ICD-10 und psychische Aspekte der Epilepsie: Ein umfassender Überblick

Einführung

Epilepsie, umgangssprachlich auch als Krampfleiden bekannt, ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle resultieren aus plötzlichen, abnormalen elektrischen Aktivitäten im Gehirn. Die ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) bietet einen Rahmen zur Klassifizierung und zum Verständnis verschiedener Aspekte der Epilepsie, einschließlich ihrer psychischen Dimensionen.

Epilepsie: Eine neurologische Perspektive

Epilepsie (ICD-10 G40) ist ein Oberbegriff für zerebrale Funktionsstörungen, die auf einer neuronalen Netzstörung beruhen. Das Leitsymptom sind wiederholte Anfälle. Ein epileptischer Anfall wird definiert als ein vorübergehendes Auftreten von subjektiven Zeichen und/oder objektivierbaren Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven und/oder synchronisierten neuronalen Aktivität im Gehirn.

Klassifikation von Epilepsien

Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat im Jahr 2017 eine dreistufige Grundstruktur zur Klassifikation von Epilepsien überarbeitet:

  1. Anfallstyp: Unterscheidung zwischen generalisiertem, fokalem und unklarem Beginn.
  2. Art der Epilepsie: Bestimmung der zugrunde liegenden Ursachen.
  3. Ätiologie: Identifizierung der Ursachen, die in strukturelle, genetische, infektiöse, metabolische, immunologische und unbekannte Ursachen unterteilt werden können.

Ätiologische Faktoren

  • Strukturelle Ursachen: Umschriebene pathologische Hirnveränderungen wie Hirntumore, Hirninfarkte oder Hippocampussklerose.
  • Genetische Ursachen: Mutationen in verschiedenen Genen können Epilepsie verursachen.
  • Infektiöse Ursachen: Infektionen wie Neurozystizerkose, Tuberkulose oder HIV.
  • Metabolische Ursachen: Stoffwechselstörungen, die epileptische Anfälle auslösen.
  • Immunologische Ursachen: Autoimmun vermittelte Entzündungen des ZNS.
  • Unbekannte Ursachen: Formen, deren Ursache bisher unbekannt ist.

Pathophysiologie der Epilepsie

Die neurobiologischen Zusammenhänge der Epileptogenese sind noch nicht vollständig verstanden. Eine neuronale Übererregung, Fehlkoordinationen von Erregung und Hemmung, veränderte Zellmembraneigenschaften und eine fehlerhafte Erregungsübertragung synaptischer Netzwerke können zu einer abnormen neuronalen Entladung führen.

Anfallsformen

Die Symptome der Epilepsie variieren stark und richten sich nach der Lokalisation und dem Ausmaß der neuronalen Fehlerregung sowie nach der Art des Anfallgeschehens. Die ILAE unterscheidet zwischen Anfällen mit fokalem, generalisiertem oder unbekanntem Beginn.

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Anfälle mit fokalem Beginn

  • Motorische Initialsymptomatik: Automatismen, atonische, klonische, hyperkinetische oder tonische Anfälle.
  • Ohne motorische Initialsymptomatik: Autonome, kognitive, emotionale oder sensorische Symptome.

Psychische und Verhaltensstörungen im Kontext von Epilepsie (ICD-10 F00-F99)

Psychische Störungen können im Zusammenhang mit Epilepsie auftreten und werden im ICD-10-Kapitel F00-F99 klassifiziert. Diese Störungen können eine erhebliche Belastung für die Betroffenen darstellen und die Lebensqualität beeinträchtigen.

Organische psychische Störungen (F00-F09)

Dieser Abschnitt umfasst psychische Krankheiten, deren Ätiologie in einer zerebralen Krankheit, einer Hirnverletzung oder einer anderen Schädigung liegt, die zu einer Hirnfunktionsstörung führt.

Demenz (F00-F03)

Demenz ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns. Sie beeinträchtigt höhere kortikale Funktionen wie Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen.

  • Alzheimer-Krankheit (F00): Primär degenerative zerebrale Krankheit unbekannter Ätiologie.
  • Vaskuläre Demenz (F01): Ergebnis einer Infarzierung des Gehirns als Folge einer vaskulären Krankheit.
  • Sonstige Demenzen (F02): Demenzen, bei denen eine andere Ursache als die Alzheimer-Krankheit oder eine zerebrovaskuläre Krankheit vorliegt oder vermutet wird.

Amnestisches Syndrom (F04)

Ein Syndrom mit deutlichen Beeinträchtigungen des Kurz- und Langzeitgedächtnisses, bei erhaltenem Immediatgedächtnis.

Delir (F05)

Ein ätiologisch unspezifisches hirnorganisches Syndrom, das durch gleichzeitig bestehende Störungen des Bewusstseins und mindestens zwei der folgenden Störungen gekennzeichnet ist: Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis, Psychomotorik, Emotionalität oder Schlaf-Wach-Rhythmus.

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Organische Halluzinose (F06.0)

Eine Störung mit ständigen oder immer wieder auftretenden Halluzinationen bei klarer Bewusstseinslage.

Organische katatone Störung (F06.1)

Eine Störung mit verminderter (Stupor) oder gesteigerter (Erregung) psychomotorischer Aktivität in Verbindung mit katatonen Symptomen.

Organische Wahnsymptome Störung (F06.2)

Eine Störung, bei der anhaltende oder immer wieder auftretende Wahnideen das klinische Bild bestimmen.

Organische affektive Störung (F06.3)

Störungen, die durch eine Veränderung der Stimmung oder des Affektes charakterisiert sind, meist zusammen mit einer Veränderung der gesamten Aktivitätslage.

Organische Angststörung (F06.4)

Eine Störung, charakterisiert durch Affektdurchlässigkeit oder -labilität, Ermüdbarkeit sowie eine Vielzahl körperlicher Missempfindungen.

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Leichte kognitive Störung (F06.7)

Eine Störung, die charakterisiert ist durch Gedächtnisstörungen, Lernschwierigkeiten und die verminderte Fähigkeit, sich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Organische Persönlichkeitsstörung (F07.0)

Diese Störung ist charakterisiert durch eine auffällige Veränderung des gewohnten prämorbiden Verhaltensmusters und betrifft die Äußerung von Affekten, Bedürfnissen und Impulsen. Eine Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten, des Denkvermögens und ein verändertes Sexualverhalten können ebenfalls Teil des klinischen Bildes sein.

Postenzephalitisches Syndrom (F07.1)

Anhaltende unspezifische und uneinheitliche Verhaltensänderung nach einer viralen oder bakteriellen Enzephalitis.

Organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma (F07.2)

Das Syndrom folgt einem Schädeltrauma, das meist schwer genug ist, um zur Bewusstlosigkeit zu führen. Es besteht aus einer Reihe verschiedenartiger Symptome, wie Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfung, Reizbarkeit, Schwierigkeiten bei Konzentration und geistigen Leistungen, Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen und verminderter Belastungsfähigkeit für Stress, emotionale Reize oder Alkohol.

Weitere relevante ICD-10-Kategorien

Akute vorübergehende psychotische Störungen (F23)

Diese Kategorie umfasst akute psychotische Episoden, die von kurzer Dauer sind und oft mit Stressoren in Verbindung stehen.

Dissoziative Störungen Konversionsstörungen

Diese Störungen umfassen Symptome wie Katatonie, Stupor, Trance, Dyskinesie, Anfälle oder Lähmungen, die psychogener Natur sind.

Somatoforme Störungen (F45)

Diese Kategorie umfasst Störungen, bei denen körperliche Symptome im Vordergrund stehen, die jedoch psychische Ursachen haben.

Essstörungen (F50)

Essstörungen wie Anorexia nervosa können ebenfalls psychogene Ursachen haben.

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F98)

Diese Kategorie umfasst Störungen wie Enuresis, die nichtorganische Ursachen haben können.

Psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNEA)

Psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNEA), auch bekannt als funktionelle/dissoziative Anfälle, sind eine wichtige Differenzialdiagnose zu epileptischen Anfällen. Sie sind gekennzeichnet durch anfallsartige Störungen, die jedoch keine epileptische Ursache haben.

Diagnostik und Behandlung

Die Diagnose von PNEA erfolgt in der Regel durch Video-EEG-Ableitung. Die Behandlung besteht aus ambulanter und/oder stationärer Psychotherapie, idealerweise in einem Epilepsiezentrum.

Interdisziplinäre Versorgung

PNEA sind ein komplexes Krankheitsbild an der Schnittstelle zwischen Neurologie und Psychiatrie. Eine interdisziplinäre Versorgung ist daher essenziell.

Herausforderungen in der Versorgung

Die Kostenübernahme für die Behandlung von PNEA in Epilepsiezentren wird zunehmend infrage gestellt, was die Versorgung der Betroffenen gefährdet.

Psychische Komorbiditäten bei Epilepsie

Epilepsie ist oft mit psychiatrischen Komorbiditäten wie Depressionen und Angststörungen vergesellschaftet. Diese Komorbiditäten können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und das Mortalitätsrisiko erhöhen.

Depression

Depressionen treten bei Epilepsiepatienten häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Sie können durch die neurologischen Auswirkungen der Epilepsie, psychosoziale Faktoren oder die Nebenwirkungen von Medikamenten verursacht werden.

Angststörungen

Angststörungen, insbesondere generalisierte Angststörungen, sind ebenfalls häufige Begleiterkrankungen bei Epilepsie. Die Angst vor Anfällen und deren Folgen kann zu erheblichen Beeinträchtigungen führen.

Substanzmissbrauch

Substanzmissbrauch kann sowohl Ursache als auch Folge von Epilepsie sein. Alkohol- und Drogenentzug können Anfälle auslösen, und der Umgang mit der Erkrankung kann zu Suchtverhalten führen.

Mortalität

Psychische Erkrankungen und Substanzmissbrauch erhöhen das Mortalitätsrisiko bei Epilepsiepatienten erheblich. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung dieser Komorbiditäten sind daher von großer Bedeutung.

Management und Therapie

Die Behandlung von Epilepsie umfasst in der Regel eine medikamentöse Therapie zur Anfallskontrolle. Bei Patienten mit psychischen Komorbiditäten ist jedoch ein umfassenderer Ansatz erforderlich.

Medikamentöse Therapie

Antikonvulsiva sind die Grundlage der medikamentösen Therapie von Epilepsie. Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Anfälle, dem Alter des Patienten und möglichen Begleiterkrankungen ab.

Psychotherapie

Psychotherapie kann bei der Bewältigung von psychischen Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen und PNEA hilfreich sein. Kognitive Verhaltenstherapie, dialektisch-behaviorale Therapie und andere Ansätze können eingesetzt werden.

Nicht-pharmakologische Maßnahmen

  • Ketogene Diät: Kann bei bestimmten Formen von Epilepsie, insbesondere bei Kindern, wirksam sein.
  • Psychosoziale Unterstützung: Beratung und Unterstützung für Patienten und ihre Familien.
  • Selbsthilfegruppen: Bieten eine Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen.

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