Papa Andreas (43) trotz der Angst vor dem, was kommt, weiter den Alltag bestreiten und zeitgleich ihren Töchtern zur Seite stehen mussten. Ein Video-Einspieler schilderte das Schicksal von Lina, die 2017 nur sechs Tage nach ihrem siebten Geburtstag an DIPG (diffuses intrinsisches Ponsgliom), einem seltenen Hirntumor, starb. „Wir wurden völlig überrollt. Mit der Diagnose ist es ein freier Fall nach unten“, so Mama Nadine im Video. Papa Andreas über die letzten Lebenstage seiner Tochter: „Es war ganz wichtig zu sagen, dass man sie liebt und dass sie keine Angst zu haben braucht. Egal, wo sie hingeht. In den Himmel natürlich und dass man sich dort wiedersehen wird. Und das hält einen selbst in gewisser Weise am Leben, weil man dann auch weiß, man trifft sie wieder.“
Linas Eltern nahmen neben Johannes B. Kerner auf dem „Ein Herz für Kinder“-Sofa Platz, sprachen vor den anwesenden Gästen im Saal und vor Millionen Fernsehzuschauern über das Schicksal ihrer verstorbenen Tochter. Auch einen Blog haben sie über Linas Schicksal geschrieben. Nadine: „Am Mittwoch ist es ein Jahr her, dass Lina gestorben ist. Und ich möchte einfach nicht, dass Lina vergessen wird. Wir haben zwei wundervolle Kinder gehabt und ich möchte einfach, dass sie in Erinnerung behalten wird und deshalb setzen wir uns dafür ein, dass andere Kinder nicht so sterben müssen, wie es unsere Lina getan hat. Die Stärke von Nadine und Andreas im Live-TV aufzutreten und über das schlimmste Schicksal, das Eltern erleben können, zu sprechen, beeindruckte.
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Neben ihnen auf der Couch: Dr. Alexander Beck, der für die Stiftung für Innovative Medizin in München an einer neuen Technologie forscht, deren Ziel es ist, kindliche Gehirntumore besser bekämpfen zu können.
Historische Perspektive: Pionierarbeit in der Gehirnchirurgie
Die Gehirnchirurgie hat eine lange und bewegte Geschichte. Im Laufe der Jahrhunderte haben Mediziner immer wieder neue Wege gefunden, um in das komplexe Organ einzugreifen und Leben zu retten.
Harvey Cushing: Der US-Neurochirurg entwickelte völlig neue Techniken der Tumorentfernung und senkte die Letalität bei Gehirnoperationen von 90 auf unter sieben Prozent. Auch auf medizinhistorischem Gebiet war Harvey Cushing eine Koryphäe: Für die Biographie über seinen Lehrer William Osler erhielt er den Pulitzer-Preis.
Seine ersten Operationen von Hirntumoren Anfang des 20. Jahrhunderts am renommierten Johns Hopkins Hospital in Baltimore verliefen oft katastrophal. Viele Patienten starben. Aber davon ließ sich der junge Chirurg Harvey Cushing nicht entmutigen. Unermüdlich arbeitete er an der Perfektionierung seiner Operationstechniken, schrieb akribische Verlaufsprotokolle, in denen er auch eigene Fehler eingestand, zeichnete präzise Skizzen des Gehirns und entwickelte neue innovative Instrumente wie eine Strompinzette zum Verschluss blutender Gefäße. Auf Erfahrungen von Kollegen konnte er kaum zurückgreifen: Um 1900 befand sich die moderne Neurochirurgie in ihren Anfängen und sollte sich erst unter Cushing, der sich als erster Chirurg überhaupt ausschließlich auf dieses Gebiet spezialisierte, als wissenschaftliches System etablieren.
Cushings Durchbruch erfolgte 1910, als er den Generalstabschef der US-Armee, Leonard Wood, in einer komplizierten Operation von einem Meningeom des Hinterhauptlappens befreite. Einen Monat später hielt der Arzt zufrieden fest, „nahm der Patient seine Arbeit mit gewohntem Elan auf, als ob nichts gewesen sei“ - für weitere 17 Jahre. Die Pioniertat, die Woods Leben rettete, förderte Cushings Vertrauen in seinen hoch spezialisierten medizinischen Ansatz wie auch seine Karriere: 1912 wurde er Professor der Chirurgie an der Harvard Universität in Boston, im Jahr darauf zudem Chefchirurg des dort neu etablierten Peter Bent Brigham Vorzeigehospitals, das er seit 1910 mitgeplant hatte. In den Folgejahrzehnten entwickelte er die Gehirnchirurgie systematisch weiter: Bis 1931 hatte er die Letalität, die anfangs bei 90 Prozent lag, auf knapp sieben Prozent gesenkt. Während zuvor Medizingeschichte eher in Europa geschrieben wurde, gingen Chirurgen von dort nun zur Weiterbildung nach Amerika, um von Cushing und seinen Schülern zu lernen.
Broca und die Lokalisierung von Hirnfunktionen: Aber noch immer stand Broca mit seiner Lehre allein. Niemand wollte die These stützen, daß es Funktionszentren im Gehirn gebe und daß man zum Beispiel beim Ausfall der Sprache auf eine Gehirngeschwulst im Sitz des Sprachzentrums schließen könne. Niemand ließ sich überzeugen, daß man genau dort den Schädel öffnen und den Tumor entfernen könne.
Erst Ende der sechziger Jahre bekam Broca Unterstützung. Der Arzt John Hughlings Jackson vom Queen-Square-Hospital in London hatte beobachtet, daß bei einseitigen, epilepsie-ähnlichen Krampfanfällen erst der Fuß, dann das Bein, die Hand, der Arm und schließlich die Muskeln einer Gesichtsseite geschüttelt werden. Er schloß aus dieser Erfahrung, daß es Befehlszentren für alle diese Teile geben müsse, daß diese Zentren in einer Reihe nebeneinander liegen und folglich nacheinander durch eine sich ausbreitende Störung überdeckt werden.
Diese Theorie wurde im Jahre 1871 durch eine überraschende Nachricht aus Berlin untermauert. Zwei junge Ärzte, die Doktoren Fritsch und Hitzig, hatten die Gehirnoberfläche lebender Hunde bloßgelegt. Als sie die Oberfläche mit schwachen elektrischen Stromstößen abtasteten, stellten sie fest, daß bei der Berührung gewisser Zonen der Gehirnrinde Muskelbewegungen in der jeweils gegenüberliegenden Körperhälfte entstanden. Die Ärzte führten Stecknadeln als Markierungen ein, töteten die Versuchstiere und öffneten die Gehirne. Das Ergebnis bestätigte ihre Erwartungen: Jedesmal hatten die Nadelspitzen die gleichen Stellen in den Zentralhirnwindungen markiert.
Der Durchbruch: Schon rund drei Jahre später, am 25. November 1884, erwachte im Queen-Square -Hospital in London der erste Patient, der nach einer genauen neurologischen Diagnose von einem exakt lokalisierten Gehirntumor befreit worden war. Der junge Neurologe Alexander Hugh Bennet hatte bei dem Patienten, einem 25jährigen Bauernburschen, der mit unerträglichen Kopfschmerzen, Krämpfen und schweren Lähmungserscheinungen eingeliefert worden war, nach Ferriers Lehre einen operablen Tumor oberhalb des sogenannten Handzentrums diagnostiziert. Er hatte den Chirurgen Rickman Godlee überredet, den Schädel des Kranken zu öffnen und den Tumor herauszuschneiden.
Weitere prominente Fälle:
Neben den bereits genannten Fällen gibt es weitere prominente Persönlichkeiten, die von Hirntumoren betroffen waren:
- Wolfgang Herrndorf: Der Autor beendete sein Leben, nachdem bei ihm ein Glioblastom festgestellt worden war. Zuvor hatte er sein Leben und Leiden in seinem Blog "Arbeit und Struktur" protokolliert.
- Hannelore Kohl: Die Frau des früheren Bundeskanzlers litt an unerträglichen Schmerzen und beging Selbstmord.
- Gunter Sachs: Der Opel-Nachfahre erschoss sich aus Angst vor einer "ausweglosen Krankheit A.".
- Udo Reiter: Der frühere MDR-Intendant griff ebenfalls zur Waffe, um sein Leben zu beenden.
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