Die Frage, ob Hummer und andere Tiere Schmerzen empfinden können, ist ein viel diskutiertes Thema mit weitreichenden ethischen Implikationen. Bis vor kurzem wurde allgemein angenommen, dass Hummer und andere Krustentiere kein Schmerzempfinden haben, da es keine wissenschaftlichen Beweise dafür gab. Im Gegensatz zu Wirbeltieren können sie weder schreien, noch zeigten sie für uns Menschen merkbare Reaktionen, die auf ein Schmerzempfinden hindeuten. Doch neue wissenschaftliche Erkenntnisse und ethische Überlegungen fordern diese Annahme heraus.
Historische und wissenschaftliche Perspektiven
Bis ins 17. Jahrhundert hinein hielt sich die Meinung, dass Tiere im Allgemeinen kein Schmerzempfinden besitzen. Der französische Philosoph René Descartes sprach Tieren sogar gänzlich ein Bewusstsein ab. Studenten der Veterinärmedizin in den USA wurde bis in die 1980er Jahre hinein erklärt, dass Tiere keinen Schmerz empfinden könnten.
In den letzten Jahren haben jedoch neue Ergebnisse dazu veröffentlicht, was in wirbellosen Tieren vor sich geht, dazu gehören unter anderem Hummer, Schnecken oder Insekten. Und auch bei Fischen ist man inzwischen viel schlauer. Forschende gehen heute davon aus, dass Fische so etwas wie Schmerz empfinden können.
Die Wahrnehmung von Schmerz nennt man in der Wissenschaft Nozizeption und die dafür verantwortlichen Rezeptoren Nozizeptoren. Dies sind freie Nervenendigungen der Rückenmarksneuronen und kommen in allen schmerzempfindlichen Geweben des Körpers vor.
Das Schmerzempfinden von Hummern
Hummer gehören zur Familie der Hummerartigen innerhalb der Gattung Zehenfußkrebse und sind vorwiegend in den kühlen, gemäßigten Gewässern des Nordatlantiks zu finden. Fossile Funde belegen, dass Hummer bereits im Jura-Zeitalter zu finden waren und sich im Laufe von Millionen von Jahren kaum verändert haben.
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Es ist grundsätzlich eine furchtbare Vorstellung, dass Hummer lebend in kochendes Wasser geworfen werden, um sie im Anschluss mit Zitrone garniert auf dem Teller zu präsentieren. Hummer fühlen keinen Schmerz, heißt es. Früher wurde in Restaurantküchen der Hummer mittels eines Messerstichs zwischen den Fühlern getötet. Mittlerweile werden Hummer auch mit Gas eingeschläfert. Viele Menschen, die Hummer essen wollen, möchten aber die „Frische-Garantie“ und kaufen daher einen lebenden Hummer. Der Todeskampf im siedenden Wasser dauert bis zu 8 Minuten.
Mittlerweile gehen Experten davon aus, dass Krebstiere, zu denen auch der Hummer zählt, über hochentwickelte Nervensysteme verfügen und dadurch logischerweise ein Schmerzempfinden haben. Wissenschaftlern ist es noch nicht gelungen, konkrete Beweise vorzulegen, aber es wurde festgestellt, dass Hummer zum Beispiel die gleichen Reaktionen zeigen wie ein Hund, der mit Stromstößen gequält wird.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Lange wurde davon ausgegangen, dass Krustentiere wie Krabben und Hummer kein Schmerzempfinden haben, weil es dafür keine wissenschaftliche Grundlage gab. Denn im Gegensatz zu Wirbeltieren können sie weder schreien noch zeigten sie für uns Menschen merkbare Reaktionen, die auf ein Schmerzempfinden hindeuten.
Wie Forschende der Universität Göteborg herausgefunden haben, verarbeiten Schalentiere sehr wohl Schmerz im Gehirn. Eine große Schwierigkeit, die sich bei der bisherigen Forschung ergab, war, dass Krustentiere wie Krabben ein anderes Nervensystem besitzen. Während sich dieses bei Wirbeltieren zum Gehirn konzentriert, haben Krabben und Insekten ein sogenanntes Strickleiternervensystem. Aber auch dieses reagiert bei Krabben auf schädliche Reize, wie die Studie ergab. Dies sei „nur ein weiterer Beweis“ dafür, dass diese Tiere Schmerzen empfinden können, erklärt Doktorand Eleftherios Kasiouras.
Demnach maßen er und sein Team die Gehirnaktivität von 20 Strandkrabben, indem sie bei den Schalentieren Elektroden an einige Nerven anbrachten, die bei den Krustentieren das zentrale Nervensystem bilden. Um diese Nerven zu stimulieren, wurden sie verschiedenen schmerzhaften Reizen wie Essig und Elektroschocks ausgesetzt. Diese Reize wurden auf das weiche Gewebe verschiedener Körperteile appliziert, was zu einer erhöhten Gehirnaktivität führte. Laut den Autoren der Studie deute diese Erkenntnis darauf hin, dass Schmerzen bei Krebsen „an das Gehirn weitergeleitet und dort registriert werden“. Das sei ähnlich wie bei anderen Tieren sowie bei Menschen.
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Verhaltensstudien
Wissenschaftler aus Belfast kamen in verschiedenen Studien zu dem Ergebnis, dass Hummer sowie kleinere Krebstiere Schmerzen empfinden und sich an diesen später auch erinnern, indem sie Elektroschocks gezielt ausweichen. Das bedeutet folglich, dass sie ein Gedächtnis haben, bewusst Entscheidungen treffen und lernfähig sind. Bei Flusskrebsen wurde in einer französischen Studie neben einem Schmerzempfinden auch ein dem Menschen ähnliches Angstempfinden nachgewiesen. Eine vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) geförderte Studie zeigte, dass bei Hummern und Flusskrebsen, die in kochendes Wasser gesetzt wurden, über ein bis zwei Minuten eine starke Aktivität im Zentralnervensystem messbar war.
Ethische Implikationen
Wenn Hummer tatsächlich Schmerzen empfinden können, wirft dies wichtige ethische Fragen auf. Ist es moralisch vertretbar, Tiere unnötig leiden zu lassen, nur um sie zu essen? Viele Menschen sind der Meinung, dass alle Lebewesen ein Recht auf ein schmerzfreies Leben haben und dass es unsere Pflicht ist, ihnen dieses Recht zu gewähren.
Der Verhaltensforscher Frans de Waal gibt zu bedenken: "Tieren abzusprechen, dass sie Gefühle haben, erscheint nicht vernünftig, wenn man sich die ganzen Ähnlichkeiten mit Menschen anschaut - körperlich und auch im Verhalten." De Waal schreibt dazu in Fachmagazin Science, dass es für Menschen vermutlich leichter gewesen sei, sich das Gegenteil lange Zeit einzureden, um Tiere ohne schlechtes Gewissen ausbeuten zu können.
Frans de Waal fordert, dass wir umdenken müssen: Wenn Tiere nämlich Gefühle haben, und zwar auch der Hummer und die Biene. Dann muss man ihre Interessen moralisch mitbedenken.
Gesetze und Vorschriften zum Schutz von Hummern
Angesichts der wachsenden Besorgnis über das Wohlergehen von Hummern haben einige Länder und Regionen Gesetze und Vorschriften erlassen, um sie besser zu schützen.
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Schweiz
In der Schweiz besteht seit 1. März 2018 eine Regelung, die vorschreibt, wie Hummer zubereitet werden müssen. Die Tiere müssen betäubt werden, zum Beispiel mithilfe eines Elektroschocks, bevor sie ins kochende Wasser geworfen werden. Um des Tierschutzes willen sollen die Tiere nämlich betäubt werden, bevor sie in den heißen Kochtopf wandern. Auch dürfen noch lebende Hummer in der Schweiz nur noch gekühlt, nicht aber in eiskaltem Wasser oder auf Eis transportiert werden.
Österreich und andere Länder
In Österreich ist der Hummer seit dem 1. Januar 2005 mit Wirbeltieren gleichgestellt. Auch Neuseeland, zwei Staaten in Australien, Schottland, England und Norwegen lehnen das Lebendkochen von Hummer inzwischen ab.
Deutschland
In Deutschland werden Hummer und andere Krebstiere meist lebend in kochendes Wasser gesetzt und sind so minutenlangen Todesqualen ausgesetzt. Viele Verbraucher sind sich diesem unermesslichen Tierleid bewusst, was eine von PETA Deutschland im Oktober 2014 in Auftrag gegebene Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) deutlich aufzeigte. PETA hat das Bundeslandwirtschaftsministerium zum Erlass eines Kochverbots für unbetäubte Krebstiere aufgefordert, doch bis heute hat sich an den Vorgaben des Tierschutzgesetzes nichts geändert - das Kochen von Hummern ohne vorherige Betäubung ist in Deutschland weiterhin erlaubt.
Humane Tötungsmethoden
Wenn man Hummer essen möchte, sollte man sicherstellen, dass sie auf humane Weise getötet werden. Es gibt verschiedene Methoden, die als humaner gelten als das Lebendkochen:
- Elektroschock: Ein Elektroschock kann das Nervensystem des Hummers schnell und schmerzlos außer Funktion setzen.
- Betäubung mit Gas: Hummer können auch mit Gas betäubt werden, bevor sie getötet werden.
- Messerstich: Ein gezielter Messerstich in das Gehirn des Hummers kann ihn ebenfalls schnell töten.
Alternativen zum Hummerfleisch
Für Menschen, die auf Hummerfleisch verzichten möchten, gibt es eine Vielzahl an tierfreundlichen Alternativen. Immer mehr Anbieter bringen vegane Produkte auf den Markt, die in Konsistenz und Geschmack an Krebs- und andere Meerestiere erinnern.
Weitere Aspekte des Hummerkonsums
Neben den ethischen Fragen gibt es auch andere Aspekte, die beim Hummerkonsum berücksichtigt werden sollten:
- Nachhaltigkeit: Der Wildfang von Hummern kann die Hummerpopulationen gefährden. Es ist wichtig, Hummer aus nachhaltigen Quellen zu wählen oder auf Zuchtbetriebe zurückzugreifen.
- Gesundheit: Hummerfleisch kann mit Schwermetallen und anderen Schadstoffen belastet sein. Es ist ratsam, Hummer nur in Maßen zu konsumieren. Hummerfleisch enthält wie das Fleisch anderer Meerestiere viel Cholesterin.
- Allergien: Krebstiere, vor allem Hummer, gehören zu den häufigsten Allergenen, die schwere bis lebensbedrohliche allergische Reaktionen auslösen können.
- Mikrobielle Kontamination: Hummerfleisch ist ein leicht verderbliches Produkt, das schnell mikrobiell kontaminiert wird und somit lebensmittelbedingte Krankheiten begünstigt. Falsche Lagerung und Zubereitung fördern gesundheitsgefährdende Bakterien wie Salmonellen. Der Verzehr kann zu einer Lebensmittelvergiftung führen und Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Fieber und Kopfschmerzen auslösen.
Die Bedeutung des Umdenkens
Die Frage, ob Hummer Schmerzen empfinden können, ist komplex und noch nicht abschließend geklärt. Die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass Hummer zumindest ein gewisses Maß an Schmerzempfinden haben.
Es ist an der Zeit, dass wir unsere Denkweise über Tiere überdenken und ihre Interessen moralisch mitbedenken. Wenn wir Tiere nicht unnötig leiden lassen wollen, müssen wir bereit sein, unsere Konsumgewohnheiten zu ändern und auf tierfreundlichere Alternativen umzusteigen.