Im Gehirn des Bösen: Eine Untersuchung der Neurowissenschaften und der Ursachen von Gewalt

Wie werden wir gewalttätig oder straffällig? Sind wir von Geburt an "böse"? Diese Fragen beschäftigen Psychologen, Neurowissenschaftler und Philosophen seit langem. Der vorliegende Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Gehirn, der Persönlichkeit und der Entstehung von gewalttätigem Verhalten. Dabei werden sowohl biologische als auch soziale Faktoren berücksichtigt, um ein umfassendes Bild der Thematik zu zeichnen.

Die biologische Perspektive: Wie ticken die Gehirne von Verbrechern?

Der Psychiater Kolja Schiltz vertritt die These, dass die Gehirne von Verbrechern anders "ticken". Er geht der Frage nach, ob unsere biologische Ausstattung uns vorherbestimmt, gewalttätig und straffällig zu werden, und ob Verbrecher möglicherweise "krank" sind und die Quelle ihrer Vergehen im Gehirn sitzt. Philosophisch betrachtet, berührt dies die Frage nach dem freien Willen. Wenn das Gehirn so beschaffen oder beschädigt ist, dass einige Menschen leichter kriminell oder gewalttätig werden als andere, müsste dies im Strafverfahren berücksichtigt werden. Verbrecher würden dann zu Kranken.

Niels Birbaumer, ein Tübinger Neurowissenschaftler, hat untersucht, was im Gehirn von Schwerverbrechern passiert. Er sagt, dass er Psychopathen ändern kann. Einen bestimmten Prozentsatz von Gewaltverbrechern, die häufig Verbrechen begehen und rückfälliger sind als andere, nennt man Psychopathen. Das Auffälligste im Kernspin ist das völlige Fehlen jeder Aktivität in den Furchtsystemen des Gehirns. Der Kortex ist kognitiv völlig intakt, kann sich an alles erinnern. Was aber fehlt, ist die emotionale Begleitreaktion. Psychopathen können gar nicht mitfühlen, Empathie fehlt, die Angst vor den Konsequenzen fehlt und damit fehlt ein wesentlicher Steuerfaktor im Verhalten.

Birbaumer verwendet das Neurofeedback-Verfahren, um die fehlenden Emotionen wieder zu aktivieren. Dabei sehen die Probanden ihre eigene Gehirnaktivität und bekommen Aufgaben wie im Computerspiel. Zum Beispiel sollen sie einen roten Pfeil auf dem Bildschirm noch farbiger machen. Die Areale, die nicht funktionieren, müssen sie dazu aktivieren. Wenn sie eine Belohnung vom PC bekommen, wissen sie, dass sie richtig liegen. Die Probanden wissen aber nicht, wie sie das machen, da diese Hirnareale nicht verbal zugänglich sind, das ist gar nicht beschreibbar. Am EEG haben wir für das Erlernen der Aktivierung etwa zwanzig bis neunzig Stunden Training, manchmal mehr, manchmal weniger, im Kernspin geht es schneller.

Birbaumer betont, dass die Länder, die einen liberalen, mit Training verbundenen Strafvollzug haben, immer besser abschneiden, wenn es um Wiederholungstäter geht. In Skandinavien sitzt ein Mörder nicht länger als zwanzig Jahre, wird intensiv trainiert und die Rückfallquote ist weit geringer als in allen anderen Ländern.

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Die Rolle der Hirnstruktur und -funktion

Eine Studie mit Magnetresonanztomographie (MRT) hat gezeigt, dass bei Mördern im Vergleich zu nicht mordenden Straftätern weniger graue Substanz in den Hirnregionen vorhanden ist, die an der Verarbeitung von Emotionen, der Verhaltenskontrolle, den exekutiven Funktionen und der sozialen Kognition beteiligt sind. Soziale Kognition umfasst unter anderem Empathie und moralisches Urteilsvermögen.

Verkleinerungen wurden im verschiedenen Bereichen des präfrontalen Cortex gefunden, der unter anderem für die Planung zukünftiger Handlungen, Problemlösung, Emotionsregulation und Selbstkontrolle zuständig und an subjektiven Bewertungen, moralischen Urteilen und Empathie beteiligt ist. Darüber hinaus wurde ein geringeres Volumen im orbitofrontalen Kortex festgestellt, der direkt über der Augenhöhle und unter dem präfrontalen Kortex liegt. Er ist verantwortlich für die Ausführung von Verhaltensweisen, für das Erleben von Bedauern über das eigene Verhalten und für effektive moralische Entscheidungen. Die Unterschiede blieben auch dann bestehen, wenn Faktoren wie Alter, IQ, Psychopathie, Substanzmissbrauch oder Haftdauer berücksichtigt wurden.

Das internationale Forschungsteam unter Leitung des Forschungszentrums Jülich analysierte MRT-Aufnahmen von 39 erwachsenen Männern mit hohen Psychopathie-Werten und verglich sie mit einer sorgfältig abgestimmten Kontrollgruppe. Tatsächlich zeigte sich: Je höher der Faktor-2-Wert, desto geringer das Volumen in bestimmten Hirnregionen. Betroffen waren vor allem Areale, die für Impulskontrolle, Emotionsregulation und soziales Verhalten zuständig sind, darunter die Basalganglien, der Thalamus, der Hirnstamm (Pons) sowie kortikale Strukturen wie der orbitofrontale und der insuläre Kortex.

Die Bedeutung von Genetik und Umwelt

Die Frage, ob der Mensch von Natur aus kriminell ist oder nicht, ist umstritten. Historisch gesehen ist die Seite, auf der der Konsens liegt, stark von den politischen und soziologischen Ansichten der jeweiligen Zeit geprägt. Doch mit dem technischen Fortschritt haben sich auch die Instrumente und Methoden der Kriminalitätsforschung weiterentwickelt.

Jungen, die in einem gewalttätigen Umfeld aufwachsen, neigen als Erwachsene ebenfalls dazu, Gewalt anzuwenden. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie aus Neuseeland, die mehr als 1.000 Kinder seit den 1970er-Jahren begleitet hat. Die Frage ist: Welche Kinder werden gewalttätig?

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Im Jahr 2002 haben sich britische Genetiker das Erbgut von einigen Studienteilnehmern vorgenommen. Bei den gewalttätigen Männern waren eine Handvoll Gene verändert - Gene, die in den Stoffwechsel des Gehirns eingreifen. Wenn sie nicht richtig funktionieren, können sie das Gehirn indirekt verändern und so möglicherweise zu aggressivem Verhalten führen. Warrior genes heißen sie im Fachjargon: Krieger-Gene.

James Fallon, ein Neurowissenschaftler aus Irvine, Kalifornien, entdeckte bei sich selbst die gleichen Hirnstrukturen und Risikogene wie bei Mördern. Er führt sein nicht-kriminelles Verhalten auf seine glückliche Kindheit und sein unterstützendes Umfeld zurück.

Terrorismus und das Gehirn

Terrorgruppen wie der IS üben momentan eine starke Anziehung auf einige junge Männer und Frauen aus. Die große Mehrheit ist jung, das heißt, dass ein hoher Spiegel an Androgenen in jungen Jahren bei Männern und Frauen dieses Verhalten begünstigt. Und man hat untersucht, dass die jungen Männer, die aus Europa zum IS hinunterwandern, oft Psychopathen sind. Das sind Leute, denen kotzlangweilig ist - Sensibilität für Langeweile und Sensationssucht sind typische Psychopathiemerkmale. Jemanden umzubringen, ist in dieser Langeweile dann ein anregendes Ereignis und wenn jemand sonst nichts hat, kann das zu einem großen Belohnungsreiz werden. Oft sind es auch ökonomisch deprivierte Leute, meistens wenig intelligent, mit nur wenig Kontrollmechanismen im Gehirn. Wer psychopathisch ist und wenig emotionale Reaktionen in Bezug auf andere hat, hat auch keine Angst um sich selber. Das ist ein Muster von Eigenschaften, das man vorhersagen kann.

Ethische Überlegungen und die Grenzen der Neurowissenschaften

Der Einsatz von Hirnscans zur Erklärung menschlichen Verhaltens muss behutsam und verantwortungsvoll erfolgen, um ethische Risiken wie Stigmatisierung und Diskriminierung zu vermeiden. Es ist wichtig zu betonen, dass Korrelationen zwischen Hirnstrukturen und Verhalten keine Kausalität beweisen.

Niels Birbaumer betont, dass im Prinzip mithilfe neurologischer Erkenntnisse wie zum Beispiel dem Neurofeedback fast jede Eigenschaft geändert werden kann. Das ist ein Kostenfaktor und auch eine politische, ethische Frage. Will ich das denn eigentlich? Wird die Gesellschaft dadurch besser?

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Helmut Kury und die Frage nach dem Bösen

Helmut Kury, ein Psychologe und Gerichtsgutachter, stellt die Frage nach dem Bösen in seinem Buch "Im Gehirn des Bösen". Er schildert eine Reihe von Fällen, in denen die Täter selbst Missbrauchsopfer, misshandelt, vernachlässigt, abgelehnt und malträtiert wurden. Dabei lässt Kury keinen Zweifel daran, dass seine Gesprächspartner für ihre Taten verantwortlich sind. Sie sind es, die morden oder missbrauchen.

Kury setzt auf eine Vielzahl von Mitteln zur Resozialisierung von Straftätern, wie Therapien für Triebtäter oder Täter, denen das Bewusstsein ihrer Schuld fehlt, oder sogar Mediationen zwischen Tätern und Opfern. Er betont, dass für beide nämlich mehr getan werden müsse, als es das Rechtssystem bislang vorsehe.

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