Die Anatomie der Nerven, insbesondere der hohen und tiefen Nerven, ist ein komplexes und faszinierendes Feld. Das Nervensystem, bestehend aus dem zentralen (ZNS) und peripheren Nervensystem (PNS), steuert unzählige Körperfunktionen, von willkürlichen Bewegungen bis hin zu unwillkürlichen Prozessen wie Atmung und Herzschlag. Dieser Artikel bietet einen detaillierten Einblick in die Anatomie hoher und tiefer Nerven, wobei sowohl die Hirnnerven als auch die Spinalnerven und die dazugehörige Muskulatur berücksichtigt werden.
Einführung in das Nervensystem
Das Nervensystem ist das Kommunikationsnetzwerk des Körpers, das Informationen empfängt, verarbeitet und Reaktionen auslöst. Es besteht aus Milliarden von Nervenzellen, den Neuronen, die über Fortsätze (Dendriten und Axone) miteinander kommunizieren. Das Nervensystem wird in zwei Hauptteile unterteilt:
- Zentrales Nervensystem (ZNS): Umfasst Gehirn und Rückenmark. Es ist das Steuerzentrum des Körpers, geschützt durch Schädel und Wirbelsäule.
- Peripheres Nervensystem (PNS): Umfasst alle Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks. Es verbindet das ZNS mit den Organen, Muskeln und der Haut.
Das PNS wird weiter unterteilt in:
- Somatisches Nervensystem: Steuert willkürliche Bewegungen der Skelettmuskulatur.
- Autonomes Nervensystem: Reguliert unwillkürliche Funktionen wie Atmung, Herzschlag und Verdauung. Es besteht aus dem Sympathikus (aktivierend) und dem Parasympathikus (beruhigend).
- Enterisches Nervensystem: Reguliert die Funktion des Magen-Darm-Trakts.
Die Hirnnerven: Direkte Verbindungen zum Gehirn
Im Gegensatz zu den Spinalnerven, die aus dem Rückenmark austreten, entspringen die zwölf Hirnnerven direkt aus dem Gehirn. Sie werden mit römischen Ziffern nummeriert und versorgen hauptsächlich den Kopf- und Halsbereich.
- Nervus olfactorius (I): Riechnerv, der Geruchsinformationen überträgt.
- Nervus opticus (II): Sehnerv, der visuelle Signale von der Netzhaut zum Gehirn leitet. Streng genommen ist der N. opticus ein Teil des Gehirns, ebenso wie die Netzhaut.
- Nervus oculomotorius (III): Steuert die meisten Augenmuskeln und ist an der Pupillenreaktion beteiligt.
- Nervus trochlearis (IV): Steuert einen einzelnen Augenmuskel (Musculus obliquus superior).
- Nervus trigeminus (V): Verantwortlich für die Gesichtssensibilität und die Steuerung der Kaumuskulatur.
- Nervus abducens (VI): Steuert einen weiteren Augenmuskel (Musculus rectus lateralis).
- Nervus facialis (VII): Steuert die Mimik, den Geschmackssinn im vorderen Zungenbereich und die Speichel- und Tränenproduktion.
- Nervus vestibulocochlearis (VIII): Überträgt Informationen über Gleichgewicht und Gehör.
- Nervus glossopharyngeus (IX): Steuert das Schlucken, den Geschmackssinn im hinteren Zungenbereich und die Speichelproduktion.
- Nervus vagus (X): Versorgt zahlreiche Organe im Körper mit Nervenimpulsen, einschließlich Herz, Lunge und Verdauungsorgane. Er zieht über den Hals hinaus in die inneren Organe des Körpers.
- Nervus accessorius (XI): Steuert bestimmte Halsmuskeln (Musculus trapezius und Musculus sternocleidomastoideus).
- Nervus hypoglossus (XII): Steuert die Zungenbewegung.
Die Hirnnervenkerne, Ansammlungen von Nervenzellkörpern im Hirnstamm, sind eng mit den Hirnnerven verbunden. Die Beziehung zwischen Nerven und Kernen ist komplex, wobei ein Kern mehrere Nerven versorgen oder ein Nerv von mehreren Kernen versorgt werden kann.
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Der Hirnstamm: Lebenswichtige Schaltzentrale
Der Hirnstamm (Truncus cerebri) ist ein kleiner, aber lebenswichtiger Teil des Gehirns, der die Verbindung zwischen Gehirn, Kleinhirn und Rückenmark darstellt. Er besteht aus drei Hauptteilen:
- Medulla oblongata (verlängertes Rückenmark): Kontrolliert lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck.
- Pons (Brücke): Leitet Informationen zwischen Gehirn und Kleinhirn und ist an der Steuerung von Schlaf, Atmung und Schlucken beteiligt.
- Mesencephalon (Mittelhirn): Beteiligt an der Steuerung von Augenbewegungen, Hören und motorischen Funktionen.
Der Hirnstamm enthält zahlreiche Nervenbahnen, die sensorische Signale zum Zwischenhirn und motorische Signale vom Cortex zum Rückenmark leiten. Er beherbergt auch Kerne, die für die Steuerung vieler Körperfunktionen verantwortlich sind, einschließlich lebensnotwendiger Reflexe wie Schlucken, Brechen und Husten. Die Formatio reticularis, ein netzartiges Gebilde, das sich durch den gesamten Hirnstamm zieht, ist ein zentraler Taktgeber dieser Vitalfunktionen.
Schädigungen des Hirnstamms können schwerwiegende Folgen haben, von Lähmungen und Empfindungsstörungen bis hin zum Tod durch Herz- oder Atemstillstand.
Die Wirbelsäule: Stütze und Schutz
Die Wirbelsäule ist die zentrale Stütze des Körpers und ermöglicht den aufrechten Gang. Sie besteht aus 33 Wirbeln, die durch Bandscheiben miteinander verbunden sind. Die Wirbelsäule schützt das Rückenmark, das die Verbindung zwischen Gehirn und Körper darstellt.
Die Wirbelsäule wird in fünf Abschnitte unterteilt:
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- Halswirbelsäule (7 Wirbel): Ermöglicht die Kopfbewegung.
- Brustwirbelsäule (12 Wirbel): Bietet Ansatzpunkte für die Rippen und stabilisiert den Brustkorb.
- Lendenwirbelsäule (5 Wirbel): Trägt den Großteil des Körpergewichts und ermöglicht die Rumpfbewegung.
- Kreuzbein (5 Wirbel): Verschmolzen zu einem Knochen, der das Becken stabilisiert.
- Steißbein (3-5 Wirbel): Rudimentärer Schwanzwirbel.
Zwischen den Wirbeln liegen die Bandscheiben, die als Stoßdämpfer dienen und die Wirbelsäule beweglich machen. Sie bestehen aus einem äußeren Faserring und einem weichen, gallertartigen Kern.
Die Spinalnerven: Verbindungen zum Körper
Die Spinalnerven treten zwischen den Wirbeln aus dem Rückenmark aus und versorgen den Körper mit Nervenimpulsen. Jeder Spinalnerv besteht aus einer vorderen (motorischen) und einer hinteren (sensorischen) Wurzel.
Die Spinalnerven werden nach ihrer Austrittshöhe benannt:
- 8 Halsnerven (C1-C8)
- 12 Brustnerven (T1-T12)
- 5 Lendennerven (L1-L5)
- 5 Kreuzbeinnerven (S1-S5)
- 1 Steißbeinnerv (Co1)
Die Spinalnerven bilden ein komplexes Netzwerk, das den gesamten Körper versorgt. Sie leiten sensorische Informationen zum Gehirn und motorische Impulse zu den Muskeln.
Die Rückenmuskulatur: Stabilität und Bewegung
Die Rückenmuskulatur ist ein komplexes System von Muskeln, die die Wirbelsäule stützen und Bewegung ermöglichen. Sie wird in tiefe (intrinsische) und oberflächliche (extrinsische) Muskeln unterteilt.
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Tiefe Rückenmuskulatur
Die tiefe Rückenmuskulatur liegt direkt an der Wirbelsäule und ist für die Stabilisierung und Aufrichtung des Körpers verantwortlich. Sie besteht aus zahlreichen kleinen Muskeln, die zwischen den Wirbeln verlaufen.
- Autochthone Rückenmuskulatur: Entstand direkt am Rücken während der embryologischen Entwicklung. Sie wird in einen inneren (medialen) und äußeren (lateralen) Trakt unterteilt.
- Nicht-autochthone Rückenmuskulatur: Wanderte während der embryologischen Entwicklung zum Rücken hin.
Zu den tiefen Rückenmuskeln gehören:
- Mm. interspinales: Zwischendornmuskeln, die die Wirbelsäule strecken.
- Mm. spinales: Dornfortsatzmuskeln, die die Hals- und Brustwirbelsäule beugen.
- Mm. rotatores breves und longi: Kurze und lange Drehmuskeln, die die Wirbelsäule drehen.
- Mm. multifidi: Vielgefiederte Muskeln, die den Oberkörper beugen und strecken.
- Mm. semispinales: Halbdornmuskeln, die den Kopf und die Halswirbelsäule strecken und drehen.
- M. iliocostalis: Darmbein-Rippen-Muskel, der den Oberkörper beugt und streckt.
- M. longissimus: Längster Muskel, der den Kopf, die Halswirbelsäule und den Oberkörper dreht und streckt.
- M. splenius capitis und cervicis: Riemenmuskel des Kopfes und des Halses, die den Kopf und die Halswirbelsäule neigen, drehen und strecken.
- Mm. intertransversarii: Zwischenquerfortsatzmuskeln, die Hals und Oberkörper neigen und die Wirbelsäule stabilisieren.
- M. serratus posterior superior und inferior: Hintere Sägemuskeln, die die Atmung unterstützen und die Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule neigen und strecken.
Oberflächliche Rückenmuskulatur
Die oberflächliche Rückenmuskulatur liegt über der tiefen Rückenmuskulatur und ist für die Bewegung von Schultern, Armen und Rumpf verantwortlich.
Zu den oberflächlichen Rückenmuskeln gehören:
- M. trapezius: Trapez- oder Kapuzenmuskel, der das Schulterblatt bewegt und die Halswirbelsäule neigt, dreht und streckt.
- M. latissimus dorsi: Breiter Rückenmuskel, der den Oberarm bewegt und das Ausatmen unterstützt.
- M. levator scapulae: Schulterblattheber, der das Schulterblatt bewegt und die Halswirbelsäule beugt.
- Mm. rhomboidei: Rautenmuskeln, die das Schulterblatt bewegen und stabilisieren.
- Mm. serrati posteriores: Hintere Sägemuskeln, die die Rippen bewegen und die Atmung unterstützen.
Der Nervus radialis: Ein wichtiger Nerv des Arms
Ein spezifisches Beispiel für einen wichtigen Nerv im Körper ist der Nervus radialis. Er ist ein bedeutender peripherer Nerv des Armnervensystems, der aus Nervenwurzeln des Plexus brachialis entspringt (C5 bis C8). Er verläuft entlang des Arms auf der Außenseite und versorgt verschiedene Muskeln im Ober- und Unterarmbereich mit motorischen Nervenfasern.
Der Nervus radialis innerviert Muskeln wie den Musculus triceps brachii, den Musculus brachioradialis und den Musculus extensor carpi radialis longus und brevis. Darüber hinaus innerviert der Nerv alle Unterarmextensoren motorisch.
Der Ramus superficialis des N. radialis versorgt unter anderem einen etwa Daumengroßen Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger am Handrücken. Dieses Gebiet ist autonom dem Nervus radialis zugeordnet und wird nur von ihm versorgt.
Entlang des Verlaufs des Nervus radialis gibt es mehrere Engstellen, die auf anatomische Gegebenheiten zurückzuführen sind. Eine primäre Engstelle befindet sich im Sulcus radialis des Oberarms. Darüber hinaus liegt eine Engstelle am Übergang vom Ober- zum Unterarm, wenn der Nerv durch den Supinatorkanal tritt.
Schmerzen und Entzündungen des Nervus radialis können durch verschiedene Ursachen wie traumatische Verletzungen, übermäßige Druckbelastung, entzündliche Prozesse oder anatomische Anomalien verursacht werden. Typische Symptome können Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Muskelschwäche im Bereich des Arms und der Hand sein. Eine Schädigung des Nervus radialis kann zur Fallhand führen.
Häufige Probleme und Erkrankungen
Rückenschmerzen sind ein weit verbreitetes Problem, das verschiedene Ursachen haben kann, darunter:
- Muskuläre Verspannungen und Verkürzungen: Durch einseitige Belastungen, Fehlhaltungen oder Stress.
- Bandscheibenvorfall: Austritt von Bandscheibengewebe, das auf Nervenwurzeln drückt.
- Spinalkanalstenose: Verengung des Wirbelkanals, die auf Rückenmark und Nervenwurzeln drückt.
- Ischias: Reizung oder Einklemmung des Ischiasnervs.
- Facettensyndrom: Schmerzen aufgrund von Arthrose der Wirbelgelenke.
- Piriformis-Syndrom: Verkürzung oder Verspannung des Piriformis-Muskels, der auf den Ischiasnerv drückt.
- Failed-Back-Surgery-Syndrom: Anhaltende Rückenschmerzen nach einer Wirbelsäulenoperation.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung von Rückenschmerzen richtet sich nach der Ursache und kann konservative Maßnahmen wie Physiotherapie, Schmerzmittel, Injektionen oder operative Eingriffe umfassen.
- Konservative Therapie: Physiotherapie, manuelle Therapie, Wärmeanwendungen, Massagen, Schmerzmittel, Injektionen mit Kortison oder Betäubungsmitteln.
- Interventionelle Schmerztherapie: Facettendenervierung, epidurale Injektionen, Neuromodulation mit PASHA®-Katheter.
- Operative Eingriffe: Bandscheibenoperation, Dekompression des Spinalkanals, Versteifung der Wirbelsäule, Bandscheibenprothese.