Einführung
Die Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der die Reizweiterleitung der Nerven gestört ist. Dies kann sich in abgeschwächten oder verstärkten Signalen äußern, die an das Gehirn weitergeleitet werden. Betroffene leiden häufig unter Missempfindungen, Kribbeln, Schmerzen und Muskelschwäche. Die Ursachen für eine Polyneuropathie sind vielfältig, und die Behandlung erfolgt meist symptomatisch. Daher ist die Ursachenforschung bei der Diagnosestellung von entscheidender Bedeutung. Eine wichtige Einteilung der PNP erfolgt nach ihren Ursachen, was sich auch in der Einteilung über ICD-Codes widerspiegelt. Dieser Artikel beleuchtet die toxische Polyneuropathie, ihre Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist eine Polyneuropathie?
Als Polyneuropathie bezeichnet man eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der mehrere Nerven geschädigt werden. Die Neuropathie kann verschiedene Körperbereiche und Nervenqualitäten (Schmerz, Temperatur, Tastempfindung) betreffen. Typischerweise beginnt die Polyneuropathie mit Beschwerden an den unteren Extremitäten, oft mit Missempfindungen im Bereich der Zehen oder Fußsohlen. Weitere Anzeichen können ein Kribbeln (Ameisenlaufen) oder ein abgeschwächter oder fehlender Achillessehnenreflex sein. Auch die Lageempfindung in den Zehen kann abnehmen. Im Verlauf kann die Muskulatur der Zehenextensoren betroffen sein, was dazu führen kann, dass Betroffene beim Laufen mit den Zehen schleifen.
ICD-10-Code für Polyneuropathie
Der ICD-Code ("International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems") ist ein weltweit anerkanntes System zur einheitlichen Benennung medizinischer Diagnosen der WHO-Mitgliedsstaaten. Aktuell sind die Versionen ICD-10 und ICD-11 gültig, wobei beide für eine Übergangsfrist von 5 Jahren ab Einführung der neuesten Versionen theoretisch verwendbar sind.
Im ICD-10-Katalog finden sich verschiedene Codes für Polyneuropathien, darunter auch spezifische Codes für toxisch bedingte Formen:
- G62.0 Arzneimittelinduzierte Polyneuropathie
- G62.1 Alkohol-Polyneuropathie
- G62.2 Polyneuropathie durch sonstige toxische Agenzien
- G62.8 Sonstige näher bezeichnete Polyneuropathien
- G62.9 Polyneuropathie, nicht näher bezeichnet
In der ambulanten Versorgung wird der ICD-Code auf medizinischen Dokumenten immer durch Zusatzkennzeichen für die Diagnosesicherheit (A, G, V oder Z) ergänzt: A (Ausgeschlossene Diagnose), G (Gesicherte Diagnose), V (Verdachtsdiagnose) und Z (Zustand nach der betreffenden Diagnose).
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Toxische Polyneuropathie: Ursachen und Auslöser
Eine toxische Polyneuropathie entsteht durch die Schädigung peripherer Nerven durch schädliche Substanzen (Gifte). Diese Substanzen können vielfältig sein und umfassen:
- Alkohol: Chronischer Alkoholkonsum ist eine häufige Ursache für Polyneuropathie (G62.1 Alkohol-Polyneuropathie).
- Medikamente: Bestimmte Medikamente können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie auslösen (G62.0 Arzneimittelinduzierte Polyneuropathie).
- Industrielle Chemikalien: Exposition gegenüber bestimmten Chemikalien, wie z.B. Triarylphosphaten (enthalten in Mineralölen), kann zu Polyneuropathie führen.
- Schwermetalle: Blei, Quecksilber und Arsen können Nervenschäden verursachen.
- Pflanzengifte und Drogen: Auch diese Substanzen können Nerven schädigen.
Eine akute Intoxikation kann ebenfalls der Auslöser einer Polyneuropathie sein. Beispielsweise können Triarylphosphate, die in Mineralölen enthalten sind, bei Konsum eine schlaffe Lähmung und Sensibilitätsstörungen in den Extremitäten verursachen. Dazu können Spastiken kommen, wenn das ZNS ebenfalls geschädigt wird.
Symptome der toxischen Polyneuropathie
Die Symptome einer toxischen Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen von den betroffenen Nerven und dem Ausmaß der Schädigung ab. Häufige Symptome sind:
- Missempfindungen: Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühl, "Ameisenlaufen" in Füßen und Händen.
- Schmerzen: Oft brennende oder stechende Schmerzen, die sich nachts verschlimmern können.
- Muskelschwäche: Kann zu Schwierigkeiten beim Gehen, Greifen oder anderen Bewegungen führen.
- Verlust der Reflexe: Insbesondere der Achillessehnenreflex kann abgeschwächt oder nicht mehr auslösbar sein.
- Koordinationsstörungen: Unsicherheit beim Gehen, Schwierigkeiten beim Halten des Gleichgewichts.
- Autonome Funktionsstörungen: In seltenen Fällen können auch Funktionen des autonomen Nervensystems beeinträchtigt sein, was zu Verdauungsstörungen, Blasenentleerungsstörungen oder erektiler Dysfunktion führen kann.
- Sensibilitätsstörungen: Die Haut kann sich taub anfühlen oder kribbeln.
Meistens beginnen die Beschwerden an den Beinen. Die Beschwerden können sich später auch auf andere Bereiche vom Körper ausbreiten. Im Verlauf kann auch die Muskulatur der Zehenextensoren (Streckmuskulatur) betroffen sein, weswegen Erkrankte beim Laufen mit den Zehen auf dem Boden schleifen können.
Diagnose der toxischen Polyneuropathie
Die Diagnostik der Polyneuropathie erfordert eine ausführliche Anamnese, um mögliche grundliegende Erkrankungen zu detektieren. Die Diagnose einer toxischen Polyneuropathie umfasst mehrere Schritte:
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- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich möglicher Expositionen gegenüber toxischen Substanzen, Medikamenteneinnahme, Alkoholkonsum, Vorerkrankungen und familiärer Belastung. Neben bekannten Vorerkrankungen und Medikamenten sollte man besonderen Fokus auf die Familienanamnese legen und auch vergangene Infektionen und OPs erfragen. Auch die Ernährung kann Aufschluss über die Ursachen der PNP geben, da eine vegane oder streng vegetarische Diät beispielsweise zu Mangelernährung führen kann.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Sensibilität, Reflexe und Muskelkraft des Patienten.
- Neurologische Untersuchung: Um das Ausmaß der Nervenschädigung zu beurteilen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Misst die Geschwindigkeit, mit der elektrische Signale entlang der Nerven wandern. Eine verlangsamte NLG deutet auf eine Nervenschädigung hin.
- Elektromyographie (EMG): Misst die elektrische Aktivität der Muskeln. Veränderungen in der Muskelaktivität können auf eine Nervenschädigung hinweisen.
- Laboruntersuchungen:
- Blutuntersuchungen: Zur Überprüfung von Leber- und Nierenfunktion, Blutzucker, Elektrolyten, Schilddrüsenwerten, Vitaminspiegel (insbesondere Vitamin B12) und zum Ausschluss anderer Ursachen für Polyneuropathie (z.B. Diabetes mellitus, Schilddrüsenerkrankungen, Nierenerkrankungen). Zur Basisdiagnostik gehört dabei normalerweise ein großes Blutbild, Elektrolytbestimmung, die Überprüfung von Leberwerten, Schilddrüsen- und Vaskulitisparametern.
- Urinuntersuchungen: Zum Nachweis von Schwermetallen oder anderen toxischen Substanzen.
- Serumelektrophorese: Zur tieferen Diagnostik kann die Serumelektrophorese dienen.
- Weitere Untersuchungen: In einigen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, um die Ursache der Polyneuropathie zu klären:
- Liquordiagnostik: Analyse des Nervenwassers (Liquor cerebrospinalis) zur Untersuchung auf Entzündungen oder andere Erkrankungen des Nervensystems.
- Nervenbiopsie: Entnahme einer Gewebeprobe aus einem Nerv zur mikroskopischen Untersuchung.
- Hautbiopsie: Entnahme einer Hautprobe zur Untersuchung der kleinen Nervenfasern.
- Genetische Tests: Zum Nachweis erblicher Neuropathien.Darüber hinaus können Liquordiagnostik, eine Biopsie von Nerven und Haut oder genetische Tests eine mögliche Ursache bestätigen.
Therapie der toxischen Polyneuropathie
Die Therapie der Polyneuropathie sollte vor allem Ursächlich erfolgen. Die Behandlung der toxischen Polyneuropathie zielt in erster Linie darauf ab, die Exposition gegenüber der schädlichen Substanz zu beenden. Weitere Behandlungsansätze sind:
- Beseitigung der Ursache:
- Alkoholentzug: Bei alkoholbedingter Polyneuropathie ist ein konsequenter Alkoholverzicht unerlässlich.
- Absetzen von Medikamenten: Wenn Medikamente die Ursache sind, sollten diese nach Möglichkeit abgesetzt oder durch alternative Präparate ersetzt werden.
- Entgiftung: Bei Schwermetallvergiftungen kann eine Chelattherapie zur Ausleitung der Metalle eingesetzt werden.
- Einstellung des Insulinhaushalts: So kann etwa bei einem entgleisten Diabetes mellitus die richtige Einstellung des Insulinhaushalts schon als Behandlung ausreichen.
- Symptomatische Behandlung:
- Schmerzmittel: Gegen neuropathische Schmerzen können spezielle Schmerzmittel wie Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Duloxetin) oder Antiepileptika (z.B. Gabapentin, Pregabalin) eingesetzt werden.
- Lokale Medikamente: Auch lokale Medikamente können bei der Behandlung zum Einsatz kommen.
- Physiotherapie: Zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit.
- Ergotherapie: Zur Anpassung des Alltags an die Einschränkungen durch die Polyneuropathie.
- Hilfsmittel: Gehhilfen, orthopädische Schuhe oder andere Hilfsmittel können die Lebensqualität verbessern.
- Fehlempfindungen: Fehlempfindungen wie unangenehmes Kribbeln oder Brennschmerz können medikamentös behandelt werden.
- Nahrungsergänzungsmittel: Bei bestimmten Mangelzuständen (z.B. Vitamin B12) können Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein.
Prognose
In der Regel ist eine Polyneuropathie nicht tödlich und hat eine gute Prognose, vor allem, wenn die Erkrankung frühzeitig entdeckt und entsprechend behandelt wird. Die Prognose der toxischen Polyneuropathie hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art und Dauer der Exposition gegenüber der toxischen Substanz, das Ausmaß der Nervenschädigung und die Wirksamkeit der Behandlung. Bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung können sich die Nerven in vielen Fällen teilweise oder sogar vollständig erholen. Allerdings können bleibende Schäden zurückbleiben, insbesondere wenn die Exposition über einen längeren Zeitraum erfolgte oder die Nerven bereits stark geschädigt sind.
Leider werden erste Symptome einer PNP jedoch häufig von Patienten/-innen ignoriert oder übersehen, weswegen bei der Vorstellung beim/bei der Arzt/Ärztin bereits viele Nerven irreversibel geschädigt sind. Das schlecht regenerierbare Nervengewebe kann in diesem Fall häufig nicht in den Gesundheitszustand zurückgebracht werden. Unbehandelt kann sich die Polyneuropathie immer weiter im peripheren Nervensystem ausbreiten und auch innere Organe befallen. Sollte die PNP im weitreichenden Verlauf wichtige Organe, wie Lunge oder Herz befallen, kann sie unbehandelt auch zu einer kürzeren Lebenserwartung führen.
Zusatzkennzeichen
Auf ärztlichen Dokumenten wird der ICD-Code oft durch Buchstaben ergänzt, die die Sicherheit der Diagnose oder die betroffene Körperseite beschreiben.
- G: Gesicherte Diagnose
- V: Verdacht
- Z: Zustand nach
- A: Ausschluss
- L: Links
- R: Rechts
- B: Beidseitig
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