Tierarzt Epilepsie Spezialisierung: Ein umfassender Überblick

Das stetig wachsende veterinärmedizinische Wissen führt zu einer zunehmenden Spezialisierung innerhalb der Tierärzteschaft. Ähnlich wie in der Humanmedizin, wo ein Hausarzt von Spezialisten unterstützt wird, gibt es auch in der Tiermedizin den Wunsch nach Experten für bestimmte Fachbereiche. Die Tierneurologie, insbesondere die Epilepsiebehandlung, ist ein solches Spezialgebiet.

Die Notwendigkeit der Spezialisierung in der Tiermedizin

In der modernen Tiermedizin ist es aufgrund der Komplexität und des Umfangs des Wissens kaum noch möglich, alle Bereiche abzudecken. Spezialisierungen ermöglichen es Tierärzten, sich intensiv mit bestimmten Erkrankungen und Behandlungsmethoden auseinanderzusetzen und so eine höhere Expertise zu entwickeln. Dies kommt letztendlich den Patienten zugute, insbesondere bei komplexen Erkrankungen wie Epilepsie.

Was ist Tierneurologie?

Die Tierneurologie befasst sich mit Erkrankungen des Gehirns (Epilepsie, Hirn- und Hirnhautentzündungen, Hirntumoren), der Wirbelsäule/des Rückenmarks (Bandscheibenvorfälle/ "Dackellähme") und der Nerven und Muskeln (Nervenerkrankungen, Muskelkrankheiten, Bewegungsstörungen).

Die Rolle des Spezialisten für Epilepsie

Ein Tierarzt mit Spezialisierung auf Epilepsie verfügt über fundierte Kenntnisse in der Diagnose und Behandlung dieser komplexen Erkrankung. Er kann die verschiedenen Anfallsformen unterscheiden, die Ursachen erforschen und einen individuellen Behandlungsplan erstellen.

Aufgaben und Leistungen eines Epilepsie-Spezialisten:

  • Neurologische Untersuchung: Kurzfristige Termine zur neurologischen Untersuchung inkl. Lokalisation des Problems inkl. Kontrastmittelstudien, Myelografien, Gehirnwasseruntersuchungen und ggf. neurochirurgische Operationen.
  • Diagnostik: Umfassende Diagnostik zur Ursachenfindung, einschließlich Bluttests, CT- oder MRT-Bildgebung, elektrodiagnostische Untersuchung oder Untersuchung der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit.
  • Behandlung: Erstellung eines individuellen Behandlungsplans, der auf die spezifischen Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten ist.
  • Langzeittherapie: Ausführliche Anleitung zur Verabreichung der Medikamente und regelmäßige Nachsorgetermine.
  • Beratung: Beratung von Patienten aus der Ferne, aus anderen Städten oder Ländern.
  • Zusammenarbeit: Enge Zusammenarbeit mit dem Haustierarzt vor Ort, um eine optimale Versorgung des Patienten zu gewährleisten.
  • Epilepsiesprechstunde: Spezialisierte Sprechstunde für Epilepsiepatienten.

Wie findet man einen geeigneten Spezialisten?

Die Suche nach einem geeigneten Spezialisten für Epilepsie kann eine Herausforderung sein. Es gibt jedoch einige Anhaltspunkte, die bei der Auswahl helfen können:

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  • Zusatzqualifikation: Achten Sie auf eine Zusatzqualifikation als Tierneurologe, z.B. Diplomate ECVN (European College of Veterinary Neurology). Ein Diplomate ECVN hat nach dem Studium der Tiermedizin eine mindestens 3-jährige Zusatzausbildung als Tierneurologe absolviert und sich einer umfassenden dreitägigen Prüfung durch ein internationales Prüfungsgremium unterzogen.
  • Erfahrung: Informieren Sie sich über die Erfahrung des Tierarztes in der Behandlung von Epilepsie.
  • Empfehlungen: Fragen Sie Ihren Haustierarzt nach Empfehlungen oder suchen Sie online nach Bewertungen anderer Tierbesitzer.

Epilepsie bei Tieren: Was ist das eigentlich?

Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu wiederholten Anfällen kommt. Ein Anfall allein ist noch keine Epilepsie, die einer Behandlung bedarf. Das Wort Epilepsie stammt aus dem aus dem Griechischen und bedeutet „ergriffen“ oder „überwältigt werden“. Dies beschreibt einerseits die „Entrücktheit“, ein Verhalten der sinnliche Abwesenheit, das Starren in die Leere und die Unbeantwortung von Ansprache. Die Tiere können dabei Urin verlieren oder Anfangen zu Speicheln. Die Pupillen sind erweitert und die Augen weit geöffnet. Diese Anzeichen sind Ausdruck einer Erregungskonzentration in einem abgrenzbaren Teil des Gehirns, der Aufmerksamkeit und Konzentration, und vegetative Prozesse steuert.

Ursachen von Epilepsie

Die Ursachen von Epilepsie können vielfältig sein:

  • Genetische Veranlagung: Mehr als die Hälfte der epileptischen Patienten haben eine genetische Veranlagung, so dass wir von einer erblichen Form der Epilepsie reden.
  • Reaktive Epilepsie: So können Vergiftungen eine sogenannte reaktive Epilepsie auslösen. Insektenvernichtungsmittel und Schneckenkorn seien als Beispiele genannt.
  • Symptomatische Epilepsie: Infektionen und Strukturveränderungen des Gehirns können eine sogenannte symptomatische Epilepsie auslösen.
  • Primäre oder idiopathische Epilepsie: Sind alle Ursachen für eine sekundäre oder reaktive Epilepsie ausgeschlossen, kommt man zu der Diagnose “primäre” oder “idiopathische Epilepsie”. Hierbei geht man von einer Schädigung einzelner Nervenzellen aus, die auf die normalen Signale einer Eindämmung der elektrischen Aktivität nicht reagieren, oder selbstständig aktiv sind und eigenständig elektrische Impulse auslösen und verbreiten.

Anfallsformen und Symptome

Bei unseren Haustieren unterscheiden wir verschiedene Anfallsformen unterschiedlicher Intensität. Allen gemein ist eine Bewusstseinstrübung, meist auch Speichelfluss, oft werden die Anfälle von Harnabsatz, Kotabsatz, Ruderbewegungen und auch emotionalen Ausbrüchen begleitet. Angst oder Anhänglichkeit kann ein Begleiter von Anfällen sein, wenn das Bewusstsein der Patienten während des Anfalls nicht vollständig verloren geht.

Ein epileptischer Anfall folgt meistens einer gewissen Dramaturgie. Bevor die Nervenzellen sich so massiv entladen, dass ein Anfall ausgelöst wird, kommt es bereits zu Störungen der normalen Hirnfunktion, die von den betroffenen Tieren bemerkt wird. Die Tiere können nervös sein, die Nähe des Besitzers suchen, ängstlich sein und gewohntes Verhalten verändern.

Aktiviert die elektrische Erregung ein Areal, das für die Kontrolle von Muskelbewegungen verantwortlich ist, kann es zu Zuckungen einzelner Muskeln des Gesichts oder der Gliedmaßen kommen. Breitet sich die Erregung ungebremst über das ganze Gehirn aus kommt es zu einem generalisierten Anfall. Der gesamte Körper zeigt ungebremste Muskelaktivität, die sich entweder tonisch darstellt, also in fest gespannter Muskelaktivität, oder in rhythmischen Zuckungen aller Gliedmaßen, des Kopfes und der Gesichtsmuskulatur. Die Tiere sind nicht bei Bewußtsein und bekommen weder von ihrer Umgebung, noch von ihrem Anfall, oder von ihrer Bezugsperson etwas mit. In der Regel wird Urin und Kot abgesetzt und die Tiere speicheln stark.

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Was tun bei einem Anfall?

Bitte achten Sie darauf ihrem Hund oder ihrer Katze nach einem Anfall erst einmal Zeit zu geben sich zu erholen. Viele Tiere reagieren aggressiv, entweder während oder auch nach einem Anfall.

Unter einem "Status epilepticus" versteht man Anfallsaktivität, die nicht wie üblich von selbst aufhört. Ohne tierärztliche Hilfe ist dies ein lebensbedrohlicher Zustand.

Differentialdiagnosen

Epilepsie-artige Bewegungen mit Hinfallen, Rudern der Gliemaßen und Lautäußerungen werden auch bei einer Schwindelattacke (akutes Vestibularsyndrom) beobachtet. Hier kommt es zu einer Fehlfunktion des Gleichgewichtsorgans. Die Tiere fallen hin und können nur mit fremder Hilfe wieder aufstehen. Diese Attacke dauert oft sehr lang.

Diagnostik von Epilepsie

Leider gibt es keinen Test um eine Epilepsie zu beweisen, sondern man muss die möglichen Ursachen, die einen Anfall auslösen können Schritt für Schritt ausschließen.

Durch ein intensives Gespräch muss geklärt werden, wie sich die epileptischen Anfälle klinisch darstellen, in welchen Abständen sie auftreten, und wie lange sie dauern. Auslösende Faktoren in der Vergangenheit oder der Gegenwart müssen systematisch erkundet werden. Nicht zuletzt muss sicher sein, dass es sich überhaupt um einen epileptischen Anfall handelt und nicht um eine Störung des Gleichgewichts, - der Herztätigkeit. Oder eine andere Erkrankung vorliegt.

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Eine Blutuntersuchung kann die wichtigsten Hinweise auf einen Organschaden und andere Störungen des Körperstoffwechsels liefern. Neben den Standardtests muss die Funktion der Leber (Ammonikatest) aus einer Blutprobe umgehend nach Entnahme überprüft werden.

Behandlung von Epilepsie

Bei sekundären Epilepsien muss die auslösende Grundursache beseitugt werden. Entfernt man einen Hirntumor so tritt die Epilepsie danach in der Regel nicht mehr auf.

Ist ihr Tier an einer primären Epilepsie erkrankt müssen Medikamente die elektrische Aktivität im Gehirn dämpfen. DIESE MÜSSEN LEBENSLANG EINGENOMMEN WERDEN UND DÜRFEN NICHT EIGENSTÄNDIG ABGESETZT WERDEN! Genau wie bei Menschen is das Ziel einer antiepileptischen Therapie, daß ihr Tier nicht häufiger als einmal im Monat einen Anfall bekommt. Rund 75% der Tiere sprechen hervorragend auf ein antiepileptisches Medikament an und können ein relativ uneingeschränktes, normales Leben führen.

Wir haben in der Veterinärmedizin drei zugelassene Wirkstoffe zur Dauertherapie: Imepitoin, Phenobarbital und Kaliumbromid. Phenobarbital und Kaliumbromid benötigen Serumkontrollen zur Einstellung und stehen eher in Verbindung mit Nebenwirkungen wie Gangunsicherheiten, Müdigkeit, Hunger und Durst. Bei unzureichender Anfallskontrolle lassen sich Antiepileptika auch gut kombinieren. In schwierigen Fällen kann auf weitere Substanzen aus der Humanmedizin zurückgegriffen werden (z.B.

Ernährung und Epilepsie

Studien zum therapeutischen Nutzen einer Nahrungsumstellung lassen hoffen, dass mittelkettige Triglyzeride, hier insbesondere die Caprinsäure, sich günstig auf die Anfallskontrolle auswirken können.

Alternative Behandlungsmethoden

Vereinzelt wird vom Einsatz der Akupunktur Hoffnungsvolles berichtet.

Die Bedeutung der Zusammenarbeit mit dem Haustierarzt

Aufgrund der sehr komplexen Therapie ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Haustierarzt von großer Wichtigkeit. Hierfür bieten wir eine spezielle Epilepsiesprechstunde an.

Vetucation: Aufklärung für Tierbesitzer

Wichtig ist ihm, die Patientenhalter aufzuklären - Vetucation nennt er das. Die #VetEpiFragerunde umfasst gesammelte, offene oder eingereichte Fragen aus der Besitzerschaft zur Epilepsie bei Hund und Katze, der Diagnostik, der Therapie, dem Umgang im Alltag oder auch Fakten über Mythen, bis hin zu Falsch-, oder Halbwahrheiten.

Persönlichkeiten im Bereich der Tierneurologie und Epilepsie

  • Benjamin Andreas Berk: Seit 2016 betreibt er zur Erlangung des Ph.D (akademischer Grad, höchster Abschluss des Postgraduiertenstudiums) aktiv klinische, nicht-invasive Wissenschaft im Überschneidungsgebiet von Veterinärneurologie und Diätetik am Royal Veterinary College der Universität in London. Im Rahmen einer multizentrischen Studie in Europa (Deutschland, Finnland, Schweiz, Großbritannien) untersuchte er die Wirksamkeit von mittelkettigen Fettsäuren (MCT) als Futterergänzungsmittel auf die idiopathische Epilepsie und Komorbiditäten des Hundes.
  • Frau Dr.: Von 2012 bis 2014 arbeitete sie als Doktorandin im Service Neurologie der Medizinischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München und promovierte 2018. Nach einem spezialisierten Internship im Bereich Notfallmedizin und Anästhesie im Jahr 2014 war sie bis 2018 als Notdiensttierärztin an der gleichen Klinik tätig. Anschließend sammelte sie ein Jahr lang Erfahrung als Produktmanagerin in einer pharmakologischen Firma, bevor sie ihre Residency im Bereich Neurologie an der Medizinischen Kleintierklinik absolvierte. Ihre Schwerpunkte liegen in der Epilepsieberatung, -abklärung und Therapie, einschließlich der EEG-Diagnostik (Gehirnstrommessung) und Elektrodiagnostik.
  • Dr. Lautersacks: Als sehr häufige neurologische Erkrankung ist Epilepsie in unserer tierärztlichen Klinik ein Schwerpunkt.

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