Impfungen sind ein Eckpfeiler der öffentlichen Gesundheit und schützen vor zahlreichen Infektionskrankheiten. Wie bei allen medizinischen Interventionen können auch Impfungen Nebenwirkungen haben. Diese reichen von leichten Reaktionen an der Injektionsstelle bis hin zu seltenen, aber schwerwiegenden Komplikationen. Im Fokus dieses Artikels stehen die möglichen Auswirkungen von Impfungen auf das Nervensystem, insbesondere im Zusammenhang mit COVID-19-Impfstoffen und anderen Vakzinen.
Neurologische Manifestationen nach Impfungen
Neurologische Komplikationen nach Impfungen sind insgesamt selten, werden aber von Gesundheitsbehörden und Forschern weltweit genau überwacht. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Deutschland veröffentlicht regelmäßig Sicherheitsberichte zu Impfstoffen, in denen auch neurologische Ereignisse erfasst werden.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Nerven angreift. Dies kann zu Kribbeln, Taubheit, Muskelschwäche und Lähmungen führen, die sich von den Beinen aufwärts ausbreiten können. In schweren Fällen kann auch die Atmung beeinträchtigt sein.
GBS und COVID-19-Impfungen:
- Vektorbasierte Impfstoffe: Auswertungen von Daten im Zeitraum von Ende Dezember 2020 bis Ende August 2021 zeigen, dass ein GBS nach der Impfung gegen Covid-19 vorkommen kann, allerdings nur selten. Es wurde häufiger im Zusammenhang mit Vektor-basierten Vakzinen beobachtet als erwartet. Britische Studien haben einen Zusammenhang zwischen adenoviralen Vektor-basierten Impfstoffen und dem Auftreten dieser neuroimmunologischen Erkrankung gefunden.
- mRNA-Impfstoffe: Eine israelische Studie aus dem Jahr 2023 deutet darauf hin, dass eine Impfung mit mRNA-Impfstoffen das Risiko für GBS sogar um mehr als die Hälfte verringern kann. Die Studie analysierte GBS-Fälle, die sowohl nach einer Impfung mit dem mRNA-Impfstoff BNT162b2 als auch nach einer Covid-19-Erkrankung auftraten.
- SARS-CoV-2-Infektion: Dieselbe Studie ergab, dass eine SARS-CoV-2-Infektion das Risiko eines GBS um über das Sechsfache erhöht.
Fallbeispiele:
- Ein Fallbericht beschreibt eine 66-jährige Patientin, bei der neun Tage nach einer ersten Impfung mit Shingrix® Kribbelparästhesien in beiden Füßen und Unterschenkeln auftraten, gefolgt von Missempfindungen in den Fingerspitzen und zunehmender Schwäche der Beine. Die Diagnose lautete Guillain-Barré-Syndrom (GBS).
- Ein weiterer Fall betrifft ein 15-jähriges Mädchen, bei dem etwa einen Monat nach einer Injektion von Encepur® als Auffrischimpfung distale Gefühlstörungen mit Parästhesien und langsam zunehmenden distal betonten Lähmungen auftraten. Auch hier wurde ein GBS diagnostiziert.
Erklärungsversuche:
- Molekulare Mimikry: Die Pathogenese des GBS ist nicht vollständig geklärt. Eine mögliche Erklärung ist die molekulare Mimikry, bei der durch den Impfstoff induzierte Antikörper mit Glykoproteinen auf der Myelinscheide der Axone peripherer Nerven kreuzreagieren und ein GBS auslösen.
- Adenovirus-Vektor-Impfstoffe: Ein erhöhtes GBS-Risiko nach Impfungen mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffen könnte auf einen Zusammenhang mit dieser Impfstoffklasse hindeuten.
Zerebrovaskuläre Ereignisse
Eine in Deutschland durchgeführte Studie untersuchte das Auftreten von zerebrovaskulären Ereignissen, insbesondere Sinus- und Hirnvenenthrombosen (CVT), nach Impfung gegen SARS-CoV-2.
Ergebnisse:
- Nach Impfung mit dem SARS-CoV-2-AstraZeneca-Impfstoff kam es zu signifikant mehr CVT als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen.
- Die Rate der aufgetretenen CVT-Ereignisse war nach einer Erstimpfung mit ChAdOx1 um mehr als neunmal höher als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen.
- Auch ältere Frauen hatten ein erhöhtes Risiko, Hirnvenenthrombosen nach Gabe des AstraZeneca-Vakzins zu erleiden.
- Die Studie vermutet, dass die Antikörper gegen PF4 nicht mit dem Spike-Protein von SARS-CoV-2 kreuzreagieren, sondern die Impfkomplikation mit dem adenoviralen Vektor in Zusammenhang steht.
Wichtig: Das Risiko für Hirnvenenthrombosen durch eine COVID-19-Infektion ist um ein Vielfaches höher als durch die Impfung.
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Post-Vac-Syndrom (PVS)
Das Post-Vac-Syndrom (PVS) ist eine Bezeichnung für Beschwerden, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer COVID-19-Impfung auftreten und den Symptomen von Long-COVID ähneln, aber ohne vorherige SARS-CoV-2-Infektion.
Symptome:
Häufige Symptome sind:
- Exzessive Müdigkeit (Fatigue)
- Kribbeln und Taubheit
- Leichte Erschöpfung bei körperlichen Bewegungen
- "Brain fog" (Konzentrationsstörungen)
- Schlafstörungen
- Neuropathie
- Muskelschmerzen
- Angstzustände
- Tinnitus
- Brennende Empfindungen
Forschungsergebnisse:
Eine Studie der Yale Universität untersuchte PVS-Patienten und fand einige Unterschiede im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne anhaltende Beschwerden nach der Impfung:
- Ein verändertes Immunprofil mit einer verringerten Zahl von zirkulierenden Gedächtnis- und Effektor-CD4-T-Zellen sowie ein Anstieg der TNF-alpha produzierenden CD8-T-Zellen.
- Eine Persistenz des Spike-Proteins bei einigen PVS-Patienten.
- Hinweise auf eine Reaktivierung von Epstein-Barr-Viren bei einigen Patienten.
Pathogenese:
Es wird diskutiert, ob die Spikes in Zellen persistieren, selbst pathogen wirken oder eine veranlagte Autoimmunerkrankung auslösen könnten. Weitere Theorien umfassen:
- Entzündung des Gefäßendothels (Endotheliitis)
- Störungen ACE-abhängiger vaskulärer und metabolischer Regelkreise
Therapie:
Therapieansätze entsprechen teilweise denen von Long-COVID und umfassen unter anderem Statine, AT1-Antagonisten, Triple-Antikoagulation oder extrakorporale Blutwäscheverfahren. Ein personalisiertes Energiemanagement (Pacing) und Diäten werden ebenfalls häufig eingesetzt.
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Weitere neurologische Nebenwirkungen
Neben den oben genannten spezifischen Syndromen können nach Impfungen auch andere neurologische Symptome auftreten, wie z.B.:
- Kraftlosigkeit in den Beinen: In einigen Fällen wurde über eine Kraftlosigkeit in den Beinen berichtet, die mit einer Vergrößerung der Nervenquerschnittsfläche des N. medianus und N. tibialis einherging.
- Erhöhte Belastungsintoleranz: Einige Patienten berichteten über eine erhebliche Belastungsintoleranz.
Die Bedeutung der Impfung
Trotz der potenziellen Risiken neurologischer Nebenwirkungen ist es wichtig zu betonen, dass die Vorteile der Impfung in der Regel die Risiken überwiegen. Impfungen schützen nicht nur den Einzelnen vor schweren Krankheitsverläufen, sondern tragen auch zur Herdenimmunität bei und verhindern die Ausbreitung von Infektionskrankheiten.
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