Im Gehirn der digitalen Monster: Eine Reise durch die Neurowissenschaften und die Auswirkungen der digitalen Welt

Die digitale Welt hat unser Leben in vielerlei Hinsicht verändert. Smartphones, Tablets und soziale Medien sind allgegenwärtig und beeinflussen unser Verhalten, unsere Kommunikation und sogar unser Gehirn. Doch was genau passiert in unserem Kopf, wenn wir stundenlang durch Social-Media-Feeds scrollen oder uns in Videospiele vertiefen? Und welche Auswirkungen hat diese digitale Dauerbeschallung auf unsere psychische Gesundheit?

Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen der digitalen Welt und unserem Gehirn. Wir werden uns mit den neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen, die uns helfen zu verstehen, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet, Entscheidungen trifft und wie digitale Medien diese Prozesse beeinflussen können. Darüber hinaus werden wir uns mit den potenziellen negativen Auswirkungen exzessiver Mediennutzung auseinandersetzen, wie z. B. Konzentrationsstörungen, Suchtverhalten und psychische Erkrankungen. Abschließend werden wir Strategien zur Förderung eines gesunden Umgangs mit digitalen Medien vorstellen, um unser Wohlbefinden in der digitalen Welt zu erhalten.

Die Neurowissenschaft der Entscheidungsfindung: Wie unser Gehirn lernt und sich anpasst

Unser Gehirn ist ein bemerkenswertes Organ, das ständig lernt, sich anpasst und neue Modelle erstellt, um unser Verhalten zu steuern. Mona Garvert, Juniorprofessorin für Neurowissenschaften an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg, erforscht, wie das Gehirn diese Modelle erstellt, aktualisiert und nutzt. Ihre Forschung konzentriert sich darauf, wie das Gehirn Erfahrungen speichert und daraus Verhaltens- und Entscheidungsmuster ableitet, die auch in unbekannten Situationen angewendet werden können.

"Unser Gehirn sucht ständig nach Erfahrungen, die es früher gespeichert hat und aus denen es Verhaltens- und Entscheidungsmuster auch für unbekannte Situationen abstrahieren kann. Es orientiert sich sozusagen an Modellen", erklärt Mona Garvert.

Um zu verstehen, wie das Gehirn diese Modelle erstellt, führte Garvert eine Studie durch, in der Versuchspersonen sich durch einen virtuellen Raum bewegten, in dem an bestimmten Orten immer wieder verschiedenfarbige Monster auftauchten. Durch die Analyse der Hirnaktivität konnte Garverts Team die gesuchte Karte im Hippocampus lokalisieren. In einem späteren Teil des Experiments mussten die Probanden ihr Wissen über die Lokalisierung der Monster anwenden.

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Die Ergebnisse zeigten, dass das Gehirn räumliche und zeitliche Wissenskarten nutzt, um Entscheidungen zu treffen, und diese auch anpasst, wenn es durch Belohnung lernt. Diese Erkenntnisse könnten Implikationen für unser Verständnis von psychischen Erkrankungen haben. Patientinnen und Patienten mit Angststörungen und Depressionen zum Beispiel übertragen negative Erfahrungen oft auf neutrale Situationen. Dies könnte damit zusammenhängen, wie Wissen in mentalen Karten organisiert ist.

Die dunkle Seite der digitalen Welt: Wenn die Nutzung zur Sucht wird

Während digitale Medien viele Vorteile bieten, können sie auch negative Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit haben. Studien zeigen, dass exzessive Nutzung von Smartphones, Tablets und sozialen Medien zu Konzentrationsstörungen, Suchtverhalten, Angstzuständen, Depressionen und sogar einem erhöhten Suizidrisiko führen kann.

Einer Studie der DAK zufolge sind circa 100.000 deutsche Kinder und Jugendliche handysüchtig. Das heißt: Sie sind ernsthaft suchtkrank. Dies gilt es zu betonen, denn immer noch wird Handysucht wie eine Art Kavaliersdelikt unter den Suchterkrankungen gehandhabt. Das erscheint unangemessen und geradezu fatal - denn in unserem Gehirn laufen bei Intensivnutzern dieselben Mechanismen ab wie bei jeder anderen Suchtkrankheit auch.

Die ständige Erreichbarkeit, die Flut an Informationen und die sozialen Vergleiche in den sozialen Medien können zu Stress, Überforderung und einem Gefühl der Unzulänglichkeit führen. Insbesondere junge Menschen, die noch in ihrer Identitätsfindung sind, sind anfällig für die negativen Auswirkungen der digitalen Welt.

Belohnungssystem und Dopaminausschüttung

Hinter der Handysucht steht unser Belohnungssystem, denn nicht nur das digitale Multitasking, sondern auch all die Klicks und Likes gehen nicht spurlos an unserem Gehirn vorbei. Wer online einen Beitrag postet und dafür virtuellen Applaus in Form eines „Daumen-hoch-Buttons“ bekommt, erfährt dies als Zuspruch - als Belohnung eben. Im Grunde bedeutet zunächst jedes Handysignal, dass jemand an uns denkt. Das macht erst einmal gute Gefühle - wer will keine Aufmerksamkeit? Schauen wir auf unser Handy und sehen, dass uns jemand geschrieben hat, wird unser Griff zum Smartphone „belohnt“. Unser Gehirn schüttet sodann das sogenannte „Glückshormon“ Dopamin aus. Das wollen wir immer wieder spüren. Und wieder. Und wieder. Die Folge: Wir können bald nicht mehr ohne unsere digitalen Geräte und werden süchtig danach.

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Die verzerrte Realität der sozialen Medien

Die Selbstdarstellung in den sozialen Medien suggeriert jedoch eine Welt, die mit der Wirklichkeit letztlich wenig zu tun hat. Das Leben „instagramable“ zu machen scheint für viele, insbesondere für Influencer, also jene User mit besonders vielen Followern, das virtuelle Maximalziel zu sein. Erschaffen wird eine digitale Bestversion des eigenen Ichs, eine Online-Identität, in der das fahle echte Leben mit einem virtuellen Filter aufgepeppt werden kann. Die in sozialen Medien stattfindende Erzählung ist einfach: Seht her, wie toll mein Leben ist. Schaut mich an, meinen tollen Körper, meine tollen Freunde, meine tollen Kleider, mein tolles Make-Up.

Wer dann jedoch sein Glas Leitungswasser mit Champagnerkübeln auf Ibiza vergleichen muss und in einer Einzimmerwohnung sitzt anstatt in einem Luxushotelzimmer auf den Malediven, fühlt sich schnell ungut. Schon lange haben sozialpsychologische Studien dargelegt, dass reaktives Unglücklichsein insbesondere aus dem Vergleich mit der Peer Group und weniger aus dem absoluten Lebensstandard resultiert - und damit entsteht der Eindruck: Ist das Leben der anderen nicht viel besser?

Die Angst vor der Einsamkeit

Ein weiterer Faktor, der zur Entstehung von Handysucht beiträgt, ist die Angst vor der Einsamkeit. Vernetzungsmedien versprechen uns, dass wir nicht allein sind und lassen uns den uralten Traum der Allverbundenheit träumen. Doch erfüllen sie dieses große Versprechen wirklich? Das Paradoxon, „Verloren unter 100 Freunden“ zu sein, das exemplarisch die Soziologin Sherry Turkle beschreibt, beweist das Gegenteil. Eine hohe Anzahl an digitalen Freunden schützt nicht vor Vereinsamung. Im Gegenteil.

Digitale Achtsamkeit als Lösung: Strategien für einen gesunden Umgang mit digitalen Medien

Um den negativen Auswirkungen der digitalen Welt entgegenzuwirken, ist es wichtig, einen bewussten und achtsamen Umgang mit digitalen Medien zu pflegen. Digitale Achtsamkeit bedeutet, sich der eigenen Mediennutzung bewusst zu sein, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und die Nutzung von digitalen Medien entsprechend anzupassen.

Eine Möglichkeit, digitale Achtsamkeit zu üben, ist Digital Detox, also die digitale Entgiftung. Digital Detox bedeutet, bewusst auf die Nutzung von digitalen Medien zu verzichten, um Stress abzubauen, die Konzentration zu verbessern und die psychische Gesundheit zu fördern.

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Tipps für Digital Detox

  • Bewusstsein schaffen: Reflektieren Sie Ihre eigene Mediennutzung. Wie viel Zeit verbringen Sie am Handy und womit? Was genau stresst Sie?
  • Feste Zeiten festlegen: Legen Sie feste Zeiten fest, an denen Sie Ihr Handy ausschalten oder nicht nutzen, z. B. eine Stunde vor dem Schlafengehen oder während der Mahlzeiten.
  • Benachrichtigungen reduzieren: Schalten Sie Benachrichtigungen für unwichtige Apps aus, um Ablenkungen zu vermeiden.
  • Offline-Aktivitäten fördern: Planen Sie bewusst Aktivitäten, die ohne digitale Medien auskommen, z. B. Spaziergänge in der Natur, Treffen mit Freunden oder Hobbys.
  • Achtsamkeit üben: Seien Sie präsent im Hier und Jetzt. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Umgebung und Ihre Empfindungen, anstatt ständig auf Ihr Handy zu schauen.

Digitale Achtsamkeit im Alltag

Auch im Alltag können Sie digitale Achtsamkeit praktizieren, indem Sie:

  • Gespräche ohne Ablenkung führen: Lassen Sie beim nächsten Kaffee, Dinner oder Lunch das Handy einfach in der Tasche oder machen Sie es ganz aus.
  • Ihr Essen genießen, anstatt es zu fotografieren.
  • Nachdenken, bevor Sie googeln.
  • Aus dem Fenster schauen, anstatt auf Ihre App, wenn Sie wissen wollen, wie das Wetter ist.

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