Unser Hörsinn ist ein ständiger Begleiter, der uns selbst im Schlaf nicht verlässt. Ein gesundes Ohr ist in der Lage, ein breites Spektrum an Tönen wahrzunehmen, von tiefen Bässen bis zu hohen Vogelstimmen. Doch das eigentliche Wunder des Hörens geschieht nicht im Ohr, sondern im Gehirn.
Die Genialität des Gehirns bei der Sprachwahrnehmung
Das Gehirn ist ein wahres Genie, wenn es darum geht, Sprache in all ihren Facetten und Situationen zu verarbeiten. Ob im Restaurant, am Telefon oder in einer lauten Umgebung - unser Unterbewusstsein filtert unwichtige Geräusche heraus und konzentriert sich auf das Wesentliche.
Das Gehirn nimmt Geräusche in einem 360-Grad-Radius wahr und kann zwischen vorne und hinten, oben und unten unterscheiden. Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, die Richtung einer Schallquelle zu bestimmen, die Größe des Raumes einzuschätzen und Hindernisse zu erkennen.
Der Weg des Schalls zum Gehirn
Die Form unserer Ohren ist kein Zufall. Sie ist so gestaltet, dass Schallwellen optimal erfasst und durch den Gehörgang zum Trommelfell geleitet werden. Hinter dem Trommelfell befinden sich die drei kleinsten Knochen des menschlichen Körpers: Hammer, Amboss und Steigbügel. Diese Knochen leiten die Schallwellen mechanisch weiter.
Diese drei Knochen benötigen kaum Platz, nur etwa einen Quadratzentimeter. In unmittelbarer Nähe befinden sich das Gleichgewichtsorgan und die Cochlea, auch Hörschnecke genannt. Die Cochlea ist nicht viel größer als eine Erbse. Der Steigbügel, der letzte Knochen des Mittelohrs, fungiert als Verbindung zwischen Mittel- und Innenohr. Er trifft auf die Membran des ovalen Fensters und versetzt dadurch die Flüssigkeit in der Hörschnecke in Schwingung.
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Über den Hörnerv gelangen diese elektrischen Impulse zu den hochspezialisierten Bereichen im Gehirn, wo die gehörten Informationen interpretiert und verstanden werden. Hier findet das eigentliche Verstehen statt, hier wird den gehörten Dingen Sinn gegeben. Hörsysteme mit Brainhearing-Technologie unterstützen das Gehirn bei dieser natürlichen Versteh-Arbeit.
Oszillationen: Wie Hirnwellen das Hören beeinflussen
Unsere Hirnaktivität ist einem ständigen Auf und Ab unterworfen. Beim Zuhören gleichen sich diese Oszillationen den gehörten Klängen der Umwelt an. Forschungen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben gezeigt, dass die Kopplung von Klängen und Hirnwellen einen Einfluss darauf hat, wie wir hören. Die Fähigkeit zu hören oszilliert regelrecht mit den Hirnwellen und wird mit ihnen besser oder schlechter.
Die Welt ist voller periodischer Phänomene. Ein Beispiel ist unsere Aufmerksamkeitsspanne im Laufe des Tages. Dieser Tag-Nacht-Rhythmus beeinflusst nicht nur unser Verhalten, sondern auch unsere gesamte Wahrnehmung. In den Neurowissenschaften wird vermutet, dass auch kleinste Rhythmen in der Umwelt Rückkopplungen auf unser Gehirn und unser Verhalten haben könnten, selbst wenn sie sich innerhalb weniger Millisekunden abspielen.
Molly Henry und Jonas Obleser von der Max-Planck-Forschungsgruppe „Auditive Kognition“ haben diese Idee weiterverfolgt. Sie untersuchten die Auswirkungen solcher Rhythmen auf die menschliche Sprach- oder Musikverarbeitung. In Experimenten präsentierten sie kaum hörbare, eine hundertstel Sekunde lange Pausen, die in eine Melodie von regelmäßig variierter Tonhöhe eingebettet waren. Sie konnten zeigen, dass das Gehirn mit dem Auf und Ab in der Tonhöhe der Melodie „mitgerissen“ wurde - Hirnaktivität und Melodie zeigten den gleichen Rhythmus. Vor allem aber wurde die Fähigkeit der Studienteilnehmer, Pausen zu erkennen, periodisch mit dem Auf und Ab der Hirnaktivität besser und schlechter. Anhand der Hirnwellen konnten die Forscher sogar vorhersagen, ob eine Pause in der Melodie erkannt werden würde.
Das Gehirn bereitet sich also scheinbar durch Rhythmen der Umwelt darauf vor, wichtige Informationen besonders gut weiter zu verarbeiten.
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Gutes Hören beginnt im Gehirn
Gutes Hören ist entscheidend für unsere Lebensqualität. Es ermöglicht uns, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, Gespräche zu führen und unsere Umwelt bewusst wahrzunehmen. Doch viele Menschen wissen nicht, dass das eigentliche Verstehen von Sprache im Gehirn stattfindet - nicht im Ohr.
Der Hörprozess beginnt im Ohr: Schallwellen treffen auf das Trommelfell, werden über die Gehörknöchelchen im Mittelohr weitergeleitet und gelangen ins Innenohr, wo sie in elektrische Impulse umgewandelt werden. Über den Hörnerv erreichen diese Signale dann das Gehirn - und dort beginnt das eigentliche Verstehen.
Das Gehirn analysiert die empfangenen Signale, interpretiert sie und filtert wichtige Informationen heraus. Besonders in lauten Umgebungen ist dieser Filtermechanismus im Gehirn entscheidend: Er sorgt dafür, dass wir z. B. bei einem Familienfest dem Gesprächspartner gegenüber zuhören können, obwohl rundherum viele Geräusche und Stimmen zu hören sind. Diese Fähigkeit nennt man auch selektives Hören - oder umgangssprachlich den „Cocktailparty-Effekt“.
Wenn diese Hörfilter im Gehirn nicht mehr richtig arbeiten - etwa durch eine lang andauernde Hörminderung oder fehlende Hörreize -, fällt es schwer, Sprache aus einem Geräuschwirrwarr herauszufiltern. Man hört zwar, versteht aber nicht, weil das Gehirn verlernt hat, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Das führt oft zu Frustration, Rückzug und dem Gefühl, nicht mehr richtig „dazuzugehören“.
Hörgeräte und Hörtraining: Ein ganzheitlicher Ansatz
Moderne Hörgeräte sind kleine Hightech-Wunder. Sie verstärken Sprache, reduzieren Störgeräusche und passen sich vielen Hörsituationen automatisch an. Doch auch das beste Hörsystem ersetzt nicht die kognitive Verarbeitung im Gehirn. Ohne entsprechendes Training kann das Gehirn mit der neuen Informationsflut überfordert sein - vergleichbar mit einem untrainierten Muskel, der plötzlich volle Leistung bringen soll.
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Hier kommt das Hörtraining ins Spiel. Es wurde speziell dafür entwickelt, die Filterfunktion im Gehirn wieder zu aktivieren. Durch gezielte Hörübungen lernen Sie erneut, relevante Sprache aus einem Stimmgewirr herauszuhören, Hintergrundgeräusche auszublenden und in komplexen Hörsituationen souverän zu reagieren. Hörtraining ist also kein Luxus, sondern ein entscheidender Bestandteil der erfolgreichen Hörgeräteversorgung, insbesondere bei:
- Hörentwöhnung
- Tinnitus
- Morbus Menière
- Hörsturz
- Hyperakusis
- auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen
- Konzentrationsproblemen
- allgemeiner Reizüberflutung
Schutz und Pflege des Gehörs
Es ist wichtig, das Gehör vor Schäden zu schützen und seine Funktion so lange wie möglich zu erhalten. Laute Musik kann das Gehör schädigen. Lärmschutz-Stöpsel mit speziellen Filtern machen alles leiser, ohne dumpf zu klingen.
Die Belastung für unser Gehör ist gestiegen, was sich nicht nur daran zeigt, dass Singvögel in Städten heute lauter zwitschern müssen, um sich mit ihren Artgenossen zu verständigen. Doch nicht nur Lärm belastet, sondern auch, wenn Gespräche, Musik und das Summen der Bienen nicht mehr wie gewohnt wahrgenommen werden können.
Am 3. März findet alljährlich der Welttag des Hörens statt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO wirbt mit der Kampagne für regelmäßige Hörtests und frühzeitige Intervention im Falle einer Hörminderung.
Die Rolle der Hörschnecke und der Haarzellen
Ein wesentlicher Teil beim Vorgang des Hörens findet in der Hörschnecke statt. Auf der dortigen Basilarmembran befinden sich rund 16.000 Haarzellen pro Ohr. Sind sie zerstört, wachsen sie nicht nach. Anders als Zähne lassen sie sich jedoch nicht ersetzen. Die Haarzellen arbeiten hoch spezialisiert: Jeweils vier Haarzellen - drei äußere und eine innere - sind für eine Frequenz zuständig. Haarzellen für die hohen Töne befinden sich dabei am Eingang der Hörschnecke, an ihrem Ende diejenigen für die tiefen Töne.
Sind Haarzellen zerstört, können die betroffenen Frequenzen nicht mehr wahrgenommen werden. Wird etwa das Ohr plötzlich einem sehr lauten Geräusch ausgesetzt, entsteht häufig bei 6 kHz ein Hörverlust, das sogenannte Knalltrauma. Eine Lärmschwerhörigkeit findet sich oft bei 4 kHz, beispielsweise durch langes Arbeiten mit lauten Maschinen oder durch laute Musik. Menschen mit einer Altersschwerhörigkeit können meist hohe Töne nicht mehr so gut wahrnehmen; hierbei handelt es sich vermutlich um eine Verschleißerscheinung, denn die entsprechenden Haarzellen befinden sich am Eingang der Hörschnecke.
Die Wechselwirkung zwischen Ohr und Gehirn
»Das Ohr sendet aber nicht nur Impulse an das Gehirn, es erhält vom Gehirn sogar mehr Impulse als umgekehrt«, berichtet Buchautor und Ex-DJ Thomas Sünder. Was wir hören, was wir verstehen und wie wir es empfinden, hängt sehr stark von diesem Austausch ab. Ist das Hören beeinträchtigt, weil etwa bestimmte Haarzellen keine Informationen mehr liefern, nehmen auch nachgeschaltete Funktionen Schaden. So weisen aktuelle Studien darauf hin, dass Hörstörungen einer der wichtigsten Risikofaktoren zur Entstehung von Demenzerkrankungen sind. Die Mechanismen sind noch nicht im Detail geklärt.
Bereits dies zeigt, wie eng Hören und Fühlen miteinander verbunden sind. »Wichtig zu wissen ist außerdem, dass sich die Belastungen addieren«, betont Sünder. Anders als bei einem Hörsturz verschlechtert sich bei der Altersschwerhörigkeit das Hörvermögen meist schleichend. Viele Betroffene haben daher durch Gewöhnung und Ausgleichsmechanismen auch nicht das Gefühl, schlechter zu hören. Sie müssen sich jedoch viel stärker als zuvor konzentrieren, um alles richtig zu verstehen. »Das Gehirn muss viel mehr Arbeit leisten, um die fehlende Hör-Information zu ergänzen«, erläutert Sünder.
Betroffene fühlen sich daher besonders nach dem Zusammensein mit anderen Menschen oft erschöpft. Sich bei Bedarf frühzeitig zu einem Hörgerät zu entschließen, erleichtert nicht nur das Hören und die Kommunikation, sondern trägt dazu bei, die komplizierten Strukturen, die unter anderem für das Hören und Verstehen erforderlich sind, zu erhalten. Zudem fällt dann die Eingewöhnung nicht so schwer.
»Wer ein Hörgerät bekommt, hört zunächst - je nach Geräteeinstellung - ziemlich ungefiltert alles, also auch unangenehme Geräusche«, berichtet Sünder. Er selbst hat anfangs wegen eines Dauerrauschens im Hörgerät an einen Gerätedefekt gedacht. Es handelte sich aber um den ganz normalen Hamburger Großstadt-Lärm, den er zwei Jahre lang - zwischen Hörsturz und Hörgerät - nicht mehr wahrgenommen hatte und den er nun plötzlich wieder hören konnte. »Mein Gehör funktionierte mit dem Hörgerät sofort wieder, nicht aber die Filterfunktion des Gehirns, die nun alle Geräusche ungebremst durchließ. Das muss man wissen, wenn man ein Hörgerät bekommt, sonst erschrickt man. Noch besser ist es, wenn man es schon vorher weiß.
Hören und Denken
Es ist wichtig zu verstehen, dass Hören und Denken eng miteinander verbunden sind. Wer Gebärdensprache versteht oder vom Lippenbild absehen kann, nimmt Sprache über die Augen wahr. Und wer z. B. Brailleschrift oder das Lorm-Alphabet kann, erfährt Sprache über den Tastsinn. Wenn man sie uns beibringt, können wir Sprache über verschiedene Sinne erlernen und nutzen. Ganz entscheidend für das Denken ist jedoch, dass du überhaupt eine Sprache hast, sie verstehst und immer wieder benutzt.
Auswirkungen auf das Denken hat es auch, wenn man den Kontakt zur angestammten Sprache verliert, weil ein Sinn nachlässt. Weil das Gehirn dann nicht mehr bekommt, was es an Input braucht. Und weil man eine Sprache auch verlernen kann, wenn man sie nicht oder kaum noch benutzt. Eine Reihe neuerer Untersuchungen zeigen z. B., dass es einen Zusammenhang zwischen nachlassendem Gehör und einer frühzeitigen Demenz-Erkrankung gibt.
Die Integration von Gehörinformationen im Gehirn
Meistens geben unsere beiden Ohren dem Gehirn unterschiedlichen Input. Trotzdem nehmen wir Gesagtes immer als einheitliche Sprachlaute wahr. Dies geschieht durch den Abgleich der beteiligten Hirnareale mit Hilfe von Gamma-Wellen, wie Neurolinguisten der Universität Zürich herausgefunden haben.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass wir nicht alles zweimal hören: Denn unsere Ohren sitzen auf gegenüberliegenden Seiten des Kopfes und die meisten Töne erreichen die Ohrmuscheln zeitlich leicht versetzt. «Dies hilft uns zwar zu bestimmen, aus welcher Richtung Geräusche kommen, bedeutet aber auch, dass unser Gehirn die Informationen beider Ohren zusammenführen muss. Ansonsten würden wir ein Echo hören», erklärt Basil Preisig vom Psychologischen Institut der Universität Zürich.
Hinzu kommt, dass Input vom rechten Ohr zuerst die linke Hirnhälfte und Input vom linken Ohr zuerst die rechte Hirnhälfte erreicht. Die beiden Hälften übernehmen bei der Sprachverarbeitung unterschiedliche Aufgaben: Die linke Seite ist für die Unterscheidung der Silben zuständig, die rechte erkennt die Sprachmelodie. Der genaue Mechanismus hinter diesem Integrationsprozess war bis jetzt nicht bekannt.
In früheren Studien fand Preisig jedoch Hinweise darauf, dass vom Gehirn hervorgerufene messbare Schwingungen - sogenannte Gamma-Wellen - dabei eine Rolle spielen. Nun ist es ihm gelungen, einen direkten Zusammenhang zwischen der Integration des Gehörten und der Synchronisierung durch Gamma-Wellen nachzuweisen.
Die Synchronisation der Gamma-Wellen scheint also die verschiedenen Inputs der beiden Hirnhälften miteinander abzugleichen und so für einen eindeutigen akustischen Eindruck zu sorgen. «Unsere Resultate unterstützen die Idee, dass die durch Gamma-Wellen vermittelte Synchronisation zwischen verschiedenen Hirnarealen ein grundlegender Mechanismus für die neuronale Integration ist», sagt Preisig.
Diese Erkenntnisse könnten in naher Zukunft auch Anwendung in der Klinik finden. «Frühere Studien zeigen, dass Störungen der Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften mit auditiven Phantomwahrnehmungen wie Tinnitus und Stimmenhören einhergehen», so Preisig.
Hörverlust und Demenz: Ein möglicher Zusammenhang
Das Phänomen ist bekannt: Wenn im Alter das Gehör nachlässt, steigt das Risiko, an Demenz zu erkranken oder andere geistige Einbußen zu erleiden. Experimente mit Mäusen zeigen: Der Grund dafür sind offenbar Störungen der Signalübertragung im Gehirn. Betroffen ist vor allem der Hippocampus: jene Hirnregion, die die Pforte in unser Gedächtnis ist.
Fehlende Reize aus dem Hörnerv können zu Veränderungen am Hippocampus führen - einer für die Gedächtnisbildung entscheidenden Hirnregion. Anders als bei Mäusen ohne den genetisch vorprogrammierten Hörverlust veränderten sich in diesem Areal laufend die Verteilung und Dichte der Rezeptoren, an die bestimmte Botenstoffe andocken.
Wie reibungslos das vonstattengeht, beeinflusst, wie gut ein Signal von einer zur anderen Nervenzelle übertragen wird. Im Hippocampus entscheidet das über die Merkfähigkeit bei Mensch und Tier. Bei Lernprozessen nimmt die Zahl der Rezeptoren zwischen den beteiligten Nervenzellen zu. Die Informationsübertragung wird so zunehmend verstärkt. Solche und andere Prozesse, mit denen das Gehirn auf den Einfluss von Reizen reagiert, bezeichnen Neurologen als synaptische Plastizität. Sie ist die Voraussetzung für Lernen und Gedächtnisbildung.
Diese Fähigkeit schwindet bei Menschen mit Demenz zunehmend. Betroffen davon sind zuerst neue Gedächtnisinhalte. Offenbar stören die immer schwächer werdenden Signale aus dem Hörsinn die normale Ausprägung der Rezeptoren im Hippocampus.
Die Forscher glauben, dass die sich laufend verändernde Verfügbarkeit der Rezeptoren die Informationsverarbeitung behindert. „Das führt zu einer Art Treibsand, der verhindert, dass der Hippocampus effektiv arbeitet“, so Denise Manahan-Vaughan.
Die Studie unterstreicht, dass es für die geistige Gesundheit wichtig ist, einen Hörverlust möglichst frühzeitig auszugleichen - beispielsweise mit einem Hörgerät. Dafür gibt es noch ein weiteres wichtiges Argument: Das Gehirn verlernt die Verarbeitung der einzelnen Frequenzen, wenn die Signale zu lange ausbleiben. Das kann mit einem Hörgerät später nicht mehr ausgeglichen werden. Man sollte also nicht warten, bis man sehr schlecht hört, bevor man zum Hörgeräteakustiker geht.
Hören als Konstruktion des Gehirns
Hören ist der schnellste Sinn und funktioniert mit wenig Input. Aus Schwingungen der Trommelfelle konstruiert das Gehirn eine reichhaltige akustische Welt. Die Ohrmuschel sammelt Schallschwingungen, die vom Außenohr ins Mittelohr gelangen. Schallwellen lenken am Ende des Gehörgangs das Trommelfell aus, das wiederum Gehörknöchelchen in Schwingung versetzt. Die Hörschnecke im Innenohr wandelt dieses mechanische Ereignis in neuronale Impulse um, die dann die Hörbahn entlangrasen und letztlich in die Hörrinde gelangen
Unterschiedliche Gruppen von Neuronen verarbeiten hohe und tiefe Frequenzen und so können bloße Geräusche, Musik und Sprache unterschieden werden. Auch beim Hören erhalten wir nur die Informationen der Trommelfelle im linken und rechten Ohr, die durch von menschlichen Stimmen erzeugte Schallwellen schwingen. Aus diesen Schwingungen vermag das Gehirn eine komplexe akustische Welt zu rekonstruieren. Und das Gehör informiert nicht nur darüber, wo sich eine Schallquelle befindet und ob es sich beispielsweise um einen Menschen oder eine laute Verkehrsstraße handelt.
Das Gehirn verarbeitet die unterschiedlichsten Schallinformationen, vom Rauschen der Blätter bis zur Stimme eines geliebten Menschen - und verknüpft sie mit Erfahrungswerten und Emotionen oder auch mit anderen Sinneseindrücken.
Der Weg des Schalls durch das Ohr
Je nachdem, ob sich der Schall in langsamen oder schnellen Wellen bewegt, empfinden wir ihn als tiefen oder hohen Ton. Die Frequenz, ausgedrückt in Hertz (Hz), ist das Maß für die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde. Das menschliche Ohr hört Frequenzen zwischen 20 und 20.000 Hz. Den Schall zu sammeln ist die Aufgabe der Ohrmuschel des Außenohrs. Sie bildet eine Art Trichter und leitet die Schwingungen in den Gehörgang, von wo aus sie ins Mittelohr gelangen.
Schallwellen treffen am Ende des Gehörgangs auf das Trommelfell und lenken es aus, so dass dieses seinerseits die drei Gehörknöchelchen in Schwingung versetzt. Die Hörschnecke, die Cochlea im Innenohr, wandelt den mechanischen Input schließlich in neuronale Impulse um, die dann die Hörbahn entlangrasen.
Das Signal wird auf diesem Weg zu verschiedenen Kernen im Hirnstamm geleitet - eine Art Verteilerstation, von der aus parallele Signalwege verlaufen. Ziemlich am Ende der Hörbahn projiziert der Thalamus die Information in die primäre Hörrinde im Schläfenlappen. Diesem „Hörzentrum“ haben wir es vor allem zu verdanken, dass wir die akustische Vielfalt der Welt überhaupt bewusst wahrnehmen.
Jeweils unterschiedliche Gruppen von Neuronen in der Hörrinde sprechen auf verschiedene Frequenzen an. Und Geräusche haben jeweils ein ganz charakteristisches Frequenzspektrum. Die menschliche Sprache beispielsweise bewegt sich im Bereich von 80 Hz bis 12 kHz. Und während Musik oder Hintergrundgeräusche ein Gemisch aus verschiedenen Frequenzen darstellen, besitzt jede Stimme ihre typische Frequenz.
Die Entwicklung des Gehörs im Laufe der Evolution
Die überlebenswichtige Fähigkeit, Schall zu verarbeiten, entwickelte sich erst allmählich im Verlauf der Evolution. Frühe Lebewesen, die das Wasser und später auch das Land bewohnten, verfügten noch über kein Gehör. Schall konnten sie nur in Form von Wasser- oder Bodenvibrationen wahrnehmen. Die ersten kieferlosen Fische etwa hatten dafür ein so genanntes Seitenlinienorgan, in dem Haarzellen lokale Wasserbewegungen detektierten und die Fische bei der Orientierung im Wasser unterstützte. Daraus entwickelte sich das Innenohr der Wirbeltiere mit der Hörschnecke und dem Gleichgewichtsorgan. Letzteres ist - wie der Name schon sagt - unverzichtbar, um in verschiedenen Lebenssituationen die Balance zu halten.
Gleichzeitig mit der Entwicklung des Gehörs hat bei den Vorfahren der Säugetiere vermutlich das Gehirn stark an Volumen gewonnen. Ein klein wenig schneller als in den Zeiträumen der Evolution bildet sich das Gehör heutzutage bei neuen Erdenbürgern aus. Ungefähr ab der 23. Schwangerschaftswoche lassen sich erste Reaktionen des Fötus auf akustische Reize feststellen, unter anderem eine erhöhte Pulsfrequenz. Im letzten Schwangerschaftsdrittel können Föten hören - vor allem die Stimme der Mutter. Kein Wunder, dass sie direkt nach der Geburt deren Klang bevorzugen. Besonders im ersten Lebensjahr verläuft die Entwicklung rasant. Sind Neugeborene noch kaum in der Lage, hohe Frequenzen zu hören, nehmen bereits sechs Monate alte Säuglinge fast das gesamte akustische Spektrum des menschlichen Ohrs wahr.
Tinnitus und Lärmschäden
Für hohe Töne haben nicht nur Neugeborene kein allzu offenes Ohr, sondern oft auch Menschen mit einem Tinnitus. Statt von außen kommen hier die qualvollen Geräusche von innen - und meist sind sie nicht mal objektiv wahrnehmbar. Seinen Ursprung nimmt der Tinnitus oftmals durch Schäden im Innenohr, etwa durch ein Schalltrauma. Doch wie immer mehr Wissenschaftler glauben, ist für das anhaltende, nervtötende Pfeifen ist nicht das Gehör an sich, sondern vielmehr das Gehirn verantwortlich.
Übermäßiger oder lang anhaltender Lärm kann aber nicht nur Tinnitus auslösen, sondern auch sonst die seelische und körperliche Gesundheit schädigen. Es macht also durchaus Sinn, das Gehör ein wenig zu schonen.
Zusammenfassung
Alle unsere Sinne sind eng mit dem Gehirn gekoppelt. So ist auch das Phänomen „Hören" ein Zusammenspiel aus der Aufnahme und Verarbeitung akustischer Signale sowie dem Verstehen des Gehörten. Die Ohren nehmen akustische Signale aus der Umwelt auf und wandeln diese in eine Form um, die das Gehirn verarbeiten kann. Im Hörzentrum des Gehirns angekommen, wecken die Kommunikationssignale in logischen Verknüpfungen unterschiedliche Erinnerungen und Erfahrungen, die sich seit Kindesalter bzw. bereits im Mutterleib angesammelt haben. Das Gehörte mit Erinnerungen zu verbinden, beschreibt den Prozess des Verstehens.