Hyaluronsäure und Myelin: Eine Verbindung im Fokus der Multiplen Sklerose-Forschung

Einleitung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden angreift, die Nervenfasern umhüllen und isolieren. Die Zerstörung dieser Schutzschicht führt zu einer beeinträchtigten Signalübertragung und somit zu neurologischen Ausfällen. Die Forschung konzentriert sich intensiv auf die Mechanismen, die sowohl die Zerstörung des Myelins als auch die fehlende Reparatur betreffen. Jüngste Studien haben eine interessante Verbindung zwischen Hyaluronsäure und der Myelinregeneration aufgezeigt, die neue Therapieansätze eröffnen könnte.

Die Rolle der Myelinscheiden bei Multipler Sklerose

Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden an, was zu einer chronischen Entzündung des Nervensystems führt. Diese Myelinscheiden sind essenziell für die schnelle und effiziente Übertragung von Nervenimpulsen. Die Folge der Zerstörung der Myelinscheiden ist eine gestörte Kommunikation zwischen den Nervenzellen, was sich in vielfältigen neurologischen Symptomen äußert.

Neue Erkenntnisse aus der Forschung: Hyaluronsäure als Bremsfaktor der Myelinreparatur

Eine Studie der Oregon Health & Science University (OHSU) unter der Leitung von Larry Sherman hat ergeben, dass ein bestimmtes Signal im geschädigten Gehirn die Reparatur der Myelinscheiden verhindert. Dieses Signal steht im Zusammenhang mit dem Protein CD44 und der Produktion von Hyaluronsäure, einem speziellen Kohlenhydrat.

Der CD44-Hyaluronsäure-Mechanismus

Die Forscher fanden heraus, dass eine hohe Konzentration des Proteins CD44 mit einer vermehrten Produktion von Hyaluronsäure einhergeht. Diese Säure wiederum verhindert, dass Oligodendrozyten, die körpereigenen Myelin-Fabriken, neue Myelinscheiden bilden können. Dieser Mechanismus wurde zuvor noch nie beobachtet und bietet einen neuen Ansatzpunkt für die Entwicklung von Therapien.

Tiermodelle und erste Erfolge

Die Erkenntnisse wurden zunächst an Versuchsmäusen gewonnen, die Symptome ähnlich denen von MS-Patienten zeigten. Die Forscher hoffen nun, diesen Effekt im Tierversuch umkehren zu können und so Behandlungsmöglichkeiten für den Menschen zu finden.

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Hyaluronsäure: Mehr als nur ein "Klebstoff"

Hyaluronsäure ist ein wichtiger Bestandteil der extrazellulären Matrix im Gehirn. Sie unterstützt die Zellen nicht nur strukturell, sondern spielt auch eine Rolle bei der Signalübertragung. Bei Verletzungen der weißen Substanz kann Hyaluronsäure jedoch auch Entzündungsreaktionen verstärken.

Stephen Back, ein Studienautor, fasst zusammen: "Jahrzehntelang haben wir gedacht, dass die Hyaluronsäure ein einfacher Klebstoff ist, um alles gut zusammenzuhalten." Neuere Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass Hyaluronsäure eine komplexere Rolle spielt und die Myelinreparatur nach Verletzungen beeinflussen kann.

Die Rolle von TLR4 und FoxO3

Die Forscher deckten auch den molekularen Weg auf, wie es zu den schädlichen Effekten der Hyaluronsäure kommt. Beteiligt daran sind spezielle Eiweiße, welche die Immuntoleranz (TLR4) und die Reparatur des Myelins (FoxO3) regulieren. Wird ein FoxO3-Protein aktiviert, sind anschließend jene Gene weniger aktiv, die für die Myelinproduktion zuständig sind. In der Folge verlangsamt sich die Myelinreparatur.

Beobachtungen an menschlichen Gehirnen

Auch bei menschlichen Gehirnen machten die Forscher interessante Beobachtungen. War die weiße Substanz verletzt und litten die Probanden unter multipler Sklerose, wiesen sie ein aktiviertes FoxO3 in den Vorläuferzellen nach. Die Myelinproduktion war außer Betrieb gesetzt.

Bedeutung für andere neurologische Erkrankungen

Die Forschungsergebnisse könnten nicht nur für die Behandlung von MS, sondern auch für andere neurologische Erkrankungen wie zerebrale Kinderlähmung von Bedeutung sein. Ähnliche Prozesse wurden im Gehirn von frühgeborenen Ratten beobachtet wie bei MS-Patienten. Dies eröffnet ein neues Therapiefeld sowohl für Frühgeborene als auch für Schlaganfall- oder MS-Patienten.

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Kritische Einordnung und Ausblick

Peter Rieckmann von der Forschungsgruppe für Multiple Sklerose und Neuroimmunologie warnt jedoch vor zu viel Euphorie. Er betont, dass die Ergebnisse zwar ein weiterer Baustein auf der Suche nach einer geeigneten Therapie seien, eine erfolgreiche MS-Therapie jedoch an zwei Punkten gleichzeitig ansetzen müsse. Neben der Frage, warum die zerstörten Myelinscheiden nicht wieder repariert werden, sei es ebenso wichtig, die Angriffe des Immunsystems auf die Nervenzellen zu stoppen - die eigentliche Ursache der Krankheit. "Eine erfolgreiche Strategie kann nur zweigleisig sein", betont Rieckmann.

Jim Koenig vom National Institute of Neurological Disorders and Stroke (NINDS) in den USA sieht in der Studie jedoch einen neuen Mitspieler und damit ein vielversprechendes Angriffsziel bei Erkrankungen der weißen Gehirnsubstanz.

Weitere Forschungsansätze im Bereich Myelin und Hyaluronsäure

Neben der direkten Wirkung der Hyaluronsäure auf die Oligodendrozyten-Vorläuferzellen gibt es weitere Forschungsansätze, die sich mit der Rolle der extrazellulären Matrix und der Myelinregeneration beschäftigen.

Die Rolle der Extrazellulären Matrix (ECM)

Die extrazelluläre Matrix (ECM) spielt eine entscheidende Rolle bei der Degeneration, Regeneration, Plastizität und Entzündung/Infektion des zentralen Nervensystems (ZNS). Die Forscher konzentrieren sich zunehmend auf die komplexen Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Komponenten der ECM und deren Einfluss auf die Myelinbildung und -reparatur.

Perineuronale Netze (PNN) und ihre Bedeutung

Perineuronale Netze (PNN) sind spezialisierte Strukturen der ECM, die bestimmte Neuronengruppen umgeben. Sie bestehen hauptsächlich aus Chondroitinsulfat-Proteoglykanen (CSPGs) wie Aggrecan, Brevican und Neurocan, sowie Hyaluronsäure, Link-Proteinen und Tenascin-R. Studien deuten darauf hin, dass PNN eine neuroprotektive Wirkung haben könnten und die Ausbreitung von neurodegenerativen Prozessen, wie sie bei der Alzheimer-Krankheit auftreten, beeinflussen können.

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Einfluss der ECM auf Dystonie und Dyskinesie

Auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Dystonie und Dyskinesie spielt die ECM eine wichtige Rolle. Dystonien sind Bewegungsstörungen, die durch anhaltende unwillkürliche Muskelkontraktionen gekennzeichnet sind. Die Forschung untersucht den Zusammenhang zwischen den Proteinen der neuronalen ECM in den Perineuronalen Netzen und der Pathogenese dieser Erkrankungen.

Die Rolle der Hyaluronsäure bei der Blutbildung

Interessanterweise spielt Hyaluronsäure auch eine Rolle bei der Blutbildung im Knochenmark. Studien haben gezeigt, dass Hyaluronsäure mit einem Rezeptor namens GPRC5C interagiert, um den Ruhezustand von Blutstammzellen zu gewährleisten und ihre Stammzellfähigkeit während proliferativem Stress aufrechtzuerhalten.

Therapieansätze und aktuelle Studien

Die Entwicklung neuer Medikamente für die schubförmig-remittierende Phase der MS hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Die Entwicklung von Therapien für die progressive MS war jedoch weniger erfolgreich.

Stammzelltherapie

Ein vielversprechender Ansatz ist die Stammzelltherapie, bei der mesenchymale Stammzellen (MSC) zur Behandlung von MS eingesetzt werden. Diese Zellen können entzündungshemmende und immunmodulatorische Wirkungen haben und potenziell die Myelinregeneration fördern.

Secretom-/Exosomen-Therapie

Eine weitere innovative Therapie ist die Secretom-/Exosomen-Therapie, bei der von MSCs sezernierte Faktoren genutzt werden, um die Regeneration des Nervensystems zu fördern. Diese Therapie befindet sich jedoch noch in der experimentellen Phase und wird derzeit nicht von den Krankenkassen übernommen.

Medikamentöse Therapie

Aktuelle Studien untersuchen auch die Wirksamkeit verschiedener Medikamente auf die Myelinregeneration. Dazu gehören unter anderem Ocrelizumab, das in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie positive Ergebnisse bei primär progredienter MS gezeigt hat.

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