Jeden Tag sind wir einer Flut von Sinneseindrücken ausgesetzt. Manche davon prägen sich tief in unser Gedächtnis ein, während andere sofort wieder vergessen werden. Dieses Phänomen wirft die Frage auf, wie unser Gehirn entscheidet, welche Informationen gespeichert werden und wie dieser Prozess der Speicherung genau abläuft.
Die Grundlagen des Gedächtnisses
Schon im antiken Griechenland, genauer gesagt im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, verortete Platon Erinnerungen im Zentrum unseres Menschseins, der Seele. Er beschrieb sie als Abdrücke auf einer Wachstafel. Die moderne Wissenschaft hat sich jedoch weit über diese Vorstellung hinausentwickelt und kann heute zwischen verschiedenen Arten von Gedächtnis unterscheiden, insbesondere zwischen Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis.
Kurzzeitgedächtnis
Das Kurzzeitgedächtnis, oft auch als Arbeitsgedächtnis bezeichnet, ist wie der Arbeitsspeicher eines Computers. Es speichert Informationen nur für kurze Zeit und muss regelmäßig "freigeräumt" werden, um Platz für neue Informationen zu schaffen. Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses ist begrenzt: Die meisten Menschen können sich etwa sieben Informationseinheiten plus/minus zwei gleichzeitig merken.
Langzeitgedächtnis
Im Gegensatz dazu ist das Langzeitgedächtnis ein riesiges Archiv, in dem Informationen dauerhaft gespeichert werden können. Es wird in verschiedene Formen unterteilt, die unterschiedliche Inhalte abspeichern:
- Deklaratives Gedächtnis: Dieses Gedächtnis beinhaltet Faktenwissen (semantisches Gedächtnis) und persönliche Erinnerungen (episodisches Gedächtnis).
- Nicht-deklaratives Gedächtnis: Hier werden Fertigkeiten wie Fahrradfahren oder Schwimmen gespeichert, aber auch erlernte Ängste und Konditionierungen.
Der Prozess der Speicherung: Enkodierung, Konsolidierung und Abruf
Die Speicherung von Informationen im Gedächtnis ist ein komplexer Prozess, der in drei Phasen abläuft:
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- Enkodierung: In dieser Phase werden Informationen aus der Außenwelt oder dem Körper in einen neuronalen Code übersetzt, den das Gehirn "lesen" kann.
- Konsolidierung: Hier werden die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die für die Verarbeitung der Information zuständig sind, verstärkt. Dadurch bilden sich Netzwerke von Nervenzellen, welche die zu einer Erinnerung gehörenden Informationen gespeichert haben.
- Abruf: In dieser Phase werden die gespeicherten Informationen aus dem Gedächtnis abgerufen, entweder bewusst oder unbewusst.
Das episodische Gedächtnis: Unsere persönliche Autobiografie
Das episodische Gedächtnis ist wie unsere eigene, persönliche Autobiografie. Hier werden Erinnerungen an spezifische Ereignisse und Erlebnisse gespeichert, die wir selbst erlebt haben. Diese Erinnerungen haben einen klaren räumlichen und zeitlichen Bezug, wir können sie mehr oder weniger genau in eine Zeitleiste einfügen. Das episodische Gedächtnis ermöglicht es uns, uns an den ersten Schultag, den letzten Urlaub oder das Kennenlernen eines wichtigen Menschen in unserem Leben zu erinnern.
Wie werden episodische Erinnerungen gespeichert?
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bei der Speicherung episodischer Erinnerungen verschiedene Hirnregionen zusammenarbeiten, insbesondere der Hippocampus und der Cortex. Der Hippocampus spielt eine entscheidende Rolle bei der Bildung neuer episodischer Erinnerungen, während der Cortex für die langfristige Speicherung dieser Erinnerungen zuständig ist.
Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass unser Gehirn zwei unterschiedliche Gruppen von Neuronen nutzt, um Inhalt und Kontext von Ereignissen getrennt voneinander zu speichern. Diese Nervenzellgruppen arbeiten dann koordiniert zusammen, um unsere Erinnerungen zu formen. Die Inhalts-Neurone feuern als Reaktion auf spezifische Bilder oder Konzepte, unabhängig vom Kontext, während die Kontext-Neurone auf spezifische Aufgabenkontexte reagieren, unabhängig vom gezeigten Bild oder Gegenstand.
Warum erinnern wir uns manchmal falsch?
Unser Erinnerungsbild ist ständigen Veränderungen unterworfen. Jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung abrufen, kann es sein, dass wir ihren Inhalt verändern oder verfälschen. Ähnlich gelagerte Erinnerungen können sie ersetzen, verändern oder überlagern. Rufen wir eine Erinnerung lange nicht ab, so verblasst sie, die Verknüpfung zwischen den entscheidenden Neuronen wird schwächer.
Faktoren, die unser Erinnerungsvermögen beeinflussen
Verschiedene Faktoren können unser Erinnerungsvermögen beeinflussen, darunter:
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- Emotionen: Emotionale Ereignisse werden oft besser erinnert als neutrale Ereignisse. Dies liegt daran, dass die Amygdala, eine Hirnregion, die für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist, als "Speicherturbo" wirkt.
- Wiederholung: Informationen, die wiederholt abgerufen werden, werden besser im Gedächtnis verankert.
- Konzentration: Um Informationen effektiv zu speichern, ist es wichtig, sich auf eine Sache zu konzentrieren und Ablenkungen zu vermeiden.
- Schlaf: Schlaf spielt eine wichtige Rolle bei der Konsolidierung von Erinnerungen. Während des Schlafs rekapituliert das Gehirn neuronale Aktivitäten, in denen neue Informationen codiert sind.
- Körperliche Aktivität: Studien haben gezeigt, dass körperliche Aktivität positive Auswirkungen auf das Gehirn hat und das Gedächtnis verbessern kann.
Gedächtnisstörungen
Es gibt verschiedene Erkrankungen und Zustände, die das Gedächtnis beeinträchtigen können, darunter:
- Amnesie: Amnesie ist ein Gedächtnisverlust, der durch Schädigungen des Gehirns verursacht werden kann.
- Demenz: Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem fortschreitenden Verlust der geistigen Fähigkeiten einhergehen, einschließlich des Gedächtnisses.
- Stress, Angst und Überlastung: Diese Faktoren können das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigen.
Gedächtnistraining
Es gibt verschiedene Techniken, die man anwenden kann, um das Gedächtnis zu trainieren und zu verbessern, darunter:
- Mnemotechniken: Mnemotechniken sind Strategien, die helfen, Informationen besser zu speichern und abzurufen. Beispiele hierfür sind Eselsbrücken, Reime oder das Erstellen von mentalen Bildern.
- Wiederholung: Regelmäßiges Wiederholen von Informationen hilft, sie im Gedächtnis zu verankern.
- Assoziationen: Das Verknüpfen neuer Informationen mit bereits bekanntem Wissen kann den Abruf erleichtern.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und kann die Gedächtnisleistung verbessern.
- Ausreichend Schlaf: Schlaf ist wichtig für die Konsolidierung von Erinnerungen.
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