Hunger ist ein grundlegendes menschliches Gefühl, das uns signalisiert, dass unser Körper Nahrung benötigt. Doch was genau passiert in unserem Körper, wenn wir Hunger verspüren? Welche Hormone sind beteiligt und wie wird dieser komplexe Prozess gesteuert? Dieser Artikel beleuchtet die physiologischen Mechanismen des Hungers, die Rolle von Hormonen wie Ghrelin und Leptin und die Faktoren, die unser Essverhalten beeinflussen.
Hunger und Appetit: Zwei unterschiedliche Konzepte
Es ist wichtig, zwischen Hunger und Appetit zu unterscheiden. Hunger ist ein biologisches Warnsignal, das auf einen Energiemangel hinweist. Der Körper meldet, dass er Energie und Nährstoffe benötigt, um seine Funktionen aufrechtzuerhalten. Appetit hingegen ist ein subjektives Verlangen nach Nahrung, das nicht unbedingt mit einem tatsächlichen Energiemangel zusammenhängt. Er wird stark durch äußere Reize wie Gerüche, Aussehen von Speisen oder emotionale Zustände beeinflusst. Beide Phänomene steuern unser Essverhalten und können in Balance oder Dysbalance wirken.
Die Entstehung von Hunger: Ein komplexer Regelkreis
Hunger entsteht durch komplexe Regelkreise im Gehirn, insbesondere im Hypothalamus. Dieser Hirnbereich reagiert auf verschiedene Signale, darunter den Blutzuckerspiegel, Hormone und Energiereserven. Der Hypothalamus ist eine wichtige Schaltzentrale, die auch Atmung und Blutdruck koordiniert. Hier befinden sich Nervenzellen, die hormonelle Signale aus dem Magen empfangen, wie Sättigungssignale, die von Hormonen wie Leptin übermittelt werden, und Energiemangelsignale, die das Hormon Ghrelin vermittelt. Über diese Signale wird unser Hunger gesteuert.
Der Ablauf zur Entstehung von Hunger ist hochkomplex und bis heute nicht vollständig verstanden. Das Regulationssystem für die Nahrungsaufnahme unseres Körpers ist komplex. Es kommen viele Botschaften im Gehirn an, die das Hunger- und Sättigungsempfinden, aber auch den Appetit regulieren. Knapp 30 unterschiedliche chemische Verbindungen und Botenstoffe sind insgesamt beteiligt. So übermitteln Aminosäuren, Glukose oder Fettsäuren Informationen zur Sättigung an Rezeptoren im Magen-Darm-Trakt. Diese Informationen werden ans Gehirn weitergeleitet. Andere Rezeptoren, die in der Magenwand sitzen, melden, dass der Magen gefüllt ist.
Ghrelin: Das Hungerhormon
Ghrelin ist ein hungersteigerndes Hormon, das hauptsächlich in der Magenschleimhaut produziert wird. Es wird bei Nahrungsmangel ausgeschüttet und signalisiert dem Gehirn, dass es Zeit zum Essen ist. Ghrelin fördert die Ausschüttung von hungersteigernden Peptiden wie Neuropeptid Y und Agouti-related Peptide (AgRP). Auch Sinneseindrücke wie der Geruch oder der Anblick von Speisen können zu einer vermehrten Ausschüttung von Ghrelin führen. Vor den Mahlzeiten steigt der Ghrelin-Spiegel und nimmt mit dem Essen ab. Deshalb ist er nach dem Nachtschlaf besonders hoch, wenn wir lange nichts gegessen haben. Außerdem hemmt Ghrelin die Fettverbrennung und vergrößert darüber die Fettspeicher. Es sorgt dafür, dass der Körper genug Energie erhält und ausreichend Reserven im Körper angelegt werden.
Lesen Sie auch: Dopamin und Wohlbefinden
Leptin: Das Sättigungshormon
Leptin ist ein Hormon, das hauptsächlich im Fettgewebe produziert wird. Es wird von den Adipozyten (Fettzellen) sezerniert und zeigt vereinfacht deren Speicherzustand an. Je mehr Fettgewebe vorhanden ist, desto mehr Leptin wird in das Blut abgegeben, um die Nahrungsaufnahme zu begrenzen. Leptin wirkt am Hypothalamus und bindet membranständige Rezeptoren, die sogenannten Obesety-Rezeptoren (Ob-R). Es senkt hier aber die Ausschüttung des Peptidhormons Y, wobei dafür Proopiomelanocortin (POMC) freigesetzt wird und reguliert damit den Hunger nach unten. Dadurch werden wiederum katabole Stoffwechsel angeregt, unter anderen die Lipolyse (Fettabbau) in den Zellen. Leptin beeinflusst neben dem Appetit den Stoffwechsel, die Körpertemperatur und sogar das Immunsystem.
Insulin: Ein weiterer wichtiger Faktor
Insulin ist ein Hormon, das aktiv den Blutzuckerspiegel senken kann. Es wird immer aus den Betazellen des Pankreas (Bauchspeicheldrüse) ausgeschüttet, seine Sekretion wird aber vor allem bei steigendem Blutglukosespiegel erhöht. Hauptaufgabe des Insulins ist nun, den Zucker aus dem Blut in die Zellen zu transportieren, dabei hat es aber eine ganze Reihe an Nebeneffekten.
Das Zusammenspiel von Ghrelin und Leptin
Das Verhältnis von Ghrelin und Leptin ist mitentscheidend dafür, dass der Energiehaushalt ausgeglichen ist. Im besten Fall arbeiten Leptin und Ghrelin wie ein eingespieltes Team: Ghrelin meldet Hunger, man isst, Leptin sorgt für das Sättigungsgefühl, beide Spiegel pendeln sich dann wieder ein. Doch das System kann aus dem Gleichgewicht geraten.
Leptinresistenz: Wenn das Sättigungsgefühl ausbleibt
Bei einer Leptin-Resistenz können im Hypothalamus die Sättigungssignale des Leptins nicht richtig interpretiert werden. Eine Leptin-Resistenz begünstigt Adipositas, also krankhaftes Übergewicht: Trotz ausreichender Nahrungszufuhr verspüren Betroffene weiter ein Hungergefühl und nehmen mehr Nahrung zu sich, als für einen ausgeglichenen Energiehaushalt nötig ist. Ursachen können chronische Entzündungen, Schlafmangel, Stress oder eine sehr zucker- und fettreiche Ernährung sein. Auch bestimmte Botenstoffe aus dem Fettgewebe selbst können die Leptinwirkung stören.
Weitere Faktoren, die das Hungergefühl beeinflussen
Neben Hormonen spielen auch andere Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von Hunger:
Lesen Sie auch: Serotonin: Hormon oder Neurotransmitter?
- Blutzuckerspiegel: Ein abfallender Blutzuckerspiegel signalisiert Hunger, während ein hoher Blutzuckerspiegel das Sättigungszentrum aktiviert.
- Magen-Darm-Trakt: Die Dehnung des Magens durch Nahrung löst Sättigungssignale aus. Auch die Verdauung von Fett im Darm setzt Hormone frei, die das Sättigungsgefühl fördern.
- Geschmack: Der Geschmack der Nahrung spielt eine erhebliche Rolle. Eine geschmacklich eintönige Nahrung führt dazu, dass man weniger isst, während wohlschmeckende Nahrung die Nahrungsaufnahme steigert.
- Umweltfaktoren: Signale aus der Umwelt, wie der Anblick oder Geruch von Essen, können den Appetit anregen.
- Psychologische Faktoren: Stress, Schlafmangel und emotionale Zustände können das Hungergefühl beeinflussen.
Ständiger Hunger: Mögliche Ursachen
Ständig Hunger zu haben kann unterschiedliche Ursachen haben und muss nicht immer auf hohen Energiebedarf zurückgehen. Häufig spielen hormonelle Faktoren wie ein erhöhter Ghrelinspiegel oder eine gestörte Wirkung von Leptin eine Rolle. Stress, Schlafmangel und psychische Belastungen verstärken dieses Gefühl zusätzlich. Auch bestimmte Medikamente wie Antidepressiva, Antiepileptika und Antipsychotika, die direkt in den Hirnstoffwechsel eingreifen, können Auslöser für ein fehlendes Sättigungsgefühl sein.
Heißhunger: Plötzliches Verlangen nach Nahrung
Als Heißhunger bezeichnet man das plötzliche Verlangen nach sofortiger Nahrungsaufnahme, häufig auch gepaart mit bestimmten Gelüsten, etwa nach Süßem oder Salzigem. Das kann physiologische Ursachen haben und beispielsweise durch einen tatsächlich niedrigen Blutzuckerspiegel oder Salzverlust durch immenses Schwitzen. Essen bedient aber beispielsweise auch das Dopaminsystem, wodurch ein ersehnter „Belohnungseffekt“ beim Essen auftritt. So kann Heißhunger auch psychisch bedingt sein. Treten Heißhungerattacken pathologisch häufig und ohne erkennbare Ursache auf, sollten sie unbedingt ärztlich abgeklärt werden.
Appetitlosigkeit: Ein Warnsignal des Körpers
Appetitlosigkeit ist in vielen Fällen ein Warnsignal des Körpers und kann ernste psychische und physische Ursachen haben. Wenn man keinen Appetit hat, kann dies beispielsweise durch eine Infektion, Parasitose, eine Lebererkrankung, Magenschleimhautentzündung (Gastritis) oder eine Urämie (Vergiftung durch harnpflichtige Substanzen) verursacht sein. Auch maligne Tumoren können eine Inappetenz zur Folge haben. Gleichzeitig sollte man aber auch immer die Substanzen, die verantwortlich sein können, in Betracht ziehen. Neben einigen Medikamenten kann hier beispielsweise Kokain eine Quelle des Symptoms sein.
Beeinflussung des Leptin-Ghrelin-Haushalts
Leptin erhöhen oder Ghrelin senken - geht das? Hier könnte eine bequeme Möglichkeit liegen, um unser Körpergewicht zu reduzieren. Allerdings sind nicht alle Fälle von Übergewicht oder Adipositas hormonell bedingt, weshalb die Beeinflussung des körperlichen Hormonhaushaltes oft nicht sinnvoll ist. Das zeigt gerade das Beispiel der Leptin-Resistenz: Hier nützt die Einnahme des Hormons überhaupt nichts.
Also besser beim Hungerhormon Ghrelin ansetzen, mit so etwas wie einem Ghrelin-Blocker? Einem Medikament, dass einerseits die Hunger hervorrufende Wirkung des Ghrelins einschränkt und auch die Energieverwertung anregt, um darüber das Körperfett zu reduzieren? Tatsächlich wird an solchen Arzneimitteln geforscht. Und in den USA ist seit November 2021 ein Präparat zugelassen, das zwar nicht das Ghrelin blockiert, aber die Rezeptoren im Hypothalamus beeinflusst und die Sättigungssignale des Leptins verstärkt. Allerdings ist dieses Medikament nicht frei von Nebenwirkungen.
Lesen Sie auch: Einfache Erklärung: Hormon- und Nervensystem
Vor pharmazeutischen Lösungen sollte immer der Versuch stehen, sein Körpergewicht durch ausgewogene Ernährung oder ein Mehr an körperlicher Aktivität zu verringern. Das kann nicht nur zu einem verbesserten Gleichgewicht von Hunger- und Sättigungsgefühl und zu einer Gewichtsabnahme führen, sondern auch die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden positiv beeinflussen.
Tipps für ein gesundes Essverhalten
- Achtsames Essen: Konzentrieren Sie sich auf Ihre Mahlzeit und nehmen Sie jeden Bissen bewusst wahr. Kauen Sie langsam und gründlich.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Essen Sie zu regelmäßigen Zeiten, um Ihren Blutzuckerspiegel stabil zu halten.
- Ausgewogene Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Ballaststoffen, Proteinen und gesunden Fetten.
- Vermeiden Sie stark verarbeitete Lebensmittel: Diese enthalten oft viele Kalorien und wenig Nährstoffe.
- Trinken Sie ausreichend Wasser: Oft wird Durst mit Hunger verwechselt.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung hilft, den Stoffwechsel anzuregen und das Hungergefühl zu regulieren.
- Stressmanagement: Finden Sie Wege, um Stress abzubauen, da Stress das Hungergefühl beeinflussen kann.
- Schlaf: Achten Sie auf ausreichend Schlaf, da Schlafmangel das Hungergefühl verstärken kann.